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Hunter’s Moon – Die Nacht des Wolfs: Die Home Invasion und der Werwolf

The Orchard

Von Volker Schönenberger

Horror // Martin Ellsbury (Sean Patrick Flanery) hat die junge Stacy Phillips (Lexi Atkins) in sein abgelegenes Landhaus gelockt und verführt sie mit Wein und wohligen Worten zum Bleiben. Doch er entpuppt sich als Serienkiller, der die junge Frau kurzerhand abmurkst. Als er ihren Leichnam im Wald vergraben will, wird allerdings etwas auf ihn aufmerksam …

Juliet will feiern

Einige Zeit später (es bleibt offen, wie viel Zeit vergangen ist) übernimmt Familie Delaney das Anwesen des Serienmörders: Die Eheleute Bernice und Thomas Delaney (Amanday Wyss, Jay Mohr) ziehen mit ihren Teenager-Töchtern Juliet, Lisa und Wendy (Katrina Bowden, India Ennenga, Emmalee Parker) ein. Gleich am ersten Abend gehen die Eltern aus, was die drei Schwestern veranlasst, sich zu Hause zu amüsieren. Das bietet allerdings den drei nichtsnutzigen Brüdern Lenny, Daryl und Billy Bloomfield (Spencer Daniels, Daniel R. Hill, Will Carlson) Gelegenheit, ins Haus einzubrechen und sich beim Hab und Gut der Delaneys zu bedienen. Doch dazu kommt es nicht, weil die älteste Schwester Juliet die Brüder bereits erwartet.

Der Werwolf in der Obstplantage

Hm – hat Juliet etwa den sechsten Sinn? Oder weshalb weiß sie vom Kommen der Brüder? Bei Weitem nicht die einzige Ungereimtheit von „Hunter’s Moon – Die Nacht des Wolfs“, im Original „The Orchard“ betitelt, was Obstplantage bedeutet. Immerhin existiert eine solche tatsächlich auf dem Grundstück, eine bedeutsame Rolle spielt sie allerdings nicht. Der deutsche Titel erscheint sinnvoller, da es werwölfisch zugeht, was schon im Prolog deutlich wird.

Daryl führt nichts Gutes im Schilde

Aus dem Nichts erscheint plötzlich der Sheriff (Thomas Jane) auf der Bildfläche und begehrt Einlass. Ein Schrei lässt ihn davon absehen, stattdessen beginnt er, sich draußen umzusehen. Und dann ist da ja noch der Werwolf …

Nebel des Grauens?

Die Schlampigkeiten häufen sich. Phasenweise scheint die gesamte Gegend von dichtem Nebel umwabert zu sein, dann wiederum befinden sich die Figuren in klarer Nacht. Eine der Schwestern behauptet gegenüber dem Sheriff, sie habe gesehen, wie einer der Brüder von einer Kreatur gefressen worden sei. Als dessen Leichnam auftaucht, sieht er allerdings recht unversehrt aus. Dass die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 29-jährige Katrina Bowden („Nurse 3D“, „Tucker & Dale gegen das Böse“) die älteste Schwester spielt, die maximal um die 20 Jahre alt sein soll, erscheint da noch als lässlicher Besetzungspatzer.

Auch den Sheriff zieht es …

Blutig geht es schon mal gar nicht zu. Schlägt der Werwolf mal zu, geschieht das außerhalb des Blickfelds der Kamera. Leider gilt das auch für die Spannung, die sich vollends vom Geschehen verabschiedet hat. Das haarige Biest gerät zudem erst am Ende in einer kurzen Szene in Großaufnahme ins Bild. Die Maskerade ist durchschnittlich geraten, immerhin kein Ärgernis. Angesichts der Kürze der Bildschirmzeit des Werwolfs ist es aber völlig gleichgültig, wie gut oder schlecht er gestaltet ist.

… in den Wald

Actionarm plätschert der Streifen dahin und verschenkt die prominente Besetzung: Sean Patrick Flanery („Born a Champion“, „Der blutige Pfad Gottes“) ist schon nach dem Prolog Geschichte, und Thomas Jane („Before I Wake“, „Der Nebel“) kann der Figur des Sheriffs auch kein Profil verleihen, da sie profillos ersonnen ist. Jay Mohr („Suicide Kings“, „Jerry Maguire – Spiel des Lebens“) wiederum hat zu wenige Szenen, um irgendetwas zu bewirken. Ein paar überraschende Wendungen sind immerhin zu vermelden, wenn man das denn positiv sehen will. Die große Auflösung zum Finale ergibt sich aber nicht aus dem Geschehen, sondern sie wird dem Filmpublikum in der letzten Viertelstunde mittels Dialogen erklärt.

Mit 3,4 Sternen noch gut bedient

Weil man ab und zu bei billig produzierter Genreware und selbst beim von vielen deutschen Filmfans mit Missachtung gestraften Label Tiberius Film auch mal eine positive Überraschung erleben kann, teste ich diese Art Film gern an. „Hunter’s Moon – Die Nacht des Wolfs“ allerdings ist leider völlig missraten. Die bescheidene Durchschnittswertung von 3,4 (von 10) der Nutzer der IMDb ist eher zu hoch als zu niedrig geraten (Stand Mai 2022). Unverständlich, dass mehr als 50 von ihnen dem Film 7, 8, 9 oder 10 Sterne gegeben haben. Ob das Mitglieder von Cast und Crew oder deren Angehörige waren? Ich rate selten rundheraus von einem Film ab, weil es für viele Machwerke trotz eklatanter Mängel ein Publikum geben kann, das daran Freude hat. Hier jedoch mal eindeutig: Lasst am besten die Finger davon!

Mama und Papa Delaney sorgen sich nicht allzu sehr um ihre Töchter

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Katrina Bowden haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Sean Patrick Flanery und Thomas Jane unter Schauspieler.

Werwolf im Nebel

Veröffentlichung: 3. Juni 2022 als Blu-ray und DVD, 5. Mai 2022 als Video on Demand

Länge: 82 Min. (Blu-ray), 79 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Orchard
USA 2020
Regie: Michael Caissie
Drehbuch: Michael Caissie
Besetzung: Katrina Bowden, Sean Patrick Flanery, Thomas Jane, Jay Mohr, Will Carlson, Spencer Daniels, India Ennenga, Amanda Wyss, Daniel R. Hill, David Labrava, Emmalee Parker, Lexi Atkins, Anthony J. Sharpe, Fredrik Ejemo, Jonathan Kennedy, Simone McAlonen
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, Wendecover
Label/Vertrieb: Tiberius Film

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2022 Tiberius Film

 

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Top Gun – Maverick: We Want You for the Navy!

Top Gun – Maverick

Kinostart: 26. Mai 2022

Von Volker Schönenberger

Militär-Action // Weil er unter den Augen von Rear Admiral Chester „Hammer“ Cain (Ed Harris) einen ungenehmigten Mach-10-Testflug mit einem Hyperschallgeschwindigkeits-Flugzeug unternimmt, der nicht gerade plangemäß endet, wird Kampfpilot Captain Pete „Maverick“ Mitchell (Tom Cruise) von der US Navy mal wieder strafversetzt. Er kehrt an seine alte Wirkungsstätte zurück: das United States Navy Strike Fighter Tactics Instructor Program (vormals United States Navy Fighter Weapons School), genannt „Top Gun“, die Flugschule für Jagdpiloten der Marine der Vereinigten Staaten.

Admiral Cain ist erzürnt

Sein neuer Vorgesetzter Vizeadmiral Beau „Cyclone“ Simpson (Jon Hamm) erläutert Maverick eine geplante Mission auf Feindesland (im Film nicht genannt, man kann den Iran vermuten). Mavericks Hoffnung, die Führung dieses heiklen und enorm gefährlichen Einsatzes übertragen zu bekommen, erfüllt sich nicht: Er soll vielmehr elf „Top Gun“-Absolventen und eine -Absolventin auf die Mission vorbereiten. Dafür bleiben ihm lediglich ein paar Wochen.

Ohne Kelly McGillis, aber mit Val Kilmer

Fanservice en masse! Wer „Top Gun – Sie fürchten weder Tod noch Teufel“ von 1986 in Ehren hält, müsste von der 36 Jahre später weltweit in die Kinos kommenden Fortsetzung „Top Gun – Maverick“ hellauf begeistert sein. Diverse Einstellungen und Szenen variieren Motive des Vorgängers. Statt Beachvolleyball gibt es American Football am Strand, und wir bekommen Maverick auf dem Motorrad mit Penny Benjamin (Jennifer Connelly) auf dem Sozius zu sehen wie einst mit Charlotte „Charlie“ Blackwood (Kelly McGillis). Apropos: McGillis taucht im Sequel nicht auf, was daran liegen mag, dass sich die Gute in respektabler Manier dem Hollywood-Diktat ewiger Jugend verweigert und mittlerweile so aussieht, wie man als 1957 geborene Frau heutzutage nun mal aussieht, wenn man nicht mit Botox und Schönheitsoperationen nachhilft. Ihr zufolge wurde sie gar nicht erst gefragt, ob sie am Sequel mitwirken wolle. Die Liebesbeziehung zwischen Charlie und Maverick wird folgerichtig nicht mehr thematisiert, nichts hält eben für die Ewigkeit. Dafür hat, was lange in der Schwebe war, Val Kilmer einen kurzen Auftritt als Admiral Tom „Iceman“ Kazansky, Mavericks früherer Rivale und späterer Freund, der im Gegensatz zu Maverick die Karriereleiter erklommen und es bis zum Oberbefehlshaber der US-Pazifikflotte gebracht hat. Val Kilmer hat seit seiner Kehlkopfkrebserkrankung Probleme mit der Stimme, was „Top Gun – Maverick“ auch aufgreift.

Penny Benjamin hingegen ist entzückt

Die Handlung folgt üblichen generischen Pfaden, die auch schon der Vorgänger beschritt. Die elf„Top Gun“-Absolventen plus mit Lieutenant Natasha „Phoenix“ Trace (Monica Barbaro) eine Absolventin sind alle heiß darauf, zu den „finalen“ sechs zu gehören, die im Anschluss ans Training für den Einsatz ausgewählt werden. Mit Lieutenant Bradley „Rooster“ Bradshaw (Miles Teller) und Lieutenant Jake „Hangman“ Seresin (Glen Powell) balgen sich zwei Platzhirsche um den begehrten Posten des Einsatzführers. Reichlich Testosteron wird sowieso verströmt. Und mit Rooster hat Maverick noch ein Bindeglied aus der Vergangenheit im Team, was sich als nicht unproblematisch erweist.

Mit Alkohol und Musik wird der Korpsgeist gestärkt

Große Schauspielkunst erfordert das Geschehen nicht, deshalb reicht es völlig aus, dass alle Darstellerinnen und Darsteller ihre Sache passabel machen. Ed Harris taucht leider nur zu Beginn auf und spielt nach Mavericks Versetzung zur „Top Gun“ keinerlei Rolle mehr, von ihm hätte ich gern mehr gesehen. Oscar- und Golden-Globe-Preisträgerin Jennifer Connelly („A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn“) ist wie immer zauberhaft, in ihrer Rolle als Barkeeperin und Mavericks Love Interest aber chronisch unterfordert.

Trainer Maverick verlangt …

Dafür ist die Flugtrainings- und Luftkampf-Action angetan, schweißnasse Hände zu produzieren. Tom Cruise, der sich als Produzent neben Jerry Bruckheimer, Christopher McQuarrie und David Ellison einreihte, legte Wert darauf, dass die Flugszenen nicht am Computer entstanden, sondern mit echten Kampfflugzeugen umgesetzt wurden. Daher absolvierten alle Pilotendarsteller plus Pilotendarstellerin vor den Dreharbeiten ein ausgedehntes Training, damit sie sich an die von der g-Kraft verursachten Belastungen gewöhnen.

… seinen Schützlingen …

Als überaus hilfreich erwiesen sich einmal mehr die guten Beziehungen Hollywoods zu den US-Streitkräften. Gedreht wurde unter anderem auf diversen Navy-Stützpunkten in Kalifornien sowie auf den Flugzeugträgern „USS Abraham Lincoln“ und „USS Theodore Roosevelt“. Die Produktion durfte Kampfflugzeuge des Typs Boeing F/A-18 Super Hornet einsetzen, die von Navy-Piloten geflogen wurden. In und auf den Jets wurden Kameras installiert. Lediglich Szenen mit der Grumman F-14 Tomcat entstanden am Computer, weil die USA Navy das letzte dieser Flugzeuge 2006 außer Dienst gestellt hatte.

Rekrutierungsvideo für die US Navy

Das Ergebnis kann sich sehen lassen, hat aber einen Preis: weitgehende Kontrolle und Einflussnahme sowohl durch das US-Verteidigungsministerium als auch durch die Navy beim Drehbuch und den Aufnahmen gleichermaßen. Schon „Top Gun“ ging 1986 gut und gern als Rekrutierungsvideo für die US Navy durch, das kann für „Top Gun – Maverick“ ebenso konstatiert werden. Wer das Werk dafür ablehnt, tut dies aus gutem Grund. Ebenso kann man den Film als „Air Force Porn“ kritisieren, denn nichts anderes ist er. Dass die Rechtmäßigkeit des geplanten und im mordsspannenden Showdown ausgiebig gezeigten Einsatzes auf Feindesgebiet zu keinem Zeitpunkt hinterfragt wird, passt da gut ins Bild.

… einiges ab

Das sollte man auch kritisch sehen, will man sich differenziert mit „Top Gun – Maverick“ auseinandersetzen. Es muss aber niemanden daran hindern, an dem Film großen Spaß zu haben. Der Score verströmt nicht zuletzt dank Harold Faltermeyer schöne Retro-Atmosphäre, die Klänge von Hans Zimmer passen natürlich ebenso wie die Faust aufs Auge zum Gezeigten. Bombast und Pathos kommen nicht zu kurz. Gespickt wird das Ganze mit einigen Songs, von denen für mich der Klassiker „Won’t Get Fooled Again“ von The Who in einer Lufttrainingsszene den nachhaltigsten Eindruck hinterlässt. Erwähnt sei auch „Hold My Hand“ von Lady Gaga als würdiger Nachfolger von „Take My Breath Away“ von Berlin.

Vizeadmiral Simpson hat mit seinem neuen Coach seine liebe Not

Ursprünglich war „Top Gun“-Regisseur Tony Scott auch für den Regiestuhl des Sequels vorgesehen. Sein Tod im Jahr 2012 machte dies unmöglich und verzögerte das Projekt. Ihm ist „Top Gun – Maverick“ dann auch gewidmet. Die Regie übernahm letztlich Joseph Kosinski („Tron – Legacy“, 2010), der mit Tom Cruise bereits den Science-Fiction-Film „Oblivion“ (2013) und mit Miles Teller das Actiondrama „No Way Out – Gegen die Flammen“ (2017) gedreht hatte.

Maverick in …

Es gibt gute Gründe, sowohl „Top Gun“ als auch dessen Nachfolger mit Missachtung zu strafen. Ebenso gute Gründe gibt es aber, sich im Kinosessel einfach zurückzulehnen und sich an dem vollständig mit IMAX-Digitalkameras gedrehten Spektakel zu erfreuen.

… seinem Element

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jennifer Connelly haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Tom Cruise, Ed Harris und Miles Teller unter Schauspieler.

Hangman hat Bock

Länge: 131 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Top Gun – Maverick
CHN/USA 2022
Regie: Joseph Kosinski
Drehbuch: Ehren Kruger, Eric Warren Singer, Christopher McQuarrie
Besetzung: Tom Cruise, Jennifer Connelly, Miles Teller, Monica Barbaro, Lewis Pullman, Val Kilmer, Glen Powell, Jon Hamm, Jay Ellis, Danny Ramirez, Greg Tarzn Davis, Chelsea Harris, Bashir Salahuddin, Charles Parnell, Jean Louisa Kelly
Verleih: Paramount Pictures Germany

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2022 Paramount Pictures Germany

 

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Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo: Die Nacht der lebenden Junkies

Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

Von Lucas Gröning

Drama // Wenn man an jene Filme zurückdenkt, die einem während der Schulzeit von der verantwortlichen Lehrerschaft vorgeführt wurden, sind die Erinnerungen bei den meisten Menschen wohl von nicht allzu großer Glückseligkeit geprägt. Es tauchen Lehrfilme auf, welche den ersten Zugang zu einem sexuellen Leben ermöglichen sollten (oder dies zumindest versuchten), mal mehr und mal weniger ansprechende Literaturverfilmungen im Deutschunterricht oder auch Dokumentationen, die in Geschichtsstunden einen Eindruck von bestimmten historischen Zeiten vermitteln sollten. Oftmals ist das für die Schülerschaft zunächst nur von geringem Interesse und man lernt jene Werke erst in einem späteren Stadium seines Lebens zu schätzen. Ein Film, der mich bereits in der Schulzeit in seinen Bann zog und in dieser subjektiven Betrachtungsweise seine Faszination bis heute nicht eingebüßt hat, ist Uli Edels „Christiane F – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ aus dem Jahr 1981. Um dieses Werk soll es in den vorliegenden Zeilen gehen und ich will herausarbeiten, warum diesem Film durchaus ein affektives Potenzial zur Verstörung innewohnt, wie „Christiane F“ ein zumeist unangenehmes Gefühl der Ablehnung hervorruft und warum gerade dadurch eine spezifische Wirkung erzielt werden kann.

Christiane geht regelmäßig ins „Sound“ in Berlin

Das Drama basiert auf dem 1978 veröffentlichten Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, einer Biografie der ehemaligen drogenabhängigen Christiane Felscherinow, die selbst in den Entstehungsprozess des Textes involviert war und hierfür mit den Journalisten Kai Herrmann und Horst Rieck vom Magazin „Stern“ zusammenarbeitete. Das Buch schildert die Situation drogenabhängiger Kinder und Jugendlicher im Berliner Bezirk Neukölln und stellt dazu den Lebensweg von Felscherinow exemplarisch ins Zentrum seiner Betrachtung. Drei Jahre nach Erscheinen der Biografie verfilmte Uli Edel den Stoff mit Natja Brunckhorst in der Rolle der titelgebenden Protagonistin. Für Edel war es die erste Regiearbeit an einem Kinofilm. Später war er als Regisseur unter anderem für „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ (1989), „Der kleine Vampir“ (2000) und „Der Baader Meinhof Komplex“ (2008) verantwortlich. Eine derartige Aufmerksamkeit, begleitet von der einen oder anderen Kontroverse, wie bei „Christiane F“, sollte er jedoch später nur bedingt erhalten, wodurch man die Verfilmung von Felscherinows Biografie wohl als das zentrale Werk in seiner Filmografie bezeichnen kann. Stellt sich nun die Frage, was den Film im Kontext von Edels Gesamtwerk so herausragend erscheinen lässt.

Inhaltlich orientiert sich „Christiane F“, mit Ausnahme einiger weniger nicht weiter bemerkenswerter Entscheidungen, recht nah an der Literaturvorlage. Wir begleiten die zu Beginn 13-jährige Christiane F. zunächst auf ihren ersten Schritten ins Berliner Nachtleben. Sie freundet sich recht schnell mit einigen Jugendlichen an, welche ihr die Vorzüge der nächtlichen Metropole näherbringen. Sie sammelt erste sexuelle Erfahrungen, nimmt zunächst leichte Drogen und bekommt somit die ersten relevanten Möglichkeiten in ihrem Leben, sich an verbotenen Früchten zu bedienen. Bald jedoch präferiert der neue Freundeskreis kollektiv härtere Rauschgifte, vor allem Heroin, und ein zwanghaftes Zugehörigkeitsgefühl, sowie die Verführung der ersten echten Liebe in Form des attraktiven Detlef (Thomas Haustein), sorgen für ein Mitziehen der bis dato unschuldigen Christiane. Der Film zeichnet von da an den Niedergang seiner Protagonistin und ihrer neuen Freunde, bis hin zur Andeutung der real geschehenen Rehabilitation von Christiane Felscherinow.

Die faszinierende Unterwelt

Interessant sind nun zunächst das Porträt des innerdiegetischen Berlin und die Form der Einführung von Christiane in die dargestellten Orte. Es handelt sich bei „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ um einen sehr dunklen Film, genauer gesagt kann man die Tagszenen zumindest in der ersten Hälfte an einer Hand abzählen. Sie sind zwar vorhanden, jedoch spielen sie sich vor allem in geschlossenen Räumen ab, die ein „außerhalb“ nur schwerlich zulassen. Immer wieder sehen wir zwar Einschübe, in denen Gebäude der Stadt ins Zentrum des Interesses gerückt werden, diese sind jedoch eher als Mittel der Verortung und als klassische Establishing-Shots zu verstehen, als dass sie wirklich als handlungstragend erscheinen. Die interessanten Aspekte, so erzählen uns die Aufnahmen, finden nicht am helllichten Tag auf offener Straße statt, sondern in den von Dunkelheit geprägten Kontexten des Untergrundes, womit der Film in Bezug auf die Darstellung von Großstädten zum Beispiel verweisend auf William Friedkins „Cruising“ (1980) und „Maniac“ (1980) von William Lustig betrachtet werden kann.

Dort verliebt sie sich in Detlef …

Die gezeigten Berliner Orte sind somit alles andere als angenehm und heimelig, gewinnen jedoch gerade dadurch einen Reiz des Verbotenen und Verführerischen. Diese Aspekte spielen eine große Rolle in der Einführung von Christiane in diese Orte. Die Kamera folgt der Protagonistin auf ihren ersten Schritten durch den Club „Sound“ zunächst mit einer gewissen Distanz. Ein erster vorsichtig bestellter Drink, einhergehend mit der mitschwingenden Frage, ob sie für eine Bestellung überhaupt alt genug sei, und die erste langsame Annäherung an den späteren Liebhaber Detlef, lassen Christiane zaghaft in das Nachtleben des Berliner Untergrundes eintauchen. Wenig später geht es in ein Kino, dass in einem angrenzenden Raum als Teil des Clubs ausgewiesen wird. Es läuft George A. Romeros Klassiker „Die Nacht der lebenden Toten“ aus dem Jahre 1968 – zweifellos eine Vorwegnahme, denn die Kinder werden wenig später von den kinematografisch präsentierten Zombies kaum noch zu unterscheiden sein. Immer mehr wird Christiane folglich in die Welt der potenziellen Untoten hineingezogen, einhergehend mit einer immer weniger distanzierten Kamera, welche die Faszination für das nächtliche Berlin mit Christiane, aber zunächst auch mit dem Publikum des Films zu teilen scheint.

Zu dieser Faszination trägt nicht zuletzt das Kollektiv der Jugendlichen bei, unter dessen Schirm Christiane zu Beginn Anschluss findet. Ohne auf die einzelnen Figuren genauer einzugehen, soll ein Blick auf jenen Geist geworfen werden, der die Indivividuen zu einer Gemeinschaft zusammenschweißt. Im Zentrum steht hierbei vor allem ein Hang zum Antiautoritären und zur Rebellion, sowohl gegenüber der phasenweise präsentierten bürgerlichen Gesellschaft, als auch gegenüber dem eigenen Elternhaus. Dieser Drang scheint jedoch nicht aus dem Nichts zu kommen, sondern ist vielmehr Ausdruck einer von verschiedenen Vorbildern, vor allem Musikern, geprägten und stark mit dem Punk assoziierten Jugendkultur. Als zentrales Idol wird David Bowie herausgearbeitet, welcher bei der Realisierung des Dramas mitwirkte und dessen extra für den Film aufgezeichneten Konzertaufnahmen zentral für die Deutung des Films sind. Christiane F., die in ihrem realen Leben ebenfalls eine Aufführung des exzentrischen Ausnahmekünstlers besuchte, wird hier als Teil des Publikums direkt an der Bühne präsentiert und ihre Interaktion beziehungsweise ausbleibende Interaktion mit Bowie nimmt eines der zentralen Motive des Werkes vorweg und bietet eine Leseanleitung für die grundsätzliche Interaktion des Films mit seinem Publikum.

Christiane im Kino-Dispositiv

Christiane befindet sich während des Konzerts selbst in einer Situation, die signifikante Ähnlichkeiten zu jener Situation aufweist, in der sich die Zuschauer eines Kinofilms befinden. Sie ist nah dran am Leben einer Person oder gewissen Situationen, hat die Möglichkeit, einzelne Züge von Verhalten, Handeln und verschiedene Merkmale zu registrieren und sie teilt die Momente mit den beobachteten Personen im Rahmen einer Simulation von Gegenwärtigkeit. Mit anderen Worten: So wie wir Christiane, ihre Freunde und David Bowie in diesem Moment beobachten und Teil ihrer gemeinsamen Momente werden, so beobachtet Christiane David Bowie und kommt ihm ähnlich nahe, wie wir den Figuren des Films. Doch man muss festhalten, dass diese Nähe nur Teil einer Täuschung ist, denn genauso wie Christiane durch die Absperrung und die erhöhte Position von Bowie durch diesen getrennt ist, so sind wir durch die Leinwand von Christiane und ihren Lebensumständen getrennt. So sehr wir also, vermittelt durch die Leinwand, in den meisten Momenten einen Bezug zu Christiane und dem drohenden Abgrund haben, so sehr sorgt die Trennung der Leinwand für eine Sicherheit, die uns als Zuschauer in eine privilegierte Position verhilft. Dieses Privileg besteht darin, sicher sein zu können, eine entsprechend hohe Distanz zu den Ereignissen des Films zu haben, sodass diese nicht Teil unserer unmittelbaren Realität werden können. Wir haben also die Möglichkeit, die Zombies in „Die Nacht der lebenden Toten“ zu betrachten und wir wissen zugleich, uns werden jene Zombies auf den Straßen der Wirklichkeit nicht begegnen. Doch was wäre, wenn jene Trennung nicht mehr existiert? Wenn also der gezeigte Horror Teil der Lebensrealität des Publikums wird?

… und wird Teil seines Freundeskreises

Genau darum nämlich scheint es „Christiane F“ zu gehen. Der Film zeigt den Schrecken des körperlichen und moralischen Zerfalls eines Menschen durch den Konsum von harten Rauschgiften und verortet diesen zunächst zwar im realen Berlin, die gezeigten Orte haben jedoch lange Zeit keinen offenkundigen Bezug zur Lebensrealität der meisten Bewohner. Gleichwohl finden die Szenen zumeist nachts statt und verringern so auf einer temporären Ebene das Begegnungspotenzial mit den innerdiegetischen Figuren. Dieses Potenzial erhöht sich jedoch nach einiger Zeit schlagartig und wird durch den titelgebenden Bahnhof Zoo hergestellt, welcher auf einer metareflexiven Ebene des Films als ein Portal zwischen der realen und der Filmwelt fungiert. Hier findet sich genau jener potenzieller Begegnungsort zwischen den Rezipienten von „Christiane F“ und den Figuren des Films sowie jenen Individuen, die sich in vergleichbaren Lebensumständen befinden. Doch damit nicht genug: Mit der Etablierung des Bahnhof Zoo und der gleichzeitigen quantitativen Erhöhung von Tagszenen erweitern die Figuren auch ihren Bewegungsradius in der Stadt. Die Aufnahmen beginnen, in größer werdenden Einstellungen, einen Bezug zwischen dem Bahnhof Zoo, den Bewegungen der Figuren und anderen Teilen der Stadt herzustellen. Die Barriere ist also aufgebrochen und der Bahnhof Zoo als einzige potenzielle Begegnungsstätte eliminiert.

Die Zombies brechen in den Alltag

Umso erschreckender ist dies, wenn man die im Bahnhof Zoo gezeigten Szenen und die hier präsentierten Figuren beobachtet. An einer Stelle ist dies besonders einprägend. Die Kamera verschafft sich Freiraum, löst sich von der subjektiven Perspektive Christianes und beobachtet in mehreren Close-Ups die Individuen in den Innenräumen des Bahnhofs. Fast auschließlich drogenabhängige Personen finden hier den Weg auf die Leinwand und werden formal durch die Montage und vereinzelte Halbtotalen zu einer Schicksalsgemeinschaft vereint. Sie alle eint zudem eine optische Gesaltung, die an jene Zombies aus George R. Romeros erwähntem Klassiker von 1968 erinnert. Durch die Möglichkeit einer Überschreitung der Grenze zwischen dem Bahnhof Zoo und dem Rest Berlins (oder der Welt) schürt der Film die Angst, dass eine reale Entsprechung von lebenden Toten aus der Fiktion ihren Weg in die Realität des Alltags der Rezipienten des Films findet. Hier liegt der Schrecken von „Christiane F“, und zwar nicht nur für die Menschen allgemein, sondern vor allem für die Eltern und Kinder im Publikum. Denn neben der Grenzüberschreitung der „Zombies“ bedeutet die Verbindung beider Welten auch die Möglichkeit, dass man selbst oder das eigene Kind zu einem Teil dieser Welt werden könnte und wie die Untoten sein Bewusstsein und die eigene Persönlichkeit an den unbedingten Willen der Bedürfnisbefriedigung durch die im Film gezeigten Drogen verlieren könnte. Eine effektivere Prävention gegen den Konsum von Rauschmitteln hat es, gebannt auf Film und mit dieser Massenwirkung, vielleicht nie gegeben.

Bald beginnen die neuen Freunde zu härteren Drogen zu greifen …

Doch auch abgesehen vom pädagogischen Wert ist „Christiane F – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ein herausragendes Filmdrama. Kaum ein Werk stellt den Verfall von Heroinkonsumenten auf eine derart effektive und transgressive Weise dar wie das Drama von Uli Edel. Exemplarisch und in besonderer Weise herausragend sei jene Szene angeführt, die einen kalten Entzug der Protagonistin und ihres Freundes zeigt. Unerträgliche Szenen des Leidens werden in einer Schnittfolge verarbeitet, die eine übergeordnete Form von Zeitlichkeit repräsentiert und die Figuren in einen nicht enden wollenden Strudel der Qual hineinzieht, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Vergessen kann man diese Szene nicht, genauso wie man diesen Film in seiner Gänze nicht vergessen kann.

Das kürzlich veröffentlichte Mediabook von EuroVideo Medien lag mir zur Sichtung leider nicht vor, weshalb ich über die Booklettexte von Stefan Jung und Marcus Stiglegger nichts schreiben kann. Beide sind aber als versierte und filmkundige Autoren bekannt. Sie sind gemeinsam mit Regisseur Uli Edel auch im Audiokommentar zu hören. Jung und Stiglegger haben kürzlich im Martin Schmitz Verlag den Essayband „Berlin Visionen – Filmische Stadtbilder seit 1980“ veröffentlicht, was natürlich bestens zu ihrer Mitwirkung an der Veröffentlichung von „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ passt. Im Bonusmaterial auf den Discs findet sich auch ein knapp halbstündiges Interview mit Hauptdarstellerin Natja Brunckhorst und ein Featurette mit Einblicken in das Casting des Rauschgiftdramas. Welche Berlinfilme könnt ihr empfehlen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Uli Edel haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

… was zu Spannungen zwischen Christiane und Detlef führt

Veröffentlichung: 7. April 2022 als 2-Disc Limited Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), UHD Blu-ray und DVD, 1. August 2014 und 10. Mai 2012 als Blu-ray, 1. Oktober 2012 als DVD

Länge: 131 Min. (Blu-ray), 126 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
BRD 1981
Regie: Uli Edel
Drehbuch: Herman Weigel
Besetzung: Natja Brunckhorst, Eberhard Auriga, Peggy Bussieck, Lothar Chamski, Rainer Woelk, Uwe Diderich, Jan Georg Effler, Ellen Esser, Andreas Fuhrmann, Thomas Haustein
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Uli Edel, Stefan Jung und Marcus Stiglegger, Interview mit Hauptdarstellerin Natja Brunckhorst (27:03 Min.), Casting-Einblicke (5:03 Min.), Originaltrailer, 24-seitiges Booklet mit dem Text „Sehnsuchtstadt Berlin – Zur filmischen Topographie von Christiane F.“ von Stefan Jung und dem Essay „Das Erbe von Christiane F.“ von Marcus Stiglegger
Label/Vertrieb: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2021 by Lucas Gröning

Szenenfotos & Packshots: © 2022 EuroVideo Medien GmbH

 

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