Schlock
Von Lars Johansen
SF-Horrorkomödie // Vorsicht, der folgende Text kann Spuren von Schlock enthalten. Sicher ist er genauso geschmacklos. Spoiler wird es für die gesamte Filmgeschichte geben. Denn schließlich geht es um John Landis, den Filmkenner des etwas anderen Kinos. Aber vielleicht ist es auch gar nicht anders. Vielleicht ist es genau das Kino, um das es geht. Denn ein paar Jahre war Landis genau das: Mainstream, ohne es sein zu wollen.
Es geht also um John Landis. Der Mann, der mit eigenwilligen Filmen Hollywood eroberte und dann in einer Nacht alles verlor. Auch das muss hier erzählt werden. Denn es gibt einen Einschnitt in seiner Karriere, der dazu führte, dass diese Karriere viel zu früh endete. Obwohl er immer noch dreht, aber das fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit und natürlich fürs Fernsehen. Aber um seine Fernseharbeiten soll es hier nicht gehen. Und ich habe schon viel zu viel vorweggenommen.
Fangen wir also ganz seriös ganz von vorn an. Da war einmal ein kleiner Junge, der am 3. August 1950 in Chicago im US-Staat Illinois geboren wurde. Sein Vater starb früh, seine Kinoleidenschaft erwachte mindestens ebenso früh. Sein erster Schock waren die Monstren von Ray Harryhausen, der Stop-Motion-Schreck, welcher den kleinen John verfolgte, der von nun an dem Genrefilm verfallen war. Wenn man heute Landis’ Reihe „Trailers from Hell“ verfolgt, dann bekommt man einen kleinen Einblick in seine weitreichenden und profunden Filmkenntnisse, die Fluch und Segen zugleich sind, denn seine Filme wimmeln nur so von Zitaten aus der Filmgeschichte. Und manchmal kommt man ohne deren Kenntnis beim Verständnis seiner Filme nicht weiter. „Schlock – Das Bananenmonster“ aus dem Jahr 1973 ist ein gutes Beispiel dafür. Aber dazu kommen wir später.
Der junge John geht früh zum Film, ist bei Sidney Lumets „Ein Haufen toller Hunde“ von 1970 schon als Produktionsassistent unterwegs. Er will bereits zwei Jahre vorher bei „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968) schon als Stuntdouble dabei gewesen sein. Man mag es glauben, es könnte passen, aber sicher ist das nicht. Doch es klingt zu gut, um nicht wahr zu sein. In „Rivalen unter roter Sonne“ (1971) wird er wohl von Toshiro Mifune erstochen. 1970 dreht er „Schlock“, aber dazu später.
Er begegnet Jim Abrahams, Jerry und David Zucker, die das „Kentucky Fried Theatre“ betreiben und mit popkulturellen Anspielungen gespickte Stücke auf die Bühne bringen. Landis setzt Film- und Fernsehzitate dazu und für nur 600.000 Dollar entsteht „Kentucky Fried Movie“, der mit seinem anarchischen und anspielungsreichem Humor ein kleiner Erfolg wird. Es ist ein Kino, das vor allem Studenten lieben, denn es trifft ihre Erfahrenswelt. Auch in Deutschland wird ein nachhaltiger Programmkinoerfolg daraus. Kein Wunder, dass ein Film folgen muss, der direkt im studentischen Umfeld spielt und in den USA ein sehr großer Erfolg wird, denn bis heute findet man in vielen Filmen oder Serien Anspielungen oder Zitate daraus. „Ich glaub’, mich tritt ein Pferd“ oder „Animal House – Im College sind die Affen los“ (1978) hat hierzulande nie diesen Kultstatus bekommen, da die amerikanischen College-Bräuche sich doch massiv von den deutschen Universitätsgepflogenheiten unterscheiden. „National Lampoon“ war ein amerikanisches Satiremagazin, welches 1970 gegründet wurde und nach einer Radiosendung war dieses der erste Film, der den Namen im Titel trug. Nicht nur Landis erlebte damit seinen künstlerischen Durchbruch, auch John Belushi (als Bluto) wurde mit diesem Film ein Star.
Belushi war dann auch einer der beiden Titelhelden in Landis’ nächstem Film. Der andere war Dan Aykroyd, der ein telefonbuchdickes Drehbuch für ein Projekt namens „Blues Brothers“ (1980) verfasst hatte, das er zusammen mit Landis auf eine spielbare Länge kürzte. Das anfangs übersichtliche Budget explodierte, auch wegen der vielen Explosionen und Autoverfolgungsjagden. Dazu kam ein Soundtrack, der nicht den Zeitgeschmack bediente. Doch entgegen allen Ängsten entstand ein weltweiter Erfolg. Landis ritt auf einer Erfolgswelle.
Im Folgejahr entstand „American Werewolf“ (1981), sein bislang reifstes Werk. Denn in der Horrorkomödie hielten sich komische und dramatische Elemente geschickt die Waage. Dazu kamen die Tricks von Rick Baker, mit dem der sehr junge Landis schon bei „Schlock“ zusammengearbeitet hatte und der hier sich selbst übertraf. Dafür wurde Baker zu Recht mit dem Oscar ausgezeichnet. Ich halte das Werk tatsächlich für Landis’ besten Film. Er würde nie mehr diese dramatische Intensität erreichen, die trotzdem immer noch einen Genrefilm ergab, welcher auf ein Happy End verzichten konnte, ja musste, um seine dramatische Fallhöhe zu erreichen
Im Umfeld dessen entstand 1983 ein Videoclip für Michael Jacksons „Thriller“, den er drehte und produzierte und der ebenfalls weltweit Aufsehen erregte. Sogar in Otto Waalkes’ erstem Film wurde er mehr oder weniger gekonnt zitiert. 1983 kamen dann zwei Filme ins Kino. Der eine war „Die Glücksritter“, der ein moderater Erfolg wurde und im Grunde auf einer Erzählung von Mark Twain beruhte. Der andere würde zum Sargnagel für John Landis’ Karriere werden. „Unheimliche Schattenlichter“ entstand unter Beteiligung von Steven Spielberg als Episodenfilm und hätte die endgültige Etablierung von Landis im Hollywood-Business bedeuten können. Aber bei den Dreharbeiten geschah 1982 ein schrecklicher Unfall, der zwei Kindern und dem Schauspieler Vic Morrow das Leben kostete. Der daran beteiligte Hubschrauberpilot hatte sich mit der Szene unwohl gefühlt und das auch Landis gegenüber zum Ausdruck gebracht. Dieser aber bestand auf der Durchführung unter sogar noch erschwerteren Bedingungen als während der Proben. Das ging dramatisch schief. Landis wurde in den nachfolgenden Prozessen zwar von aller Schuld freigesprochen, aber er war in Hollywood untendurch. Seine Filme wurden danach, oft zu Unrecht, gnadenlos verrissen und blieben, mit Ausnahmen, an den Kinokassen erfolglos.
So ist „Kopfüber durch die Nacht“ (1985) zwar ein wundervoller Film geworden, aber Zuschauer kamen kaum und die amerikanische Presse war ungnädig. Der im gleichen Jahr entstandene „Spione wie wir“ lief recht gut, wurde aber verrissen – zu Unrecht. 1986 kam „Drei Amigos!“ heraus, der dann nicht einmal besonders gut besucht wurde. „Amazonen auf dem Mond oder warum die Amis den Kanal voll haben“ (1987) war nur ein müder Aufguss von „Kentucky Fried Movie“ und interessierte kaum jemanden.
Das änderte sich erst 1988, denn da übergab Eddie Murphy die Regie für „Der Prinz von Zamunda“ an Landis. Die Presse murrte zwar immer noch, aber die Menschen strömten, wenn schon nicht in einen Landis-Film, dann doch in einen Murphy. Aber das sollte Landis’ letzter Erfolg werden. Ab den 90er-Jahren entstand nur wenig Erwähnenswertes fürs Kino. Zuschauer und Presse blieben distanziert. Die Karriere als Kinoregisseur war vorbei. Es blieben die „Trailers from Hell“ für das Internet und Aufträge fürs Fernsehen. Alles nett, aber seit über 30 Jahren eben nichts Aufregendes mehr dabei.
Und es hatte doch so aufregend begonnen. „Schlock“ hatte nur 60.000 Dollar gekostet und wurde 1971 im Sommer gedreht. Mit dem Ergebnis war keiner so recht glücklich. Rick Baker aber hatte eine ausgezeichnete Maske hergestellt und Landis spielte selbst das titelgebende Monster. Angeregt wurde der Film durch den letzten Film, den Joan Crawford je drehen sollte, nämlich „Das Ungeheuer“ (1970), den Freddie Francis mit einem kleinen Etat umsetzte, das zum größten Teil an Miss Crawford floss. Das Monsterkostüm saß schlecht, der ganze Film war eine einzige Lachnummer, aber eben ernst gemeint und verdiente sogar noch Geld an den Kinokassen. Vielleicht musste man das zweimal sehen, um es zu glauben. Und „Schlock“ folgte „Das Ungeheuer“, nur mit besserem Kostüm und eben überhaupt nicht mit dem notwendigen Ernst. Man merkt „Schlock“ seine guten Ideen an, die aber an der Umsetzung kranken. Wenn man „Trog“, so der Originaltitel von „Das Ungeheuer“, gesehen hat, versteht man alles besser, aber auch viele Anspielungen auf zeitgenössisches Kino lassen sich finden. Das Ende ist „King Kong“ gemischt mit „Love Story“.
Der Film wäre in der Versenkung verschwunden, aber der erfolgreiche Talkmaster Dick Cavett war von dem Werk begeistert und stellte es in seiner Show vor. So kam „Schlock“ 1973 doch noch in die amerikanischen Kinos und ein paar Jahre später sogar in die deutschen. Ansehen sollte man sich ihn nur als bedingungsloser Filmnerd. Alle anderen werden befremdet sein. Aber Befremdung kann ja auch etwas Gutes sein.
John Landis wünsche ich noch einmal einen Kinoerfolg. Er hätte ihn verdient. Am 3. August 2025 feiert er seinen 75. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch!
Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Landis haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.
Veröffentlichung: 27. April 2018 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 9. April 2021 als Blu-ray
Länge: 79 Min. (Blu-ray), 76 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Schlock
USA 1973
Regie: John Landis
Drehbuch: John Landis
Besetzung: John Landis, Saul Kahan, Joseph Piantadosi, Richard Gillis, Tom Alvich, Walter Levine, Eric Sinclair, Ralph Baker, Gene Fox, Susan Weiser-Finley, Jonathan Flint, Amy Schireson, Belinda Folsey, Harriet Medin, Eliza Roberts, Dana Sue Collins, Forrest J. Ackerman, Rick Baker
Zusatzmaterial: „Birth of a Schlock“ – Interview mit John Landis (41 Min.), Intro von John Landis, Audiokommentar mit John Landis und Rick Baker, Audio- und Videokommentar mit Sträter Bender Streberg, SCHLOCK – Trailers from Hell mit John Landis*, Schlock-Trailer-Show, US-Radiospots, nur Mediabook: Booklet mit Texten von Dr. Rolf Giesen und Ingo Strecker, nur Blu-ray: Wendecover mit Alternativmotiv
Label/Vertrieb: Turbine Medien GmbH
Copyright 2025 by Lars Johansen
Szenenfotos & gruppierter Packshot: © Turbine Medien GmbH





























