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Der Eid – Ein Familienvater richtet

Eiðurinn

Von Anja Rohde

Thrillerdrama // Schon im Jahr 2000 erfreut Baltasar Kormákur mit seiner ersten Regiearbeit „101 Reykjavik“ das Kinopublikum. Die versponnene Komödie um einen isländischen Nichtsnutz ebnet den Weg für weitere Regieerfolge, unter anderem das geniale Drama „The Deep“ um das unerklärliche Überleben eines isländischen Fischers im eiskalten Ozean und zwei Hollywood-Produktionen („2 Guns“ und „Everest“). 2015 überzeugt Baltasar mit der Kurzserie „Trapped − Gefangen in Island“: Höchst spannend und mit viel Feingefühl für die Figuren werden mysteriöse Morde in einem durch Unwetter von der Außenwelt abgeschnittenen Dorf aufgeklärt.

Finnur bei seiner Familie …

Die Erwartungshaltung für „Der Eid“, den Baltasar wieder in der isländischen Heimat drehte, ist also hoch. Aber der Film erweist sich als ausgesprochen sperrig. Trotz schöner Bilder von frostigen Landschaften und perfekter Schauspielleistung wird man nur schwer warm mit der Handlung. Oder ist das gewollt?

Vom Perfektionisten zum Kontrollfreak

Finnur (Baltasar Kormákur spielt die Hauptrolle persönlich), Familienvater und Herzchirurg, lebt mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter am Rand von Reykjavik. Seine ältere Tochter Anna (Hera Hilmar) aus erster Ehe ist ausgezogen, das Verhältnis zu ihr ist innig, obwohl sie mitnichten tut, was sich ein Vater wünscht. Die Ausbildung hat sie abgebrochen, sie feiert gern, pfeift auf die Regeln des Erwachsenenlebens. So erscheint sie beispielsweise zur Beerdigung ihres Großvaters deutlich verspätet und in unpassender Kleidung. Drogen gegenüber scheint sie auch nicht abgeneigt, und als sie als Freund den wenig vertrauenserweckenden Óttar (Gísli Örn Garðarsson) zuhause vorstellt, nimmt das Drama seinen Lauf. Finnur erkennt in Óttar die Person, die seiner Tochter offenbar die Drogen verschafft und sie auf die schiefe Bahn bringt. Dagegen muss er etwas unternehmen.

… und in seinem Job

Zu Beginn ein normaler Familienvater, ein perfektionistischer Arzt und ein begeisterter Radfahrer, entwickelt sich Finnur zum entschlossenen Kämpfer für das Wohl seiner Tochter – beziehungsweise das, was er für das Wohl seiner Tochter hält. Obwohl diese ihm unter Tränen versichert, sehr verliebt in Óttar zu sein, ist Finnur überzeugt, diese Liaison beenden zu müssen. Finnurs Perfektionismus, der in den Bereichen Beruf und Sport durchaus positiv zu bewerten ist, entwickelt sich im Bereich Familie zum ungesunden Kontrollzwang und zu einer massiven Selbstüberschätzung, was die Aufgaben eines sorgenden Vaters angeht.

Hippokratischer Eid kontra Vaterliebe

Es bleibt nicht bei verbalen Auseinandersetzungen zwischen Vater und Freund der Tochter, so viel kann verraten werden. Finnur greift zu Methoden, die er als Arzt und somit Menschenfreund eigentlich nicht anwenden darf. Hier kommt auch der Titel des Films ins Spiel: Mit „Der Eid“ ist der „Eid des Hippokrates“ gemeint, eine nicht mehr ganz aktuelle moralische Gebotssammlung für Mediziner, die aber auch heute noch als ethische Richtlinie dahingehend gedeutet wird, dass jeder Arzt sein Leben und seine Arbeit in den Dienst der kranken Menschen und der Menschlichkeit zu stellen hat.

Tochter Anna macht Probleme

„Wie weit würdest du gehen, um deine Familie zu schützen?“ fragt das Plakat. Finnur rutscht im Verlauf der Films in eine Abwärtsspirale und kann in seinem Kampf für das Gute nicht nur Gutes tun. Diese Zwangslage spitzt sich mehr und mehr zu, wird aber im Film zu wenig emotional ausgearbeitet. Denkt Finnur überhaupt darüber nach, was er da gerade tut, oder handelt er blind besessen? Ob es daran liegt, dass Baltasar selbst die Hauptrolle spielt, er also weiß, wie zerrissen die Person innerlich ist, aber versäumt, die moralischen Fragestellungen via Drehbuch nach außen zu transportieren? Oder ist man es als Zuseherin nicht mehr gewöhnt, auf Zwischentöne zu achten, weil es heutzutage zu viele Erklärbär-Filme gibt, die Konflikte dadurch rüberbringen, dass diese immer und immer wieder diskutiert werden?

Sie ist in den Dealer Óttar verliebt

Ist Finnurs Dilemma einfach nur extrem nüchtern inszeniert, damit sich das Publikum selbst ein Urteil über die Hauptfigur und ihr Handeln machen kann oder muss? Steht die kalte isländische Landschaft für die eiskalte Wut, die Finnur antreibt, das Richtige zu wollen, aber das Falsche zu tun?

Diese Fragen hätte ich mir im Presseheft zu „Der Eid“ gewünscht, leider bleiben sie ungestellt. Immerhin antwortet Baltasar an einer Stelle: „… mich faszinieren Thriller, die den Zuschauer in einen moralischen Zwiespalt bringen. Es muss nicht alles schwarz und weiß sein. Ich habe wirklich genug von Filmen, in denen dem Publikum die Message förmlich eingetrichtert wird und wo von vorneherein klar ist, wer gut und wer böse ist. Jeder hat eben sowohl eine helle als auch eine dunkle Seite. Das war ein Ziel meines Films, einerseits Óttar menschlicher erscheinen zu lassen und auf der anderen Seite die dunklen Seiten Finnurs hervorzubringen.“

Finnur sorgt sich um seine Tochter …

Kein schlechter Film, keine schlechte Thematik, und vielleicht dient die kritisierte Sperrigkeit auch einfach dazu, den „Eid“ eine Weile lang nicht aus den Köpfen des Publikums zu bekommen. Aber mit den eingangs erwähnten Baltasar-Kormákur-Knallern kann diese Produktion nicht mithalten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Baltasar Kormákur sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

… und legt sich mit Óttar an

Veröffentlichung: 23. Juni 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 114 Min. (Blu-ray), 110 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Isländisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Eiðurinn
ISL 2016
Regie: Baltasar Kormákur
Drehbuch: Ólafur Egilsson, Baltasar Kormákur
Besetzung: Baltasar Kormákur, Hera Hilmar, Gísli Örn Garðarsson, Ingvar Eggert Sigurðsson, Guðrún Sesselja Arnardóttir, Joi Johannsson, Sigrún Edda Björnsdóttir, Margrét Bjarnadóttir, Þorsteinn Bachmann
Zusatzmaterial: Trailer, Wendecover
Vertrieb: Alamode Film

Copyright 2017 by Anja Rohde

Filmplakat, Packshot & Fotos: © 2017 Alamode Film

 

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The Dark Below – Tentakel aus der Tiefe

The Creature Below

Von Volker Schönenberger

Horror // Die Meeresbiologin Olive Crown (Anna Dawson) entgeht bei einem Tiefseetauchgang nur knapp dem Tod: Eine tentakelbewehrte Kreatur – womöglich ein Krake – nähert sich ihr. Was dann geschieht, kann sie nicht mehr nachvollziehen, nachdem die Crew ihres Schiffs sie zurück an Bord gezogen hat. Bald darauf bemerkt Olive, dass sie aus der Tiefe etwas mit nach oben gebracht hat: ein Ei, aus dem nach kurzer Zeit ein fremdartiges Wesen schlüpft.

Olive verwahrt das Tier in einem Aquarium im Keller. Sie versucht herauszufinden, womit sie es ernähren kann. Nach vielen Tests kommt ihr der Gedanke, sich in den Finger zu ritzen und der Kreatur ein paar Tropfen ihres Bluts zu kredenzen. Heureka! Klar, dass ein paar Tropfen bald nicht mehr ausreichen. Nach und nach nimmt das Tier immer mehr Raum in Olives Gedanken ein – bis hin zur Besessenheit.

Viel Geld war nicht da

Nach einigen Kurzfilmen bekam der englische Independent-Regisseur Stewart Sparke 2016 Gelegenheit, seinen ersten abendfüllenden Spielfilm zu drehen. Er entschied sich für die Kategorie Creature-Horror und schuf einen Low-Budget-Grusler, der trotz offenkundiger, vermutlich geringen finanziellen Mitteln geschuldeter Defizite einen Blick wert ist.

Speziell einige am Computer entstandene visuelle Effekte wirken arg billig. Bei der handgemachten Kreatur hingegen bedient sich Sparke des Mittels, sie hauptsächlich im Dämmerlicht des Kellers und oft auch nur in Details zu zeigen – speziell im späteren Verlauf, wenn sie weiter gewachsen ist. Hier mal ein Tentakel, da mal ein Auge – das setzt der Regisseur recht effektiv ein.

H. P. Lovecraft stand Pate

Olives Obsession kommt etwas simpel und unbegründet daher. Verfügt das Wesen über mentale Kräfte und nimmt auf diese Weise Olives Geist in Beschlag? Möglich, aber letztlich nicht recht überzeugend dargestellt. Besser gelingt es da schon, mit ein paar ominösen Dokumenten und historischen Belegen, die Olive studiert, rund um die Kreatur einen Mythos zu erschaffen. Der erfahrene Horrorfan wird anhand der Tentakel bereits selbst den Bezug erkannt haben: H. P. Lovecraft stand offenkundig Pate.

„The Dark Below“ kaschiert seine geringen finanziellen Mittel mal mehr, mal weniger und stellt sicher nicht das größte Highlight aller von Lovecraft inspirierten Horrorfilme dar, aber im Horrorgenre tummeln sich ja viele Billigproduktionen, die ihre Fans finden. Das ist auch Stewart Sparke zu gönnen, „The Creature Below“, so der Originaltitel, hat es verdient, gesehen zu werden.

Veröffentlichung: 2. Juni 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 86 Min. (Blu-ray), 83 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Creature Below
GB 2016
Regie: Stewart Sparke
Drehbuch: Paul Butler, Stewart Sparke
Besetzung: Anna Dawson, Michaela Longden, Daniel Thrace, Johnny Vivash, Zacharee Lee, Libby Wattis, David Shackleton, Cal O’Connell
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 Al!ve AG / Mad Dimension

 
 

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Pistoleros – Revolverschwinger-Duo entzweit sich

All’ombra di una colt

Von Volker Schönenberger

Western // Klar – wenn man zu Filmen wie „Nackt unter Kannibalen“, „Zombies unter Kannibalen“ und „Porno Holocaust“ den Soundtrack liefert, rümpfen manche Zeigenossen die Nase. Das ändert aber nichts daran, dass Nico Fidenco dem italienischen Film einige famose Kompositionen gegeben hat. Das gilt auch für seinen stimmungsvollen Score zu „Pistoleros“. Fidencos musikalische Untermalung dieses frühen Italo-Western-Kleinods muss sich überhaupt nicht vor einem Ennio Morricone verstecken.

Duke (l.) und Steve …

 

Die Geschichte folgt den beiden käuflichen Revolverschwingern Steve Blaine (Stephen Forsyth, „Hatchet for the Honeymoon“) und Duke Buchanan (Conrado San Martín, „Der Koloss von Rhodos“). Gleich zu Beginn erhalten wir eine Kostprobe ihres Könnens, wenn das Duo ein mexikanisches Dorf von einer Banditenplage befreit. Duke wird dabei allerdings angeschossen. Das nutzt Steve kaltblütig aus: Er brennt mit Dukes Tochter Susan (Anne Sherman) durch. Schon lange wollte er sein Dasein als „Gun for Hire“ beenden und als Farmer sesshaft werden. Seine Wahl fällt auf das Örtchen Providence. Dort haben allerdings die beiden kriminellen Bankiers Jackson (Franco Ressel) und Burns (Franco Lantieri) das Sagen, denen es gelungen ist, mit ihren Spießgesellen nach und nach fast alle Farmer der Gegend um ihren Grundbesitz zu bringen. Steve lässt sich davon nicht beirren, doch er sticht in ein Wespennest.

… nehmen es auch mit einer ganzen Banditenhorde auf

Duke hatte Steve gewarnt: Er werde nicht dulden, dass der mit seiner Tochter etwas anfange. Eher werde er ihm eine Kugel in den Kopf jagen. Zum erneuten Aufeinandertreffen der beiden kommt es aber erst im Finale, wenn sich der Jüngere mit den versammelten Schurken von Providence herumschlagen muss. Dukes Haltung zur Liebe zwischen Steve und Susan wirkt dabei etwas aufgesetzt, hat kaum Konsequenzen für die Handlung, der Ausgang ihres Konflikts ist auch vorhersehbar.

Steve will mit Susan sesshaft werden

Zugegeben: Das Motiv des einsamen Revolverschwingers, der in eine von Schurken unterjochte Stadt kommt, ist alles andere als originell. Okay, ganz so einsam ist Steve nicht, er hat Susan dabei, die sich stets fern vom Geschehen in Sicherheit befindet, wenn es für ihren Liebsten brenzlig wird. Offenbar hatte Drehbuchautor und Regisseur Giovanni Grimaldi keine zündende Idee, wie er der Figur mehr Tiefe und Spielraum verschaffen kann, ohne dass aus Susan mehr würde als eine Geisel der Verbrecher.

Dafür muss er sich aber mit ein paar örtlichen Schurken anlegen

Dem bekannten Sujet zum Trotz unterhält „Pistoleros“ formidabel. Stephen Forsyth verleiht seinem des Tötens müden Steve Blaine eine coole Aura, gleichzeitig ist er aber kein eiskalter Killer, sondern vertritt Werte, die ihn als Identifikationsfigur tauglich machen. 1965 stand der Italo-Western noch nicht in voller Blüte, die Zeit der amoralischen Antihelden sollte noch kommen. Die Einflüsse der klassischen US-Western reichten noch bis Italien, was man auch daran merkt, dass es weniger staubig und schlammig zugeht. So verkommen Jackson und Burns auch sind, verzichten sie doch darauf, allzu viele ihrer Mitmenschen ins Jenseits zu befördern. Der Body Count ist zwar ansehnlich, aber es sind doch in erster Linie Bösewichte, die ins Gras beißen. Das macht „Pistoleros“ etwas harmlos, aber nur etwas. Der bleihaltige Showdown entschädigt für mangelnde Konsequenz im Handeln der beiden Antagonisten. Hart genug ist das schon.

Der Revolverheld a. D. gerät auch ins Visier des Sheriffs

Nach „Rocco – Der Mann mit den zwei Gesichtern“ bildet „Pistoleros“ den zweiten Teil der neuen Koch-Films-Reihe „Westernhelden“. Mit dem Terence-Hill-Vehikel „Verflucht, Verdammt und Halleluja“ und „Den Geiern zum Fraß“ sind für den 10. August bereits Teil drei und vier angekündigt. Westernfans müssen also keinen Nachschubmangel befürchten. Mit „Pistoleros“ machen sie jedenfalls nichts falsch. Über welche Filmmusik-Komponisten außer dem oben erwähnten Ennio Morricone freut Ihr euch, wenn Ihr ihre Namen im Vorspann eines Films erblickt?

Es naht der Showdown

Veröffentlichung: 22. Juni 2017 als 2-Disc Edition „Westernhelden #2 (Blu-ray & DVD)

Länge: 81 Min. (Blu-ray), 78 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: All’ombra di una colt
IT/SP 1965
Regie: Giovanni Grimaldi (als Gianni Grimaldi)
Drehbuch: Giovanni Grimaldi
Besetzung: Stephen Forsyth, Conrado San Martín (als Conrado Sanmartin), Anna Maria Polani (als Anne Sherman), Helga Liné, Aldo Sambrell (als Aldo Sanbrel), Eugenio Galadini (als Graham Sooty)
Zusatzmaterial: Featurette „Pistolen-Symphonie“ (20 Min., Interview mit Komponist Nico Fidenco, Italienisch mit deutschen Untertiteln), italienischer und deutscher Trailer, alternative Vorspänne, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 Koch Films

 
 

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