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Der große Zug nach Santa Fé – Der Knabe und der Viehtreiber

Cattle Drive

Von Simon Kyprianou

Western // Ungewöhnliche Prämisse für einen Western: „Der große Zug nach Santa Fé“ wird größtenteils aus der Perspektive eines Jungen erzählt. Chester (Dean Stockwell) wird von seinem Vater (Leon Armes), einem reichen Eisenbahn-Unternehmer, vernachlässigt und fängt an zu rebellieren. Versehentlich verpasst Chester an einem Halt zum Wasserauftanken die Weiterfahrt des Zuges, und so schließt er sich notgedrungen einer Gruppe Cowboys rund um deren Anführer Dallas (Chill Wills) auf einem Viehtrieb an. Die Männer wollen ihn nach erledigter Arbeit zu seinem Vater zurückbringen. Mit dem Cowboy Dan (Joel McCrea) freundet sich der Junge an, er wird zu einer Vaterfigur für ihn.

Chester Senior kümmert sich zu wenig um Chester Junior

Das erinnert interessanterweise ein wenig an die Konstellation von Paul Thomas Andersons „There Will Be Blood“ (2007) mit Daniel Day-Lewis, ohne aber die in Andersons Film verhandelten Themen anzuschneiden oder die Konfrontation zwischen Vater und Sohn derartig entgleisen zu lassen, wie das dort geschehen ist. Nein, „Die Fliege“ Regisseur Kurt Neumann ist überhaupt nicht daran interessiert eine große Geschichte zu erzählen. Der Vieh-Treck treibt den Film von Ort zu Ort, treibt ihn topologisch näher zur Wiedervereinigung von Vater und Sohn. Der innere Antrieb des Films aber sind die Figuren: der Junge, der in der Körperlichkeit des Cowboy-Lebens aufgeht und seine wahre Bestimmung dort verortet, und Dan, der dem Traum eines glücklichen Familienlebens auf einer Ranch genau so eilig hinterherhetzt wie einem schwarzen Hengst, den er unbedingt einfangen will.

Der findet in Dan eine Vaterfigur

Neumann inszeniert den Film funktional, da gibt es keine große visuelle Grandezza – von einigen bezaubernden Pferdefang-Szenen einmal abgesehen ist der Film trocken und auf den Punkt hin inszeniert. Allerdings löst Neumann alle interessanten Konfliktsituationen früher oder später in eine öde Harmonie auf – sowohl die Konflikte innerhalb der Cowboy-Truppe als auch die Konflikte zwischen Sohn und Vater. Konflikte die eigentlich eine dramatische Fallhöhe bieten, aber der Regisseur wollte anscheinend die Tragik seiner Geschichte und seiner Figuren nicht weiter verfolgen. Vielleicht will „Der große Zug nach Santa Fé“ zu sehr Familienfilm sein, um sich diesen Konflikten mit aller Härte hinzugeben.

Trotzdem ist es ein sehenswerter Western, gerade wegen der unüblichen und daher interessanten Figurenkonstellation. Der schon als Kind und Jugendlicher gut gebuchte Dean Stockwell avancierte als Erwachsener zum viel beschäftigten Nebendarsteller in Kino und Fernsehen, erhielt 1989 für Jonathan Demmes „Die Mafiosi-Braut“ sogar eine Oscar-Nominierung.

Zusammen mit Dan und seinen Freunden mischt er bei einem Viehtreck mit

Die „Edition Western Legenden“ von Koch Films:

01. Die weiße Feder (White Feather, 1955)
02. Rache für Jesse James (The Return of Frank James, 1940)
03. Der letzte Wagen (The Last Wagon, 1956)
04. Union Pacific (Union Pacific, 1939)
05. Rio Conchos (Rio Conchos, 1964)
06. Schieß zurück Cowboy (From Hell to Texas, 1958)
07. Herrin der toten Stadt (Yellow Sky, 1948)
08. Die schwarze Maske (Black Bart, 1948)
09. Ritt zum Ox-bow (The Ox-Bow Incident, 1943)
10. 100 Gewehre (100 Rifles, 1969)
11. Shoot Out – Abrechnung in Gun Hill (Shoot Out, 1971)
12. Der große Aufstand (The Great Sioux Uprising, 1953)
13. Der Tag der Vergeltung (Untamed Frontier, 1952)
14. Duell mit dem Teufel (The Man from Bitter Ridge, 1955)
15. Grenzpolizei Texas (The Texas Rangers, 1936)
16. El Perdido (The Last Sunset, 1961)
17. Trommeln des Todes (Apache Drums, 1951)
18. Drei Rivalen (The Tall Men, 1955)
19. Quantez, die tote Stadt (Quantez, 1957)
20. Reiter ohne Gnade (Kansas Raiders, 1950)
21. Die Höhle der Gesetzlosen (Cave of Outlaws, 1951)
22. Western Union (Western Union, 1941)
23. Ritt in den Tod (Walk the Proud Land, 1956)
24. Vorposten in Wildwest (Two Flags West, 1950)
25. Santiago der Verdammte (The Naked Dawn, 1955)
26. Verschwörung auf Fort Clark (War Arrow, 1953)
27. Vom Teufel verführt (The Rawhide Years, 1955)
28. Der große Bluff (Destry Rides Again, 1939)
29. Gold aus Nevada (The Yellow Mountain, 1954)
30. Rivalen im Sattel (Bronco Buster, 1952)
31. Feuer am Horizont (Canyon Passage, 1946)
32. Noch heute sollst du hängen (Star in the Dust, 1956)
33. Frisco Express (Wells Fargo, 1937)
34. Schieß oder stirb (Gun for a Coward, 1957)
35. Der große Minnesota Überfall (The Great Northfield, Minnesota Raid, 1972)
36. Mit roher Gewalt (The Spoilers, USA 1955)
37. Die Welt gehört ihm (The Mississippi Gambler, USA 1953)
38. Rebellen der Steppe (Calamity Jane and Sam Bass, USA 1949)
39. Der Vagabund von Texas (Along Came Jones, USA 1945)
40. Auf verlorenem Posten (The Lone Hand, USA 1953)
41. California (California, USA 1947)
42. Der blaue Mustang (Black Horse Canyon, USA 1954)
43. Die Meute lauert überall (Raw Edge, USA 1956)
44. Rächer der Enterbten (The True Story of Jesse James, USA 1957)
45. Schüsse peitschen durch die Nacht (Showdown at Abilene, USA 1956)
46. Flucht vor dem Tode (The Cimarron Kid, USA 1952)
47. Stunden des Terrors (A Day of Fury, USA 1956)
48. Der große Zug nach Santa Fé (Cattle Drive, USA 1951)
49. Der eiserne Kragen (Showdown, USA 1963)

Doch innerhalb der Cowboy-Gruppe gibt es Spannungen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Joel McCrea sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 27. Juli 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 77 Min. (Blu-ray), 74 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Cattle Drive
USA 1951
Regie: Kurt Neumann
Drehbuch: Jack Natteford, Lillie Hayward
Besetzung: Joel McCrea, Dean Stockwell, Leon Ames, Chill Wills, Henry Brandon, Howard Petrie, Bob Steele, Griff Barnett
Zusatzmaterial: Trailer, Expertenintro, Bildergalerie, Booklet
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2017 Koch Films

 

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Baby Driver – Abgefahrenes Action-Musical

Baby Driver

Kinostart: 27. Juli 2017

Von Andreas Eckenfels

Actionkomödie // Nach dem Abschluss der „Cornetto-Trilogie“ und seinem Ausflug ins Marvel Cinematic Universe als Drehbuchautor für „Ant-Man“ meldet sich Kult-Regisseur Edgar Wright mit einem echten Herzensprojekt zurück. Der Brite hat von einem Film geträumt, der seine zwei größten Leidenschaften verbindet: „Ich wollte schon immer mal einen Actionfilm drehen, der durch die Kraft der Musik angetrieben wird“, lässt sich Wright im Presseheft zitieren. Das Resultat ist mehr als geglückt. „Baby Driver“ ist ohne Frage einer der coolsten Filme dieses Kinojahres – und bietet einen Hammer-Soundtrack, welchen sogar Star-Lord Peter Quill in seinem Walkman in Dauerschleife rotieren lassen würde.

Erst die richtige Playlist bringt Baby auf Touren

Wrights Haupfigur Baby (Ansel Elgort) hingegen bevorzugt einen iPod. Für jede Gelegenheit hat der junge Fluchtwagenfahrer die richtige Playlist parat. Mit Sonnenbrille im Gesicht und Kopfhörern im Ohr rast der scheue Milchbubi allen davon. Die Musik dient Baby dabei nicht nur, um in die richtige Stimmung zu kommen, vielmehr nutzt er die Beats, um den Tinnitus zu übertönen, an dem er seit seiner Kindheit leidet. Damals starben seine Eltern bei einem Autounfall, der kleine Baby saß auf dem Rücksitz. Der blinde Joseph (CJ Jones) wurde sein Ziehvater. Der konnte jedoch nicht verhindern, dass Baby ins kriminelle Milieu abdriftete. Gangsterboss Doc (Kevin Spacey) erkannte Babys Talente hinter dem Steuer und ließ ihn für seine clever geplanten Banküberfälle eine alte Schuld abarbeiten. Doch damit soll bald Schluss sein. Baby will aussteigen und mit der hübschen Kellnerin Debora (Lily James) in den Sonnenuntergang fahren. Aber so einfach lässt Doc seinen besten Mann nicht gehen. Gemeinsam mit Buddy (Jon Hamm), dessen Freundin Darling (Eiza Gonzalez) und dem völlig unberechenbaren Bats (Jamie Foxx) soll Baby ein letztes großes Ding durchziehen …

Doc hört es gar nicht gern, dass Baby aussteigen will

Von der ersten bis zur letzten Szene nimmt Edgar Wright den Fuß nicht vom Gaspedal. Dass die rasanten Verfolgungsjagden durch die Straßen von Atlanta fast ohne Computereffekte entstanden sind, ist in der heutigen Zeit kaum zu glauben. Mit ähnlicher Präzision, wie die Stuntmänner ihren Job nachgegangen sind, hat Wright auch die Musik auf jede einzelne Sequenz abgestimmt. „Baby Driver“ ist ein unnachahmlicher Mix aus Action und Musical, gepaart mit Wrights perfekt eingesetzten Schnitten, bissigem Humor und allerlei popkulturellen Referenzen.

Darling und Buddy können die Finger nicht voneinander lassen

Doch Vorsicht: Wer dem Musical-Genre generell nichts abgewinnen kann, könnte seine Probleme haben. Zwar beginnen die Figuren nicht plötzlich aus dem Stegreif mit dem Singen, aber zahlreiche Szenen von „Baby Driver“ sind mit ihren Bewegungen und Aktionen in Verbindung mit der Tonspur komplett abgestimmt und durchchoreografiert. In der berühmten Kneipenschlägerei aus „Shaun of the Dead“, während der die Billardstöcke im Takt zum Queen-Song „Don’t Stop Me Now“ auf die Zombies einprügeln, und in einigen Szenen aus „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“ hatte Wright dies schon mal im kleinen Maßstab geprobt. Nun zieht er es in „Baby Driver“ hemmungslos durch. Der Film entfaltet so seinen eigenen Rhythmus, der einfach mitreißt. Übrigens: Wenn auf dem Soundtrack mal nicht „Harlem Shuffle“ von Bob & Earl, „Radar Love“ von Golden Earring oder Queens „Brighton Rock“ erklingt, wenn also fast alles ruhig ist, dann ist immer noch ein kleiner hoher Ton zu hören, der Babys nicht stillhaltenden Tinnitus simulieren soll. Dies ist eine von vielen kleinen und feinen Spielereien, mit der Wright ein weiteres Mal seinen Ideenreichtum demonstriert und welche die Fans seiner Filme so sehr lieben.

Wie ein junger Clint Eastwood

Zur namhaften Besetzung braucht man nicht viel sagen: Die beiden Oscar-Preisträger Kevin Spacey und Jamie Foxx, „Mad Men“-Star Jon Hamm, Jon Bernthal aus „The Walking Dead“ und Eiza González („From Dusk Till Dawn“) genießen es sichtlich, ihre abgedrehten Charaktere mit Leben zu füllen. Ansel Elgort („Das Schicksal ist ein mieser Verräter“) wirkt als wortkarger Held so, wie es sich Filmfreak Wright gewünscht hatte: wie ein junger Clint Eastwood oder Steve McQueen, der erst dann aufblüht, wenn er hinter einem Steuer sitzt – oder mit seiner von Lily James gespielten Angebeteten über Songs philosophiert, in denen ein „Baby“ oder eine „Deborah“ besungen werden.

Der irre Bats ist unberechenbar

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Edgar Wright sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Jamie Foxx und/oder Kevin Spacey in der Rubrik Schauspieler.

Gibt es für die Liebe von Deborah und Baby ein Happy End?

Länge: 112 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Baby Driver
GB/USA 2017
Regie: Edgar Wright
Drehbuch: Edgar Wright
Besetzung: Ansel Elgort, Jon Bernthal, Jon Hamm, Kevin Spacey, Lily James, Eiza González, Jamie Foxx, Micah Howard, CJ Jones
Verleih: Sony Pictures

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Sony Pictures

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2017/07/27 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Wish Upon – Mein erster Horrorfilm

Wish Upon

Kinostart: 27. Juli 2017

Von Matthias Holm

Horror // Das Horror-Genre ist einer dieser Fälle, bei der eine Heranführung schwierig sein kann. Nicht jeder will sich erschrecken lassen, aber wenn dann Interesse besteht, stellt sich die Frage: Womit fängt man an? Viele der Filme haben zu Recht eine hohe Altersfreigabe, was den Weg für junge Interessierte schwieriger macht – auch wenn in vielen Horrorfilm-Gruppen gern betont wird, das heimliche Gucken in jungen Jahren habe einem nicht geschadet. Mit „Wish Upon“ kommt jetzt ein Film in die Kinos, der sich für Anfänger des Horrorkinos vielleicht empfehlen könnte – darüber hinaus aber niemanden begeistern wird.

Was wünscht sich Clare als Nächstes?

Die junge Clare (Joey King) hat es nicht leicht. Ihr Vater Jonathan (Ryan Phillippe) sammelt Müll, um sein Geld zu verdienen, an der Schule wird sie gehänselt, und ihre Mutter ist schon gestorben, da war sie noch ein Kind. Eines Tages gelangt Clare jedoch an eine Box, die anscheinend Wünsche erfüllt. Der Weg zu Liebe, Geld und Beliebheit ist somit frei. Doch zusammen mit ihrem Mitschüler Ryan (Ki Hong Lee) findet sie bald heraus, dass der Preis für diese Wünsche hoch ist.

Ob ihre Freundinnen den Spuk überleben?

Alles an „Wish Upon“ hat der geneigte Genre-Fan bereits mehrfach gesehen – und dann auch noch besser ausgeführt. Die Wünsche, die einen Preis fordern, erinnern an „Wishmaster“, die Todesszenen an „Final Destination“ und das Teenie-Drama kommt eh in jedem zweiten Film vor. Dazu kommen einige wirklich schräge Entscheidungen und Dialoge; peinlich wird es zum Beispiel, wenn Clares Freundin June (Shannon Purser) Jonathan als „hot as sauce“ bezeichnet.

Ryan will Clare helfen

Wo andere Produktionen wie „You’re Next“ oder „The Cabin in the Woods“ sich solcher Klischees bewusst sind und diese offensichtlich bedienen oder brechen, tappt „Wish Upon“ von einem Fettnäpfchen ins nächste. So kann beim Zuschauer schnell Langeweile aufkommen, doch irgendwie will man dem Film auch nicht böse sein. Es gibt immer wieder schöne Momente, die die Figuren sympathisch machen, und auch wenn man ab Minute eins bereits weiß, welche Figuren auf jeden Fall das Zeitliche segnen, so sind manche der Todesszenen doch versiert inszeniert. Mit allzu gewalthaltigen Szenen geht der Film allerdings sparsam um. Ja, es wird gestorben, aber das wird nie überdeutlich gezeigt, die Kamera schneidet schnell weg. Das verleiht „Wish Upon“ einen jugendlichen, unschuldigen Eindruck. Die Marschrichtung ist also klar – hier sollen nicht die Hardcore-Fans angesprochen werden, sondern Neulinge.

Ein Einstiegsfilm

Regisseur John R. Leonetti ist an sich mit dem Genre vertraut, war als Kameramann bei einigen Filmen von James Wan tätig, darunter „Conjuring – Die Heimsuchung“ und „Insidious – Chapter 2“. Bei „Annabelle“ und „Wolves at the Door“ hat er selbst Regie geführt. Ein Horror-Visionär scheint an ihm aber nicht verlorengegangen zu sein.Wer bislang keine Berührung mit dem Genre hatte oder jemanden behutsam heranführen möchte, der kann ruhig die Kinotickets lösen. Veteranen oder Splatter-Freunde sollten allerdings draußen bleiben, für die gibt es nichts zu sehen.

Be careful what you wish for

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Wish Upon
USA/KAN 2017
Regie: John R. Leonetti
Drehbuch: Barbara Marshall
Besetzung: Joey King, Ryan Phillippe, Ki Hong Lee, Mitchell Slaggart, Shannon Purser, Sydney Park, Elisabeth Rohm, Josephine Langford
Verleih: Splendid Film

Copyright 2017 by Matthias Holm

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Splendid Film

 

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