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Tunes for Eternity (II): Bruce Springsteen – Youngstown

Bruce Springsteen – Youngstown

Von Volker Schönenberger

Rockmusik // Für viele ist der Boss lediglich einer der größten Rockstars aller Zeiten. Okay, das kann man so stehen lassen, ist ja auch was wert. Und wer in Deutschland einen der typischen Radiosender hört, wird in der Regel nur mit den Gassenhauern wie „Hungry Heart“, „Dancing in the Dark“ und „Born in the U.S.A.“ beschallt werden – obwohl letztgenannter Titel auch ein gutes Beispiel für den „anderen“ Springsteen abgibt, aber über den Song wollte ich nun mal nicht schreiben. Dieser „andere“ Bruce Springsteen, das ist der Singer-Songwriter, der etwas zu sagen hat und das mit aller Überzeugung tut. Dabei greift er Probleme der Arbeiterschaft und der sogenannten „kleinen Leute“ auf. Wer meint, ein großer Rockstar und Multimillionär könne solche Themen nicht glaubwürdig vermitteln, darf gern so denken. Für mich zählt Bruce Springsteen nach wie vor zu den glaubwürdigsten unter den großen Musikern.

Erstmals machte er 1982 mit seinem Solo-Album „Nebraska“ als Singer-Songwriter auf sich aufmerksam, auch wenn diese Qualität bereits in diversen vorherigen Albumbeiträgen durchgeschimmert hatte – man musste nur richtig hinhören. 1995 erschien mit „The Ghost of Tom Joad“ erneut eine Platte, die sich zurücknahm und dazu einlud, sich intensiv mit den Texten zu beschäftigen. „Youngstown“ markiert den vierten Titel von insgesamt zwölf Songs und bildet für mich den Höhepunkt eines bärenstarken Albums, das bei mir allerdings etwas Zeit brauchte, seine Wirkung zu entfalten.

Aufstieg und Fall einer Stahlstadt

Bruce Springsteen besingt in „Youngstown“ den Aufstieg und Fall einer Stahlstadt – und nicht mal einer fiktiven: Youngstown liegt in Ohio, und ihre Geschichte ist in etwa so verlaufen, wie der Boss es besingt: Im Jahr 1803 hatten die Brüder James und Daniel Heaton eine Erzader entdeckt und daraufhin einen Hochofen gebaut. Here in north east Ohio, back in eighteen-o-three, James and Danny Heaton found the ore that was linin’ yellow creek. They built a blast furnace, here along the shore. Die aufkommende Industrialisierung ließ den Ort erblühen, die Eisen- und Stahlproduktion machte Youngstown reich – zumindest seine führenden Bürger.

Die Arbeiter schufteten hart unter erschwerten Bedingungen. Well my daddy worked the furnaces, kept ’em hotter than hell. I come home from Nam worked my way to scarfer, a job that’d suit the devil as well. Der Vater des Erzählers arbeitete direkt an den Hochöfen, hielt sie heißer als das Höllenfeuer. Der Erzähler selbst arbeitete sich nach seiner Rückkehr aus Vietnam bis zum „Scarfer“ hoch, einem Job, der seiner Ansicht nach dem Teufel gut zu Gesicht stehen würde. Der deutsche Ausdruck ist mir nicht geläufig, ein Scarfer hat die Aufgabe, die Stahlprodukte weiter zu behandeln, um Ungleichmäßigkeiten zu entfernen und die Oberfläche zu glätten. Dies als grobe Erläuterung. Sollte sie ungenau oder ergänzenswert erscheinen, korrigiert mich gern per Kommentar.

Das hat nicht mal Hitler geschafft

Der Strukturwandel machte auch vor Youngstown nicht Halt. Die Industrieanlagen und Hochöfen wurden stillgelegt, die Stahlkocher verloren ihre Jobs. Now the yards just scrap and rubble. Nun folgen Zeilen, die zu den zornigsten gehören, die Bruce Springsteen je verfasst hat. Er lässt den Vater des Erzählers resigniert konstatieren: Them big boys did what Hitler couldn’t do. Die „big boys“, das sind die Großkopferten, die Top-Manager, die mit Rationalisierungen, Auslagerungen und Werksschließungen die US-Arbeiterschaft in die Knie zwangen, etwas, das selbst Adolf Hitler nicht gelungen sei. These mills they built the tanks and bombs, that won this country’s wars. We sent our sons to Korea and Vietnam. Now we’re wondering what they were dyin’ for. In den Stahlschmieden waren die Panzer und Bomben gebaut worden, die die Kriege des Landes gewannen. Die Söhne des Landes wurden nach Korea und Vietnam geschickt, nun fragt man sich, wofür sie überhaupt sterben mussten.

Seine Inspiration zu „Youngstown“ zog Bruce Springsteen aus dem erstmals 1985 erschienenen Buch Journey to „Nowhere – The Saga of the New Underclass“ des Journalisten Dale Maharidge und des Fotografen Michael Williamson. Für eine spätere Auflage steuerte Springsteen sogar ein Vorwort bei.

Ich habe dich so reich gemacht, dass du meinen Namen vergisst

Now sir, you tell me the world’s changed. „Sir“ – offenbar einer jener Top-Manager, die sich vor ihre Belegschaft stellen und mit gesenkter Stimme beklagen, dass es keine andere Möglichkeit gebe als die Massenentlassung. Sie selbst haben ihre Schäfchen dank der Leistung der Arbeiter natürlich im Trockenen, lehnen sich zurück und vergessen die Namen und das Schicksal ihrer Mitarbeiter: Once I made you rich enough – rich enough to forget my name. Bruce ist wütend, so viel ist klar.

Ich mag die deutsche Sprache, sie ist einer der Gründe, weshalb ich das Schreiben zu meiner Profession gemacht habe. Aber auch das Englische hat einen wunderbaren Klang, der mir bisweilen sogar besser gefällt – deshalb heißt diese Textreihe auch „Tunes for Eternity“ und nicht „Lieder für die Ewigkeit“. Jedenfalls weiß Bruce Springsteen seit Anbeginn seiner Karriere ganz wunderbar mit der Phonetik des Englischen umzugehen. Hört euch nur mal einige Zeilen aus „Blinded by the Light“, „Lost in the Flood“ und „The Angel“ von seinem 1973er-Debütalbum „Greetings from Asbury Park, N. J.“ an und sprecht sie nach! Auch „Youngstown“ strotzt vor Formulierungen, bei denen sich Springsteen zweifellos auch überlegt hat, wie die Wörter klingen. From the Monongaleh valley, to the Mesabi iron range, to the coal mines of Appalacchia – the story’s always the same. Zeilen für die Ewigkeit, auch sie machen „Youngstown“ zu einem meiner „Tunes for Eternity“.

Beim Schreiben und den Fakten zum Song hat mir June Skinner Sawyers überaus lesenswertes Buch „Tougher than the Rest – 100 Best Bruce Springsteen Songs“ von 2006 geholfen, das sich kenntnisreich mit Springsteens Liedern auseinandersetzt. Es ist hierzulande unter dem Titel „Tougher than the Rest – Stärker als die anderen“ erschienen.

Zurückgenommen auf dem Album, live explosiv mit der E Street Band

Handelt es sich bei „Youngstown“ in der originalen Albumversion um einen reduzierten Singer-Songwriter-Titel, in dessen erster Strophe sich Springsteen selbst an der Akustikgitarre begleitet und in dem dann erst eine reduzierte Bandbegleitung einsetzt, hat sich der Song bei der 1999er-Reunion-Tour zu einem Rock-Monument entwickelt, das den Wall of Sound von Bruce Springsteen & The E Street Band prächtig zur Geltung bringt. Max Weinbergs mächtiges Schlagzeug treibt ihn voran, Nils Lofgrens virtuose Gitarre macht dem Boss Feuer unter dem Hintern. Die erst später zur E Street Band gestoßenen Soozie Tyrell und Charles Giordano bereicherten „Youngstown“-Versionen bei folgenden Touren mit fein arrangiertem Violinen- (Tyrell) und Akkordeonspiel (Giordano).

Sowohl die Albumfassung als auch die Fullband-Liveversionen sind großartig, wobei mir die Vollbedienung etwas passender erscheint, weil sie Springsteens Zorn über den Niedergang der Stahlindustrie von Youngstown besser abbildet. So oder so: ein „Tune for Eternity“.

Meine Reihe „Tunes for Eternity“ im Überblick:

01. David Bowie – Space Oddity
02. Bruce Springsteen – Youngstown
03. ???
04. ???
05. ???

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

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Gewinnspiel: 2 x Im Jahr des Drachen auf Blu-ray

Verlosung

Ein besessener und rassistischer Cop (Mickey Rourke) nimmt sich vor, in New York Citys Chinatown mit dem organisierten Verbrechen aufzuräumen. Koch Films hat Michael Ciminos vierte, 1985 in die Kinos gekommene Regiearbeit nun hierzulande auf Blu-ray aufgelegt. Das Label hat uns davon zwei Exemplare zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Dafür vielen Dank im Namen der kommenden Gewinnerinnen und Gewinner.

Teilnahmebedingungen

Zwecks Teilnahme am Gewinnspiel begebt Ihr euch zu Simons Rezension des Films und beantwortet dort (also nicht hier unter dem Gewinnspiel) bis Sonntag, 3. Juni 2018, 22 Uhr, im Kommentarfeld die Frage am Ende des Textes.

Fallen euch keine Antworten ein, so schreibt das einfach hin. Alle veröffentlichten Antworten landen im Lostopf. Nicht verzweifeln, wenn Ihr euren Kommentar nicht sogleich erblickt – aus Sicherheitsgründen schalten wir ihn erst frei. Das ist aber Formsache.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Ich benötige obendrein die Zusage, dass die Sendung nicht von Minderjährigen entgegengenommen werden kann. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert, bislang sind noch alle Sendungen bei den Empfängern eingetroffen). Gewinnerinnen oder Gewinner, die sich fünf Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht gemeldet haben, verlieren den Anspruch auf ihren Gewinn. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werde ich im Lauf der Woche nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie auch per E-Mail benachrichtigen.

Die Rezension von „Im Jahr des Drachen“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

 

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Massai – Der große Apache: Tapfer, wild – und entfremdet im eigenen Land

Apache

Von Dirk Ottelübbert

Western // Im Jahr 1886: Die Apachen unter Geronimo geben den Kampf gegen die US-Kavallerie auf. Mit weißer Fahne nähern sich der Häuptling und ein paar Getreue den Stellungen der Soldaten. Da plötzlich fallen Schüsse, ein Indianer prescht auf seinem Pferd heran, feuert weiter aus seiner Winchester, bereit, sich einer ganzen Armee entgegenzuwerfen: Massai (Burt Lancaster). Die Kavalleristen, unter ihnen der Scout Al Sieber (John McIntire) und der Indianer hassende Unternehmer Weddle (John Dehner), überwältigen den jungen Krieger.

Besiegt? Sieber (2.v. l.) setzt Massai (r.) fest

Ein Deportationszug dampft in Richtung Florida los. Massai, wie seine Stammesbrüder in Handschellen gelegt, kann unterwegs heimlich fliehen. Befremdet irrt er durch St. Louis, muss auch dort sein Heil in der Flucht suchen und kommt kurzzeitig beim Cherokee Dawson (Morris Ankrum) unter, der seit der Kapitulation als Farmer lebt. Dawson schenkt Massai einen Beutel mit Saat-Mais. Mit Ackerbau sei ein friedliches und autarkes Leben möglich. Auch wenn Massai ihm entgegnet, die Apachen seien Krieger, keine Bauern, steckt er das Säckchen doch ein.

Massais kräftezehrende Rückkehr

Durch Regen, Schnee und Sturm, über Berge und Flüsse kehrt er in sein Heimatdorf zurück – einen nunmehr trostlosen Ort, in dem nur noch Frauen, Kinder und alte Leute leben. Der zum Häuptling ernannte trunksüchtige Santos (Paul Guilfoyle) und dessen in Massai verliebte Tochter Nalinle (Jean Peters) beherbergen ihn heimlich. Santos allerdings verrät ihn an die Weißen, der Kämpfer wird gefangen genommen. Nach einem Mordanschlag des heimtückischen Weddle entkommt er erneut. Massai tötet Weddle später und verschleppt Nalinle, von der er zunächst annimmt, sie habe ihn wie ihr Vater verraten. Nachdem die beiden als Liebespaar zusammenfinden und Nalinle ein Kind erwartet, suchen sie Zuflucht in den Bergen, richten sich eine Hütte ein und bestellen den Boden – mit dem von Nalinle geretteten Mais des Cherokee Dawson.

Ihre Häscher sind allerdings nicht weit: Scout Sieber und der in Armeediensten stehende Apache Hondo (Nebenrolle für Charles Bronson) haben die beiden hartnäckig verfolgt und nähern sich, begleitet von bewaffneten Soldaten, der Hütte …

„Massai – Der große Apache“ steht in einer Reihe mit jenen Hollywood-Western, die sich um differenzierte Darstellung der indianischen Bevölkerung und ihres Schicksals bemühen. Als Vorreiter gilt Delmer Daves’ Klassiker „Der gebrochene Pfeil“ („Broken Arrow“, 1950) mit James Stewart und Debra Paget, Anthony Mann inszenierte im selben Jahr „Fluch des Blutes“ („Devil’s Doorway“) mit Robert Taylor. „Massai“ von 1954 hat den beiden genannten voraus, dass er die Sache des „roten Volkes“ aus der Perspektive zweier indianischer Hauptfiguren thematisiert. Sowohl „Pfeil“ als auch „Fluch“ stellen dem indianischen Charakter eine weiße Figur an die Seite, um dem Publikum griffigere Identifikationsflächen zu bieten.

Wichtigstes Bleichgesicht in „Apache“ (Originaltitel) ist eindeutig der sympathisch und klug gezeichnete Al Sieber, der Schurken wie Weddle mit Sarkasmus begegnet und dem gejagten Massai Achtung, sogar Bewunderung entgegenbringt. Allerdings erhält er zu wenige Auftritte, um hier als Hauptakteur durchzugehen.

Alternatives Filmende – Spoilerwarnung für die folgenden zwei Absätze

Als großer Makel des Films gilt bekanntermaßen sein versöhnliches Ende. Produzent Harold Hecht sowie Titelstar (und Koproduzent) Burt Lancaster nötigten Regisseur Robert Aldrich (1918–1983, „Das dreckige Dutzend“), einen zweiten Schluss zu drehen, in welchem Massai weiterleben darf – das ursprüngliche Drehbuch war düsterer ausgefallen und sah seine Erschießung vor. Aldrich zeigte sich erbost: „Es war ein böser Kompromiss. Man macht einen Film über die Unausweichlichkeit von Massais Tod. Sein Mut wird an dieser Unausweichlichkeit gemessen.“ Die vorausgehende Filmerzählung werde „sinnlos, wenn er am Schluss einfach weggehen kann“ – zitiert nach dem Western-Lexikon von Joe Hembus. Letztgenannter merkt an: „Aldrich wollte die Rebellion Massais verherrlichen; sein Held ist der rebellierende Massai, nicht der Familienvater und Bauer.“

Santos macht Tochter Nalinle mundtot

In der Tat liegen Welten zwischen dem ersten Auftauchen des Kriegers und seinem Abgang: Aldrich inszeniert den – übrigens historisch verbürgten – Massai geradezu als Symbol des Aufstands und des Drangs nach Freiheit. Ein mythisches Bild. Aufgabe und Unterwerfung würden für die Apachen nur eine andere Form des Todes bedeuten, Massai prescht dagegen an. Am kompromisshaften Filmende, wie wir es nun kennen, stehen Ende des Widerstands, Domestizierung, Frieden im Sinne der Weißen.

Ab hier geht es wieder spoilerfrei weiter

Andererseits erweist sich Aldrichs Westerndrama als zu dicht, detailfreudig und dynamisch, als dass ihm diese Einschnitte ernsthaft etwas anhaben könnten. Massais Fluchtbewegungen bieten Raum für gut getaktete Actionsequenzen. Er rennt, klettert, springt wie eine Bergziege von Fels zu Fels, er schießt mit Bogen und Winchester, zündet Sprengstoff und setzt Planwagen in Brand.

Burt Lancaster, im Jahr der Premiere von „Massai“ oscarnominiert für „Verdammt in alle Ewigkeit“ (1953), lebt seine Rolle als Rebell, auch wenn Nebendarsteller Charles Bronson (Hondo) in physiognomischer Hinsicht besser als „Rothaut“ durchgeht. Der athletische Lancaster, damals 40 Jahre alt, wirft alle Körperlichkeit in die Waagschale. Seine durchdringend blauen Augen flammen vor Zorn und Entschlossenheit, blicken rachedurstig oder waidwund. Mit seinen Produktionspartnern Harold Hecht und James Hill hatte er übrigens 1952 schon „Der rote Korsar“ ins Kino gebracht. Auch dort verkörperte er einen virilen und kaum zu bändigen Unruhegeist, freilich in humoristischer Färbung.

Apropos: Das clevere Drehbuch von Westernspezialist James R. Webb (1910–1974), der Lancaster auch „Vera Cruz“ (1954) und „Trapez“ (1956) auf den Leib schrieb, findet Raum für kleine, nennen wir sie kulturkritische Sottisen, die das Aufeinanderprallen der Welten illustrieren: Im Farmhaus des Cherokee Dawson staunt Massai, dass sich sein Gastgeber von dessen Ehefrau zum Wasserholen verdonnern lässt. Der entgegnet, einige Wege des weißen Mannes seien eben hart. Später, als Massai ein Schiebefenster hochdrückt, um nach draußen zu schlüpfen, betritt Dawson den Raum und meint, nicht einmal ein Apache könne diese Fenster geräuschlos bewegen.

Nalinle folgt ihrer großen Liebe

Derartige Geplänkel brechen auch den gelegentlichen Bierernst des Helden, ohne dass der ernste Erzählton seiner Saga beeinträchtigt würde. In der Hauptsache nämlich ist „Massai – Der große Apache“ ein tragischer Film über einen Entwurzelten und Deplatzierten, über die Schrecken der Deportation, über die Unbehaustheit der amerikanischen Indianer. Diese stehen vor einer grausamen „Wahl“: Sie lassen sich internieren oder werden gejagt – gejagt auf dem Land, das vormals ihnen gehörte.

Die Entfremdung des Ureinwohners

Auf der Flucht in St. Louis gestrandet, passiert Massai eine Häuserzeile, er läuft irritierten Blickes an einem feinen Restaurant, einer von Chinesen betriebenen Wäscherei und einem Amüsier-Etablissement vorbei, stoppt schließlich bei einem Klavierspieler, der sein Instrument – zum Erstaunen des Pöbels – nach einer vorgestanzten Walze klimpern lässt. Diese großartige Sequenz illustriert die Entfremdung des Ureinwohners, die Fallhöhe zwischen untergehender indianischer Zivilisation und weißer Vormachtstellung. Ein magischer Kinomoment in augenfälliger Symbolik.

Nach der kürzlichen Sichtung von „Massai“, ein Wiedersehen nach, sagen wir, 40 Jahren, spukte mir immer wieder die Phrase „A man went looking for America. And couldn’t find it anywhere“ durch den Kopf. Ja, genau, vom „Easy Rider“-Filmplakat. Unter anderen Vorzeichen passt das auch hier. Welche die Vertreibung der Ureinwohner kritisch thematisierenden Indianerwestern könnt Ihr empfehlen?

Die „Edition Western Legenden“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Robert Aldrich sind in der Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Charles Bronson und Burt Lancaster unter Schauspieler.

Unbändiger Freiheitsdrang treibt Massai an

Veröffentlichung: 24. Mai 2018 als Blu-ray und DVD, 13. Juni 2008 als DVD (Twentieth Century Fox Home Entertainment), 3. April 2003 als DVD (MGM)

Länge: 88 Min. (Blu-ray), 84 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Apache
USA 1954
Regie: Robert Aldrich
Drehbuch: James R. Webb, nach einem Roman von Paul Wellman
Besetzung: Burt Lancaster, Jean Peters, John McIntire, Charles Bronson, John Dehner, Paul Guilfoyle, Ian MacDonald, Walter Sande, Morris Ankrum, Monte Blue
Zusatzmaterial: Bildergalerie, Trailer, Booklet
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2018 by Dirk Ottelübbert
Fotos & Packshot: © 2018 Koch Films

 

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