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Der Werwolf von London – Tibetisches Gewächs und englischer Vollmond

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Werewolf of London

Von Volker Schönenberger

Horror // Die Geschichte beginnt in Tibet. Der berühmte Botaniker Dr. Wilfred Glendon (Henry Hull) und sein Begleiter Hugh Renwick (Clark Williams) sind auf der Suche nach der seltenen Mariphasa-Pflanze. In einem entlegenen Tal wollen sie fündig werden, auch wenn ihre Träger furchtsam das Weite suchen und ein mysteriöser Einheimischer sie vor dem Ort warnt. Es kommt, wie es kommen muss: Zwar findet Glendon das Objekt seiner Begierde, doch dabei beobachtet ihn eine sonderbare Kreatur, aufrecht gehend wie ein Mensch, doch über und über behaart. Das Wesen greift den Botaniker an und beißt ihn. Es gelingt Glendon aber, es mit seinem Messer zu verletzten – danach macht sich das Geschöpf davon.

Der Biss des Werwolfs

Zurück im heimatlichen London widmet sich Glendon ganz der Erforschung der Mariphasa-Pflanze. Bald darauf sucht ihn ein anderer Botaniker auf: Dr. Yogami (Warner Oland) gibt an, die beiden seien einander in Tibet begegnet. Er warnt seinen Kollegen, der Biss eines Werwolfs mache ihn selbst zu einem Werwolf …

Die Masken des Jack Pierce

1928 wurde Jack Pierce Chef-Maskenbildner der Universal-Studios, eine Position, die er fast 20 Jahre bekleiden sollte. In dieser Zeit schuf er als Hauptverantwortlicher die meisten der wichtigen Horror-Figuren des Studios – lediglich die Titelfigur aus „Dracula“ (1931) geht nicht auf ihn zurück, da Bela Lugosi sein Make-up selbst entwarf. Das von Boris Karloff im selben Jahr verkörperte Monster in „Frankenstein“ hingegen entsprang Pierces Kreativität.

Henry Hull tritt Maske an Lon Chaney Jr. ab

Auch für die Maske der Kreatur in „Der Werwolf von London“ zeichnete Pierce verantwortlich. Einen frühen Entwurf allerdings lehnte Hauptdarsteller Henry Hull ab, weil er der Ansicht war, damit würde seine Mimik nicht zur Geltung kommen. Jener Entwurf kam sechs Jahre später in „Der Wolfsmensch“ zum Tragen – Lon Chaney Jr. hatte derlei Bedenken offenbar nicht oder nicht die Macht, sie durchzusetzen. Wobei auch Hull kein großer Name war – die Rolle als Werwolf blieb eine der wenigen Hauptrollen in seiner 112 Titel umfassenden Filmografie. Vielleicht war sein Äußeres etwas zu spröde im Vergleich etwa zu Lon Chaney Jr. An der Schauspielkunst kann es nicht gelegen haben, die ist der Chaneys ebenbürtig. Und die Tragik seiner Figur wird jederzeit nachvollziehbar.

John Landis und Warren Zevon

Man kann über Henry Hulls Wolfskostüm heute ebenso lächeln wie über das von Lon Chaney Jr. in „Der Wolfsmensch“. Rechter Grusel mag sich nur schwer einstellen, da muss man sich als Zuschauer schon selbst viel Mühe geben und sich mental in Stimmung bringen. Aber der Versuch ist’s wert! Seinen Charme hat sich „Der Werwolf von London“ über all die Jahrzehnte bewahrt – und seinen Einfluss ohnehin. Oder wusstet Ihr, dass der Mythos von der Ansteckung durch den Biss eines Werwolfs ebenso wie der von der Verwandlung bei Vollmond auf diesen Film zurückgeht? In der Tat, beides entspringt keineswegs alter Folklore, sondern dem guten alten Kintopp. Und natürlich bezieht sich John Landis‘ „An American Werewolf in London“ (1981) ebenso auf den 1935er-Film wie das Warren Zevons Hit „Werewolves of London“ tut.

Homosexualität und Drogensucht?

Ein anderer Rezensent will in bestimmten Aspekten des Films einen homosexuellen Subtext erblickt haben – ingesamt übrigens ein lesenswerter englischer Text. Mangels Beschäftigung mit derlei Codierungen im Hollywood jener Zeit kann ich das weder bestätigen noch abstreiten. Anspielungen auf Drogensucht sind da schon augenfälliger – das Exemplar der seltenen Mariphasa-Pflanze ist begehrtes Objekt. Jawohl, ein scheinbar simpler Monsterfilm mit naiv anmutender Kreatur kann Doppelbödigkeit offenbaren. „Der Werewolf von London“ mag veraltet sein, unterhält Freunde klassischen Grusels aber auch heute noch vorzüglich und hat sich seinen Platz im Regal einflussreicher Universal-Horrorfilme redlich verdient.

Der Monster Legacy DVD Collection gebührt Lob

2004 veröffentlichte Universal die „The Monster Legacy DVD Collection“ – 18 Filme mit den Universal-Monstern, zu denen auch „Der Wolfsmensch“ mit Lon Chaney Jr. zählt. Ein sehr löbliches Unterfangen, nicht nur die großen Klassiker auf den Markt zu bringen, sondern als Bonus auch die flankierenden Filme – Fortsetzungen und eben auch den sechs Jahre vor „Der Wolfsmensch“ entstandenen „Werewolf of London“. Die Box mit drei Büsten – Dracula, Frankensteins Monster und der Wolfsmensch – ist längst vergriffen und wird unter Sammlern zu hohen Preisen gehandelt. Auf Blu-ray sind hierzulande bislang nur die Hauptfilme erschienen. Da Universal aber in den USA begonnen hat, seine Monster inklusive der Folgefilme in Neuauflagen herauszugeben, zum Teil sogar als Blu-rays, besteht Hoffnung, dass das deutsche Label nachzieht. Bleibt abzuwarten, wie der ab 2017 über die Kinogänger hereinbrechende Reboot der Universal-Monster mit den mythischen Kreaturen umspringt. Los geht’s im Juni mit Tom Cruise und einer weiblichen Mumie in „The Mummy“.

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Veröffentlichung: Veröffentlichung: 14. Oktober 2004 als DVD in der „The Monster Legacy DVD Collection“ (18 Filme, 3 Deko-Büsten)

Länge: 72 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Niederländisch
Originaltitel: Werewolf of London
USA 1935
Regie: Stuart Walker
Drehbuch: John Colton
Besetzung: Henry Hull, Warner Oland, Valerie Hobson, Lester Matthews, Lawrence Grant, Spring Byington, Clark Williams, Ethel Griffies
Zusatzmaterial: Originaltrailer
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Filmplakat: Fair Use, Packshot: © Universal Pictures Germany GmbH

 

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Schwarzer Sonntag – Direktflug zum Super Bowl

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Black Sunday

Von Ansgar Skulme

Actionthriller // Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ planen einen spektakulären Anschlag auf US-amerikanischem Boden. Im Fokus steht das Saison-Highlight für alle Football-Fans: der 10. Super Bowl am 18. Januar 1976, in dem sich die Pittsburgh Steelers und die Dallas Cowboys im Orange Bowl Stadium von Miami gegenüberstehen werden. Das große Saison-Finale der noch jungen nationalen Football-Liga NFL! Um das Vorhaben realisieren zu können, geht die Terroristin Dahlia Iyad (Marthe Keller) eine Liaison mit dem psychisch geschädigten Vietnamkriegsveteranen Michael Lander (Bruce Dern) ein, der im Umfeld des Super Bowls einen Job ergattert hat und sich somit unbehelligt in einigen potenziellen Gefahrenzonen bewegen darf. Die Mossad-Agenten Kabakov (Robert Shaw) und Moshevsky (Steven Keats) sind den Terroristen dicht auf den Fersen und kooperieren gegen alle Widerstände mit Offiziellen aus verschiedenen Ländern. Das Morden jedoch beginnt schon vor dem Super Bowl, die Gegnerschaft ist äußerst schwer zu überschauen – und wie einen Terroranschlag verhindern, wenn zunächst unklar ist wo, vor allem aber wie er verübt werden soll?

Unter dem Eindruck der Geiselnahme von München entstand Thomas Harris‘ erster, 1975 veröffentlichter Roman – der einzige seiner Romane, der nicht von dem berühmten Serienkiller Hannibal Lecter handelt: „Black Sunday“. Damals wie heute brandaktuell, musste das Buch nicht lange auf eine Leinwandauswertung warten: Schon einige Monate nach Erscheinen des Romans begannen die Dreharbeiten. Terroranschläge, Geiselnahmen und andere Katastrophen waren im US-Kino der 70er seit „Airport“ (1970) sehr beliebt, dem nicht nur mehrere Sequels, sondern auch andere ähnlich konzipierte Blockbuster folgten – und weitere Filme, die zumindest an den Erfolg mit Katastrophen und katastrophalen Ereignissen, der sich an den Kinokassen zeigte, anschlossen. Ins Muster passen beispielsweise „Massenmord in San Francisco“ (1973), „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ (1974), aber auch ein Katastrophenfilm wie „Erdbeben“ (1974), der eher dem Politthriller als der Action zugetane „Zeuge einer Verschwörung“ (1974) und der „Schwarzer Sonntag“ inhaltlich sehr ähnliche „Zwei Minuten Warnung“ (1976). Auch nach „Schwarzer Sonntag“ war die Welle noch nicht vorüber und es folgten beispielsweise „Achterbahn“ (1977) und „Das China-Syndrom“ (1979).

John Frankenheimer hatte schon 1962 mit „Botschafter der Angst“ (Originaltitel: „The Manchurian Candidate“) einen hinterhältigen Anschlag filmisch verhandelt – die Erzählweisen des Kinos hatten sich seither aber in einigen Punkten geändert. „Schwarzer Sonntag“ bietet weitaus mehr Action und war dahingehend wie auch hinsichtlich der gesamten Erzählstruktur einer der richtungsweisendsten Thriller dieses Jahrzehnts, der Maßstäbe setzte, nach denen einerseits der Actionthriller, andererseits aber auch der Politthriller zu großen Teilen noch heute funktionieren. Mochte er auch bereits einige Vorläufer, wie die besagten, gehabt haben, hebt sich „Schwarzer Sonntag“ insofern ab, weil der Kontext der Geschichte enorm politisch ist, aber trotz dieser sehr engen Anbindung an reale Entwicklungen im damaligen Weltgeschehen, gleichzeitig auf viel Action gesetzt wurde. Die Verschmelzung von Polit- und Actionthriller erfreute sich seinerzeit beispielsweise auch in Italien großer Beliebtheit, aber „Schwarzer Sonntag“ überschritt die Schwelle zum wirklichen – großen, lauten, rasanten und teuren – Blockbuster auf Basis einer politisch interessierten Thriller-Story.

Enormes Bemühen um Authentizität

Darüber hinaus zeichnet den Film das Alleinstellungsmerkmal aus, dass tatsächlich umfangreich Material während des 10. Super Bowls aufgezeichnet wurde. Sogar der Hauptdarsteller Robert Shaw war zu diesem Zweck mit im Stadion und wurde ohne das Wissen vieler Zuschauer in Szene gesetzt. Die Kameras der Filmcrew wurden als Fernsehkameras mit dem Logo von CBS getarnt – der TV-Sender ist bis heute eng mit Paramount Pictures verbunden. Dieser Faktor wie auch die Tatsache, dass die tatsächlichen Namen der Vereine, von beteiligten Personen aus dem Umfeld der NFL wie auch der Firma Goodyear verwendet werden durften – was heute so kaum noch denkbar ist –, machen den Film ungemein realistisch, auch wenn er ganz am Ende etwas übertrieben James-Bond-ähnliche Züge annimmt.

Hinzu kommt eine hervorragend geführte, freie Kamera – dies entspricht im filmwissenschaftlichen Sinne etwa dem, was der Fernsehzuschauer im Extremfall als „Wackelkamera“ bezeichnen würde. Es gelang Frankenheimer und seinem Chef-Kameramann John A. Alonzo auf diese Weise nicht nur, für die Story besonders wichtige, ruhige Momente – wie die Konfrontation zwischen Kabakov und dem russischen Geheimdienst-Verantwortlichen Riat (Walter Gotell) vor dem Washington Monument – sehr lässig und fast schon beiläufig wirkend in Bilder zu fassen, diese Art der Kameraführung reißt auch in den Actionszenen ungemein mit. Während der Schießereien und Verfolgungsjagden – gemeint sind wohlgemerkt keine Autoverfolgungsjagden, sondern sprintende Menschen – ist der Zuschauer immer wieder verstörend nah am Geschehen. Bemerkenswert ist dies vor allem in Kombination mit dem vorliegenden Breitwand-Format 2,35:1. Wir sprechen also von Bildern, die etwa die epische Breite eines „Ben Hur“ (1959) haben, gleichzeitig aber immer wieder eine Lockerheit und Beweglichkeit ausstrahlen, als hätte man sie mit einer kleinen Handkamera gefilmt.

Seine einzige Oscar-Nominierung ergatterte Alonzo, der später beispielsweise auch „Das fliegende Auge“ (1983) und „Scarface“ (1983) filmte, übrigens für seine Kameraarbeit an dem modernen Film noir „Chinatown“ (1974), einer völlig anderen Art von Film als der rasante „Schwarzer Sonntag“. Mit der Philip-Marlowe-Adaption „Fahr zur Hölle, Liebling“ (1975) folgte unmittelbar noch ein weiterer Noir, aber auch in „Schwarzer Sonntag“ gibt es eine stilistisch sehr extravagante Szene, in der Kabakov auf den korrupten Muzi (Michael V. Gazzo) losgeht und ihm dabei unter anderem seine Schusswaffe in den Mund steckt; diese Sequenz hat ihre Vorbilder hinsichtlich Lichtsetzung und Figurendarstellung eindeutig im Film noir – angefangen damit, wie Kabakov mit Hut den Raum betritt und unweigerlich an beispielsweise Humphrey Bogart erinnert.

Ein Antiheld im besten Sinne

Dass man mit diesem Film neue Wege zu gehen versuchte, zeigt sich nicht zuletzt gerade durch die Besetzung der Hauptrolle mit Robert Shaw. Noch in „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ hatte Shaw wenige Jahre zuvor einen Geiselnehmer verkörpert und war Gejagter statt Jäger gewesen. Eine von diversen Schurkenrollen seiner Karriere, denen mit seiner Nebenrolle in „James Bond – Liebesgrüße aus Moskau“ (1963) der Weg geebnet wurde. Den gebürtigen Briten in „Schwarzer Sonntag“ als Israeli zu besetzen, ist auf den ersten Blick sicherlich diskutabel, jedoch hat die Besetzung den großen Vorteil, dass das Bemühen um Authentizität nicht durch einen als dauerhafter Held vorbelasteten Star konterkariert wird – wie es beispielsweise im Jahr zuvor in „Zwei Minuten Warnung“ der Fall war, der ebenfalls von einem Anschlag im Kontext eines Football-Spiels handelt, aber dessen Hauptdarsteller Charlton Heston schon über 20 Jahre lang fast ausschließlich Heldenrollen verkörpert hatte. In einem Film wie „Schwarzer Sonntag“ wäre ein Hauptdarsteller, der berühmt für seine Heldenrollen war, absolut fehl am Platze gewesen.

Der Film lebt maßgeblich davon, dass völlig unklar ist, wie es am Ende ausgehen wird und davon, dass der Mann, der sich aufmacht, viele Menschen zu retten, trotzdem kein wirklicher Sympathieträger ist. Es wird darauf verzichtet, so etwas wie Nähe zwischen Kabakov und dem Publikum herzustellen. Nur in einer einzigen Szene äußert sich Kabakov zu seiner Vergangenheit und dem Schicksal seiner Familie und dieser Kloß bleibt dem Zuschauer dann für den Rest des Films im Hals stecken. Man lernt lediglich eine Figur im Film kennen, die einen gewissen persönlichen Zugang zu Kabakov zu haben scheint, aber schon bald wird der Zuschauer auch dahingehend recht plötzlich alleingelassen werden. Shaw spielt die Rolle voller Resignation, gleichzeitig aber dem leidenschaftlichen Antrieb folgend, Menschenleben zu retten – dieser scheint das letzte zu sein, was ihm noch geblieben ist. Die Szene, in der Kabakov einen Amokläufer verfolgt und sich dabei die Seele aus dem Leib schreit, um ihn zum Stoppen zu bringen, aber auch um die Passanten zu warnen, eine Geisel zu retten und wie der in die Jahre gekommene Agent dabei im Vollsprint eine beträchtliche Distanz zurücklegt, ist eine der eindrücklichsten und glaubwürdigsten des Films. Um sich persönlich geht es Kabakov schon lange nicht mehr. Man fragt sich nicht nur, ob er den Film überleben wird, sondern letztlich auch, ob er es überhaupt will. Daraus resultiert eine Abgebrühtheit, die Kabakov auf seine Art zu einem verdammt coolen – buchstäblich im Sinne von „kühlen“ – Antihelden macht. Man kauft dem damals knapp 50-jährigen Shaw die Erfahrung Kabakovs und das erlittene Schicksal komplett ab. Hier ist nichts geschönt, es gibt keine Liebschaften und keinen Hurra-Patriotismus, auch wenn die Gegner klar definiert sind. Und die Zeiten, wo der Protagonist körperlich möglichst groß sein musste, sind lange vorbei: Kabakov steht seinen Mann und hält dagegen, auch wenn ihm Walter Gotell vor dem Washington Monument auf engstem Raum Auge und Auge gegenübersteht, der merklich größer als Robert Shaw war und, passend zur Haltung seiner Figur, buchstäblich von oben auf ihn herabsieht.

Zeitlosigkeit als größter Erfolg

Der Film startete im Frühjahr 1977 mit hohen Erwartungen, da die Testvorführungen zu den erfolgreichsten gehört hatten, die es in der Geschichte von Paramount je gegeben hatte. Das Studio erhoffte sich von „Schwarzer Sonntag“, der Blockbuster des Jahres schlechthin zu werden und an den Erfolg von „Der weiße Hai“ (1975) anzuschließen – in dem Robert Shaw bereits in einer großen Nebenrolle zu sehen gewesen war, was vermutlich einer der Gründe war, warum er für „Schwarzer Sonntag“ den Zuschlag bekam. Auch unter den Fachleuten aus der Branche wurden große Stücke auf das kommerzielle Potenzial des Films gehalten, aber hinter diesen hohen, wenn nicht übergroßen Erwartungen blieb der Film letztlich zurück und spielte zumindest nicht das Geld ein, was man sich erhofft hatte. Die Krone, der Blockbuster des Jahres gewesen zu sein, sicherte sich stattdessen der erste Film der „Star Wars“-Reihe: „Krieg der Sterne“. John Frankenheimer machte für den gefühlten Flop in einem Interview wenige Jahre später unter anderem die Tatsache verantwortlich, dass „Zwei Minuten Warnung“ kurz zuvor ein ähnliches Thema im Kino abgehandelt und enttäuscht hatte. Demzufolge waren viele Zuschauer wohl zu satt, zu geprellt vom Vorläufer oder konnten aus anderen Gründen mit dem Inhalt nicht (wieder) erreicht werden. Außerdem beklagte er, dass der Film in Deutschland und Japan keine Kinostarts in notwendiger Größe bekommen hatte – in diesem Zusammenhang war sogar von einem Bann bzw. Verbot die Rede. Eine deutsche Kinosynchronisation existiert aber in jedem Fall und ging ab 8. September 1977 an den Start – diese ist auch heute nach wie vor zu hören, wenn der Film im Fernsehen gezeigt wird.

Mag der Film damals nicht erfüllt haben, was man sich von ihm versprach, liegt seine besondere Stärke aber sowieso in der Zeitlosigkeit des Inhalts wie auch der Form, mitsamt des bereits erläuterten Bemühens um Authentizität und moderne Inszenierungsweisen. Die Angst vor Terror ist heute wieder allgegenwärtig. In Folge dessen, korrespondierend mit der narrativ und stilistisch für das Genre richtungsweisenden Machart, ist der Film recht jung geblieben und verliert sich nur in den Schlussminuten etwas zu sehr in angestaubt wirkenden Action-Versatzstücken. Es ist anzunehmen, dass „Schwarzer Sonntag“ auch heute noch ein breites Publikum im Kino begeistern könnte. Bruce Dern sagte später in einem Interview, dass er mit seiner Leistung in dem Film zwar sehr zufrieden sei, gleichzeitig aber auch bereue, in dem Film mitgewirkt zu haben, da der Film wirklichen Terroristen Ideen liefern könnte. Dies sagt viel über die Zeitlosigkeit wie auch die Realitätsnähe des Projekts aus.

Deutsche DVD höchst überfällig

In „Kill Bill – Volume 1“ zitierte Quentin Tarantino eine Szene und den Trailer des Films. Aber dies ist nur einer von vielen Gründen, die diese Produktion ausgesprochen interessant und bedeutsam machen. Die DVD-Veröffentlichung des Films in den USA bewegt sich mittlerweile mit großen Schritten auf ihr 15-jähriges Jubiläum zu, in Deutschland allerdings hat es das Werk bis heute nicht auf DVD geschafft und läuft leider auch im Fernsehen stets im falschen Bildformat. Zwar ist es für Labels offenkundig schwierig, Rechte an Paramount-Klassikern zu bekommen, da sich der Verleih mit Sublizenzen offenbar schwer tut, aufgrund der Tatsache jedoch, dass der Film als Veröffentlichung von 1977 allerdings nun wiederum auch keine 60 oder 70 Jahre alt ist, stirbt die Hoffnung zuletzt, dass eine angemessene Veröffentlichung im Laufe der nächsten Jahre doch noch zur Realisierung kommt. Damit wäre eine wichtige Lücke geschlossen, da es sich hierbei um einen der, wenn nicht den alleinig letzten wirklich großen Action-/Katastrophen-/Polit-Blockbuster der 70er-Jahre aus Hollywood handelt, der bei uns immer noch nicht auf DVD veröffentlicht worden ist. Als der Soundtrack zu „Schwarzer Sonntag“ Anfang 2010 erstmals auf CD herausgebracht wurde, war dies der letzte bis dato unveröffentlichte, komplett von John Williams komponierte Film-Soundtrack aus dessen gesamter Schaffensphase. „Besser spät als nie!“ wäre auch das passende Motto für eine deutsche DVD.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Frankenheimer sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung (USA): 14. Oktober 2003 als DVD

Länge: 143 Min. (Kino)
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Black Sunday
USA 1977
Regie: John Frankenheimer
Drehbuch: Ernest Lehman, Kenneth Ross und Ivan Moffat, nach einem Roman von Thomas Harris
Besetzung: Robert Shaw, Bruce Dern, Marthe Keller, Fritz Weaver, Steven Keats, Bekim Fehmiu, Michael V. Gazzo, William Daniels, Walter Gotell, Victor Campos
Verleih: Paramount Pictures

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Angriff der Lederhosenzombies – Alpine Splatter-Gaudi

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Attack of the Lederhosen Zombies

Von Volker Schönenberger

Horrorkomödie // Alpen-Hotelier Franz (Karl Fischer) ist begierig, dem russischen Investor Chekov (Kari Rakkola) seine neue Schneekanone vorzuführen, mit der er Schnee garantieren und dem Tourismus in der Region einen gehörigen Schub verpassen will. Doch die in dem Gerät verwendete neuartige Chemikalie spritzt dem Russen mitten ins Gesicht, er erbricht grünen Schleim, entwickelt üblen Ausschlag und fühlt sich überhaupt gar nicht mehr gut. In „Ritas Gaudihütte“ kann Chekov nicht mehr an sich halten, und beginnt, blutrünstig über andere Gäste der resoluten Rita (Margarete Tiesel) herzufallen. Sein Biss erweist sich als äußerst ansteckend. Und auch die Tierwelt reagiert wie Chekov auf die Chemikalie.

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Chekov verändert sich – und nicht zum Besten

Lange dauert es nicht bis zum titelgebenden Angriff der Lederhosenzombies – auch wenn es vergleichsweise wenige Krachlederne zu sehen gibt, aber etwas Alpenkolorit musste im Filmtitel wohl sein. Passt schon, so wissen potenzielle Zuschauer sogleich, worum es geht, denn die Handlung ist damit letztlich ausreichend erklärt. Wer obendrein einen gewissen Trashfaktor vermutet, liegt richtig. Gehobene Schauspielkunst und ausgefeilte Dialoge werden nicht geboten, aber das erwartet wohl auch niemand.

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Branka muss sich einer Horde Untoter erwehren

Vielmehr geht es um Funsplatter, und wer dem etwas abgewinnen kann, kommt auf die Kosten. Blut, Gedärme, Körperteile – alles handgemacht, nicht auf höchstem technischen Niveau, aber Freude bringend und auch bei uns ungeschnitten. Wer hätte gedacht, wozu man Snowboards, Skistöcke und dergleichen alles einsetzen kann? Hier und da eine Prise Slapstick – wahlweise Klamauk –, fertig ist der Alpen-Zombiespaß.

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Die Damentoilette bietet nur kurz etwas Sicherheit

Mit Karl Fischer und Margarete Tiesel hat Regisseur Dominik Hartl für seinen zweiten Langfilm nach „Beautiful Girl“ (2015) zwei durchaus angesehene Schauspieler mit Erfahrung im Theater und Fernsehen verpflichtet. Der Rest der Besetzung ist weniger namhaft: Die Tschechin Gabriela Marcinková hatte 2012 immerhin eine Nebenrolle in Neil Jordans Vampirdrama „Byzantium“. Sie spielt die toughe Branka, die sich durch Schnee und die Untoten kämpfen muss, um zu überleben. An ihrer Seite: Snowboarder Steve, gespielt vom Engländer Laurie Calvert („The Quiet Ones“).

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Rita weiß mit Skiern umzugehen

Fast scheint’s, als würde sich in Österreich seit ein paar Jahren eine kleine Szene von Genrefilmern herausbilden: 2013 überzeugten der SF-Horrorthriller „Blutgletscher“ und der Actionfilm „Planet USA“, ein Jahr später der Alpenwestern „Das finstere Tal“. Auch „In 3 Tagen bist du tot“ (2006) und dessen zwei Jahre später entstandene Fortsetzung seien beispielhaft genannt. „Angriff der Lederhosenzombies“ ist keine Granate wie der ebenfalls im Schnee spielende norwegische Vertreter „Dead Snow“ (2009), wird aber verdientermaßen seine Fans finden.

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Skistöcke tun gute Dienste

Veröffentlichung: 24. Februar 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 77 Min. (Blu-ray), 74 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Attack of the Lederhosen Zombies
A 2016
Regie: Dominik Hartl
Drehbuch: Armin Prediger, Dominik Hartl
Besetzung: Laurie Calvert, Gabriela Marcinková, Oscar Dyekjær Giese, Margarete Tiesel, Karl Fischer, Kari Rakkola, Martin Loos, Patricia Aulitzky
Zusatzmaterial: Interviews mit Cast & Crew, Test-Shooting, Casting-Tapes, Kinotrailer
Vertrieb: capelight pictures

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 capelight pictures

 

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