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Zum 75. Geburtstag von John Landis: Schlock – Das Bananenmonster: Für eine Handvoll Dollar

Schlock

Von Lars Johansen

SF-Horrorkomödie // Vorsicht, der folgende Text kann Spuren von Schlock enthalten. Sicher ist er genauso geschmacklos. Spoiler wird es für die gesamte Filmgeschichte geben. Denn schließlich geht es um John Landis, den Filmkenner des etwas anderen Kinos. Aber vielleicht ist es auch gar nicht anders. Vielleicht ist es genau das Kino, um das es geht. Denn ein paar Jahre war Landis genau das: Mainstream, ohne es sein zu wollen.

Aufräumen nach Schlock

Es geht also um John Landis. Der Mann, der mit eigenwilligen Filmen Hollywood eroberte und dann in einer Nacht alles verlor. Auch das muss hier erzählt werden. Denn es gibt einen Einschnitt in seiner Karriere, der dazu führte, dass diese Karriere viel zu früh endete. Obwohl er immer noch dreht, aber das fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit und natürlich fürs Fernsehen. Aber um seine Fernseharbeiten soll es hier nicht gehen. Und ich habe schon viel zu viel vorweggenommen.

Schlockmoderation

Fangen wir also ganz seriös ganz von vorn an. Da war einmal ein kleiner Junge, der am 3. August 1950 in Chicago im US-Staat Illinois geboren wurde. Sein Vater starb früh, seine Kinoleidenschaft erwachte mindestens ebenso früh. Sein erster Schock waren die Monstren von Ray Harryhausen, der Stop-Motion-Schreck, welcher den kleinen John verfolgte, der von nun an dem Genrefilm verfallen war. Wenn man heute Landis’ Reihe „Trailers from Hell“ verfolgt, dann bekommt man einen kleinen Einblick in seine weitreichenden und profunden Filmkenntnisse, die Fluch und Segen zugleich sind, denn seine Filme wimmeln nur so von Zitaten aus der Filmgeschichte. Und manchmal kommt man ohne deren Kenntnis beim Verständnis seiner Filme nicht weiter. „Schlock – Das Bananenmonster“ aus dem Jahr 1973 ist ein gutes Beispiel dafür. Aber dazu kommen wir später.

Schlock Love Story

Der junge John geht früh zum Film, ist bei Sidney Lumets „Ein Haufen toller Hunde“ von 1970 schon als Produktionsassistent unterwegs. Er will bereits zwei Jahre vorher bei „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968) schon als Stuntdouble dabei gewesen sein. Man mag es glauben, es könnte passen, aber sicher ist das nicht. Doch es klingt zu gut, um nicht wahr zu sein. In „Rivalen unter roter Sonne“ (1971) wird er wohl von Toshiro Mifune erstochen. 1970 dreht er „Schlock“, aber dazu später.

Schlock Car Rennen

Er begegnet Jim Abrahams, Jerry und David Zucker, die das „Kentucky Fried Theatre“ betreiben und mit popkulturellen Anspielungen gespickte Stücke auf die Bühne bringen. Landis setzt Film- und Fernsehzitate dazu und für nur 600.000 Dollar entsteht „Kentucky Fried Movie“, der mit seinem anarchischen und anspielungsreichem Humor ein kleiner Erfolg wird. Es ist ein Kino, das vor allem Studenten lieben, denn es trifft ihre Erfahrenswelt. Auch in Deutschland wird ein nachhaltiger Programmkinoerfolg daraus. Kein Wunder, dass ein Film folgen muss, der direkt im studentischen Umfeld spielt und in den USA ein sehr großer Erfolg wird, denn bis heute findet man in vielen Filmen oder Serien Anspielungen oder Zitate daraus. „Ich glaub’, mich tritt ein Pferd“ oder „Animal House – Im College sind die Affen los“ (1978) hat hierzulande nie diesen Kultstatus bekommen, da die amerikanischen College-Bräuche sich doch massiv von den deutschen Universitätsgepflogenheiten unterscheiden. „National Lampoon“ war ein amerikanisches Satiremagazin, welches 1970 gegründet wurde und nach einer Radiosendung war dieses der erste Film, der den Namen im Titel trug. Nicht nur Landis erlebte damit seinen künstlerischen Durchbruch, auch John Belushi (als Bluto) wurde mit diesem Film ein Star.

Odyssee im Schlockraum

Belushi war dann auch einer der beiden Titelhelden in Landis’ nächstem Film. Der andere war Dan Aykroyd, der ein telefonbuchdickes Drehbuch für ein Projekt namens „Blues Brothers“ (1980) verfasst hatte, das er zusammen mit Landis auf eine spielbare Länge kürzte. Das anfangs übersichtliche Budget explodierte, auch wegen der vielen Explosionen und Autoverfolgungsjagden. Dazu kam ein Soundtrack, der nicht den Zeitgeschmack bediente. Doch entgegen allen Ängsten entstand ein weltweiter Erfolg. Landis ritt auf einer Erfolgswelle.

Schlockenstein mal zwei

Im Folgejahr entstand „American Werewolf“ (1981), sein bislang reifstes Werk. Denn in der Horrorkomödie hielten sich komische und dramatische Elemente geschickt die Waage. Dazu kamen die Tricks von Rick Baker, mit dem der sehr junge Landis schon bei „Schlock“ zusammengearbeitet hatte und der hier sich selbst übertraf. Dafür wurde Baker zu Recht mit dem Oscar ausgezeichnet. Ich halte das Werk tatsächlich für Landis’ besten Film. Er würde nie mehr diese dramatische Intensität erreichen, die trotzdem immer noch einen Genrefilm ergab, welcher auf ein Happy End verzichten konnte, ja musste, um seine dramatische Fallhöhe zu erreichen

Schlock im Kino

Im Umfeld dessen entstand 1983 ein Videoclip für Michael Jacksons „Thriller“, den er drehte und produzierte und der ebenfalls weltweit Aufsehen erregte. Sogar in Otto Waalkes’ erstem Film wurde er mehr oder weniger gekonnt zitiert. 1983 kamen dann zwei Filme ins Kino. Der eine war „Die Glücksritter“, der ein moderater Erfolg wurde und im Grunde auf einer Erzählung von Mark Twain beruhte. Der andere würde zum Sargnagel für John Landis’ Karriere werden. „Unheimliche Schattenlichter“ entstand unter Beteiligung von Steven Spielberg als Episodenfilm und hätte die endgültige Etablierung von Landis im Hollywood-Business bedeuten können. Aber bei den Dreharbeiten geschah 1982 ein schrecklicher Unfall, der zwei Kindern und dem Schauspieler Vic Morrow das Leben kostete. Der daran beteiligte Hubschrauberpilot hatte sich mit der Szene unwohl gefühlt und das auch Landis gegenüber zum Ausdruck gebracht. Dieser aber bestand auf der Durchführung unter sogar noch erschwerteren Bedingungen als während der Proben. Das ging dramatisch schief. Landis wurde in den nachfolgenden Prozessen zwar von aller Schuld freigesprochen, aber er war in Hollywood untendurch. Seine Filme wurden danach, oft zu Unrecht, gnadenlos verrissen und blieben, mit Ausnahmen, an den Kinokassen erfolglos.

Kentucky Fried Schlock

So ist „Kopfüber durch die Nacht“ (1985) zwar ein wundervoller Film geworden, aber Zuschauer kamen kaum und die amerikanische Presse war ungnädig. Der im gleichen Jahr entstandene „Spione wie wir“ lief recht gut, wurde aber verrissen – zu Unrecht. 1986 kam „Drei Amigos!“ heraus, der dann nicht einmal besonders gut besucht wurde. „Amazonen auf dem Mond oder warum die Amis den Kanal voll haben“ (1987) war nur ein müder Aufguss von „Kentucky Fried Movie“ und interessierte kaum jemanden.

American Schlock

Das änderte sich erst 1988, denn da übergab Eddie Murphy die Regie für „Der Prinz von Zamunda“ an Landis. Die Presse murrte zwar immer noch, aber die Menschen strömten, wenn schon nicht in einen Landis-Film, dann doch in einen Murphy. Aber das sollte Landis’ letzter Erfolg werden. Ab den 90er-Jahren entstand nur wenig Erwähnenswertes fürs Kino. Zuschauer und Presse blieben distanziert. Die Karriere als Kinoregisseur war vorbei. Es blieben die „Trailers from Hell“ für das Internet und Aufträge fürs Fernsehen. Alles nett, aber seit über 30 Jahren eben nichts Aufregendes mehr dabei.

Diebe wie Schlock

Und es hatte doch so aufregend begonnen. „Schlock“ hatte nur 60.000 Dollar gekostet und wurde 1971 im Sommer gedreht. Mit dem Ergebnis war keiner so recht glücklich. Rick Baker aber hatte eine ausgezeichnete Maske hergestellt und Landis spielte selbst das titelgebende Monster. Angeregt wurde der Film durch den letzten Film, den Joan Crawford je drehen sollte, nämlich „Das Ungeheuer“ (1970), den Freddie Francis mit einem kleinen Etat umsetzte, das zum größten Teil an Miss Crawford floss. Das Monsterkostüm saß schlecht, der ganze Film war eine einzige Lachnummer, aber eben ernst gemeint und verdiente sogar noch Geld an den Kinokassen. Vielleicht musste man das zweimal sehen, um es zu glauben. Und „Schlock“ folgte „Das Ungeheuer“, nur mit besserem Kostüm und eben überhaupt nicht mit dem notwendigen Ernst. Man merkt „Schlock“ seine guten Ideen an, die aber an der Umsetzung kranken. Wenn man „Trog“, so der Originaltitel von „Das Ungeheuer“, gesehen hat, versteht man alles besser, aber auch viele Anspielungen auf zeitgenössisches Kino lassen sich finden. Das Ende ist „King Kong“ gemischt mit „Love Story“.

Schlock Cop

Der Film wäre in der Versenkung verschwunden, aber der erfolgreiche Talkmaster Dick Cavett war von dem Werk begeistert und stellte es in seiner Show vor. So kam „Schlock“ 1973 doch noch in die amerikanischen Kinos und ein paar Jahre später sogar in die deutschen. Ansehen sollte man sich ihn nur als bedingungsloser Filmnerd. Alle anderen werden befremdet sein. Aber Befremdung kann ja auch etwas Gutes sein.

Schlockferatu

John Landis wünsche ich noch einmal einen Kinoerfolg. Er hätte ihn verdient. Am 3. August 2025 feiert er seinen 75. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch!

Schlockmomente

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Landis haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

The big Schlock

Veröffentlichung: 27. April 2018 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 9. April 2021 als Blu-ray

Länge: 79 Min. (Blu-ray), 76 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Schlock
USA 1973
Regie: John Landis
Drehbuch: John Landis
Besetzung: John Landis, Saul Kahan, Joseph Piantadosi, Richard Gillis, Tom Alvich, Walter Levine, Eric Sinclair, Ralph Baker, Gene Fox, Susan Weiser-Finley, Jonathan Flint, Amy Schireson, Belinda Folsey, Harriet Medin, Eliza Roberts, Dana Sue Collins, Forrest J. Ackerman, Rick Baker
Zusatzmaterial: „Birth of a Schlock“ – Interview mit John Landis (41 Min.), Intro von John Landis, Audiokommentar mit John Landis und Rick Baker, Audio- und Videokommentar mit Sträter Bender Streberg, SCHLOCK – Trailers from Hell mit John Landis*, Schlock-Trailer-Show, US-Radiospots, nur Mediabook: Booklet mit Texten von Dr. Rolf Giesen und Ingo Strecker, nur Blu-ray: Wendecover mit Alternativmotiv
Label/Vertrieb: Turbine Medien GmbH

Copyright 2025 by Lars Johansen

Szenenfotos & gruppierter Packshot: © Turbine Medien GmbH

 
 

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The Last Redemption – Der Kampf um den Thron: Wenn Schwerter klirren und Orks nur kurz durchs Bild wandern

The Last Redemption

Von Volker Schönenberger

Fantasy-Abenteuer // Das von König Ferrel (Angus Macfadyen, „Braveheart“) regierte Reich Brea wird nicht nur von den Gesetzlosen der Bande von Nistrol (Carl Wharton) geplagt, sondern auch von Heerscharen blutrünstiger Orks heimgesucht. Zu allem Überfluss entpuppt sich Ferrels Cousin Lord Roland (Kevin Sorbo) als Verräter, der Nistrol und dessen Schar anheuert, den König zu ermorden.

Ruchlos: Lord Roland

Als mitten im Gefecht in der königlichen Burg Ferrels kleine Tochter Lili (Lutze Chupin) auftaucht, befiehlt Roland Nistrol, das Mädchen zu ermorden. Doch dessen Bandenmitglieder Diana (Natalie Burn), Silent Jack (Neb Chupin) und John (Jack Ilco) schnappen sich Lili und fliehen mit der Kleinen. Ihnen dicht auf den Fersen: Captain Hardin (Simon Phillips), Lord Goran (James Cosmo, „Highlander – Es kann nur einen geben“) und dessen Bastard-Sohn Lord Tyrion Van Dester (Regisseur John Real).

Auf der Jagd

Man sieht „The Last Redemption – Der Kampf um den Thron“ jederzeit sein geringes Budget an, doch was der Independent-Regisseur John Real daraus macht, ist durchaus beachtlich. Er tritt damit in die Fußstapfen des darniederliegenden italienischen Genrefilms, was sich sogar dadurch manifestiert, dass sich der als Giovanni Marzagalli Geborene das englische Pseudonym John Real gewählt hat, wie es in der Vergangenheit viele italienische Exploitation-Filmemacher getan haben.

Die kleine Lili soll sterben

Reals Kostümdesigner machen einiges aus dem, was ihnen zur Verfügung stand, und die als Drehorte dienenden sizilianischen Wälder und Hügellandschaften bilden feine Kulissen. Die Schwertkämpfe sind souverän inszeniert und mitreißend, wenn auch vergleichsweise blutarm, und das spielfreudige Ensemble gleicht die recht simple Heldenreise-Geschichte aus. Als Hauptfigur dient Diana, deren Gedanken ab und zu als Stimme aus dem Off zu hören sind. Die Ukrainerin Natalie Burn („Mechanic – Resurrection“) trägt das mit ihrer Ausstrahlung gut.

Wie wird sich Tyrion entscheiden?

Bisweilen geht es recht dialoglastig zu, und die Orks dienen lediglich als Würze und bringen die Handlung nicht voran, weshalb der Spektakel-Aspekt etwas zu kurz kommt. Zwei kämpferische Auftritte der Kreaturen mit den hässlichen Fratzen – damit hat es sich. Sie bilden auch das einzige Fantasy-Element des Films. Erwähnt sei noch der generische Soundtrack, der aber nicht weiter stört. Sicher kein Hochglanz-Blockbuster, aber insgesamt geht „The Last Redemption – Der Kampf um den Thron“ als annehmbares mittelalterliches Fantasy-Abenteuer ins Ziel.

Nistrol treibt die Gier nach Gold an

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Natalie Burn haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Angus Macfadyen und Hal Yamanouchi unter Schauspieler.

Tapfere Heldin: Diana

Veröffentlichung: 8. Mai 2025 als Blu-ray und DVD, 1. Mai 2025 als Video on Demand

Länge: 122 Min. (Blu-ray), 117 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Last Redemption
IT 2024
Regie: John Real
Drehbuch: Adriana Marzagalli, John Real
Besetzung: Kevin Sorbo, Angus Macfadyen, James Cosmo, Natalie Burn, Simon Phillips, Neb Chupin, Carl Wharton, Lutze Chupin, John Real, Hal Yamanouchi
Zusatzmaterial: deutscher Trailer, Originaltrailer, Trailershow
Label: Meteor Film GmbH
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2025 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & gruppierter Packshot: © 2025 Meteor Film GmbH

 

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Vollmacht zum Mord – Dieses obskure Objekt des Attentats

Permission to Kill

Von Tonio Klein

Paranoiathriller // Natürlich hätte auch ich als Marketingverantwortlicher bei Pidax diesen Film so vermarktet, wie er eben nun vermarktet ist: „Der auf Spannung spezialisierte Cyril Frankel“ ist ein eher unbedeutender Regisseur, seine 1975er-Arbeit „Vollmacht zum Mord“ stellt die Frage, inwieweit eine illustre Besetzung einen Wert an sich darstellt. Diese sei zu beantworten versucht, aber zunächst ein paar Worte zur Handlung.

Verwirrspiel um Manipulationen

Alan Curtis (Dirk Bogarde) arbeitet für die „Western Intelligence Liaison“, was immer das sei, und manipuliert mehrere Personen, um den Freiheitskämpfer Alexander Diakim (Bekim Fehmiu) davon abzuhalten, in sein faschistisch regiertes Land zurückzukehren, um mit seinen Getreuen zur Revolution zu schreiten. Angeblich, um einen späteren, günstigeren Zeitpunkt abzuwarten, aber in Wirklichkeit, um ihn umzulegen. Alle Beteiligten treffen in Gmunden, Österreich, aufeinander, was uns schöne Bilder der Stadt wie des Traunsees verschafft. Aber auch ein in der ersten Hälfte reichlich zähes Verwirrspiel. Dass ein Agentenfilm beileibe nicht ein Actionspaß wie die seinerzeitigen James-Bond-Eskapaden sein muss, ist selbstverständlich – nur sollten uns die Ränke eben anderweitig interessieren. Nicht ganz einfach, wenn der Grad der Obskurität selbst für einen 1970er-Paranoiafilm die schwindelnden Höhen der österreichischen Bergwelt locker übersteigt. Nicht ansatzweise teilt uns „Vollmacht zum Mord“ mit, aus welchem Land oder welcher Weltregion Diakim stammt – außer, dass es sich um einen Weißen handelt. Es scheint also um die Manipulierbarkeit und Käuflichkeit von Menschen zu gehen, und zwar von allen Menschen, wenn nur jemand in dem einen wie dem anderen ausgesprochen geschickt ist. Das ist, wie so vieles andere, ein Thema, welchem in der Umsetzung die gesamte Skala von wunderbar bis unterirdisch offensteht. Hier nun: so mittel. Manches zündet, manches verpufft.

Es hat puff gemacht

Wenn wirklich alle zu Marionetten werden können, scheint es Sinn zu ergeben, Dirk Bogarde, dem grausamen Understatement-Enigma, völlig unterschiedliche Schauspieler und Schauspielstile gegenüberzustellen. Neben Bogarde haben ein Mann vor seiner und eine Dame nach ihrer großen Zeit markante Rollen: Timothy Dalton als schwuler (und damit erpressbarer) britischer Diplomat Charles Lord und Ava Gardner als – nun ja, sie selbst, eine Diva: Katina Petersen war dereinst mit Diakim zusammen und die beiden haben einen gemeinsamen Sohn, welchen Katina zur Adoption freigegeben hatte. Ihn sehen oder vielleicht sogar wieder in die Arme schließen zu können, stellt Curtis als eines von so vielen Druckmitteln in Aussicht. Nun habe ich eine Schwäche für Ava Gardner und „Die barfüßige Gräfin“ (1954) gehört zum Besten und Meistunterschätzten, was sie je gedreht hat, in der Blüte ihrer hinreißenden und hinreißend technicolorfotografierten Schönheit. Sie ist aber keine Bette Davis, die immer Grande Dame und Schauspielerin zugleich war. Wird sie gut geführt, bringt sie die Leinwand zum Glühen, aber wird sie es nicht, kann sie nichts retten. Eine Weile sieht es so aus, als verzaubere sie noch mit klassischer Melodramatik aus vergangenen Zeiten. Jedoch setzt das Skript viel zu sehr auf diese Karte, wenn insbesondere das erste Wiedersehen zwischen Alexander und Katina zur unfreiwilligen Karikatur der „Frauenmelodramen“ wird, wie sie in den 1940ern und 1950ern erblüht, aber danach verblüht waren. Gestelzte, völlig aus der Zeit gefallene Sätze zum Fremdschämen geben einander die Klinke in die Hand, bei denen selbst eine von hohlem Pathos triefende Verbindung zwischen angeblicher Liebe und tatsächlichen Schlägen gezogen wird, welche der Mann der Frau offenbar früher zugefügt hat. Was er auch jetzt noch einmal tut.

Die Schöne …

Wenden wir uns stattdessen der Terroristin Melissa (Nicole Calfan) zu – eine idealistische Freiheitskämpferin und Meisterschützin, sich zudem ihrer Schönheit bewusst und gern mal nackt schwimmend oder oben ohne die Tür öffnend. Ob sie das nur macht, um dem (dann wohl meist männlichen) Zuschauer etwas zu bieten, ist nicht ganz klar. Mit Charles Lord in der Sauna ist sie aber an den Falschen geraten, dem nur der Temperatur wegen heiß wird.

Mr. Lord kommt ins Schwitzen, obwohl er Männer bevorzugt

Bei Curtis scheint sie hingegen richtig zu liegen. Ihr unverblümtes „Wollen Sie mich flachlegen?“ entlockt diesem zwar die ehrliche Antwort, dass er dazu Lust hätte – aber seine eiskalte Schale knackt sie dann doch nicht. Interessant ist, dass es offensichtlich diese kurze Szene war, die man noch 1976 dem westdeutschen Publikum nicht zumuten wollte, als der Film synchronisiert in der BRD startete. Der Ton wechselt kurz ins Englische, wie bei ehemals gekürzten Synchronfassungen üblich.

… und Dalton, Timothy Dalton

Timothy Dalton wird auf dem Cover an dritter Stelle genannt, rangiert im Vorspann aber erst nach Bekim Fehmiu. Das geht in Ordnung, ist seine Rolle doch hinreichend groß, um nicht den Vorwurf des Etikettenschwindels zu erheben. Man erkennt den Mann sofort, der erst zwölf Jahre später als James Bond in Erscheinung trat, in seiner Heimat Großbritannien aber vorher ein gefeierter Shakespeare-Theaterschauspieler war. Wie Charles Lord aus seiner Zwangslage mit Leutseligkeit das Beste zu machen gedenkt und dann tatsächlich aufbegehrt, hat etwas Frisches gegenüber Bekim Fehmiu und Ava Gardner, und der Film gönnt ihm eine erfreulich schnodderige, pathosfreie Schlussbemerkung. Aber eines weiß nur der Drehbuchgott, falls dieser nicht tot ist: Als Lord seinen Häschern querfeldein entkommen ist, um sie auf einmal wieder vor sich zu sehen, rennt er beim zweiten Anlauf die Straße entlang, statt sich erneut ins Dickicht zu schlagen.

Presseausweis? Nur geladene Gäste – und Waffen

Der zunächst reichlich zerfahrene Film steigert sich, gewinnt an Spannung und löst Empathie aus, wenn Lord und der Reporter Scott Allison (Frederic Forrest) gegen Curtis aufbegehren und ihn hereinlegen wollen. Dito im Finale auf dem Wiener Flughafen, wenn im Wettlauf der Finten und Tricks die Frage aufkommt, ob das nun eindeutig geplante Attentat auf Diakim ausgeführt oder doch noch abgewendet werden kann – und welche Parallelaktionen weitere Menschenleben kosten könnten. Hier wird der Film zum klassischen, handwerklich einwandfreien Spannungskino der aufeinander zulaufenden Fäden und tickenden Zeitbombe, welches die losen Fäden zu einem erbarmungslosen Spinnennetz zusammengezurrt hat. Wir wissen nicht, wen es fängt oder an welcher Stelle es reißt, aber fiebern dem gebannt entgegen und haben zu den Figuren dann doch genug Distanz verloren, um entweder um sie zu bangen oder uns erst recht zu wünschen, dass es sie erwischt. Wäre der Weg dorthin nur nicht einer auf dermaßen verschlungenen Pfaden gewesen.

Auch die schmuddeligen 1970er könnten besser aussehen

Ob man Filme der 1970er für den Heimkinomarkt aufhübschen sollte, kann zur Glaubensfrage werden. Wer gerade das seinerzeitige US-Kino einer Gesellschaft in Verunsicherung liebt, wie etwa der Regisseur und Essayist Dominik Graf, schätzt den diffus-verwaschenen Look und wünscht sich dessen Beibehaltung (siehe seine Textsammlung „Schläft ein Lied in allen Dingen“ von 2010). Zu „Vollmacht zum Mord“ passt dieser indes so gar nicht, denn man merkt, dass das nicht intendiert war. In manchen Szenen wie etwa in der Berghütte, in der Melissa nackt in den Pool steigt, genervt auf ihren Einsatz wartet oder Schießtrainings absolviert, ist der beabsichtigte Farbenrausch bemerkbar. Poolwasser und eine Inneneinrichtung der kreischbunten 1970er, da erblüht der Augenkrebs. Unsere elegante Katina trägt einmal eine dunkelgrüne Robe, welche in manchen Szenen schwarz aussieht. Kurzum, ein richtig gutes Remastering hätte den Film nicht hochglänzender aussehen lassen, als er je war, sondern dem Alterungsprozess entgegengewirkt. Folglich ist es schade, dass die Bildqualität mit etwas ausgeblichenen Farben und unscharfen Konturen ebenfalls nur wie der Film ist – so mittel.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ava Gardner haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Dirk Bogarde unter Schauspieler.

Die Freiheitskämpferin ist zur willigen Vollstreckerin geworden

Veröffentlichung: 17. Juli 2025 als DVD

Länge: 92 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch (nur nicht synchronisierte Szenen)
Originaltitel: Permission to Kill
GB/A/USA 1975
Regie: Cyril Frankel
Drehbuch: Robin Estridge, nach seinem Roman
Besetzung: Dirk Bogarde, Ava Gardner, Bekim Fehmiu, Timothy Dalton, Nicole Calfan, Frederic Forrest, Klaus Wildbolz
Zusatzmaterial: Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb Al!ve AG

Copyright 2025 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2025 Pidax Film

 

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