RSS

Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford

26 Mai

Die_Ermordung_des_Jesse_James-Cover

The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford

Diese Rezension ist erstmals am 5. August 2010 im deutschen Bruce-Springsteen-Fanforum unter „Kino, Film & Literatur“ in einem Diskussionsfaden mit dem Titel „Der Western-Thread“ erschienen. Anlass war weder der Kinostart des Films noch die Veröffentlichung auf Blu-ray und DVD, sondern lediglich eine Debatte unter Filmfreunden. Ich habe den Film erst aufgrund einer nachdrücklichen Empfehlung seitens eines Forenmitglieds geschaut und daraufhin rezensiert. Den Text habe ich für die Veröffentlichung unter „Die Nacht der lebenden Texte“ minimal modifiziert und ergänzt. Sowohl für die Motivation zur Sichtung des Films als auch ein paar Anmerkungen zur Rezension geht ein Dank an Geronimo.

Westerndrama // Die Blütezeit des Westerns endete in den 1970er-Jahren, wenn nicht früher. Vielleicht markiert Sergio Leones Meisterwerk „Once Upon a Time in the West“ („Spiel mir das Lied vom Tod“) von 1968 einen Endpunkt der Westernära, auch wenn es später qualitativ gute Nachzügler gegeben hat – etwa Sydney Pollacks „Jeremiah Johnson“ von 1972 und Sam Peckinpahs „Pat Garrett & Billy the Kid“ von 1973. Es schien, als sei alles erzählt worden, was das Genre hergibt.

Der Western – ein vom modernen Hollywood vernachlässigtes Genre

Hollywood rückte nur noch selten Geld für neue Western raus – besonders nach dem finanziellen Flop von Michael Ciminos „Heaven’s Gate“ („Das Tor zum Himmel“, 1980), der ein schwerer Schlag für United Artists war und zum Verkauf des Studios an Metro-Goldwyn-Mayer führte. Trotzdem oder gerade deswegen waren die wenigen Produktionen ab den 80er-Jahren oft gar nicht schlecht. „Silverado“ (1985) war gut besetzt und unterhaltsam. „Dances With Wolves“ („Der mit dem Wolf tanzt“, 1990) ist kein persönlicher Favorit, steht aber wie ein Monument in der Filmgeschichte. 2003 legte Kevin Costner mit „Open Range“ sogar gelungen nach. Clint Eastwoods „Unforgiven“ („Erbarmungslos“, 1992) ist ohnehin über Zweifel erhaben. Auch Ed Harris’ Regiearbeit „Appaloosa“ (2008) mit Viggo Mortensen hat mir ausgesprochen gut gefallen, obwohl er dem Genre keine neuen Impulse gegeben hat. Jim Jarmuschs „Dead Man“ (1995) ist mir allerdings zu eigenwillig, um ihn mir nichts dir nichts ins Westerngenre einzureihen. Über Banalitäten vom Schlag „The Quick and the Dead“ („Schneller als der Tod“, 1995) decke ich den Mantel des Schweigens. Neo-Western wie „All the Pretty Horses“ („All die schönen Pferde“, 2000) und „Brokeback Mountain“ (2005) können an dieser Stelle ebenfalls außer Acht bleiben.

jesse-james 2

Jesse James – Holzschnitt: © 2013 valentino vom Blog vnicornis

In diesem Zustand befindet sich somit das Westerngenre seit den 80er-Jahren: nicht ganz tot, hin und wieder zuckt’s etwas, ganz selten gibt’s mal einen Quantensprung – so wie mit „The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford“. Deutscher Titel: „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“. Ein großer Film, der sich Zeit nimmt, die das von Bombast-Produzenten wie Jerry Bruckheimer geprägte heutige Hollywood kaum noch hat. Ruhige Sequenzen, viel Zeit für die Ausarbeitung der Figuren, sorgfältige Dialoge, geschickte Wechsel zwischen Totalen und Nahaufnahmen, eine visuelle Kraft, die im Kino und auf anständiger technischer Heimausstattung wunderbar zur Geltung kommt. Wer nur Bruckheimer & Co. konsumiert, wird sich womöglich langweilen. Auch Freunde üblicher Western müssen sich von ihren Sehgewohnheiten freimachen, um das Werk genießen zu können. Die Geschichte selbst ließe sich weitaus kürzer erzählen als in den zwei Stunden und 40 Minuten, die „The Assassination of …“ lang ist. Nachhall und Nachhaltigkeit jedoch benötigen genau dieses Erzähltempo.

Die Entstehung des Mythos Jesse James

Die Geschichte vom Tod des Outlaws Jesse James (Brad Pitt) durch die Hand eines seiner Bandenmitglieder könnte als Doku-Drama durchgehen, so sehr berücksichtigt Regisseur Andrew Dominik selbst kleine Details der wahren Geschichte. Offenbar will er nicht allein die Geschichte von Jesse James’ Tod erzählen, sondern auch die Geschichte, wie ein solcher Mythos entstehen kann – ein Mythos, an dem Robert Ford (Casey Affleck) letztlich zerbricht.

Die Szene der Ermordung Jesse James’ ist bis ins Detail dem Bericht des echten Robert Ford nachempfunden: James hat Ford und dessen Bruder (klasse: Sam Rockwell) in seinem Haus aufgenommen, wo er mit Frau und Kindern lebt. Eines Tages kehrt er zum Essen heim, bei sich eine Tageszeitung. Auf Seite 1 findet sich ein Bericht über ein Mitglied der Jamesbande, das sich drei Wochen zuvor gestellt hat – ein Kumpan Robert Fords. Ford ahnt, dass James seinen geplanten Verrat durchschaut, doch der gibt sich vertrauensvoll. Er nimmt gar seinen Revolvergurt ab und beginnt, ein an der Wand hängendes Bild vom Staub zu befreien. Zu viel Vertrauen: Robert Ford nutzt die vielleicht einzige Gelegenheit und schießt Jesse James eine Kugel in den Kopf.

Orientierung am Bericht von Robert Ford

All dies ist haarklein dem Bericht Robert Fords von 1882 entnommen. Ob der der Wahrheit entspricht, sei dahingestellt. Ford interpretierte James’ vertrauensvolles Verhalten nach eigenen Angaben so, dass James ihn offenbar in Sicherheit wiegen wollte, weil er ihn nicht vor den Augen seiner Familie töten wollte, sondern erst abends an anderem Orte. Brad Pitt fügt dieser Theorie in seiner Darstellung weitere Facetten hinzu: Sein Verhalten erscheint als ein Mix aus Vertrauen, Unglauben, Müdigkeit, Resignation – und vielleicht auch In-Sicherheit-Wiegen.

Gegen Ende des Films – nach James’ Tod – kommt es in einer Bar zu einer kurzen Konfrontation zwischen Robert Ford und einem Bänkelsänger. Dieser wird von keinem Geringeren als Nick Cave verkörpert. Er singt die bekannte Ballade „Jesse James“. Nick Cave zeichnet auch für die Originalmusik des Films verantwortlich.

Zurückhaltender Einbau der Filmmusik

Überhaupt Musik: Es ist schön, wenn ein Filmemacher den Soundtrack – sei es Score, seien es Songs – gezielt einsetzt und ihn nicht inflationär jeder Szene überstülpt. Ein Film wie „The Assassination of …“ benötigt ruhige Szenen ohne musikalische Untermalung, damit der Zuschauer sich auf Gesichter und Dialoge konzentrieren kann. Auch Spannungskurven können ohne Musik erzeugt werden, wenn man sein Handwerk versteht. Geschickte Konstruktion einer Szene und virtuose Kameraführung reichen oft aus – dafür bietet dieser Film etliche perfekte Beispiele. Wann immer Nick Caves Score dann doch einsetzt, harmoniert er prächtig mit den Bildern.

Der Film endet mit der Ermordung Robert Fords zehn Jahre später durch einen selbsternannten Rächer namens O’Kelly. Während es auf diese Sequenz hinauslief, fragte ich mich, was ich besser finden würde: wenn der Tod Fords gezeigt wird oder wenn eine Texttafel Robert Ford wurde am … (o. ä.) den Film beendet. Auch da macht Regisseur Dominik alles richtig, indem er einen Mittelweg wählt: Der Rächer richtet seine Flinte auf Ford, der dreht sich um – und der Abspann beginnt.

Ein Meisterwerk des Spätwesterns?

Ist „The Assassination of …“ ein Meisterwerk? Der Verfasser dieser Zeilen ist zwar selbstbewusst, was die qualitative Einordnung von Spielfilmen jenseits von Geschmacksfragen angeht, neigt aber zu der Ansicht, ein Film könne derart erst eingeordnet werden, wenn eine ganze Weile verstrichen ist, im Idealfall gar erst, nachdem es diverse weitere Genrebeiträge gegeben hat – was im Westerngenre dauern kann. Dennoch: Es ist sehr gut denkbar, dass das Attribut Meisterwerk auch in zehn Jahren Bestand hat.

Andrew Dominik inszenierte den Film nach seinem eigenen Drehbuch. Es war erst seine zweite Regiearbeit. 2000 hatte er mit dem biografischen Krimi-Drama „Chopper“ mit Eric Bana in der Titelrolle des notorischen australischen Kriminellen Mark Brandon „Chopper“ Read auf sich aufmerksam gemacht. Sein dritter Film „Killing Me Softly“ – erneut mit Brad Pitt – kam 2012 in die Kinos.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Casey Affleck, Brad Pitt und/oder Jeremy Renner sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 29. Februar 2008 als Blu-ray und DVD (auch als Special-Edition-DVD im Digipack), 20. März 2008 als HD-DVD

Länge: 160 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford
USA/KAN/GB 2007
Regie: Andrew Dominik
Drehbuch: Andrew Dominik, nach dem Roman von Ron Hansen
Besetzung: Brad Pitt, Casey Affleck, Sam Rockwell, Mary-Louise Parker, Jeremy Renner, Sam Shepard
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2013 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2008 Warner Home Video

Advertisements
 
 

Schlagwörter: , , , , ,

Eine Antwort zu “Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: