RSS

Tonto und der Lone Ranger reiten wieder

05 Aug

The Lone Ranger

Kinostart: 8. August 2013

Von Volker Schönenberger

Western-Abenteuer // Mit dem Besuch der deutschen Pressevorführungen von „Lone Ranger“ verpflichteten sich Journalisten, vor dem 20. Juli keine Filmkritiken zu veröffentlichen – ob online oder gedruckt. Dieses Embargo verwundert etwas, kann sich doch jeder Interessierte an den Fingern einer Hand ausrechnen, was er zu erwarten hat: Es produzierte Bombast-Experte Jerry Bruckheimer, auf dem Regiestuhl saß Gore Verbinski, eine Hauptrolle hat zudem Johnny Depp. Klare Sache: „Fluch der Karibik“ im Wilden Westen! An dieser Formulierung kommt auch der Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ nicht vorbei, auch wenn man sie so oder ähnlich vermutlich vielerorts lesen kann.

TLR_MG_1561_R4

Ungleiches Duo: Tonto und der Lone Ranger

In der Tat: Wer die Filme der „Fluch der Karibik“-Reihe mag, wird auch an „Lone Ranger“ Gefallen finden. Knallbuntes Over-the-Top-Kino mit prachtvollen Bildern, kostümierten Figuren, mehr oder minder strahlenden Helden, finsteren Schurken und einem furiosen Finale – genau das war zu erwarten, genau das wird geboten. Insofern ist der Name Jerry Bruckheimer mittlerweile ein Gütesiegel der Verlässlichkeit.

Ist man als Filmrezensent etwas missgünstiger gestimmt, bietet „Lone Ranger“ ausreichend Angriffspunkte für einen gepflegten Verriss. Das gilt diesmal leider auch für Johnny Depps Figur des Indianers Tonto. War Depps Captain Jack Sparrow noch eine überaus originelle Piratenkarikatur mit viel Charme, so ist Tonto leider nicht viel mehr als eine Kopie, für die Sparrow die Blaupause abgegeben hat. Zu sehr ähnelt das verhuschte, bisweilen linkische Gebaren des Indianers dem Möchtegern-Piratenkapitän. Selbst die Augen sind wieder schwarz geschminkt. Etwas mehr Originalität hätte Tonto gutgetan, auch wenn er für sich genommen Spaß bereitet. Aber vielleicht tun wir der Gestaltung der Figur auch Unrecht, wenn wir ihr eine allzu große Nähe zu Sparrow unterstellen. Tontos Make-up immerhin ist inspiriert von „I Am Crow“, einem Gemälde von Kirby Sattler.

Kirby Sattler - Native American Art

Die Vorlage für Tontos Make-up: I am Crow painting by Kirby Sattler (used by kind permission)

Ein weiterer Kritikpunkt ist der Soundtrack. Die Bruckheimerisierung der Filmmusik schreitet unaufhaltsam voran, kaum mal gibt es Sequenzen ohne übermäßigen Orchestereinsatz. Ist keine Spannung vorhanden, erzeugt man sie eben mittels Musik. Okay – verantwortlich ist Hans Zimmer, immerhin neunfach Oscar-nominiert und 1994 für „Der König der Löwen“ auch -prämiert. Der Mann kann’s ja, und letztlich passt der Bombast der Musik zu dem der Inszenierung. Die eine oder andere Sequenz hätte aber mittels etwas zurückgenommener Westernmusik gewonnen.

Stichwort Western – wer sie eher puristisch wahrnimmt, wird an „Lone Ranger“ keine uneingeschränkte Freude haben. Zwar werden die Versatzstücke des Genres wie an einer Perlenschnur aufgereiht, echte Westernstimmung kommt jedoch kaum auf. Dabei wurde an bewährten Orten gedreht – die Filmfans seit den Zeiten eines John Ford ins Gedächtnis gebrannten Felsformationen des Monument Valley beispielsweise sind deutlich ins Bild gesetzt, leider auch deutlich weniger stimmungsvoll als bei Ford. Wir bekommen den Bau der Eisenbahnen samt chinesischer Kulis zu sehen, die von Barry Pepper („Snitch – Ein riskanter Deal“) mit viel Pep verkörperte Karikatur eines General-Custer-Kavallerie-Offiziers und mit Butch Cavendish einen diabolischen Bösewicht, dessen Verkörperung Schauspieler William Fichtner („Elysium“) sichtlich Spaß bereitet hat. Die illustre Besetzung vervollständigt Helena Bonham Carter als Puffmutter mit Beinprothese aus Elfenbein. Dazu eine Menge Indianer – fertig ist die Laube.

DF-15495_R

Tonto beäugt des Lone Rangers Pferd

Die Haupthandlung des Films ist in eine charmante Rahmengeschichte eingebettet, in der ein als Cowboy verkleideter Knirps (Mason Elston Cook) 1933 auf dem Jahrmarkt ein Zelt mit einer Westernausstellung betritt. Eines der Exponate erweist sich als quicklebendiger Indianergreis – Tonto (Johnny Depp). Der erzählt dem Jungen die Geschichte, wie einige Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg ein neuer Staatsanwalt per Bahn in einem Kaff im Westen ankommt: John Reid (Armie Hammer), dessen Bruder Dan (James Badge Dale) dort ein angesehener Texas Ranger ist. Dans Frau Rebecca (Ruth Wilson) verbinden ein paar romantische Erinnerungen mit John Reid, doch das bleibt vorerst zweitrangig, denn flugs gilt es, den von seiner Gang befreiten Butch Cavendish zu verfolgen. Dabei stellt sich John Reid eher wie ein Greenhorn an. Wie aus dem unbeholfenen Städter einmal der „Lone Ranger“ werden soll, fragt sich nicht nur Tonto.

Der tapfere „Lone Ranger“ und sein indianischer Freund Tonto gehören in den USA zum Allgemeingut. Erstmals erblickten die beiden 1933 in einer Hörspielreihe fürs Radio das Licht der Welt. Später folgten Bücher, Comics, eine TV-Serie und andere Formate. Von diversen Spielfilmvarianten sei „Die Legende vom Lone Ranger“ (1981) genannt, der in Deutschland jüngst als Blu-ray und DVD erschienen ist. Christopher Lloyd („Zurück in die Zukunft“) verkörpert darin den Schurken Butch Cavendish.

DF-08179_R

Butch Cavendish führt Übles im Schilde

Zurück zum aktuellen Bruckheimer-Film: Während der Dreharbeiten fiel Johnny Depp einmal spektakulär vom Pferd und geriet unter das Tier, das jedoch über ihn hinwegsprang. Depp trug nur einige leichte Blessuren davon. Hauptdarsteller Armie Hammer begann seine Schauspielkarriere mit Gastrollen in TV-Serien, bevor er 2010 mit „The Social Network“ einem breiteren Publikum bekannt wurde. Ein Jahr später spielte er in Clint Eastwoods „J. Edgar“. Die Figur des „Lone Ranger“ ist seine mit Abstand größte und spektakulärste Rolle, weshalb er zweifellos nichts dagegen einzuwenden hätte, wenn der Film ähnlich viele Fortsetzungen nach sich zöge wie „Fluch der Karibik“. Von der Reihe soll 2015 Teil 5 in die Kinos kommen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Johnny Depp sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 149 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The Lone Ranger
USA 2013
Regie: Gore Verbinski
Drehbuch: Justin Haythe, Ted Elliott, Terry Rossio
Besetzung: Johnny Depp, Armie Hammer, Helena Bonham Carter, Barry Pepper, William Fichtner, James Badge Dale, Tom Wilkinson
Verleih: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Copyright 2013 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2012 Disney and Jerry Bruckheimer, Inc. (I Am Crow © Kirby Sattler)

Advertisements
 

Schlagwörter: , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: