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Detour – Umleitung: Auf dem Asphalt ins Verderben

09 Aug

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Detour

Von Dirk Ottelübbert

Krimidrama // Per Anhalter von Westen nach Osten, von Los Angeles nach New York. Der erschöpfte, gereizte junge Mann, Al Roberts (Tom Neal) heißt er, rastet in einem Diner irgendwo in Nevada. Als das Lied „I Can’t Believe You’re in Love with Me“ aus der Musikbox schallt, springt er auf. Er kann ihn nicht ertragen, diesen Song. Sue (Claudia Drake) hatte ihn immer gesungen, seine große Liebe Sue, die er am Piano begleitete im „Break o’ Dawn“-Club in New York.

Al Roberts’ Gesicht wird in Schatten gehüllt, wir sehen nur seine brennenden Augen, während er sich an die Hölle der letzten Wochen und Tage erinnert:

Sue reist nach Hollywood, um dort ihr Glück zu versuchen. Nach einem Telefonat fährt Al ihr nach, abgebrannt und daher per Anhalter. Aber das Schicksal hat eine fatale Umleitung für unseren Hitchhiker vorgesehen – in Gestalt des freundlichen, aber undurchsichtigen Geschäftsmannes Haskell, der verspricht, Al nach Los Angeles zu bringen, und mit Dollarnoten wedelt. Während Al ihn nachts am Steuer ablöst, macht Haskell ein Nickerchen, aus dem er nicht mehr aufwacht. Herzinfarkt vielleicht? Was auch immer. Panik ergreift Al. Er ist sicher, dass die Cops ihn wegen Mordes drankriegen werden. Er tut das ebenso Naheliegende wie schrecklich Falsche, lässt Haskells Leiche verschwinden, nimmt Anzug, Führerschein und Wagen an sich und fährt weiter – nun auf der Flucht.

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Duo Infernal: Al und die Femme fatale Vera

An einer Tankstelle gabelt Al eine Frau (Ann Savage) auf und lässt sie mitfahren. „Kannst mich Vera nennen“, schnoddert sie. Irgendwie gefährlich hübsch ist diese Vera, auch wenn sie aussieht, „als hätte man sie aus einem Güterzug geworfen“. Natürlich bringt die Begegnung Al seinem Verderben noch näher: Vera schlummert im Auto ein – „wie Haskell“, denkt er – und als sie aufwacht, fährt sie ihn urplötzlich an: „Wo hast du seine Leiche verscharrt?“ Fatalerweise hatte sie schon bei Haskell auf dem Beifahrersitz gesessen, weiß also, dass der Mann in der Kleidung des Toten Dreck am Stecken haben muss. Was nun folgt, sind Drohungen, ein irrer Erpressungsplan – und am Ende eine weitere Leiche.

Ein echter Schnellschuss und eher ein C- denn ein B-Movie: Edgar G. Ulmer (1904–1972) drehte sein ebenso nachtschwarzes wie wüstensonnengrelles Krimi-Melodram in knapp 30 Tagen für ganze 30.000 Dollar. Der Wagen im Film war sein eigener, die Rückprojektionen billig, weitere Schauplätze: ein, zwei Hotelzimmer. Wenige nahmen Notiz von dem gerade mal 65 Minuten langen Werk, und so bog „Detour“ zunächst schnell auf den Highway des Vergessens ab.

Jahre später kam der Film vor allem in Filmemacherkreisen zu neuen Ehren – heute gilt er als Klassiker der „Schwarzen Serie“. Truffaut und Scorsese verehrten ihn, Wim Wenders schwärmte, Ann Savages Darstellung der Vera sei ihrer Zeit um 30 Jahre voraus. Der Dokumentarfilmregisseur Errol Morris bezeichnete ihn als seinen Lieblingsfilm: Wie kein zweiter verströme er eine Atmosphäre der Verzweiflung, ohne den leistesten Funken Hoffnung.

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Al spricht mit Sue – und beschließt, ihr nachzureisen

Dem mag man sich gern anschließen. Alles in „Detour“ atmet von Anfang an Vergeblichkeit und Hoffnungslosigkeit. Zur straffen und gut getimten Inszenierung gesellt sich eine gespannte und unwirkliche Stimmung – ungeachtet der gern mal galligen Dialoge und der sarkastischen Off-Stimme.

Schon die Liebe zwischen Al und Sue ist zum Scheitern verdammt. Er werde in der Carnegie Hall ein- und ausgehen, sagt Sue am Anfang. Ja, als Hausmeister, knurrt Al, nicht als Pianist. Das kann nichts werden mit den beiden! Wenn er mit Sue telefoniert, hören wir ihn reden und plappern, nur einmal wird auf eine stumm lächelnde Sue geschnitten, fast als wäre die schöne Blonde ein Geist oder als fände das ganze Gespräch nur in Als Einbildung statt. Und wenn er am Ende in Hollywood ankommt, im Wagen mit der erpresserischen Femme fatale Vera, ist er weiter von Sue entfernt als je zuvor.

Die „Film Noir Collection“ von Koch Media haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Edgar G. Ulmer sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt.

Veröffentlichung: 9. August 2013 als DVD

Länge: 65 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Detour
USA 1945
Regie: Edgar G. Ulmer
Drehbuch: Martin Goldsmith
Besetzung: Tom Neal, Ann Savage, Edmund MacDonald, Claudia Drake
Zusatzmaterial: Booklet, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial
Vertrieb: Koch Media

Copyright 2013 by Dirk Ottelübbert
Fotos & Packshot: © 2013 Koch Media

 

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