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Feuchtgebiete – Heiter bis wolkig

21 Aug

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Feuchtgebiete

Kinostart: 22. August 2013

Komödie // Was genau war eigentlich an Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ skandalös? Etwa die Tatsache, dass die TV-Moderatorin in ihrem Erstlingsroman 2008 offen über Schnittwunden im Analbereich, Intimhygiene, Körpersekrete und ähnliche Unappetitlichkeiten geschrieben hat? Wohl kaum. Beinahe hätte der Blogger angesichts der Thematik „Drauf geschissen“ geschrieben, hat sich aber derlei Unflätigkeit in letzter Sekunde selbst verboten. Wie auch immer – das Rauschen im Blätterwald war enorm, die Kulturnation Deutschland schien am Abgrund. Ein vom Leiter des Jugendamts Witten (!) gestellter Antrag auf Indizierung des Buchs blieb jedoch erfolglos. Und wie das so ist mit von den Medien aufgebauschten Hypes: Die Protagonisten im Auge des Sturms reiben sich die Hände. Charlotte Roche und ihr Verlag machten einen Reibach, das Buch verkaufte sich millionenfach. War der Hype geschickt lanciert? Perfektes Marketing dank kühl kalkulierter vermeintlicher Tabubrüche? Wollten wirklich so viele Menschen über Hämorrhoiden lesen? Egal – nun also die Verfilmung.

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Ekeltoilette als Selbstversuch

Kinobesuch eher durch Zufall

An sich könnte hier jetzt ein Satz wie folgt stehen: Wem das Buch gefallen hat, der wird auch an dem Film seine Freude haben. Hoppla, schon steht der Satz tatsächlich da. Allerdings ist er mit Vorsicht zu genießen – der Blogger hat den Roman gar nicht gelesen. Derartige Medienhypes werden gern mal ignoriert, obendrein war das persönliche Interesse am Inhalt von „Feuchtgebiete“ gelinde gesagt gering. Ein paar im Netz kursierende Leseproben reichten völlig aus. Es kommt noch schlimmer: Ohne die Einladung zur Premiere mit der Aussicht, für den Blog eine Rezension zu schreiben, wäre auch der Film am Betreiber von „Die Nacht der lebenden Texte“ vorbeigegangen. Asche aufs Haupt – aber die volle Ladung, und zwar sofort!

Ob Lesern der Romanvorlage die Kinoadaption gefällt, müssen diese somit ganz allein herausfinden. Ein guter Film muss ohnehin für sich selbst stehen und überraschenderweise konstatiert „Die Nacht der lebenden Texte“: Der Film „Feuchtgebiete“ steht sehr gut für sich selbst. Regisseur David Wnendt („Kriegerin“) hat sich von der größenteils in einem Krankenhauszimmer spielenden Vorlage entfernt und lässt die Handlung auch andernorts stattfinden. Obendrein hat er einigen Figurenkonstellationen größeres Gewicht gegeben, als sie es dem Vernehmen nach im Roman hatten – etwa den Eltern und der Freundin der Hauptfigur.

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Des Doktors Daumen kann schmerzhaft sein

Die Schmerzen einer Analfissur

Apropos Hauptfigur: Helen (Carla Juri) heißt sie, ist 18 Jahre alt und hat’s nicht so mit der Intimhygiene. Im Gegenteil: Gern reibt sie auf ekligen Damentoiletten ihre – aber lassen wir das. Ebenfalls gern genommen: Tampontausch mit – aber lassen wir das. Auch nicht zu verachten: der Wunsch nach speziellem Pizzagewürz – aber lassen wir das. Unschön: die Verletzung bei einer Intimrasur – aber lassen wir das. Nein, doch nicht, das gehört zum Kern des Films: Helen fügt sich eine überaus schmerzhafte Analfissur zu und liefert sich im Krankenhaus ein. Der selbstgefällige Chefarzt Professor Dr. Notz (Edgar Selge) lässt sich gern von seinen Doktoranden beweihräuchern, operiert aber versiert. In der Rekonvaleszenz sinniert Helen über ihr Leben und ihre beste Freundin Corinna (Marlen Kruse) nach und schmiedet den Plan, am Krankenbett ihre geschiedenen Eltern (Meret Becker, Axel Milberg) wieder zusammenzubringen. Und dann ist da auch noch der nette Pfleger Robin (Christoph Letkowski). Den überredet Helen sogar, ihren frisch operierten Darmausgang zu fotografieren und ihr die herausgeschnittenen – aber lassen wir das.

Nach der Hamburger Premiere des Films im kleinen, aber feinen Abaton-Kino berichtete David Wnendt dem Publikum, bei den vier über einer Pizza onanierenden Pizzabäckern habe es sich tatsächlich um Pornodarsteller gehandelt, die sogar ein Fluff-Girl dabei hatten. Kurzes Googeln brachte die Erkenntnis, dass einer von ihnen ein Star der Branche ist: Pornfighter Long John! Weshalb vier Pizzabäcker auf eine Pizza ejakulieren (in ganzer Pracht zu sehen!), diesen Spoiler wollen wir uns sparen. Der geneigte Leser möge es selbst ermitteln und wird die nächste Bestellung beim Lieferservice womöglich höflich über die Bühne bringen.

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Pfleger Robin kümmert sich aufopfernd

Gute Laune beim Premierenpublikum

Dem Premierenpublikum im Abaton hat „Feuchtgebiete“ gut gefallen. Etliche Lacher begleiteten den Film über die gesamte Laufzeit. Der Humor funktioniert in der Tat gut, die Gags sitzen an den richtigen Stellen. Auch tragische Züge der Figuren kommen zur Geltung. Visuell hat David Wnendt ebenfalls einiges richtig gemacht. Der Film wirkt auf eine warmherzige Art bunt, was einen angenehmen Kontrast zu einigen bisweilen eher – ähem – Übelkeit erregenden Details bildet. Ein paar schöne visuelle Ideen gibt’s obendrauf. Erwähnt seien beispielhaft eine surreal anmutende mikroskopische Reise in die Fauna einer überaus ekligen Damentoilette (würg) zu Beginn des Films sowie zwei geschickt zusammenmontierte Gespräche, die Helen jeweils einzeln mit ihrer Mutter und ihrem Vater führt.

Den sympathischen Jungdarstellern Carla Juri, Marlen Kruse und Christoph Letkowski (okay, der ist schon 31) stehen mit Axel Milberg, Meret Becker und Edgar Selge drei bekannte Namen zur Seite, die mit ihrem ganz eigenen Charisma den Film bereichern. Der Blogger gehört sicher nicht zur Zielgruppe von Roman und Film – wie auch immer die aussehen mag –, hat sich aber anständig unterhalten gefühlt. Das ist bei deutschen Komödien der jüngsten Vergangenheit oft genug nicht der Fall gewesen. Ein paar Mal lässt sich während des Films ein gewisses Ekelgefühl nicht vermeiden. Skandalös aber ist anders.

Länge: 109 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
D 2013
Regie: David Wnendt
Drehbuch: David Wnendt; Claus Falkenberg, nach dem Roman von Charlotte Roche
Besetzung: Carla Juri, Axel Milberg, Meret Becker, Christoph Letkowski, Marlen Kruse, Edgar Selge
Verleih: Majestic / Twentieth Century Fox

Copyright 2013 by Volker Schönenberger

Fotos: © 2013 Peter Hartwig / Majestic
Trailer: © 2013 Majestic / Twentieth Century Fox

 

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