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Max Mustermanns Odyssee – König von Deutschland

03 Sep

Kinostart: 5. September 2013

Gastrezension von Dirk Ottelübbert

Tragikomödie // Eine Kinokomödie mit Olli Dittrich und Katrin Bauerfeind – das ist ja erst mal eine gute Nachricht. Der Mann, der „Dittsche“ ist, und die Moderatorin, beide überaus kluge, gewiefte und schlagfertige Medienhasen, dürfen sich hier allerdings nur sehr bedingt austoben. Vielleicht hätten die beiden am Drehbuch mitschreiben sollen? Aber von Anfang an:

Mit Rio Reisers Song hat der Film nix zu tun. Der „König von Deutschland“ ist hier erst mal eine Quizshow mit öligem Moderator (als Gast: Peter Illmann). Ein Mann sitzt daheim auf dem Sofa, puzzelt, schaut das Quiz in der Glotze und murmelt die Antworten. Das ist Thomas Müller (Olli Dittrich). Thomas lebt mit Lehrerin-Ehefrau Sabine (Veronica Ferres) und 18-jährigem Sohn in einer Mietwohnung. Der Mittvierziger arbeitet als Texter für GPS-Software, träumt heimlich von seiner süßen Kollegin Ute (Katrin Bauerfeind) und ist vor allem eines: total durchschnittlich. „Ganz okay“ findet ihn seine Sabine. Ja, genau.

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Schnapsprobe: Thomas (l.) und sein vermeintlicher Gönner Stefan

Leider muss dieser Thomas nun nicht nur normal, sondern unbedingt auch eine arme Wurst sein. Hatte Regisseur David Dietl, Sohn von Kino-Großsatiriker Helmut Dietl, ein bisschen Angst, wir könnten seine Figuren tatsächlich zu durchschnittlich und somit langweilig finden? Die Welt der Müllers ist jedenfalls mit sehr dickem Strich gezeichnet. Die Wohnung? Ein spießiger Einrichtungsalbtraum. Die Familie lebt im Ort „Normsen“, Thomas’ Auto hat wahrhaftig das Kennzeichen „NO-RM 0815“. Lehrerin Sabine trägt steife Blusen zur ärmellosen Strickweste. Filius Alexander (Jonas Nay) ist, ja, ein Rebell, also ein eifernder Obrigkeitshasser, mit dem Vater Thomas weder am Frühstückstisch noch sonstwo ein vernünftiges Wort wechseln kann.

Als Arrangement für eine Sketch-Comedy ginge das in Ordnung. Allerdings folgt in diesem Fall nicht einfach eine Pointe, sondern eine breit angelegte, teils langatmige Geschichte mit Thrill und Paranoia, Konsum- und Gesellschaftskritik. Das packt unserem Helden Thomas respektive Olli Dittrich eine Menge auf die Schultern.

Weiter geht es so: Thomas’ Welt kommt ins Wanken. Er verliert seinen Job. Der Traum vom Eigenheim ist dahin, aus Scham verschweigt er Sabine die Misere. Verzweifelt steht Thomas am gähnenden Schlund einer Talsperre. Springt er? Auftritt Stefan Schmidt (Wanja Mues). Der Siegertyp im Sportwagen rettet den Ärmsten. Das bedeutet die Wende: Stefan nimmt Thomas unter seine Fittiche und bietet ihm einen Job bei „Industries Unlimited“ an. In einem Gebäudekomplex darf sich Thomas sein eigenes Büro einrichten, er geht mit Stefan shoppen und trinken, testet Anzüge, Stühle, Schuhe und Snacks. Aber was genau soll denn nun seine Arbeit bei „Industries Unlimited“ sein? Was finden Stefan und das Team an ihm so großartig?

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Ute steht dem armen Thomas bei

Eines Tages erblickt Thomas im Supermarkt eine neue Biermarke. Mit Schraubverschluss-Kronkorken, wie praktisch. Seltsam nur, dass er genau diese Idee kürzlich Stefan geschildert hatte. In den folgenden Wochen stößt Thomas alle naselang auf Umsetzungen seiner Vorschläge. In Shops, im TV, im Radio. Unheimlich wird ihm das Ganze, als der Lokalpolitiker Kurt Knister in einer Rede über die Arbeitsbelastung von Lehrern schwadroniert – auch das Thema war unlängst auf Thomas’ Mist gewachsen.

Ihm dämmert, dass Stefan und Co. alle Ideen und Meinungsäußerungen ihres kleinen „Königs“ sofort umsetzen, mit Industrie und Politik vernetzt sind und ihn selbst zum lebenden Marktforschungsinstrument degradieren. Was der so einmalig durchschnittliche Thomas will, gefällt bestimmt auch den meisten anderen. Welche terroristische Energie die Firma dabei entwickelt, wie sehr sie sein Schicksal steuert, ermisst Thomas erst später. Um den Bösen ein Schnippchen zu schlagen, braucht er die Hilfe von Ute und Sohnemann Alexander.

David Dietls „König von Deutschland“ nimmt sich also einiges vor, will neben Satire auch Thriller und Moritat und Gesellschaftsporträt sein, ein „tragisch-komisches Sittengemälde über die Mehrheit im Land und die Mächte, die versuchen, sie zu steuern“, so der Regisseur. Sein Film beißt viel ab, kann das aber inszenatorisch nicht alles wegkauen. Es fehlt an Lebendigkeit, Tempo und an Witz. Olli Dittrich ist als biederer Thomas, der über sich hinauswächst, einerseits wunderbar und liebenswert, trägt aber doch über weite Strecken die Rolle wie ein Korsett, das ihm ein bisschen den Atem nimmt.

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Alexander sorgt sich um seinen Vater

Am schönsten ist eigentlich das Ende. Darf man das verraten? Auf jeden Fall sitzen Thomas und Ute beziehungswese Olli und Katrin in einer Jurte, haben sich weggewünscht aus der Welt, flachsen ein bisschen herum, er klimpert auf der Klampfe. Eine hingetupfte kurze Szene, bestimmt von beiden improvisiert. Da hätte ich gern weiter zugesehen. Aber dann war Schluss.

Länge: 97 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
D 2013
Regie: David Dietl
Drehbuch: David Dietl
Besetzung: Olli Dittrich, Veronica Ferres, Wanja Mues, Katrin Bauerfeind, Jonas Nay, Jella Haase, Hanns Zischler
Verleih: Zorro Film

Copyright 2013 by Dirk Ottelübbert
Fotos: © 2013 Zorro Film

 

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