RSS

The World’s End – Weltuntergang am Zapfhahn

12 Sep

The World’s End

Kinostart: 12. September 2013

Von Anja Rohde

Actionkomödie // Das Dream-Team um Regisseur Edgar Wright und die Hauptdarsteller Simon Pegg und Nick Frost hat seine Cornetto-Trilogie (auch „Blut und Eiscreme“-Trilogie genannt) abgeschlossen. Das Zombie-Massaker „Shaun of the Dead“ (2004), der Actionthriller „Hot Fuzz – Zwei abgewichste Profis“ (2007) und die Science-Fiction-Apokalypse „The World’s End“ haben inhaltlich nichts miteinander zu tun, bieten jedoch allesamt britischen Antihelden-Humor erster Güte.

Mit der Bezeichnung „Three Flavours Cornetto“ ihrer Trilogie spielen die Drehbuchautoren Wright und Pegg auf die Drei-Farben-Trilogie von Krzysztof Kieslowski an, der seinen Filmen die Trikolore und somit die Grundprinzipien der Französischen Revolution zugrunde legte.

In „The World’s End“ muss man ziemlich lange auf das finale Cornetto warten. Mit dem Blut geht’s schneller – schon in der ersten Kneipenschlägerei fließt es in Strömen. Allerdings ist das Blut blau und tintenartig; die Körper, aus denen es sprudelt, sehen zwar menschlich aus, scheinen aber Roboter zu sein, die immer wieder aufstehen und weitermachen.

Möge die Goldene Meile beginnen

„I’m free to do what I want any old time“ aus dem Refrain des 90er-Jahre-Hits der Soup Dragons ist Gary Kings (Simon Pegg) Lebensmotto. Mittlerweile 40 Jahre alt, hat er nichts im Leben erreicht – im Gegensatz zu seinen alten Klassenkameraden Oliver (Martin Freeman), Andrew (Nick Frost), Peter (Eddie Marsan) und Steven (Paddy Considine), die ein erwachsenes Leben zwischen Arbeit, Familie und Eigenheim führen. Im Sisters-of-Mercy-Shirt, mit derselben alten Cassette im selben alten Auto, überredet Gary seine früheren Freunde, die Kneipentour „Goldene Meile“ noch einmal zu versuchen: zwölf Pubs an einem Abend, in jedem Pub ein Pint Bier. Am Abend ihres Schulabschlusses hatten sie es nicht bis zum letzten Pub „The World’s End“ geschafft. Zwanzig Jahre später soll der Trinkmarathon gelingen.

Im Städtchen Newton Haven ist alles beim Alten – auf den ersten Blick jedenfalls. Ein erstes Anzeichen, dass doch nichts mehr so ist wie früher, ist die Optik der zwölf Kneipen mit so klangvollen Namen wie The First Post, The Famous Cock, The Good Companions und The Hole in the Wall: Die Innenausstattung ist überall dieselbe, vom Tresenaufbau bis zu den in Pseudohandschrift gestalteten Karten an den Wänden.

Die Saufkumpane gehen einander mehr auf die Nerven als die alte Tour zu genießen. Bei der ersten Schlägerei, die Gary auf einer Kneipentoilette anzettelt, wird ihnen dann klar, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist: Die gegnerischen Jugendlichen sind unkaputtbare Kampfroboter mit mechanischen Bewegungen und blauem Blut.

Jeder, der schon mal ein paar Bier mehr getrunken hat als von Ernährungswissenschaftlern empfohlen wird, weiß, wie Kneipenabende verlaufen: Die Diskussionsthemen werden absurder, das Aggressionspotenzial steigt, man fühlt sich groß und unbesiegbar, irgendwann meint man, die Welt retten zu können. Genau das tun unsere Helden – und genau so verläuft auch die Filmhandlung. Beginnt „The World’s End“ als nettes Buddy-Movie, wird die Handlung immer aberwitziger, unrealistischer und unsinniger, gleichzeitig werden die Kneipenschlägereien professioneller und phantasievoller. Highlight der Kloppereien: Der stämmige Andrew zieht sich zwei Barhocker umgekehrt über die Arme und benutzt sie als wirkungsvolle Wunderwaffe. Selten hat die Filmgeschichte derart gut choreografierte Kneipenfights gesehen! Volle Absicht von Regisseur Edgar Wright: „One of the things we talked about is this idea that they become better fighters the more oiled they get.“

Hoch die Tassen!

Fünf mittlerweile erwachsene Schulkameraden müssen auf einer Sauftour gegen eine Alien-Invasion kämpfen, um die Welt zu retten. Das klingt banal bis sinnlos, bereitet aber dank herrlich alberner Running Gags auf der einen und schlauen, kritischen Anspielungen auf Kleinstadtleben, Jugendwahn und Kommerzialisierung auf der anderen Seite einen amüsanten Kinobesuch. Obendrein begibt sich der Film in die Abgründe menschlicher Beziehungen, etwa mit seinen Entwürfen von Freundschaften, die im Laufe vieler Jahre und einiger unschöner Ereignisse auf Eis gelegt wurden, aber im Ausnahmezustand wieder aufleben. Auch die Charakterstudien der einzelnen Protagonisten lassen tief blicken.

Gary King geht seinen Jugendfreunden (und den Kinozuschauern) tierisch auf die Nerven – man beneidet ihn aber auch ein bisschen ums Nicht-Erwachsen-Werden(-Wollen). Simon Pegg überzeugt in der Rolle des impulsiven, pathetischen Sprücheklopfers mit ungebrochenem Bierdurst und verletzlicher Seele. Nick Frost gibt den ehemals besten Kumpel Andrew, der gegenüber Gary zwischen Enttäuschung, Mitleid und alter Freundschaft schwankt. Die Riege der durch und durch britischen Comedygrößen wird ergänzt durch Martin Freemann, den wir als Hobbit Bilbo Beutlin („Der Hobbit: Eine unerwartete Reise“, 2012) und als Dr. John Watson („Sherlock“, seit 2010) auch schon lieben und der als ständig lächelnder Makler mit Telefonknopf im Ohr weitere Register seines Schauspielkönnens zieht. Dazu gesellen sich Eddie Marsan, Paddy Considine und Rosamund Pike als Olivers Schwester Sam, die später zur Gruppe dazukommt und die apokalyptische Tour begleitet.

Ex-Bond-Darsteller Pierce Brosnan sowie die beiden „Sightseers“-Hauptdarsteller Alice Lowe und Steve Oram lassen es sich nicht nehmen, kleine, aber feine Gastauftritte zu absolvieren. Bill Nighy ist leider nur als Stimme dabei – aber was für eine! An dieser Stelle sei dem potenziellen Publikum die Originalfassung ans Herz gelegt.

Ritter von der traurigen Gestalt: Gary

Wer selbst in den 90ern jung war, wird den Soundtrack lieben. Das schon erwähnte „I’m Free“ von den Soup Dragons spielt eine tragende Rolle, ebenso „Loaded“ von Primal Scream. Die Textzeilen „Just what is it that you want to do? / We wanna be free / We wanna be free to do what we wanna do / And we wanna get loaded / And we wanna have a good time“ werden sogar als wichtiges Argument gegenüber den Aliens gebraucht. Natürlich dürfen passend zu Garys T-Shirt auch die Sisters of Mercy nicht fehlen.

„The World’s End“ erinnert in einigen Momenten durchaus an seine Vorgänger – ist aber auch wieder ganz anders. Es gibt mehr als drei Sorten Cornetto-Eis – vielleicht kann man sich also auch wünschen, dass die Trilogie doch noch nicht beendet ist?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Edgar Wright sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Pierce Brosnan und Simon Pegg in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 109 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The World’s End
GB 2013
Regie: Edgar Wright
Drehbuch: Simon Pegg, Edgar Wright
Besetzung: Simon Pegg, Nick Frost, Martin Freeman, Eddie Marsan, Paddy Considine, Rosamund Pike, Pierce Brosnan
Verleih: Universal Pictures International Germany GmbH

Copyright 2013 by Anja Rohde

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2013 Universal Pictures International Germany GmbH

Werbeanzeigen
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: