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Kühl: Stoker – Die Unschuld endet

19 Sep

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Stoker

Von Volker Schönenberger

Mysterythriller // Nicht gerade das schönste Ereignis für einen 18. Geburtstag: Am Tag ihrer Volljährigkeit stirbt der Vater von India Stoker (Mia Wasikowska). Das große Haus der Familie muss sie sich jedoch nicht lange mit ihrer entfremdeten und melancholischen Mutter Evelyn (Nicole Kidman) teilen: Überraschend taucht der Bruder ihres Vaters auf; Charlie (Matthew Goode) hatte sich anscheinend über Jahre in der Weltgeschichte herumgetrieben. Nun nistet er sich bei Mutter und Tochter ein. Das passt India anfangs gar nicht, obwohl sich Charlie betont freundlich gibt. Bald darauf verschwindet eine Haushälterin und India entdeckt, dass es durchaus eine Seelenverwandtschaft zwischen ihr und ihrem Onkel gibt – allerdings aus dem düsteren Teil ihrer Seelen.

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Evelyn (l.) und India bei der Beerdigung

Es ist eine kühl durchgestylte Welt, in der Regisseur Park Chan-wook („Oldboy“) seine Protagonisten agieren lässt. Alles ist sauber, Dinge stehen an ihrem Platz, die Kleidung sitzt passgenau. Die Villa der Stokers wirkt in ihrer viktorianischen Anmut geradezu klinisch. Mit seinem ersten Hollywoodausflug bleibt der Koreaner allerdings etwas zu sehr an dieser – zugegeben später etwas blutbesudelten – glatten Fassade hängen. Es fehlen die aufwühlenden Brüche in den Figuren, was am betont kühlen Spiel der drei Hauptakteure liegen mag. „Stoker“ ist schön anzuschauen, keine Frage, die Figurenkonstellation ist interessant, aber eben nicht im Übermaß.

Etwas fehlt – womöglich schon beim Drehbuch von Wentworth Miller, genau: dem Actionstar aus der TV-Serie „Prison Break“. Miller wollte mit seinem Skript offenbar eine Hommage an Alfred Hitchcocks „Im Schatten des Zweifels“ abliefern (eine Erkenntnis, es sei verschämt zugegeben, die ich dem geschätzten Kollegen Oliver Kaever verdanke, weil mir der Hitchcock-Klassiker gerade nicht im Kopf herumschwirrte). Sich an den Größten zu messen, daran sind schon andere gescheitert.

Nun gut, so hat die Qualitätskurve der Filme Park Chan-wooks in Hollywood eine kleine Biege nach unten gemacht – auch das ist bereits anderen passiert. Auf Parks hohem Niveau ergibt das immer noch einen guten Film, der zu fesseln vermag, auch wenn er den Zuschauer letztlich etwas kalt lässt.

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Charlie bedrängt India

Park Chan-wook gilt als einer der profiliertesten Vertreter des neuen koreanischen Kinos. Sein in der demilitarisierten Zone Koreas angesiedeltes Militärdrama „JSA – Joint Security Area“ verschaffte ihm 2000 erstmals breite internationale Aufmerksamkeit. Mit seiner Rachetrilogie rund um das furiose Herzstück „Oldboy“ (2003) wurde er zu einem der heißesten Regisseure aus Fernost. 2009 gab er dem Vampirgenre mit „Thirst – Durst“ neue Impulse (nein – keinerlei „Twilight“-Romantik). Park gewann zahlreiche wichtige Festivalpreise. Er ist der zweite von drei koreanischen Regisseuren, die es jüngst nach Hollywood verschlagen hat: Zuletzt gab Kim Je-woon, Regisseur des ultrabrutalen „I Saw the Devil“, Arnold Schwarzenegger mit „The Last Stand“ wieder eine Action-Hauptrolle. Noch ohne Kinostarttermin im Westen ist „Snowpiercer“ von Bong Joon-ho, der u. a. 2006 den Monsterfilm „The Host“ inszeniert hat.

Hoppla, fast vergessen: Spike Lees US-Remake „Oldboy“ startet am 7. November in den deutschen Kinos. Charlto Copley („Elysium“), Josh Brolin („No Country for Old Men“) und Samuel Jackson übernehmen die Bürde, Parks Meisterwerk schauspielerisch etwas Ebenbürtiges entgegenzusetzen. Ob’s mit Spike Lees Unterstützung gelingt?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Nicole Kidman sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet.

Veröffentlichung: 20. September 2013 als Blu-ray und DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 95 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch (folgende evtl. nur Blu-ray), Französisch, Spanisch, Italienisch, Russisch
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte (folgende evtl. nur Blu-ray), Französisch, Spanisch, Dänisch, Niederländisch, Finnisch, Italienisch, Norwegisch u. a.
Originaltitel: Stoker
GB/USA 2013
Regie: Park Chan-wook
Drehbuch: Wentworth Miller
Besetzung: Mia Wasikowska, Nicole Kidman, David Alford, Matthew Goode, Harmony Korine
Zusatzmaterial: Entfallene Szenen, Hinter den Kulissen, Original-Kinotrailer, nur Blu-ray: Die Entstehung des Films, Fotografien von Mary Ellen Mark, London Curzon Soho Theatre (Diashow), Premiere in Korea, TV Spots
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2013 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2013 Twentieth Century Fox Home Entertainment

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Eine Antwort zu “Kühl: Stoker – Die Unschuld endet

  1. debelloculinario

    2013/09/23 at 20:24

    ich fand stoker wesentlich besser als old boy. nicht so überzogen, nicht so gewaltbetont, nicht so ausladend. schön ordentlich, verpsycht, zugegebenermaßen nicht allzusehr in mitleidenschaft ziehend ein gefälliges, doch unangenehm juckendes düsteres kammerspiel. mir hats gefallen:-)

     

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