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Liberace – zu viel des Guten ist wundervoll: Die Liebe in den Zeiten des Glamours

01 Okt

LIBERACE_Plakat

Kinostart: 3. Oktober 2013

Gastrezension von Dirk Ottelübbert

Drama // Bei der diesjährigen Emmy-Verleihung am 22. September räumte Steven Soderberghs Liberace-Film „Behind the Candelabra“ drei Trophäen ab. Für den Regisseur („Erin Brockovich“, „Ocean’s Eleven“) muss das eine kleine Genugtuung gewesen sein. Schließlich war er mit dem Stoff zuvor in Hollywood abgeblitzt – obwohl das geplante Budget gering und die Oscar-Preisträger Michael Douglas und Matt Damon bereits an Bord waren. Den Studios sei die Biografie des 1987 verstorbenen, einmalig exzentrischen US-Entertainers doch „zu schwul“ gewesen, glaubt Soderbergh. Da ging er eben zum Fernsehen: Der Sender HBO, berühmt durch Serien wie „The Wire“, „The Sopranos“ und „Game of Thrones“, sagte schließlich zu.

Liberace am Fluegel

Viva Las Vegas! Liberace reißt sein Publikum mit

Nun gab es also Preise für den besten TV-Film, für Soderberghs Regie – und natürlich für Michael Douglas, der eine der größten Rollen seines Lebens spielt und den Emmy mehr als verdient gewonnen hat. Laut einer Anekdote wollte Soderbergh seinen Star schon beim Dreh zu „Traffic“ (2000) für einen Liberace-Part begeistern. Douglas glaubte anfangs, der junge Mann wolle ihn verkohlen …

Der Titel „Behind the Candelabra“ zielt auf Liberaces Vorliebe, üppige Kandelaber, also Kerzenleuchter, auf seinen Bühnenklavieren zu platzieren. Ein solcher Leuchter steht auch an jenem Abend des Jahres 1977 auf dem Flügel, als der blutjunge Scott Thorson (Matt Damon) den in Hermelin gehüllten, mit auftoupierter Perücke gekrönten Liberace (Michael Douglas) erstmals erblickt. Nach einigen nonchalanten Worten ans Publikum beginnen dessen beringte Finger über die Tasten zu sausen. Die Zuschauer der Show in Las Vegas sind hingerissen, Scott entfährt unwillkürlich ein „Wow!“ Später führt ihn sein Freund Bob Black (Scott Bakula) tatsächlich in die Garderobe und macht ihn mit dem flamboyanten Entertainer bekannt. „Lee“ ist von dem Jungspund fasziniert und engagiert ihn als persönlichen Assistenten.

Scott wird Chauffeur und Bodyguard – und teilt neben Tisch und Badewanne natürlich auch das Bett mit Lee. Wird der schwerreiche „Mr. Showmanship“ ihn nicht zum Teufel schicken, sobald der nächste knackige Junge auftaucht? Nein. Zumindest entwickelt sich zwischen den beiden eine mehrere Jahre währende, fast symbiotische Liebesbeziehung – in der Lee freilich der Regent ist. Er bringt Scott unter anderem dazu, sich einer massiven Schönheitsoperation zu unterziehen. Der „Sohn“ soll seinem liebsten „Vater“ und Mentor möglichst ähnlich sein.

Liberace beschenkt Matt Damon

Glückliches Paar? Der Star überhäuft Scott mit teuren Präsenten

Dies ist übrigens die einzige Sequenz, in der Regisseur Soderbergh ein wenig das Ruder aus der Hand gleitet: Wenn Rob Lowe als grotesk gelifteter Schönheitschirurg das Messer ansetzt, schrammt das haarscharf an der Freakshow vorbei. Ansonsten inszeniert Soderbergh beiläufig, fast nüchtern und ohne jemals in die Nähe der Seifenoper zu geraten. Er legt den Schwerpunkt seiner Biografie auf die Momente zu zweit, auf die Mechanik einer Beziehung, die im Verborgenen (aus)gelebt wurde: Trotz aller Zurschaustellung seines Lebensstils hielt Liberace alle Affären und auch die Liebe zu Thorson geheim. Seit den 50er-Jahren ein Bühnenstar, fand er nie den Mut zum Coming-out, da er – wohl auch zu Recht – fürchtete, sein Publikum würde sich von ihm abwenden. Er prozessierte mehrmals erfolgreich gegen Anwürfe, er sei homosexuell. Im Film sagt Lee einmal ganz trocken über seinen Manager Seymour (Dan Aykroyd): „Ich zahle ihm Millionen, damit er die Welt glauben lässt, ich würde immer noch auf die Richtige warten.“

Soderberghs Film ist eher ein Kammerspiel, optische Genüsse kommen natürlich dennoch nicht zu kurz: Das Flair des 70er-Jahre-Vegas, die irreale Welt der plüschig-protzigen Villen, der exzentrischen Bühnenshows, des Rolls-Royce-Fuhrparks und der vielköpfigen Entourage ist wunderbar eingefangen. Nicht von ungefähr waren Ausstattung, Kostüme, Hairstyling und Make-up ebenfalls für Emmys nominiert.

Michael Douglas geht ganz in seiner schwierigen Rolle auf: Zwar ist er weniger klobig gebaut als der Entertainer, hat sich aber Liberaces Bewegungen, Manierismen und Diktion mustergültig einverleibt. Er verkörpert ihn als Star, der trotz seiner Lebenslüge, trotz allen Pomps und der kosmetischen Operationen immer identisch mit sich selbst ist: Es gibt hier keine Kunstfigur, hinter der sich der „echte“ Liberace verbirgt, sondern nur eine einzige Person, und sei sie noch so widersprüchlich. „Sein typisch schräger Stil war nicht aufgesetzt, sondern seine originäre Qualität, die er immer völlig authentisch ausstrahlte“, so Douglas. Diese Eigenschaft punktgenau zu illustrieren, ist Douglas’ großes Verdienst.

Liberace Rob Lowe allein

Schönheitschirurg Dr. Startz soll sich um Scott kümmern

Nicht vergessen wollen wir Matt Damons achtbare Verkörperung des Scott Thorson, im Film ohnehin kein Nebenpart, sondern eine gleichberechtigte Hauptrolle. Drehbuchautor Richard LaGravenese und Regisseur Soderbergh stützten sich auf Thorsons 1988 veröffentlichtes Buch „Behind the Candelabra: My Life with Liberace“. Ein gutes Ende nahm es nicht mit den beiden: Thorson hatte irgendwann genug vom goldenen Käfig, Anfang der 80er verfiel er dem Kokain, die Eifersucht auf Liberaces neues „Frischfleisch“ zermürbte ihn. Auf die Trennung folgte ein hässlicher Gerichtsprozess, aus dem Thorson mit ziemlich leeren Händen hervorging.

Am Ende des Films, es ist das Jahr 1987, klingelt Scotts Telefon. Am anderen Ende ist Lee, todkrank, er hat AIDS. „Du hast mich am glücklichsten gemacht“, sagt er zu Scott. Ein schlicht und ergreifend wahrer Satz, ein Resümee ihrer gemeinsamen Jahre. Mit „Liberace“ hat Steven Soderbergh nach eigener Aussage seinen letzten Film gedreht. Ein würdiger Abschluss für ihn. Eine wunderbare Tragikomödie und tatsächlich – ein großer Liebesfilm.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Matt Damon sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 118 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Behind the Candelabra
USA 2013
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Richard LaGravenese, nach einer Vorlage von Scott Thorson und Alex Thorleifson
Besetzung: Michael Douglas, Matt Damon, Scott Bakula, Eric Zuckerman, Dan Aykroyd, Debbie Reynolds, Rob Lowe, Thure Riefenstein
Verleih: DCM Film Distribution GmbH

Copyright 2013 by Dirk Ottelübbert

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2013 DCM Film Distribution GmbH

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