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Nachtzug nach Lissabon – Es tummeln sich die Stars

06 Okt

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Von Anja Rohde

Drama // „I think it’s a good movie“, sagt Regisseur Bille August im Making-of. Das denke ich nicht. Zu viele Kitschmomente, zu wenig historischer Hintergrund, dafür berühmte Schauspieler en masse kumulieren zu einem Berg an Ärgernissen, mit denen man sich während der Filmbetrachtung herumschlagen muss.

Betrachten wir zuerst die Holzhammer-Ästhetik der im Film gezeigten Städte. In Bern, der Stadt, aus der Protagonist Raimund Gregorius (Jeremy Irons) überstürzt aufbricht, ist es grau und es regnet immer. Lissabon hingegen empfängt ihn mit schönster Sonne und hübschen Häusern, ein touristisches Fotomotiv nach dem anderen wird mir Zuseherin um die Augen gehauen. Ja, hübsch, dieses Lissabon. Aber wollte ich eine Reisereportage sehen? (Sollte es in Lissabon trotzdem mal regnen, wird man übrigens dadurch entschädigt, dass man mit Christopher Lee durch einen Garten spazieren darf.)

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Mit leichtem Gepäck im Nachtzug nach Lissabon: Raimund Gregorius

In eine ähnliche Kerbe schlagen plump gestaltete Anspielungen. Gregorius bekommt in Lissabon eine neue Brille, damit er seine Welt klarer sieht. Gregorius spielt Schach, weil er seine Recherchen ebenso bedächtig Figur für Figur abarbeitet. Man fragt sich gar, ob das tagelange Durchhalten von Gregorius‘ Handyakku auch eine tiefere Bedeutung hat, aber dieses technische Detail war den Filmemachern wohl einfach nicht so wichtig.

Was passiert? Raimund Gregorius (Jeremy Irons), alleinstehender und schwermütiger Lehrer in Bern, ist fasziniert von den lebendigen Schriften Amadeu de Prados (Jack Huston) aus den 70er-Jahren und begibt sich auf eine Reise durch dessen kurzes Leben. In Lissabon macht er Bekanntschaft mit Personen aus Prados Vergangenheit. In Rückblicken bekommen wir gezeigt, was seinerzeit geschah.

Die Rückblenden sind, zugegeben, gut gemacht. Kamerafilter sorgen für eine optisch antiquierte Anmutung, die Ausstattung ist stimmig – allerdings kann auch das nicht der Sinn des Filmes sein, dass man sich an 70er-Jahre-Klamotten und -Fahrzeugen erfreut. Denn es geht um die autoritäre Salazar-Diktatur „Estado Novo“ in Portugal, ein Regime, das grausam und gnadenlos mit seinen Kritikern umging. Folter war an der Tagesordnung, und es gab Lager, die die Häftlinge nicht lebend verlassen sollten. Das erzählt einem der Film allerdings nicht, bis auf eine Ausnahme, den Rest muss man nachlesen.

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Optikerin Mariana (Martina Gedeck) versteht Gregorius

Prado war einer der Widerstandskämpfer. Er geriet dadurch in die Kritik seiner Genossen, dass er als Arzt einem Regime-Verantwortlichen das Leben rettete. Die romantische Faszination, die Lehrer Gregorius den damaligen Kämpfern gegenüber entwickelt, ist fast schon peinlich. Er findet sie so lebendig, ist berührt von der Energie, sich für etwas einzusetzen, beneidet sie gar um ihr abenteuerliches Leben. Doch redet er dabei über Personen, die heute entweder tot sind, zertrümmerte Hände haben oder zu tragischen Figuren geworden sind.

Filme sind gut, wenn sie zeigen, um was es geht, ohne langatmig das Wie und das Warum zu erklären. Im „Nachtzug nach Lissabon“ wird immer wieder durchgekaut, wie die Geschichte abgelaufen ist. Weil der Protagonist seine Puzzleteilchen zusammensuchen muss – aber ob das andauernde Hin- und Herspringen zwischen Heute und Damals und die damit verbundenen ständigen Dopplungen wirklich nötig sind?

So hat man in diesen Erklärbär-Rückblenden viel zu viel Zeit, die nicht immer gelungenen Jung- und Altversionen der Protagonisten zu vergleichen. Prados Schwester Adriana wird von Beatriz Batarda (jung) und Charlotte Rampling (alt) gespielt, der Mentor Pater Bartolomeu von Filipe Vargas und Christopher Lee, Widerstandskämpfer João Eça von Marco D‘Almeida und Tom Courtenay (die sich wirklich ähnlich sehen – oder liegt’s daran, dass er immer noch die gleiche Jacke zu tragen scheint?) und die Geliebte Estefânia von Mélanie Laurent und Lena Olin. Ein massives Aufgebot an Top-Mimen, das für meinen Geschmack gar nicht notwendig gewesen wäre. Der Eindruck drängt sich auf, dass man hierbei nur solchigen schinden wollte. – Die meiste Zeit des Filmes verbrachte ich also damit, mich zu fragen, ob August Diehl (die junge Version von Prados bestem Freund Jorge O‘Kelly) glücklich darüber ist, im Alter aussehen zu sollen wie Bruno Ganz.

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Pater Bartolomeu (r.) weiß über Prado zu berichten

Die wilde Mischung aus Schauspielern unterschiedlicher Länder führt in der Originalversion des Filmes zu unschönen Versuchen, Englisch mit irgendeinem klangvollen, vermutlich portugiesischen Akzent zu sprechen. Daher ist die deutsche Synchronfassung zu empfehlen. Die deutschen Darsteller haben sich selbst nachgesprochen, die anderen treten mit ihren bekannten Synchronstimmen auf.

In weiten Teilen hält sich der Film an den Roman von Pascal Mercier von 2004, einige Sequenzen sind gestrafft, wichtige Passagen eins zu eins übernommen. Verwunderlich, dass bei dieser Romantreue der Schluss ganz anders ist, eventuell sogar im Widerspruch steht zum eigentlichen Romanende? Aber nein, auch Mercier ist im Making-of zu sehen, und auch er zeigt sich begeistert. Dann ist ja alles gut.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jeremy Irons und/oder Christopher Lee sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 30. September als Blu-ray und DVD

Länge: 110 Min. (Blu-ray), 107 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte, Deutsche Hörfilmfassung für Sehgeschädigte
Originaltitel: Nighttrain to Lisbon
D/CH/PORT 2013
Regie: Bille August
Drehbuch: Greg Latter, Ulrich Herrmann, nach dem Roman von Pascal Mercier
Besetzung: Jeremy Irons, Mélanie Laurent, Jack Huston, Martina Gedeck, Tom Courtenay, Bruno Ganz, August Diehl, Lena Olin, Burghart Klaußner, Charlotte Rampling, Christopher Lee
Zusatzmaterial: Making-of, Trailer (Deutsch & Englisch), Wendecover
Vertrieb: Concorde Home Entertainment

Copyright 2013 by Anja Rohde
Fotos & Packshot: © 2013 Concorde Home Entertainment

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