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The Act of Killing – Die Mörder sind unter uns

13 Nov

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The Act of Killing

Kinostart: 14. November 2013

Es ist verboten zu töten; deshalb werden Mörder bestraft, es sei denn, sie töten in großer Zahl und zum Klang der Fanfaren. (Voltaire zugeschriebenes Zitat, zu Beginn des Films eingeblendet)

Geschichts-Doku // Indonesische Militäreinheiten und paramilitärische Todesschwadronen ermordeten nach dem Bewegung 30. September genannten Putschversuch 1965 und 1966 etwa eine Million Menschen (Angaben schwanken zwischen 500.000 und drei Millionen). Die Opfer der Massaker waren meist Kommunisten, vermeintliche Kommunisten oder Angehörige der chinesischen Minderheit des Landes. Bei dem Putschversuch waren sechs Generäle des indonesischen Militärs ermordet worden, die Taten waren den Kommunisten angelastet worden. Ob das tatsächlich der Fall war, ist bis heute zweifelhaft: Die wahren Hintergründe sind nie aufgeklärt, die Beteiligten an den Massakern nie zur Rechenschaft gezogen worden.

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Unbehelligt zeigen sich die Täter in der Öffentlichkeit

Der Dokumentarfilmer Joshua Oppenheimer hat „The Act of Killing“ mit zwei Ko-Regisseuren in den Jahren 2005 bis 2011 gedreht. Er ist den Mördern sehr nah gekommen und hat ihr Vertrauen gewonnen. Strafverfolgung haben sie ohnehin nicht zu befürchten. Im Fokus steht Anwar Congo, ein Kleinkrimineller, der 1965 zum Führer einer der Todesschwadronen aufstieg und eigenhändig eine Vielzahl von Menschen ermordet hat. Aus den Todesschwadronen ging die heute noch existente und in Indonesien hoch angesehene paramilitärische Organisation Permuda Pancasila hervor. Anwar Congo gilt als einer ihrer Gründer.

Erst Verhör, dann Ermordung

Es ist erschreckend, mit welcher Beiläufigkeit die Täter bereitwillig Auskunft geben. Den Zeitungsverleger Ibrahim Sinik bezeichnen seine Spießgesellen von damals als „Star“. Auf die Frage nach dem Verhören von Kommunisten erwidert ein freundlicher alter Herr, Sinik habe stets die Informationen aus den Gefangenen herausgeholt und danach „schuldig“ gesagt. Daraufhin hätten sie die Verhörten beiseite geführt und getötet. Sinik selbst gibt an, dass es letztlich egal gewesen sei, was die Kommunisten geantwortet hätten. Er hätte die Antworten ohnehin so verdreht, wie es ihm passte. Als Zeitungsverleger sei es seine Aufgabe gewesen, dafür zu sorgen, dass die Öffentlichkeit die Kommunisten hasse. Anwar Congo tritt gar als Stargast in einer indonesischen TV-Show auf und hat keinerlei Hemmungen, dort darüber zu sprechen, dass er damals Kommunisten getötet hat.

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Massenmörder lassen sich zu Opfern schminken

Regisseur Oppenheimer verwendet keinerlei Archivaufnahmen, sondern ausschließlich selbst gedrehtes Material. Er bedient sich eines besonderen Kniffs: Die Massenmörder von damals stellen ihre Taten nach und lassen sich dabei filmen. Sie sind Filmfans und bedienen sich in der Inszenierung verschiedener Genres, etwa dem Gangsterfilm und dem Western. Die Beteiligten haben Spaß daran, ein Unrechtsbewusstsein ist nur selten zu beobachten.

Dem Täter kommen die Tränen

Ausgerechnet Anwar Congo als einer der Haupttäter ist es, der in einer Schlüsselszene des Films einen Anflug von Gewissen zeigt, nachdem er selbst als Opfer einer Hinrichtung durch Strangulierung agiert hat. Die fertiggestellte – brutale – Szene zeigt er noch stolz seinen minderjährigen Enkelsöhnen. Dann behauptet er, nun fühlen zu können, was seine Opfer gefühlt haben. Filmemacher Joshua Oppenheimer gelingt an dieser Stelle glücklicherweise die Wahrung der Distanz. Seine Entgegnung: Die Menschen, die Anwar Congo gefoltert habe, hätten sich viel schlimmer gefühlt. Anwar Congo habe gewusst, dass es nur ein Film sei, seine Opfer hingegen hätten gewusst, dass sie getötet werden würden. Den Tränen nah scheinend, beginnt der Mörder Reuevolles vor sich hin zu stammeln, doch Mitleid kommt beim Zuschauer nicht auf – ein Verdienst des Regisseurs.

Überlebende Opfer oder Angehörige von Ermordeten kommen nicht zu Wort. Das kann man für bedauerlich halten, aber anscheinend wäre es schwierig gewesen, deren Sicherheit zu gewährleisten – ein gruseliger Gedanke angesichts dessen, dass Indonesien ein beliebtes Tourismusziel ist. Obwohl zwangsläufig Indonesier am Dreh beteiligt gewesen sein müssen, finden sich in den Credits des Films mit Ausnahme der vor der Kamera agierenden Täter keine indonesischen Namen, stattdessen liest man einige Male die Bezeichnung „Anonymous“. Würden sie nach Fertigstellung des Films womöglich als Nestbeschmutzer verfolgt werden? Will man wirklich in einem solchen Land Urlaub machen?

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Bizarre Bilder entstehen

„The Act of Killing“ wurde mehrfach prämiert. U. a. erhielt die Doku bei der Berlinale 2013 den Panorama-Preis der Ökumenischen Jury und den Panorama-Publikumspreis. Manch ein Rezensent hat die visuelle Anmutung des Films als surreal bezeichnet. Das trifft es nicht ganz, ist aber ver- ständlich. Es gibt einzelne Szenen mit surrealer Anmutung, speziell wenn das gewählte Genre der Inszenierung durch die Täter ein Musical ist. Dennoch rührt das surreale Empfinden meines Erachtens nicht daher. Womöglich machen es eher die fremdartigen Bilder aus Fernost aus, die in diesem Fall nichts mit Urlaub auf Bali zu tun haben. Hinzu kommt die Selbstverständlichkeit der Protagonisten, derart offen über das eigene Dasein als Massenmörder zu sprechen. Die erwähnten für Filmaufnahmen nachgestellten Szenen der Morde tun – grotesk, wie sie sind – ihr Übriges dazu. Die Kombination all dessen ist vielleicht für unseren Realitätssinn schwer zu begreifen. So oder so: ein wichtiger Film, der es verdient hat, gesehen zu werden, und ein bedeutender Beitrag zur wohl nie zu beantwortenden Frage, was aus freundlichen Menschen mit moralischen Empfindungen Mörder, gar Massenmörder macht. „The Act of Killing“ lässt frösteln.

In Deutschland kommt leider nicht die 159 Minuten dauernde Langfassung in die Kinos, sondern eine knapp zweistündige Version. Der Film läuft nur in ausgewählten Kinos, eine Liste gibt’s hier.

Länge: 115 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Act of Killing
DK/NOR/GB 2012
Regie: Joshua Oppenheimer, Anonymous, Christine Cynn
Drehbuch: Joshua Oppenheimer
Mitwirkende: Anwar Congo, Haji Anif, Syamsul Arifin, Sakhyan Asmara
Verleih: Wolf / Neue Visionen Filmverleih

Copyright 2013 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2013 Wolf Consultants

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2 Kommentare

Verfasst von - 2013/11/13 in Film, Kino, Rezensionen

 

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2 Antworten zu “The Act of Killing – Die Mörder sind unter uns

  1. Paul Iden

    2014/03/19 at 00:09

    Von Filmen dieser Art gibt es leider viel zu wenige. Der Grund ist vielleicht mangelnder Mut oder die Peinlichkeit zur Aufarbeitung der Geschichte. Dass es menschliche Bestien gibt, die andere Menschen aus perverser Lust foltern und töten, ist schon immer in der Erbmasse vorhanden gewesen und nur durch hohe Bildung in den jeweiligen Gesellschaftsformen in Schach zu halten. Einen Beitrag hierzu könnten allerdings auch die Weltreligionen leisten, die meisten haben ja bereits den Satz „Du sollst nicht töten“, seit hunderten von Jahren in Ihrem Programm.

     
    • Matthias

      2014/03/20 at 09:48

      Ich würde dir da gern widersprechen. Ich glaube nicht, dass Bildung der einzige Faktor ist, der ein solches Verhalten gebärt. Es gibt auch gebildete Menschen, die vermutlich gern foltern und töten. Im Umkehrschluss würde das ja bedeuten, dass es in „ungebildeten“ Gesellschaften, wie z. B. Nomadenstämmen, an der Tagesordnung wäre, sich gegenseitig zu foltern.
      Des Weiteren finde ich die Ansicht, „das Böse“ sei in der Erbmasse des Menschen vorhanden – sprich: es gibt ein bestimmtes Gen, das uns zu bösem Verhalten zwingt – reichlich absurd. Oder war das als Metapher gemeint?
      Leider haben die Weltreligionen auch seit hunderten von Jahren in ihrem Programm, dass sie ihre Regeln konsequent selbst brechen. Vor allem das mit dem „Du sollst nicht töten“ wurde im Laufe der Menschheitsgeschichte gern mal aus den Köpfen gestrichen.

       

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