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JFK – John F. Kennedy – Tatort Dallas (Director’s Cut): Futter für Verschwörungsfans

22 Nov

JFK_BR-PackshotPolitthriller // Zum 50. Mal jährt sich am 22. November 2013 der Tag des Attentats auf John F. Kennedy. Der US-Präsident war an jenem Tag des Jahres 1963 in Dallas in einer Limousine mit offenem Verdeck erschossen worden. Rechtzeitig zu Kennedys 50. Todestag ist Oliver Stones überlange Aufarbeitung des nationalen Traumas der USA bei uns erstmals auf Blu-ray erschienen. „JFK“ kommt im 205 Minuten langen Director’s Cut, den der Regisseur seinerzeit für die Heimkino-Auswertung erstellt hatte.

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Ist Lee Harvey Oswald (M.) Kennedys Mörder?

Der Film beginnt mit einem kurzen Abriss von Kennedys politischer Aktivität seit der Präsidentschaftswahl am 8. November 1960, die er denkbar eng mit einem Vorsprung von nur etwas mehr als 100.000 Stimmen gegenüber seinem Herausforderer Richard Nixon gewonnen hatte. Anhand von Originalaufnahmen werden als Eckpunkte von Kennedys Präsidentschaft genannt: die Invasion in der Schweinebucht 1961, die Kubakrise 1962, das geheime militärische Engagement der USA im Bürgerkrieg in Laos sowie der Vietnamkrieg. Diverse Verschwörungstheorien zur Ermordung Kennedys gehen darauf zurück, der Präsident habe sich mit seiner Haltung zu diesen Themen und seinen diesbezüglichen Äußerungen und Entscheidungen mächtige Feinde geschaffen.

Staatsanwalt Jim Garrison als Hauptfigur

Das Drehbuch zu „JFK“ beruht auf Jim Garrisons Buch „On the Trail of the Assassins“ und Jim Marrs’ Buch „Crossfire: The Plot That Killed Kennedy“. Die Hauptfigur bei Oliver Stone ist dann auch Jim Garrison (Kevin Costner), seinerzeit Staatsanwalt in New Orleans, wo der mutmaßliche Kennedy-Mörder Lee Harvey Oswald (Gary Oldman) einige Monate vor dem Attentat hingezogen war. Garrison entdeckt Ungereimtheiten, doch die zur Aufklärung des Mordes gebildete Warren-Kommission kommt zu dem Schluss, der mittlerweile vom Nachtclub-Besitzer Jack Ruby erschossene Oswald sei ein Einzeltäter gewesen.

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Senator Long (r.) weckt Garrisons Zweifel

Drei Jahre später nimmt Garrison mit seinem Team (u. a. Michael Rooker, Jay O. Sanders) die Ermittlungen wieder auf, nachdem der Staatsanwalt bei einem zufälligen Gespräch mit dem US-Senator Russell B. Long (Walter Matthau) erfahren hat, dass der Warren-Report nicht überall für bare Münze genommen wird. Speziell die tödlichen Schüsse selbst werfen für Garrison diverse Fragen auf. Kann Oswald überhaupt innerhalb von sechs oder sieben Sekunden drei Schüsse abgegeben haben, von denen zwei präzise Treffer waren? Deuten die Wunden von Kennedy und des vor ihm im Auto sitzenden texanischen Gouverneurs John Connally nicht eher auf mehrere Schüsse aus verschiedenen Richtungen? Konnte eine der angeblich drei abgefeuerten Kugeln wirklich sieben verschiedene Verletzungen an Kennedy und Connally verursacht haben und sich dabei überhaupt nicht verformt haben, wie aus dem Warren-Report zu schließen sei? Es müsste eine geradezu magische Kugel sein. Was ist mit den vielen Zeugen, die Schüsse aus anderen Richtungen gehört haben wollen?

Über die Beschäftigung mit dem Fall beginnt Garrison seine Frau Liz (Sissy Spacek) und seine Kinder zu vernachlässigen. Der Staatsanwalt und seine Leute ermitteln wie besessen und gelangen zu der Überzeugung, einer Verschwörung der CIA auf der Spur zu sein. Gegen viele Widrigkeiten und Gegner gelingt es Garrison schließlich, einen an Kennedys Ermordung mutmaßlich Beteiligten anzuklagen: Clay Shaw (Tommy Lee Jones), einen Geschäftsmann aus New Orleans.

Verdiente Oscars für Kamera und Schnitt

Oliver Stone hat hervorragend recherchiert und beim Dreh zweifellos ebenso akribisch gearbeitet wie der echte Jim Garrison bei dessen Ermittlungen. Die beiden Oscars für Kamera und Schnitt sind hochverdient. Virtuos werden Originalaufnahmen und gedrehte Szenen miteinander vermischt. Beispielhaft genannt seien Szenen mit Gary Oldman in der Rolle von Lee Harvey Oswald als schwarzweißes Bild in Fernsehgeräten. Auch Originalbilder der tödlichen Treffer werden gezeigt und darin zu sehende Hinweise thematisiert. Abraham Zapruder, ein Zuschauer auf einem Betonpodest am Straßenrand, hatte die Präsidentenlimousine und die tödlichen Treffer mit seiner Amateurkamera gefilmt. Welche Szenen authentisch und welche nachgedreht sind, ist für den Zuschauer gelegentlich kaum oder gar nicht nachzuvollziehen. Am Rande bemerkt: Anders als es das in dieser Rezension gezeigte Bildmaterial vermuten lässt, ist der Film hauptsächlich in Farbe gehalten.

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Der Staatsanwalt (r.) und sein Team stürzen sich in ihre Ermittlungen …

Außer den bereits genannten Darstellern bevölkern weitere namhafte Schauspieler den Film: In der Original-Sprachfassung ist Martin Sheen als Sprecher des Monologs zum Einstieg des Films zu hören. Jack Lemmon spielt den Zeugen Jack Martin, der beim Prozess gegen Clay Shaw als Zeuge aussagte. Kevin Bacon agiert in der Rolle des Strichers Willie O’Keefe, einer fiktiven Figur, die Garrison Hinweise auf Shaw liefert. Joe Pesci verkörpert den windigen David Ferrie, Garrisons Hauptbelastungszeugen gegen Shaw. John Candy ist in der Rolle von Dean Andrews zu sehen, eines Anwalts, der vor der Warren-Kommission ausgesagt hatte. Donald Sutherland schließlich ist als geheimnisvoller Informant X zu sehen, eine ebenfalls fiktive Figur. Viele Schauspieler waren bereit, zu deutlich geringerer Gage als üblich am Film mitzuwirken.

Der Director’s Cut enthält unter anderen zusätzliche Szenen mit Personen aus der Vergangenheit des mutmaßlichen Attentäters Lee Harvey Oswald. Auch die Beziehungen innerhalb des Ermittlerteams von Jim Garrison werden vertieft. Ein ausführlicher Vergleich zwischen beiden Fassungen findet sich bei Schnittberichte. Dem dort zu findenden Fazit, der Director’s Cut sei die empfehlenswertere Version, schließe ich mich an. Die Kinofassung ist ohnehin nur auf DVD erschienen. „JFK“ ist trotz seiner Länge zu keiner Sekunde langweilig, sondern ein hochspannender Politthriller, der von Anfang bis Ende viel Aufmerksamkeit verlangt, die er auch verdient hat.

Manipuliert Oliver Stone die Zuschauer?

Gab es an der cineastischen Qualität des Films nichts auszusetzen, so rief er nach seinem US-Kinostart im Dezember 1991 doch überaus kontroverse politische Reaktionen hervor. Oliver Stone sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, auf unzulässige Weise Fakten und Fiktion miteinander zu vermengen und seine Zuschauer so zu manipulieren. Das kann man als Filmemacher allerdings auch als Kompliment aufnehmen.

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… und finden in Clay Shaw (l.) einen Verdächtigen

So oder so ist „JFK“ ein Fest für Verschwörungstheoretiker und als Melange verschiedener Thesen zu Attentat und möglichen Hintermännern letztlich womöglich doch ein Abbild der Realität, und sei diese Realität auch nur Konstrukt einiger Theorien. Ob Oswald ein Einzeltäter war oder tatsächlich eine Verschwörung zur Ermordung Kennedys geführt hat, darüber dürfen sich andere den Kopf zerbrechen. In Zeiten des Internets ist mit einem Abebben der Thesen zu den Ereignissen vom 22. November 1963 wohl kaum zu rechnen. Oliver Stone hat mit seinem Film schon 1991 einen meisterhaften Beitrag dazu geliefert.

Die 486 Einzelbilder des Zapruder-Films vom Attentat sind online einsehbar. Allein diese 26,6 Sekunden und speziell der in Frame 313 zu sehende tödliche Kopftreffer sind über die Jahre zum Gegenstand zahlloser Untersuchungen und Grundlage verschiedener Theorien und Kontroversen geworden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Oliver Stone sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Donald Sutherland unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 8. November 2013 als Blu-ray

Länge: 205 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch, Italienisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte, Spanisch, Italienisch, Türkisch, Holländisch, Dänisch, Norwegisch, Schwedisch, Finnisch, Portugiesisch u. a.
Originaltitel: JFK
USA/F 1991
Regie: Oliver Stone
Drehbuch: Oliver Stone, Zachary Sklar, nach den Büchern „On the Trail of the Assassins“ von Jim Garrison und „Crossfire: The Plot That Killed Kennedy“ von Jim Marrs
Besetzung: Kevin Costner, Edward Asner, Jack Lemmon, Vincent D’Onofrio, Gary Oldman, Sissy Spacek, Michael Rooker, Joe Pesci, Walter Matthau, Ron Jackson, Pruitt Taylor Vince, Tommy Lee Jones, Thomas Milian, John Candy, Kevin Bacon, Donald Sutherland, Dale Dye, Bob Gunton, John Finnegan
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Oliver Stone, Fakten und Verschwörungstheorien: Die Hintergründe des Films, Entfallene und erweiterte Szenen mit optionalem Kommentar von Oliver Stone, Multimedia-Essays (Die Freigabe der Akten, Der echte Mr. X), Original Kinotrailer
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2013 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2013 Twentieth Century Fox Home Entertainment

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