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Carrie gegen Carrie: Welch Frage – natürlich gewinnt das Original

02 Dez

Carrie_Hauptplakat

Carrie

Kinostart: 5. Dezember 2013

Von Volker Schönenberger

Horror // Schon gut, schon gut – im Detail bemüht sich das Remake des 1976er-Horrorklassikers durchaus um Eigenständigkeit. Ein Prolog zeigt erstmals die Geburt von Carrie. Ihre Mutter Margaret White (Julianne Moore) bringt das Baby in aller Einsamkeit daheim zur Welt, will es anschließend töten, sieht aber davon ab. Überhaupt ist speziell Carries Mutter etwas vielschichtiger angelegt als in Brian De Palmas Verfilmung. Margaret ist nicht nur eine religiöse Fanatikerin, sondern leidet offenbar auch an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung inklusive Hang zur Selbstverletzung. Das ist überzeugend gespielt, keine Frage, Julianne Moore ist dafür versiert genug; dennoch wäre es völlig ausreichend gewesen, die Weltfremdheit der Frau durch einen verzerrten religiösen Fanatismus zu erklären, wie es in der ersten Verfilmung des Stephen-King-Romans der Fall war.

Carrie (Chloë Grace Moretz), der Ermordung durch die eigene Mutter unmittelbar nach der Geburt knapp entronnen, ist zu einem hübschen Teenager herangewachsen, doch die streng religiöse Erziehung durch ihre Mutter hat die Vaterlose zur Außenseiterin gemacht, die von ihren Mitschülern und – vornehmlich – Mitschülerinnen gehänselt wird. Sie ist obendrein völlig unaufgeklärt und gerät ob ihrer ersten Menstruation unter der Gemeinschaftsdusche nach dem Sportunterricht in Panik, woraufhin ihre Mitschülerinnen sie verspotten und mit Tampons und Binden bewerfen. Einzig Sue Snell (Gabriella Wilde) wird ihr Tun kurz darauf bereuen, die Wortführerin Chris (Portia Doubleday) hingegen hat die Demütigung sogar mit ihrem Smartphone mitgeschnitten und stellt den Film ins Internet (noch so ein Versuch der Eigenständigkeit bzw. Modernisierung des Plots).

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Carrie freut sich auf den Abschlussball

Derweil entdeckt Carrie ihre telekinetischen Fähigkeiten: Sie kann Gegenstände mit der Kraft ihrer Gedanken bewegen. Nach und nach findet sie Gefallen an dieser Gabe und perfektioniert sie. Die vom schlechten Gewissen geplagte Sue überredet inzwischen ihren Freund Tommy Ross (Ansel Elgort), Carrie statt ihrer zum Abschlussball einzuladen – Gelegenheit für die vom Ball ausgeschlossene Chris, Carrie eine üble Lektion zu erteilen.

Kimberly Peirce hat 1999 mit dem verstörenden White-Trash-Drama „Boys Don’t Cry“ bewiesen, dass sie eine hervorragende Regisseurin ist, Hilary Swank damit zu ihrem ersten Oscar und Chloë Sevigny immerhin zu einer Oscar-Nominierung verholfen. Und natürlich ist ihre Version von „Carrie“ kein schlechter Film, sondern gut gespielt, fesselnd und bisweilen beklemmend. Aber Peirces „Carrie“ mangelt es zwangsläufig an Eigenständigkeit, zumal etliche Elemente einfach Kopien des Originals sind. Genannt seien hier beispielhaft die bereits erwähnte Demütigung unter der Dusche, der Eimer Schweineblut und die Kreuzigung mit allerlei Haushalts-Gerätschaften.

Peirce ist seit langer Zeit mit dem Regisseur des Originals befreundet. Dem Vergleich mit Brian De Palmas Werk muss sie sich stellen, und natürlich ist es keine Frage, dass sie scheitert, wenn auch auf hohem Niveau. Was De Palma mit Schnitttechnik, Kameraführung und Einsatz von Musik allein in die Szene der Krönung der Prom Queen nebst anschließendem Inferno gelegt hat, ist Suspense in Perfektion und schlechterdings nicht zu erreichen, schon gar nicht zu übertreffen.

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Dieses Mädchen sollte man nicht ärgern

Einen Vergleich mit dem Original müssen sich auch die beiden Hauptdarstellerinnen des Remakes gefallen lassen – er fällt immerhin achtbar aus. Chloë Grace Moretz und Julianne Moore sind hervorragende Schauspielerinnen und füllen ihre Rollen glaubwürdig mit Leben. Über die von mir oben erwähnte Kritik an Moores Darstellung von Margaret White als über religiösen Fanatismus hinaus psychisch kranke Frau sehe ich an dieser Stelle gern hinweg. Dass die Carrie von Moretz niedlicher ist als es Sissy Spaceks Verkörperung 1976 war, dafür kann der aus den „Kick Ass“-Filmen bekannte Nachwuchsstar nichts. Spaceks etwas gebrochenes Äußeres verlieh ihrer Carrie eine unheimliche Aura, die Moretz kaum erreichen kann. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass die Figur mittlerweile eine Ikone des Horrorgenres ist und ihre Verkörperung in einem Remake da gar nicht gegen anstinken kann. Belassen wir’s dabei, dass Moretz und Moore im Remake souveräne Leistungen abliefern.

Die erwähnten Kritikpunkte lassen sich grob als mangelnde Originalität zusammenfassen. Das ist für ein Remake keine Überraschung und muss niemanden vom Gang ins Kino abhalten – dort erwartet die Zuschauer ein akzeptabler Horrorstreifen mit guter Ausstattung und gelungenen, auch blutigen Effekten. Wer das Original nicht kennt oder lange nicht gesehen hat, hole das schleunigst nach, und zwar vor dem Gang ins Kino. Wer sich entscheiden muss, entscheide sich für das Original. Allerdings spricht an sich nichts gegen eine Sichtung beider Versionen. Ignorieren kann man ja beispielsweise die mittlere Variante von 2002.

Stephen King bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Carrie – Des Satans jüngste Tochter (1976)
Shining (1980, geplant)
Christine (1983)
Dead Zone (1983)
Werwolf von Tarker Mills (1985)
Manchmal kommen sie wieder (1991)
Stephen Kings Stark – The Dark Half (1993)
Carrie (2013)
Mercy – Der Teufel kennt keine Gnade (2014)
Stephen King’s A Good Marriage (2014)
11.22.63 – Der Anschlag (2016)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Julianne Moore und/oder Chloë Grace Moretz sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet.

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
USA 2013
Regie: Kimberly Peirce
Drehbuch: Lawrence D. Cohen, Robert Aguirre-Sacasa, nach dem Roman von Stephen King
Besetzung: Chloë Grace Moretz, Julianne Moore, Gabriella Wilde, Portia Doubleday, Ansel Elgort
Verleih: Sony Pictures Releasing GmbH

Copyright 2013 by Volker Schönenberger

Fotos & Trailer: © 2013 Sony Pictures Releasing GmbH

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