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Inside Llewyn Davis – Melancholisch, musikalisch, meisterhaft

03 Dez
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Der Folk ist Llewyns ganzes Leben

Kinostart: 5. Dezember 2013

Gastrezension von Dirk Ottelübbert

Tragikomödie // Eine Winternacht in New Yorks Greenwich Village, 1961. Im schummrigen Club „Gaslight Café“ singt ein junger Mann mit schwarzem Vollbart einen Folksong. „Hang Me, Oh Hang Me“, barmt Llewyn Davis (Oscar Isaac) in sich versunken, singt davon, dass ihm das Hängen wenig ausmache, nur das lange Liegen im kalten Grab. Eindringlich klingt das, wenn auch vielleicht nicht charismatisch.

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Llewyn hat Mr. Gorfeins Stubentiger eingefangen

Dieser Llewyn Davis liebt seine Musik. Aber sie ernährt ihn nicht. Der Bohemian ist chronisch pleite, jeden Tag muss er Freunde und Bekannte um einen Schlafplatz anschnorren. Sein einstiger Duett-Partner starb durch Selbstmord, Manager Mel, der vergebens versucht hat, Llewyns Album „Inside Llewyn Davis“ zu vermarkten, gibt ihm ein paar Scheine für einen Wintermantel. Seine Bekannte Jean (Carey Mulligan), die mit ihrem Mann Jim (klasse Nebenrolle: Justin Timberlake) erfolgreiche Weichspül-Folkballaden trällert, ist schwanger – vielleicht von Llewyn. „Alles, was du anpackst, verwandelt sich in Scheiße“, raunzt Jean ihn einmal an. Scheint leider zu stimmen. Zu allem Überfluss muss Llewyn auch noch der ausgebüxten Katze seines väterlichen Freundes Mr. Gorfein (Ethan Phillips) nachjagen, um die er sich kümmern sollte.

Gar zu gern schubsen die Regiebrüder Joel und Ethan Coen ihre meist männlichen Hauptfiguren durch die absurden Widrigkeiten des Lebens, sei es Nicolas Cage in „Arizona Junior“ (1987), John Turturro in „Barton Fink“ (der den Coens in Cannes 1991 die Goldene Palme einbrachte) oder Jeff Bridges alias „The Dude“ in „The Big Lebowski“ (1998). Auch über Llewyn Davis wird in einer einzigen Woche seines Lebens ein Riesenkübel an Pech und Missgeschicken ausgeschüttet. Allerdings ist er stoisch – und narzisstisch – genug, das über sich ergehen zu lassen und immer wieder aufzustehen. Wunderbar, wie dieser gar nicht so sympathische Versager unser Herz anrührt, wunderbar, wie Oscar Isaac ihn spielt (und singt)!

Der Film an sich beschreibt eine Kreisbewegung, lässt den armen Musiker am Ende da ankommen, wo er begonnen hat. Ethan Coen hat „Inside Llewyn Davis“ eine „Art Odyssee“ genannt, in der „der Held nirgendwo hingeht.“

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The Freewheelin‘ Llewyn Davis: allein im kalten Village

Die Coen-Brüder machen dieses Mal hauptsächlich in Melancholie – ein lieber Kollege meinte, der Film habe ihn „eher heruntergezogen“. Dabei kommt der groteske Humor keineswegs zu kurz. John Goodman setzt – wie könnte es anders sein? – ein herrliches darstellerisches Ausrufezeichen als arroganter Jazzmusiker Roland Turner. Dieser Turner lässt Llewyn in seiner Limousine nach Chicago mitfahren – Llewyn will beim Impresario Bud Grossman (F. Murray Abraham) vorspielen – und lästert dabei wortgewaltig über die talentlosen Folk-Jammerlappen ab. Nebenbei gefragt: Ob Llewyn Erfolg haben wird bei seinem Vorsingen? Dreimal dürfen Sie raten.

Das Komischste und zugleich Irritierendste der Coenschen Tragikomödie: Im Umfeld der aufblühenden Folkmusik-Szene des Jahres 1961 angesiedelt, beleuchtet sie ein nicht unwichtiges Kapitel der Musikgeschichte, blendet aber knapp vor dem Umschwung aus. Nichts ist zu spüren von der Aufbruchstimmung jener Zeit, als die Jungen den Traditionalisten und Schmuse-Folkies gleichermaßen das Heft aus der Hand nahmen. Der „Messias“ der neuen Szene, Bob Dylan, ist lediglich gut für einen Schluss-Gag. „Der Film stellt die Erwartung so gnadenlos auf den Kopf, dass er beinahe auf einen philosophischen Witz hinausläuft: Was ist schlimmer, als die Zeichen der Zeit zu verpassen? Ihr fünf Minuten voraus zu sein“, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“.

Eine Musiker-Bio mit einem Erfolglosen als Hauptfigur – „Inside Llewyn Davis“ ist in seinem Genre fast ein Anti-Film. Joel und Ethan Coen orientierten sich bei ihrem Drehbuch (sehr) lose an „The Mayor of MacDougal Street“, den Memoiren des 1936 geborenen Folkmusikers Dave Van Ronk, der unter anderem das Album „Inside Dave Van Ronk“ (1963) veröffentlichte, zeitlebens aber ein Geheimtipp blieb. Van Ronk starb 2002, in Greenwich Village ist eine Straße nach ihm benannt. Immerhin.

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Jean und Jim trällern im „Gaslight Café“

Warm empfohlen sei der seit Anfang November erhältliche Soundtrack. Unter den wachsamen Produzenten-Ohren von Musiklegende T-Bone Burnett und unterstützt von u. a. Marcus Mumford (Mumford & Sons), singen Oscar Isaac, Justin Timberlake und Carey Mulligan neu arrangierte Folk-Klassiker und Traditionals. Unter den insgesamt 14 Songs findet sich auch „Green Green Rocky Road“ vom erwähnten Dave Van Ronk, und ja, Dylan ist auch dabei mit „Farewell“. T-Bone Burnett verantwortete für die Coens schon die Musik für „O Brother Where Art Thou“ und zeigte sich auch von dieser Zusammenarbeit begeistert: „Jeder andere Produzent, jeder TV-Sender hätte sich geweigert, einen Film in einem dunklen Raum zu beginnen – mit einem dreiminütigen Song. Spätestens nach 30 Sekunden hätten die weggeschnitten. Oder vermutlich den ganzen Song gestrichen und durch einen Flugzeugabsturz ersetzt!“

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Adam Driver, John Goodman und/oder Oscar Isaac sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 104 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
USA/F 2013
Regie: Joel & Ethan Coen
Drehbuch: Joel & Ethan Coen
Besetzung: Oscar Isaac, Carey Mulligan, Justin Timberlake, Ethan Phillips, Robin Bartlett, Stark Sands, John Goodman, F. Murray Abraham, Adam Driver
Verleih: Studiocanal GmbH

Copyright 2013 by Dirk Ottelübbert

Fotos & Trailer: © 2013 Studiocanal

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