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Das Pendel des Todes – Poe wäre zufrieden

04 Dez

Pendel-PS

Pit and the Pendulum

Von Volker Schönenberger

The vibration of the pendulum was at right angles to my length. I saw that the crescent was designed to cross the region of the heart. It would fray the serge of my robe – it would return and repeat its operations – again – and again. (aus Edgar Allan Poe: The Pit and the Pendulum)

Horror // Eine halbmondförmige große Stahlklinge schwingt an einem Pendel hin und her. Ein darunter befindlicher Gefangener muss – auf einem Holzgestell gefesselt – entsetzt ansehen, wie es sich quälend langsam zu ihm herabsenkt – Zentimeter für Zentimeter, so positioniert, dass es ihm auf Höhe des Herzens den Brustkorb durchtrennen wird.

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Don Nicholas ist von seiner Frau verzaubert

Edgar Allan Poes Erzählung von der Grube und dem Pendel spielt in Toledo zum Ende der Spanischen Inquisition. Der Schriftsteller und Drehbuchautor Richard Matheson hat daraus lediglich das Motiv des Pendels übernommen und eine ganz andere Geschichte erschaffen, die der legendäre Horror-Regisseur Roger Corman filmisch umgesetzt hat. Cormans Poe-Zyklus, zu dem auch „Die Maske des Roten Todes“ gehört, erfreut sich nach wie vor ungebrochener Beliebtheit und bietet mit Ausnahme von „Lebendig begraben“ gute Gelegenheit, die herrlich exaltierte Schauspielkunst von Vincent Price zu bewundern.

Der Grandseigneur des Horrorfilms spielt den spanischen Adligen Nicholas Medina, der mit seiner Schwester Catherine (Luana Anders) im 16. Jahrhundert ein an rauen Klippen gelegenes Schloss bewohnt. Don Nicholas trauert um seine Ehefrau Elizabeth (Barbara Steele), die dem Hausarzt Dr. Leon (Antony Carbone) zufolge an einer seltenen Blutkrankheit starb. Elizabeths mittlerweile im Schloss eingetroffener Bruder Francis (John Carr) gibt sich mit dieser Erklärung jedoch nicht zufrieden. Der ohnehin aufgrund einer traumatischen Kindheitserinnerung verstörte Don Nicholas scheint sich nach dem Verlust seiner Gemahlin Wahnvorstellungen hinzugeben.

In „Das Pendel des Todes“ nutzt Price etliche Gelegenheiten für großartige Drama-Queen-Momente. Das mag für heutige Sehgewohnheiten übertrieben wirken, erklärt sich aber mit seinen Karriereanfängen als Theaterschauspieler und dem nachwirkenden Einfluss der Stummfilm-Ära – ohne die Möglichkeit der Sprache waren Mimik und Gestik eben stärker gefragt. Price hat selbst allerdings nicht in Stummfilmen mitgewirkt. Als zweifellos starker Einfluss auf seine Schauspielkunst kann auch Dracula-Darsteller Bela Lugosi genannt werden.

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Elizabeth verbirgt ein Geheimnis

Einige wunderbare Szenen hat auch Barbara Steele, die ein Jahr zuvor unter Mario Bava „Die Stunde wenn Dracula kommt“ gedreht hatte und sich mit diesen beiden Rollen als Horror-Ikone unsterblich machte. „Das Pendel des Todes“ wartet mit einer fesselnden Geschichte inklusive überraschender Wendungen und einem schön schaurigen Finale auf und bietet dabei ganz viel Gruselatmosphäre in feinen Farben und ebensolchen Bildern. So schwer es fällt, aus Cormans Poe-Verfilmungen eine herauszuheben – diese ist ein Kandidat für den Spitzenplatz. Und wenn schon ein großartiger Autor wie Richard Matheson die Feder schwingt, kann man davon ausgehen, dass Edgar Allan Poe seine Freude an dieser sehr freien Umsetzung seiner Geschichte gehabt hätte.

Twentieth Century Fox Home Entertainment erweitert seine Anfang 2013 begonnene Reihe „Horror Cult Uncut“ um sechs Filme, drei davon mit Vincent Price (siehe unten). Auf Blu-ray-Umsetzungen wird allerdings verzichtet, die Reihe ist exklusiv auf DVD erhältlich. Sie liefert einige gute Beispiele für den seit einiger Zeit zu beobachtenden Trend, einstmals indizierte oder mit FSK-18-Freigabe versehene Filme nach Neuprüfung mit heruntergestufter Altersfreigabe zu veröffentlichen. „Das Pendel des Todes“ war erstmals 2007 bei uns auf DVD erschienen, seinerzeit noch ab 18 Jahren freigegeben. Die Neuveröffentlichung hingegen ist mit dem blauen FSK-16-Logo versehen. Die Bildqualität wirkt solide, DVD-Menü und Film sind allerdings mit der erwähnten DVD-Erstveröffentlichung aus dem Hause MGM identisch.

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Bedrohlich hängt das Pendel von der Decke

Die Originalfassung von Edgar Allan Poes Kurzgeschichte ist vollständig hier und hier zu finden, eine deutsche Übersetzung gibt’s hier. Ebenfalls im Netz: eine Public-Domain-Hörfassung in Englisch. Die Erzählung diente mehreren Verfilmungen als Vorlage, beispielsweise „Meister des Grauens“ von Stuart Gordon 1991, einer eher entbehrlich erscheinenden 2009er-Adaption sowie einem liebevollen Stop-Motion-Trickfilm, an dem Spezialeffekt-Legende Ray Harryhausen produzierend mitgewirkt hat.

Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Regiearbeiten:

Die Verfluchten (House of Usher, USA 1960)
Das Pendel des Todes (The Pit and the Pendulum, USA 1961)
Lebendig begraben (The Premature Burial, USA 1962)
Der grauenvolle Mr. X (Tales of Terror, USA 1962)
Der Rabe – Duell der Zauberer (The Raven, USA 1963)
Die Folterkammer des Hexenjägers (The Haunted Palace, USA 1963)
Die Maske des Roten Todes / Satanas – Das Schloss der blutigen Bestie (The Masque of the Red Death, USA/GB 1964)
Das Grab der Lygeia (The Tomb of Ligeia, GB 1964)

Die Filme der Reihe „Horror Cult Uncut“ – erschienen am 11. Januar 2013:

01. Audrey Rose – Das Mädchen aus dem Jenseits
02. Carrie – Des Satans jüngste Tochter
03. Chucky – Die Mörderpuppe
04. Amityville Horror
05. Der Affe im Menschen
06. Das Ding aus dem Sumpf
07. Die Frösche
08. Die Körperfresser kommen
09. Lifeforce – Die tödliche Bedrohung
10. Lord of Illusions
11. Return of the Living Dead
12. Ravenous – Friss oder stirb

Veröffentlichung 6. Dezember 2013:

13. Die, Monster, Die! Das Grauen auf Schloss Witley
14. Das Pendel des Todes
15. Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes
16. Die Rückkehr des Dr. Phibes
17. Theater des Grauens
18. Vindicator

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Roger Corman sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Vincent Price in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 77 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch für Hörgeschädigte, Französisch, Italienisch, Holländisch, Dänisch, Schwedisch, Portugiesisch
Originaltitel: Pit and the Pendulum
USA 1961
Regie: Roger Corman
Drehbuch: Richard Matheson, nach Motiven einer Erzählung von Edgar Allan Poe
Besetzung: Vincent Price, Barbara Steele, John Kerr, Luana Anders, Antony Carbone
Zusatzmaterial: Wendecover
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

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Das Pendel schwingt und nähert sich

Copyright 2013 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2013 Twentieth Century Fox Home Entertainment

 
 

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Eine Antwort zu “Das Pendel des Todes – Poe wäre zufrieden

  1. scathach25

    2016/02/01 at 10:37

    Danke für die Liste der Filme. Wer mich da mal durchwühlen und schauen, um was es so geht 🙂

     

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