RSS

Santiago der Verdammte – Der Schuft, der auch ein Retter war

12 Dez

Santiago_der_Verdammte_Cover

The Naked Dawn

Von Dirk Ottelübbert

Westerndrama // Im mexikanisch-amerikanischen Grenzgebiet: Der Dieb Santiago (Arthur Kennedy) und sein Kumpel Vincente stehlen mehrere Kisten mit Uhren. Vincente kommt dabei ums Leben, Santiago sucht Unterschlupf beim ärmlich lebenden jungen Farmer-Ehepaar Maria (Betta St. John) und Manuel Lopez (Eugene Iglesias). Für ein bisschen Bares chauffiert der unbescholtene Manuel den großtuerischen Spitzbuben in die Stadt, wo Santiago die Beute verhökern will. Als Hehler Guntz (Roy Engel) ihn übers Ohr zu hauen versucht, überwältigt Santiago den Ganoven mit Manuels zögerlicher Hilfe und räumt den Tresor aus.

Santiago_Still_3

Santiago steht dem sterbenden Vincente bei

Lockruf des Geldes

Die Männer verzechen einen Großteil des Geldes. Nach einer Kneipenprügelei wieder auf der Farm, schenkt Santiago Manuel die restlichen Pesos – und einen Revolver. Irritiert und schließlich voll Abscheu bemerkt Maria, wie in ihrem Mann nach und nach die Gier erwacht und aus ihm einen völlig anderen Menschen macht. Sie fleht Santiago an, sie mitzunehmen – nach Vera Cruz oder sonst wohin, nur weg aus dem trostlosen Leben. Der Bandit zögert. Manuel fasst den Gedanken, Santiago umzubringen, beichtet den bösen Plan jedoch. Als Santiago mit Maria davonreiten will, taucht der geprellte Guntz mit zwei Schergen auf. Die Männer schnappen Manuel, Santiago schreitet ein – und zahlt dafür einen hohen Preis.

Theaters des Mittelalters als Vorbild für einen Western

Wie die meisten seiner Filme realisierte Regisseur Edgar G. Ulmer „The Naked Dawn“ (Originaltitel) mit einem Mini-Budget, die Drehzeit betrug unglaubliche zehn Tage. Herausgekommen ist gleichwohl ein emotionales Stück Kino, ruppig und klug, ein trotz etwas überpointierten Spiels wahrhaftiges Western-Melodram über die Gier und andere menschliche Niederungen. Neben dem Horrorklassiker „The Black Cat“ (1934) dürfte dies Ulmers bekanntester Film sein. Als wichtigen Einfluss für seinen Western nannte der Regisseur (1904 – 1972) das Theater des Mittelalters; ihn reizten die „morality plays“, Schwänke und Mysterienspiele: „Ich will zeigen, dass das Gute und das Böse untrennbar miteinander verbunden sind. Bei John Ford ist der Mann im schwarzen Hemd der Böse und der Mann im weißen Hemd der Gute. Bei mir vermischt sich das.“

Santiago_Still_1

Mit Manuel (M.) überwältigt Santiago (l.) den hinterhältigen Guntz

Ganove mit Gewissen

Diese Vermischung funktioniert vor allem dank Arthur Kennedy, der seinen Santiago als mehrgesichtigen Schurken anlegt. „He was a devil – and a saint“, heißt es im Kinotrailer, der sich unter den DVD-Extras findet. Santiagos unfeine Pläne werden mehr als einmal von seinem plötzlich aufblitzenden Gewissen ausgehebelt. Dass es nicht gut für ihn ausgehen wird, dass Santiago zahlen muss, statt belohnt zu werden – ein klarer Fall. Das breite Grinsen, die ausladenden Gesten, der Stich ins Operettenhafte, den Kennedy seiner Diebesfigur mitgibt – das erinnert interessanterweise von ferne an einen zwölf Jahre später auftauchenden unvergesslichen Filmschurken: den von Eli Wallach verkörperten schlitzohrig-brutalen Tuco in Sergio Leones „Zwei glorreiche Halunken“ (1966).

François Truffaut, einer von vielen prominenten Verehrern Edgar Ulmers, nannte „Santiago, der Verdammte“ als Inspiration für sein Liebesdrama „Jules und Jim“ (1962). Ein weiteres Werk von Ulmer gibt es übrigens in der von Koch Media herausgegebenen Film Noir Collection zu bestaunen: den düsteren Krimi „Detour – Umleitung“ von 1945.

Die „Edition Western Legenden“ von Koch Media:

01. Die weiße Feder (White Feather, 1955)
02. Rache für Jesse James (The Return of Frank James, 1940)
03. Der letzte Wagen (The Last Wagon, 1956)
04. Union Pacific (Union Pacific, 1939)
05. Rio Conchos (Rio Conchos, 1964)
06. Schiess zurück Cowboy (From Hell to Texas, 1958)
07. Herrin der toten Stadt (Yellow Sky, 1948)
08. Die schwarze Maske (Black Bart, 1948)
09. Ritt zum Ox-Bow (The Ox-Bow Incident, 1943)
10. 100 Gewehre (100 Rifles, 1969)
11. Shoot Out – Abrechnung in Gun Hill (Shoot Out, 1971)
12. Der große Aufstand (The Great Sioux Uprising, 1953)
13. Der Tag der Vergeltung (Untamed Frontier, 1952)
14. Duell mit dem Teufel (The Man from Bitter Ridge, 1955)
15. Grenzpolizei Texas (The Texas Rangers, 1936)
16. El Perdido (The Last Sunset, 1961)
17. Trommeln des Todes (Apache Drums, 1951)
18. Drei Rivalen (The Tall Men, 1955)
19. Quantez, die tote Stadt (Quantez, 1957)
20. Reiter ohne Gnade (Kansas Raiders, 1950)
21. Die Höhle der Gesetzlosen (Cave of Outlaws, 1951)
22. Western Union (Western Union, 1941)
23. Ritt in den Tod (Walk the Proud Land, 1956)
24. Vorposten in Wildwest (Two Flags West, 1950)
25. Santiago der Verdammte (The Naked Dawn, 1955)
26. Verschwörung auf Fort Clark (War Arrow, 1953)
27. Vom Teufel verführt (The Rawhide Years, 1955)
28. Der große Bluff (Destry Rides Again, 1939)
29. Gold aus Nevada (The Yellow Mountain, 1954)
30. Rivalen im Sattel (Bronco Buster, 1952)
31. Feuer am Horizont (Canyon Passage, 1946)
32. Noch heute sollst du hängen (Star in the Dust, 1956)
33. Frisco Express (Wells Fargo, 1937)
34. Schieß oder stirb (Gun for a Coward, 1957)
35. Der große Minnesota Überfall (The Great Northfield, Minnesota Raid, 1972)
36. Mit roher Gewalt (The Spoilers, USA 1955)
37. Die Welt gehört ihm (The Mississippi Gambler, USA 1953)
38. Rebellen der Steppe (Calamity Jane and Sam Bass, USA 1949)
39. Der Vagabund von Texas (Along Came Jones, USA 1945)
40. Auf verlorenem Posten (The Lone Hand, USA 1953)
41. California (California, USA 1947)
42. Der blaue Mustang (Black Horse Canyon, USA 1954)
43. Die Meute lauert überall (Raw Edge, USA 1956)
44. Rächer der Enterbten (The True Story of Jesse James, USA 1957)
45. Schüsse peitschen durch die Nacht (Showdown at Abilene, USA 1956)
46. Flucht vor dem Tode (The Cimarron Kid, USA 1952)
47. Stunden des Terrors (A Day of Fury, USA 1956)
48. Der große Zug nach Santa Fé (Cattle Drive, USA 1951)
49. Der eiserne Kragen (Showdown, USA 1963)
50. Garten des Bösen (Garden of Evil, USA 1954)

Veröffentlichung: 6. Dezember 2013 als DVD

Länge: 78 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Naked Dawn
USA 1955
Regie: Edgar G. Ulmer
Drehbuch: Julian Zimet
Besetzung: Arthur Kennedy, Betta St. John, Eugene Iglesias, Charlita, Roy Engel, Tony Martinez, Francis McDonald
Zusatzmaterial: Bildergalerie, Originaltrailer
Vertrieb: Koch Media

Santiago_Still_2

Tequila und Tanz: Beim Barbesuch geht’s hoch her

Copyright 2013 by Dirk Ottelübbert
Fotos & Packshot: © 2013 Koch Media

Advertisements
 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: