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Only Lovers Left Alive – Unsterblich

22 Dez
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Verzweifeln an der Welt: Adam und Eve

Kinostart: 25. Dezember 2013

Gastrezension von Anja Rohde

Vampir-Melodram // Mein Film des Jahres! Mit einer Atmosphäre, in der man versinkt, einer Stimmung, die lange nachhält und Schauspielern, die alles richtig machen.

Unsterblichkeit ist schon immer ein Thema für mich, und nun weiß ich auch, wie ich unsterblich sein möchte: so wie Tilda Swinton als jahrhundertealte, belesene, bewusste Vampirfrau im aktuellen Jim-Jarmusch-Film.

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Eves Freund, Berater und Versorger: Marlowe

Vampir Adam (Tom Hiddleston) wohnt in einem mit Musikuntensilien vollgemüllten Haus in der toten Ex-Autostadt Detroit, seine Frau Eve (Tilda Swinton) im weltoffenen Tanger, wo sie mit Schriftsteller und Vampir Christopher Marlowe (wunderbar: John Hurt) befreundet ist. Als sie bei einem Telefonat merkt, wie depressiv ihr Adam mal wieder aufgrund des Verfalls von Welt, Umwelt, Kultur und Menschheit ist, reist sie zu ihm. Leider bringt ein Besuch von Eves kleiner Schwester Ava (Mia Wasikowska) die liebevolle Zweisamkeit durcheinander.

Jim Jarmusch erklärt nicht, er erzählt. Wie anstrengend sind Thriller, wo sich die Bösewichte gegenseitig erläutern, was sie wem angetan haben, oder Krimis, bei denen am Ende ein Dialog der Ermittler die Hintergründe der Tat erklärt. Jarmusch hat so etwas nicht nötig. Sogar erzählen will er nur so wenig wie möglich. Im Interview mit der Zeitschrift Intro gibt er zu, dass er ursprünglich noch viel mehr kulturelle Anspielungen geplant hatte: auf Bands aus Detroit, auf die Coen-Brüder … Aber „when (…) the characters were telling each other something that they already knew, then it meant I was telling the audience!“ Und eben das möchte er vermeiden.

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Vampirin Ava und Mensch Ian – ob das gut geht?

So sieht – und fühlt – man einfach nur, wie Vampire heute leben. Es ist klar, dass sie viel wissen, schließlich erleben sie die Welt schon seit vielen Jahrhunderten. Natürlich haben sie viele Bücher gelesen, mehrmals, und Musik in verschiedenen Epochen gehört und gemocht. Mit ihrer über die Zeiten gereiften Intelligenz haben sie Menschen geholfen, in der Kunst, bei Erfindungen. Sie haben Geschichte mitgeschrieben. Und sie sind zu kultiviert, zum Menschenbeißen auszugehen – sie trinken Blutkonserven aus stilvollen kleinen Gläsern.

Die Mischung aus Informationen, die man aus anderen Vampirgeschichten kennt (trinken Blut, gehen nicht ans Sonnenlicht) und den nun von Jarmusch gezeigten Problemstellungen des heutigen Vampirlebens zeichnet eine runde, ruhige Gesamtsituation, in der noch nicht einmal die Geschichte wirklich wichtig ist. Viel überwältigender sind die Bilder, die Farben, die Musik. Wenn Adam und Eve nackt im Bett liegen, eine Hand oder ein Bein über den Körper des anderen gelegt, zeigt das mehr Vertrautheit und endlose Liebe als jede stürmische Kussszene einer klassischen Romanze. Dass Eves Kleidung farblich dermaßen in den Häuserwänden Tangers aufgeht, lässt sie mitsamt ihres wiegenden Gangs Teil der nächtlichen Stadt werden. Die Gitarren von den White Hills und die sehnsüchtigen Stimmen alter Soulgrößen wie Wanda Jackson oder Charlie Feathers unterstützen Adams Melancholie aufs Feinste.

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Große Liebe, große Melancholie

An Tilda Swinton als Hauptdarstellerin hat Jarmusch eigenen Aussagen zufolge von der ersten Filmidee an gedacht. In der Tat kann man sich keine bessere Akteurin für diese Rolle vorstellen. Blass, schmal, klar und kultiviert, offen für die kleinen Schönheiten, die die Welt ja doch zu bieten hat, dazu belesen und humorvoll – man glaubt es ihr in jeder Sekunde. Tom Hiddleston hat als durchtriebener Loki mehrfach Chris Hemsworth in der Heldenrolle an die Wand gespielt – zuletzt in „Thor – The Dark Kingdom“. Nun zeigt er als des Lebens überdrüssiger Vampir auch andere Facetten – und große Schauspielkunst. Mit Zottelfrisur und feinen Händen nimmt man ihm den Musiker und Erfinder jederzeit ab – genauso wie den Depressiven mit seinen traurigen Augen.

Die übermenschliche Liebe der beiden Außenseiter ist immer gegenwärtig und immer romantisch, aber nie kitschig. Jarmusch als Meister der Reduktion lässt die beiden einfach nur da sein, und gut zueinander – das genügt. Ihre Dialoge und die aufmerksame Art, wie sie miteinander umgehen, sind einzigartig. Kein Wunder, dass sie sich lieben.

Meine Blutgruppe ist Null negativ – laut Jarmusch die beliebteste bei Vampiren. Keine Sekunde würde ich zögern, mich in einen verwandeln zu lassen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jim Jarmusch sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Tilda Swinton, Tom Hiddleston und/oder Anton Yelchin unter Schauspielerinnen bzw. Schauspieler.

Länge: 123 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
GB/D/F/ZYP/USA 2013
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Besetzung: Tilda Swinton, Tom Hiddleston, John Hurt, Anton Yelchin, Mia Wasikowska, Jeffrey Wright
Verleih: Pandora Film Verleih

Copyright 2013 by Anja Rohde

Fotos & Trailer: © 2013 Pandora Film Verleih

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