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Byzantium – Jungvampirin auf Sinnsuche

27 Dez

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Vampir-Horrordrama // Das Vampirgenre kann glücklicherweise verschiedene Tendenzen verkraften. Es wäre ja auch zu schade, müssten wir auf absehbare Zeit mit romantischen Blutsaugern für Teenager à la „Twilight“ vorlieb nehmen. Allein die jüngste Vergangenheit hat Vielfalt zu bieten: Da sind stylische Actionfilme wie „Blade“ (1998) mit seinen Sequels, bombastische Spektakel wie „Underworld“ (2003) samt Fortsetzungen sowie grimmige Geschichten wie „30 Days of Night“ (2007) und „Vampire Nation“ (2010); mit „Vampires“ (1998) gibt es einen staubigen Western-Gewaltexzess, für eine durchdachte Vision schauen wir „Daybreakers“ (2009), für ein kühles Coming-of-Age-Kleinod den schwedischen „So finster die Nacht“ (2009): Schließlich ist da ganz frisch – Trommelwirbel – ein melancholisches Melodram-Meisterwerk: Jim Jarmuschs „Only Lovers Left Alive“ (ansehen!), der allerdings nicht mehr dem Horrorgenre zuzuordnen ist.

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Eleanor weiß nicht, wo sie im Leben steht

Nun hat also Neil Jordan wieder ins Genre eingegriffen, der sich bereits 1994 in „Interview mit einem Vampir“ mit den blutdürstigen Kreaturen der Nacht befasst hat. Vom Regisseur so hintergründiger Werke wie „The Crying Game“ (1992) und „Ondine – Das Mädchen aus dem Meer“ (2009) ist natürlich keine Splatter-Action zu erwarten. Mit „Die Zeit der Wölfe“ hatte er bereits 1984 eine andere klassische Schauergestalt – den Werwolf – auf außergewöhnliche Weise in Szene gesetzt.

Jordan wirft einen ganz eigenen Blick aufs Horrorgenre – so auch in diesem Fall. Er richtet seinen Blick auf Figuren, ihre Gesichter und Beweggründe. Blutig geht es nur punktuell zu, das ist dann im Einzelfall aber durchaus brutal. Der Fokus liegt auf Dialogen und überlegt komponierten Bildern. Das Wort elegisch kommt in den Sinn. Klingt das zu pathetisch? Egal: Phasenweise schwelgt Jordan in elegischen Motiven. Das Setting an der englischen Küste kommt ihm dabei zugute, auch die Entscheidung, die Vampire im Tageslicht wandeln zu lassen. Das mag Dracula-Puristen missfallen, erleichtert aber die Dramaturgie.

Viel erfahren wir aus dem per Stimme aus dem Off gesprochenen Tagebuch von Eleanor (Saoirse Ronan), einer 200-Jährigen im Körper eines 16-jährigen Mädchens. Das kann als Coming-of-Age-Drama durchgehen, aber kann man in dem Fall überhaupt von Erwachsenwerden sprechen? Aber doch, da ist eine junge Verliebtheit. Eleanor und ihre Mutter Clara (Gemma Arterton, „Runner Runner“) haben sich ins Hotel Byzantium zurückgezogen, ein baufälliges Refugium in einem Küstenstädtchen. Doch ihre bis in die napoleonische Zeit zurückreichende Vergangenheit lässt die beiden nicht los.

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Unsterblich und unzertrennlich: Clara (l.) und ihre Tochter Eleanor

Schön! „Byzantium“ gefällt als intelligentes Drama zweier Frauen ohne Wurzeln auf der Suche nach einem Platz im Leben. Eleanor und ihre Mutter sind keine klassischen Gruselgestalten, auch keine permanent blutrünstigen Furien. Clara ist eine Mutter, die für ihre Tochter alles tut – ihren Körper verkaufen, über Leichen gehen etc. Eleanor will das Richtige tun und ringt damit. Die Stimmung ist melancholisch, wenn auch auf andere Weise als in „Only Lovers Left Alive“. Hier Mutter und Tochter, dort Eheleute, der Unterschied macht sich bemerkbar. Die Qualität des Jim-Jarmusch-Films erreicht „Byzantium“ nicht, aber innerhalb so kurzer Zeit zwei Vampir-Meisterwerke – das wäre vielleicht zu viel des Guten gewesen. So bleibt Neil Jordans Film ein ruhiger Vertreter, der etwas unter dem Radar läuft. Ein paar Vorführungen beim Fantasy Filmfest, das war’s mit der Kinoverwertung hierzulande. Mehr verdient hätte der Film.

Neil Jordan bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

High Spirits – Die Geister sind willig (1988)
Byzantium (2012)

Veröffentlichung: 27. Dezember 2013 als Blu-ray und DVD

Länge: 118 Min. (Blu-ray), 113 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
GB/USA/IRL 2012
Regie: Neil Jordan
Drehbuch: Moira Buffini
Besetzung: Gemma Arterton, Saoirse Ronan, Caleb Landry Jones, Sam Riley, Thure Lindhardt, Gabriela Marcinkovà, Daniel Mays, Jonny Lee Miller
Zusatzmaterial: Interviews mit Cast & Crew, B-Roll, Trailer, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2013 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2013 Universum Film

 

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