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Wer hat Angst vorm bösen Muslim?

11 Jan

Sokolowky_Moslem

Kay Sokolowskys Buch „Feindbild Moslem“

Diesen Text habe ich am 21. Oktober 2009 als Kundenrezension bei einem großen Onlineversandhandel veröffentlicht, wo er nach wie vor zu finden ist – und nun auch minimal überarbeitet bei „Die Nacht der lebenden Texte“.

„Die Aufklärung über den radikalen Islam und die fundamentalistischen Muslime ist eine viel zu ernste Angelegenheit, um sie allein den Propagandisten und verkappten Rassisten überlassen zu dürfen.“ So schreibt Kay Sokolowsky in seinem Buch „Feindbild Moslem“. Warum ich dieses Zitat an den Anfang meiner Rezension stelle? Weil dem Autor bereits mehrfach vorgeworfen wurde, er würde Islamkritiker generell zu Rassisten und Fremdenfeinden erklären. Dieser Vorwurf ist falsch, wie das obige Zitat und etliche weitere Textstellen in „Feindbild Moslem“ belegen.

Richtig ist: Sokolowsky belegt anhand einer Vielzahl von Quellen und Verweisen, dass die Debatte über Islamisten und integrationsunwillige Muslime in unserer Gesellschaft leider aktuell von Rassisten und Fremdenfeinden bestimmt wird. Erst wenn wir ihnen die Deutungshoheit entrissen haben, werden wir feststellen, wie bedrohlich die sogenannte Gefahr durch Islamisten und integrationsunwillige Muslime tatsächlich ist – womöglich weit weniger bedrohlich, als es derzeit an die Wand gemalt wird. Selbstverständlich muss das ohne Scheuklappen und falsch verstandene Rücksichtnahme festgestellt und erörtert, belegt oder widerlegt werden, doch solange diejenigen am lautesten donnern, die alle Muslime unter Generalverdacht stellen, müssen Autoren wie Kay Sokolowsky die Stimme erheben und Fremdenfeinde in die Schranken weisen. Die Hetzer in Medien und Gesellschaft faseln von schleichender Islamisierung, ohne in der Lage zu sein, dafür seriöse Zahlen und Belege anzuführen – so Sokolowskys These, die er präzise, kenntnisreich und vielfach belegt herausarbeitet.

Ein weiterer Vorwurf, der dem Autor bereits mehrfach zu Unrecht gemacht wurde: Er bilde sich seine Meinung über die islamfeindliche Stimmung in Deutschland lediglich aufgrund von Einträgen in einem radikalen Internetblog namens „Politically Incorrect“ (PI). Richtig ist, dass Sokolowsky PI oft und gern erwähnt – die Blogger und ihre Gästebuchschreiber bieten mit ihren kaum verhohlen fremdenfeindlichen Äußerungen tatsächlich viele Anlässe (Sokolowskys Beispiele finden sich dort nach wie vor), den Rassismus zu entlarven, der sich dort unter dem Mantel der politischen Inkorrektheit verbirgt. Doch er beschränkt sich keineswegs auf PI, wie jeder Kritiker erkannt haben muss, der „Feindbild Moslem“ gelesen hat.

Zur Struktur des Buchs: Nach einigen einleitenden Worten zum Thema Angst geht der Autor ausführlich auf die Situation in Deutschland nach dem Fall der Mauer ein. Er belegt, wie die Debatte um politisches Asyl von geistigen Brandstiftern angeheizt wurde, die sogar so weit gingen, die Opfer der seinerzeitigen Übergriffe (Mölln, Solingen, Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen etc.) zu den an sich Schuldigen zu erklären. Dabei erläutert er, wie damals in der Asylkontroverse die gleichen fremdenfeindlichen Mechanismen gegriffen haben, die sich aktuell gegen die Muslime in Deutschland richten. In der Folge greift Sokolowsky mit harten Worten die Medienlandschaft in Deutschland an, speziell das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in der Ära Stefan Aust. Er belegt ausführlich, mit welchen Mitteln die Zeitschrift unter dem Deckmantel des investigativen Journalismus die Angst vor dem Islam geschürt hat. Der Autor geht darüber hinaus auch auf andere Publikationen ein, führt allerdings auch einige Gegenbeispiele ausgewogener Berichterstattung an.

Das nächste Kapitel hat Sokolowsky „Die Kronzeugen“ betitelt. Er widmet sich darin in Unterkapiteln Individuen, die in Deutschland meinungsmachende Beiträge zum Schüren der Islamophobie geliefert haben. Dem bekennenden Polemiker Henryk M. Broder gelten 18 Seiten, die Sokolowsky weidlich nutzt, die Broderschen Hasstiraden auseinanderzunehmen. Publizist Ralph Giordano kriegt zu Recht ebenso viel Raum: Dessen erbitterter Kampf gegen den Bau einer Moschee in Köln sei mit gesundem Menschenverstand weder zu erklären noch zu verstehen. Sokolowsky beklagt, wie sich Giordano um sein politisches Vermächtnis bringe, weil „viele Deutsche ihn heute nur mehr als den Mann kennen, der den Muslimen zeigt, was eine Harke ist, aber nicht als den Autor, der sie vormals an ihre erste und zweite Schuld erinnerte.“ Dies liege an Aussagen, „für die er sich in jüngeren Tagen zutiefst geschämt hätte.“

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Kay Sokolowsky

Des Weiteren beleuchtet Sokolowsky kritisch und pointiert das Wirken der seit mehr als 40 Jahren in Deutschland lebenden gebürtigen Türkin Necla Kelek sowie die Analysen von Seyran Ates, einer seit 1997 in Berlin praktizierenden Anwältin, die Mandantinnen aus dem muslimischen Milieu vertritt. Sie alle ließen sich – ob wissentlich oder unwissentlich, gegen ihren Widerstand oder mit ihrem Einverständnis – vor den Karren der Fremdenfeinde und Rassisten in Deutschland spannen, befeuerten im Gegenzug deren Islamophobie und lieferten ihnen aufgrund ihrer Herkunft Alibis.

Um „Rassismus ohne Rasse“ geht es im Kapitel „Die Inkorrekten“. Darin erläutert der Autor, wie sich Islamhasser einer ungenügenden Definition des Rassismus bedienen, um sich von diesen Vorwürfen empört freizusprechen. Er entlarvt die schlampige Recherche des Journalisten Udo Ulfkotte, der bei den Meinungsmachern unserer Gesellschaft leider ein gewichtiges Wort mitredet – ebenso wie Alice Schwarzer, die unter dem Deckmantel des Feminismus gegen den Islam wettere, wobei unbestritten ist, dass der Islam in punkto Gleichberechtigung der Frau Angriffspunkte bietet. Zum Abschluss listet Sokolowsky einfach mal in geballter und unkommentierter Form die Sammlung fremdenfeindlicher Vorurteile auf, die die Islamophobie so bietet – ein kleiner Taschenspielertrick Sokolowskys (der Schelm), der in seiner Geballtheit aber seine Wirkung nicht verfehlt. An dieser Stelle möchte ich ein kurzes Wort der Kritik verlieren – er wird es mir nachsehen: Das eine oder andere Mal lässt sich der Autor in seiner Wortwahl ein wenig zu sehr vom Zorn leiten. Es ist ein gerechter Zorn, kein Zweifel, und an die Unflaten eines Henryk M. Broder reicht Sokolowskys Schimpfen niemals heran – jemand wie Broder muss diese Art Gegenwind ohnehin aushalten. Dennoch: Einzelnen Passagen hätte eine etwas ausgewogenere Wortwahl – bei Beibehaltung der Klarheit in der Sache – gutgetan. Die unzweifelhaft „echten“ Rassisten und Fremdenfeinde wird Sokolowsky zwar ohnehin nicht bekehren; aber in der großen Grauzone der Unsicheren und Zweifler werden Vorwürfe der Islamfeinde gegen ihn womöglich auf fruchtbaren Boden treffen, wenn sie Sokolowskys Schimpfen gegen ihn verwenden. Das wäre bedauerlich, denn er hat etwas zu sagen und verdient Gehör. Dem Lesevergnügen tun die deutlichen Worte des Autors sowieso keinerlei Abbruch – im Gegenteil.

Im Anhang des Buchs finden sich ebenso ausführliche wie aufschlussreiche Interviews; der Autor hat sie im ersten Halbjahr 2009 mit einigen Zeitgenossen geführt, die Erhellendes zum Thema beitragen können: Prof. Dr. Wolfgang Benz (Historiker und Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin), Lale Akgün (türkischstämmige SPD-Bundestagsabgeordnete und Psychotherapeutin), Bedo (türkischstämmiger Hamburger Entertainer) sowie Dr. Ann Löwin (Politikwissenschaftlerin, Linguistin und Philosophin, die Integrationskurse leitet und Migranten bei Behördengängen begleitet).

Kay Sokolowsky hat mit „Feindbild Moslem“ eine wichtige Bestandsaufnahme zur Islamophobie in Deutschland vorgelegt, die aufgrund der Wortgewalt des Autors obendrein nicht nur eine informative, sondern auch überaus unterhaltsame Lektüre darstellt. Das Buch ist sorgfältig geschrieben – jeder einzelne Vorwurf und jedes Zitat werden von Sokolowsky mittels Fußnoten belegt, die im Anhang des Buchs unter Anmerkungen aufgelistet sind. Bei der Lektüre habe ich mich vereinzelt ertappt gefühlt, denn viele islamophobe Äußerungen klingen bei oberflächlicher Betrachtung erst einmal gar nicht fremdenfeindlich, zumal seriöse Islamkritik ohnehin völlig legitim ist – als bekennender Atheist bin ich selbst Religionskritiker aus Leidenschaft. Entscheidend ist, sich keine unbelegten pauschalisierenden Schlussfolgerungen zu eigen zu machen, denn sonst findet man sich schnell in der Gesellschaft von Menschen wieder, die die Atmosphäre vergiften. Mein Fazit: Kaufen und Lesen!

Autor: Kay Sokolowsky
Deutsche Erstveröffentlichung: 20. August 2009
256 Seiten
Rotbuch Verlag, Berlin
Preis: 16,99 Euro

Copyright 2009/2013 by Volker Schönenberger
Packshot: © Rotbuch Verlag, Foto: © Martina Bendler

 

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