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Citizen Kane – Ist das der beste Film aller Zeiten?

12 Jan

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Citizen Kane

Drama // Rosebud ist nur ein Schlitten.

Nun, da dank der Mutter aller Spoiler alles klar ist, können wir uns auf das Wesentliche konzentrieren: darauf, dass es seinerzeit einer Sensation gleichkam, welche Machtfülle ein großes Hollywood-Studio – RKO – einem Kreativen an die Hand gab: Der Mittzwanziger Orson Welles kam vom Theater und dem Radio und durfte „Citizen Kane“ produzieren, sich die Hauptrolle geben, am Drehbuch mitschreiben, eigenständig über Personalien vor und hinter der Kamera entscheiden und über den Final Cut bestimmen, die Endfassung des Films, wie sie ins Kino kommen sollte. Wir können uns darauf konzentrieren, dass der titelgebende Bürger Kane ein kaum kaschiertes Porträt des mächtigen Verlegers William Randolph Hearst war; darauf, dass der Film Hearst logischerweise überhaupt nicht gefiel und er dessen Verbreitung zu verhindern trachtete – was nicht zuletzt zum kommerziellen Misserfolg des Films beitrug.

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Kane (l.) und Leland steigen ins Zeitungsgeschäft ein

Technisch wie erzählerisch Neuland

Konzentrieren wir uns darauf, dass Orson Welles beim Dreh auf geniale Weise experimentierte und so künftige Filmemacher ungemein beeinflusste: etwa Arbeit mit Tiefenschärfe und vormals selten verwendeten Kameraperspektiven wie Untersicht. Legen wir den Fokus darauf, dass Welles auch erzählerisch Neuland betrat, indem er Kanes Leben aus verschiedenen Blickwinkeln Revue passieren ließ; schließlich darauf, dass „Citizen Kane“ jahrzehntelang als bester Film aller Zeiten galt und für viele wohl noch gilt, weil er in der alle zehn Jahre stattfindenden Umfrage der Zeitschrift Sight & Sound vom British Film Institute von 1962 bis 2002 stets auf Rang Eins gewählt worden ist und ihn das American Film Institute als besten amerikanischen Film listet.

„Rosebud“ ist das letzte Wort, das der einst mächtige, zuletzt aber vereinsamte Zeitungsverleger Charles Foster Kane (Orson Welles) in seinem Schloss Xanadu von sich gibt, bevor er sein Leben aushaucht. Der Reporter Thompson (William Alland) wird ausgesandt, herauszufinden, was „Rosebud“ bedeutet. Während er recherchiert und Zeitgenossen Kanes befragt, entfaltet sich vor den Augen der Filmzuschauer in Rückblenden das vielschichtige Bild einer schillernden, aber auch getriebenen Persönlichkeit.

Was für ein Hollywood-Debüt!

„Citizen Kane“ markierte nicht nur für Welles den Beginn seiner Hollywood-Karriere; er holte auch Joseph Cotten in die Traumfabrik, seinen Weggefährten aus Theaterzeiten, und gab ihm die bedeutsame Rolle des Jedediah Leland, der Kanes Karriere über viele Jahre begleitet.

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Mit dem weiblichen Geschlecht hat Kane nicht viel Glück

Das Meisterwerk erhielt neun wohlverdiente Oscar-Nominierungen. Letztlich gab’s den Academy Award jedoch lediglich fürs von Herman J. Mankiewicz und Orson Welles verfasste Drehbuch. Bei der Verleihung soll es bei jeder Nennung des Films Buhrufe gegeben haben, desgleichen bei Welles’ Dankesrede – womöglich dem Einfluss des Medientycoons Hearst geschuldet. Die im Bonusmaterial der Blu-ray enthaltene Dokumentation „The Battle over Citizen Kane“ zeichnet Hearsts Feldzug gegen „Citizen Kane“ nach. Eine ebenfalls enthaltene Doku mit dem Titel „Orson Welles: The One Man Band“ wirft einen Blick auf unvollendete Projekte des Filmschaffenden und Multitalents Welles.

Der Blu-ray-Veröffentlichung liegt eine neue restaurierte Abtastung zugrunde. Da ich den Film nicht auf DVD mein Eigen nenne und die letzte TV-Sichtung viele Jahre zurückliegt, wäre ein Vergleich an dieser Stelle unredlich. Der Film ist mehr als 70 Jahre alt, das sieht man ihm an. Dennoch bietet er ein klares und kontrastreiches Bild bei allerdings nur durchschnittlichem Ton.

Pflichtprogramm für Filmfans

Meisterwerk schön und gut – aber es ist doch Arthaus, zudem in Schwarz-Weiß (igitt) und abgehangen, geradezu uralt und damit irrelevant!? Papperlapapp! Niemand ist gezwungen, den Film seiner persönlichen Bestenliste hinzuzufügen (tu ich auch nicht). Aber „Citizen Kane“ ist nicht nur Filmgeschichte, sondern auch ein hochspannendes Epos, brillant inszeniert, gespielt und fotografiert. Dass Schwarz-Weiß beeindruckendere Spielereien mit dem Kontrast ermöglicht als Farbe, veranschaulicht Orson Welles’ Hollywood-Debüt auf herausragende Weise. Wer „Citizen Kane“ als Filminteressierter noch nie gesehen hat, hat nun keine Ausrede mehr.

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Trotz brillanter Reden scheitert er in der Politik

Hm – was ließe sich noch schreiben? Eine kurze Lektüre auf diversen Seiten im Netz führt zu der Erkenntnis: unfassbar viel. Ich geb’s auf. Um den riesigen Einfluss des Films noch einmal zu dokumentieren, schließen wir mit François Truffauts Urteil: Alles was im Kino nach 1940 Bedeutung hat, ist von „Citizen Kane“ beeinflusst.

Veröffentlichung: 20. Dezember 2013 als Blu-ray

Länge: 119 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
USA 1941
Regie: Orson Welles
Drehbuch: Herman J. Mankiewicz, Orson Welles
Besetzung: Orson Welles, Joseph Cotten, Agnes Moorehead, Dorothy Comingore, Ruth Warrick, Ray Collins, Everett Sloane, Paul Stewart, William Alland
Zusatzmaterial: Dokumentation „The Battle over Citizen Kane“, Dokumentation „Orson Welles: The One Man Band“, Audiokommentar vom Filmhistoriker Prof. Dr. Thomas Koebner, Dokumente zum Film, Fotogalerie, 16-seitiges Booklet, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2014 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2013 Studiocanal Home Entertainment

 
 

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4 Antworten zu “Citizen Kane – Ist das der beste Film aller Zeiten?

  1. Fatherleft

    2015/05/08 at 13:22

    Ein besonderes Bonbon, sollte die reale Bedeutung des Wortes „Rosebud“ sein. Hearst soll wohl einen männlichen Lover gehabt haben, den er seine „Rosenknospe“ nannte.
    Aber es ist ein großartiger Film, der mal wieder zeigt, dass Ahnungslosigkeit manchmal wie ein Füllhorn Kreativität produziert. In dem Buch „This is Orson Welles“ spricht Orson Welles großartig offen davon, wie er mit seiner recht großen Ahnungslosigkeit vom filmischen Medium seine Ideen in den Raum warf, welche Kameramann Gregg Toland kongenial in Anweisung für die Techniker übersetzte, um die Ideen so auf die Leinwand zu bringen. Wie sagte Orson Welles ebenfalls in Peter Bodganovichs Buch: „Künstler schaffen die besten Werke am Anfang und am Ende ihrer Karriere.“ Am Anfang, weil sie sich mit jugendlichen Übermut über Regeln hinwegsetzen, ohne sich Gedanken zu machen, ob die Leute das trotzdem mögen. Und am Ende, weil sie sich keine großen Gedanken mehr über ihre Karriere machen müssen und aus Erfahrung wissen, welche Regeln sie brechen können. Bei Orson Welles trifft das bestimmt zu, wobei seine Mittelwerke ja hauptsächlich mit Budget-Defizten zu kämpfen hatten, und der dickköpfige Mister Welles vermutlich sonst noch mehr Meisterwerke wie „Citizen Kane“ gedreht hätte, aber wenn man sich gleich mit seinem ersten Film mit dem amerikanischen Axel Springer anlegt … Kein Wunder, dass es dann schwer wird, noch Geldgeber zu finden.
    Aber für alle die Lust haben Filmgeschichte mit zu schreiben: Es gibt gerade eine Crowdfunding-Aktion, mit der Orson Welles „Other Side of the Wind“ nach zwanzig Jahren endlich fertig gestellt werden soll https://www.indiegogo.com/projects/other-side-of-the-wind-orson-welles-last-film.

     
  2. belmonte

    2014/01/12 at 14:15

    Für mich einer der größten Schauspieler alle Zeiten, Macbeth, Othello, Der dritte Mann, Moby Dick, und einer der großartigsten Redner noch dazu: http://www.youtube.com/watch?v=Wm74aNeGqVM

     

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