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The Wolf of Wall Street – „Ludovico-Technik“ für Geldgeile

13 Jan

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Kinostart: 16. Januar 2014

Gastrezension von Florian Schneider

Satire // Koks, Nutten, Geld, noch mehr Koks, noch mehr Nutten, noch mehr Geld – und sonst? Ach ja, Downers, Uppers, Crack, Alk, rasierte Muschis, Schwänze, Luxushäuser, Luxusautos, Luxusboote, Luxusweiber und noch viel mehr Geld. Martin Scorsese lässt in „The Wolf of Wall Street“ die Sau raus, aber so richtig. Gute Güte, dieser Drogenrausch und diese Sexorgie! Diese Ausstellung römischer Spätdekadenz sowie kultureller, sozialer und moralischer Armut zieht sich über 180 Minuten hin, unterbrochen von ein paar Dialogen (na ja, einer endlosen Aneinanderreihung von „Fucks“) und den Weisheiten des Protagonisten Jordan Belfort aus dem Off. Leonardo DiCaprio ist für seine großartige Verkörperung dieses gierigen Antihelden gerade zu Recht mit seinem zweiten Golden Globe nach „Aviator“ (2004) ausgezeichnet worden. Er tut gut daran, der aktuelle Lieblingsschauspieler von Martin Scorsese zu sein.

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Ein Prost auf die Geldgier: Jordan Belfort

Hat er den Verstand verloren, der Martin Scorsese, dieser Meister der Ausstellung des amerikanischen Albtraums, der Beschreibung der dunklen Seite der Seele, der Gewalt und des Verbrechens, der Schattenseiten der amerikanischen Gesellschaft? Scheitert dieser großartige Chronist, der uns unzählige Filmperlen geschenkt hat, der 2007 ausgerechnet für ein Remake – wenn auch ein großartiges – nach gefühlten 100 Jahren seinen ersten Regie-Oscar gewann („The Departed“), an dem Versuch, die Widerwärtigkeit der Jahre der Maßlosigkeit, der unermesslichen Gier nach Drogen und Geld adäquat zu bezeugen? Singt er gar ein Loblied auf die Dekadenz der Wall-Street-Broker der 80er-Jahre? Fuck, nein!

Er bedient sich schlicht des einzigen Mittels, um dem Wahnsinn dieser Zeit ein neues Gesicht zu geben: der Satire. Der satirische Blick Scorseses erweitert den sezierenden und analytischen Blick eines Oliver Stone („Wall Street“, 1987) auf kongeniale Weise. „Wer denken die, dass ich bin? Gordon Gekko?“, fragt der vom FBI verfolgte Jordan Belfort an einer Stelle im Film. Belfort ist nicht Gekko, aber er ist auch kein besserer Mensch als der Großspekulant im Nadelanzug.

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Jordans Geschäftspartner Donnie (Jonah Hill)

Eine gelungene Satire lässt einen lachen und lässt einem das Lachen im Halse stecken bleiben. Sie weiß mit einer Szene zu faszinieren und zu begeistern, um gleich darauf durch deren permanente Wiederholung zu langweilen und damit das zuerst Gezeigte als inhaltsleer zu entlarven. In der Satire darf der Antiheld triumphieren, denn sein Triumph ist nichts wert. Er ist genau die komische und tragische Figur, die er eigentlich nicht sein will; er wurde ausgezogen und bloßgestellt, seiner falschen Aura beraubt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Dabei hat Jordan Belfort noch Glück, dieser real existierende Habsüchtige, auf dessen Tatsachenbericht „The Wolf of Wall Street“ beruht. Scorsese und DiCaprio zeichnen ihn teilweise durchaus sympathisch und lassen damit zu, dass man Mitleid mit ihm empfinden kann. Eine Gnade, die ein Stanley Kubrick seinem Antihelden in der Historien-Satire „Barry Lyndon“ (1975) nicht gewährt hat.

Apropos Stanley Kubrick und Satire: in „A Clockwork Orange“ (1971) kommt der gar nicht liebe Alex (Malcolm McDowell) in den zweifelhaften Genuss der „Ludovico-Technik“, bei der der jugendliche Gewalttäter mit soviel Gewalt und Brutalität konfrontiert wird, dass er allein beim Gedanken daran kotzen muss. Alex kann diesen Reflex schließlich überwinden, da er als fiktive Figur seine Rolle zu Ende spielt. Auch Jordan Belfort darf seine Rolle zu Ende spielen, muss nicht geläutert werden, denn auch er ist Teil eines satirischen Spiels. Hier wie da, bei Kubrick und Scorsese, entfaltet dieser Mechanismus lediglich beim Rezipienten seine Kraft. Die realen Manifestationen des Dargestellten werden als das entlarvt, was sie sind: Gegenentwürfe zur menschlichen Ethik und Moral, die Antithese zum „Kategorischen Imperativ“ Immanuel Kants. Wenn einem davon schlecht wird, dann hat die Satire ihr Ziel erreicht!

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Wieder ein paar Millionen mehr verdient. Ruft die Nutten!

Wer Satire nicht als solche zu erkennen vermag, darf denken, dass „A Clockwork Orange“ und „Natural Born Killers“ (1994) Gewalt verherrlichen, darf auch glauben, dass „The Wolf of Wall Street“ Habgier, Drogen und Dekadenz glorifiziert. Wahr wird diese Sichtweise deshalb nicht.

Wer auch immer fühlt, dass ihn das Verhalten der Antihelden dieser Filme zur Nachahmung stimuliert, dem sei dringend eine Verhaltenstherapie ans Herz gelegt. Ein Idiot war er allerdings bereits vor dem Filmgenuss.

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Jordan lässt sich hochleben

Martin Scorsese bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Kap der Angst (1991)
Casino (1995)
The Wolf of Wall Street (2013)

Matthew McConaughey bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Mud – Kein Ausweg (2012)
Dallas Buyers Club (2013, Kino)
Dallas Buyers Club (2013, Heimkino)
The Wolf of Wall Street (2013)
Interstellar (2014, Kino)
Interstellar (2014, Heimkino)
True Detective (2014)
Free State of Jones (2016)
Kubo – Der tapfere Samurai (2016)

Länge: 180 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
USA 2013
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Terence Winter, nach dem Tatsachenbericht von Jordan Belfort
Besetzung: Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Margot Robbie, Matthew McConaughey, Kyle Chandler, Rob Reiner, Jon Bernthal, Jon Favreau, Jean Dujardin, Joanna Lumley, Shea Whigham
Verleih: Universal Pictures International

Copyright 2014 by Florian Schneider

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2013 Universal Pictures International

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