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12 Years a Slave – Oscar-Favorit?

14 Jan

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12 Years a Slave

Kinostart: 16. Januar 1014

Historiendrama // Ließe man mir die Wahl, für Steve McQueens herausragendes Sklaverei-Epos einen einzigen Oscar zu vergeben, so wäre die Entscheidung leicht: Michael Fassbenders vielschichtige Darstellung des Plantagenbesitzers Edwin Epps ist sensationell. Man müsste ihn hassen, so brutal gebärdet sich der Sklaventreiber gegenüber seinem beweglichen Eigentum. Und doch schimmert unter der gnadenlosen Fassade stets auch ein menschliches Antlitz hervor; der Mann ist kein Sadist und auch kein Psychopath, er glaubt – abgeleitet aus der Bibel –, im Recht zu sein und das Richtige zu tun. Seine Zuneigung zur Sklavin Patsey (Lupita Nyong’o) bringt Epps in einen inneren Konflikt. Dieses Hin- und Hergerissensein wird beim Zuschauer intensiv spürbar und macht es unmöglich, die Figur einfach nur als abscheulich abzutun. Das ist Fassbenders Verdienst, seine Leistung ist es, die aus einem ansonsten lediglich sehr guten Film ein herausragendes Kinoerlebnis macht.

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In New Orleans wird Northup (l.) verkauft

Ein einziger Oscar – das ist natürlich nur Gedankenspielerei. Angesichts der Vorschusslorbeeren und vorherigen Auszeichnungen wäre es keine Überraschung, wenn „12 Years a Slave“ einige Academy Awards gewinnt, auch in den wichtigen Kategorien. Bei den Golden Globes allerdings hat’s gerade nur für eine der Kugeln gereicht, wenn auch immerhin die wichtigste: für den besten Film der Kategorie Drama. Mein Favorit Michael Fassbender hat als Nebendarsteller gegen Jared Leto den Kürzeren gezogen, der zugegeben in „Dallas Buyers Club“ brillant ist (ich habe bereits die Hamburger Pressevorführung besucht). Chiwetel Ejiofor musste sich ebenfalls seinem Konkurrenten aus dem AIDS-Drama geschlagen geben: Matthew McConaughey. Auch das ist einzusehen.

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Die Sklaven müssen aufs Feld

„12 Years a Slave“ erzählt die wahre Geschichte von Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor), der als freier Mann im Staat New York lebt, aber 1841 nach New Orleans verschleppt wird. Dort kauft ihn der Plantagenbesitzer William Ford (Benedict Cumberbatch, „Star Trek – Into Darkness“), auf dessen Anwesen Northup immerhin einigermaßen zivilisiert behandelt wird. Doch nach einer Streitigkeit mit dem Aufseher John Tibeats (Paul Dano) stößt Ford seinen Sklaven an seinen Nachbarn Edwin Epps (Fassbender) ab. Fortan muss Northup unter üblen Bedingungen Baumwolle pflücken. Seine Leidensgenossin Patsey (Nyong’o) pflückt wie besessen und hält mit ihrer täglichen Quote den Leistungsdruck unter den Sklaven hoch. Für Epps ist die Peitsche ein gern gewähltes Mittel als Strafe für Minderleistung.

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William Ford (l.) hält sich für zivilisiert

Höchstes Lob allerorten. Bei Rotten Tomatoes hat das Drama in der Kritikerwertung fette 96 Prozent erreicht, beim Publikum auch noch satte 93 Prozent. Es wäre einfach, hier Rezensionen zu zitieren, die dem Film den Status eines Meisterwerks zubilligen oder ihm ein „Must-See“ bescheinigen. Derlei Aussagen finden sich im Netz zuhauf. Bleiben wir auf dem Teppich – der Versuch einer kritischen Würdigung jenseits der Superlative: „12 Years a Slave“ wartet mit glaubwürdiger Schauspielkunst auf. Fassbenders Leistung ragt dabei heraus, aber natürlich lässt auch Hauptdarsteller Chiwetel Ejiofor das Leid, die Sehnsucht und das Agieren seiner Figur jederzeit nachvollziehbar erscheinen. „Sherlock“-Darsteller Benedict Cumberbatch beweist, dass ihn die US-Filmindustrie zu Recht nach Hollywood geholt hat. Der von ihm verkörperte Gutsbesitzer Ford ist ein Feingeist, der die grausame Realität der Sklaverei schlicht ignoriert und nicht an sich heranlässt – ein feiner Kontrast zu Fassbenders Epps, der mittendrin ist in der Unterdrückung der Sklaven. Auch Nebendarstellerin Lupita Nyong’o hat bereits diverse Auszeichnungen und Nominierungen abgeräumt. Ihre Patsey ist stark, aber fügt sich, weil sie die Ausweglosigkeit ihres Daseins erkannt hat und schlicht überleben will.

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Edwin Epps (l.) herrscht mit harter Hand

Das Drehbuch hält sich dem Vernehmen nach eng an den gleichnamigen Tatsachenroman, den der echte Solomon Northup nach seinen Erinnerungen schrieb. Dieses Bemühen um historische Genauigkeit führt bisweilen dazu, dass Handlungsfaden und Dramaturgie etwas konventionell inszeniert wirken. Das ist gewiss Jammern auf hohem Niveau, verhindert aber womöglich am Ende die Einordnung als Meisterwerk – zumindest bei „Die Nacht der lebenden Texte“. Aber ob es dafür reicht, muss ohnehin erst die Zeit zeigen.

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Northup (r.) muss Baumwolle pflücken

Regisseur Steve McQueen hat sich mit seinen vorherigen Langfilmen den Ruf erarbeitet, intensive Kinoerlebnisse zu erschaffen: In „Hunger“ ließ er die Zuschauer 2008 am Hungerstreik von IRA-Häftlingen teilhaben, in „Shame“ 2013 an der Sexsucht seiner Hauptfigur. Michael Fassbender scheint McQueens Lieblingsschauspieler zu sein – er war in beiden dabei. Der in Heidelberg geborene deutsch-irische Schauspieler ist eben immer eine gute Wahl.

An der Ausstattung von „12 Years a Slave“ gibt es nichts zu mäkeln, ebenso wenig am Soundtrack – da ist mit dem Deutschen Hans Zimmer ein erfahrener Hollywood-Komponist an Bord, der bewährt-verlässliche musikalische Untermalung ohne Überraschungen liefert.

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Patsey ist leidensfähig

Schon der Titel deutet an, dass das Leid ein Ende hat. Der echte Northup hat nun mal nach zwölf Jahren seine Freiheit zurückerlangt. Und zugegeben: Es war eine nahezu körperlich spürbare Erleichterung, dies am Ende des Films zu sehen. Die Wiedervereinigung mit Northups Familie bringt zwangsläufig akuten Taschentuch-Alarm, in der Szene wird überdeutlich, was die zwölf Jahre für Northup bedeutet haben müssen. Derlei Verschleppungen freier schwarzer Menschen waren in den USA seinerzeit offenbar gar nicht so selten, da für die Entführer lukrativ. Etwas mutigeres Filmemachen wäre es vielleicht gewesen, ein solches Schicksal nicht über zwölf Jahre mit anschließender Befreiung zu zeigen, sondern über 40 Jahre mit anschließendem elenden Verrecken – vermutlich der häufigere Fall. Das wäre aber am Ende als Zuschauer kaum zu ertragen, gestatten wir Hollywood insofern den halbwegs glücklichen Ausgang der Geschichte.

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Bibelfest: Epps glaubt sich im Recht

Solomon Northups Leidensweg ist bereits 1984 filmisch aufbereitet worden: in der Episode „Solomon Northup’s Odyssey“ der TV-Serie „American Playhouse“. So richtig oft haben US-Filmschaffende die Geschichte der Sklaverei in den USA bislang nicht thematisiert. Quentin Tarantinos „Django Unchained“ ist als spektakulärer Action-Kommentar natürlich noch sehr in Erinnerung, auch die TV-Miniserie „Roots“ hat sich 1977 Verdienste erworben, dieses dunkle Kapitel amerikanischer Geschichte in den Fokus der US-Öffentlichkeit zu rücken. Zwei Jahre zuvor hatte Regisseur Richard Fleischer mit „Mandingo“ einen umstrittenen Beitrag zum Thema geliefert. Es wäre somit keine Überraschung, wenn sich Hollywood bei der Oscar-Verleihung am 2. März 2014 mit mehr als einem Academy Award für diesen Geschichtsunterricht selbst auf die Schulter klopft. Es gab schon unbedeutendere Oscar-Preisträger.

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Der Sklaventreiber (r.) misstraut Northup

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Benedict Cumberbatch, Paul Dano, Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender und/oder Brad Pitt sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 135 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
USA 2013
Originaltitel: 12 Years a Slave
Regie: Steve McQueen
Drehbuch: John Ridley, nach dem Roman von Solomon Northup
Besetzung: Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender, Benedict Cumberbatch, Lupita Nyong’o, Paul Giamatti, Brad Pitt, Alfre Woodard, Paul Dano
Verleih: Tobis Film

Copyright 2014 by V. Beautifulmountain

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2013 Tobis Film

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