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Wir sind was wir sind – Du bist was du isst

19 Jan

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Somos lo que hay

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // Ein Mann in ärmlicher Kleidung wankt im Untergrund zur Rolltreppe, gelangt ans Tageslicht, lässt sich von einem Schaufenster vertreiben, stolpert noch ein wenig über den Bürgersteig, bricht schließlich zusammen und stirbt. Zügig wird der Leichnam entfernt, ebenso zügig der Bürgersteig gereinigt. Bald darauf sitzen seine beiden Söhne Julián (Alan Chavéz) und Alfredo (Francisco Barreiro) auf einem Markt, wo sie Uhren feilbieten und Uhr-Reparaturen annehmen – das Geschäft ihres Vaters. Ein Kunde, der sich beschwert, wird von Julián kurzerhand zusammengeschlagen. Kurze Zeit später werden die beiden ohnehin wegen überfälliger Standgebühren vom Marktplatz geschmissen. Die Nachricht vom Tod des Vaters bricht zusätzlich über die Familie hinein. Er hinterlässt ein Machtvakuum, das erst noch gefüllt werden muss – aber von wem? Der zurückhaltende Alfredo sträubt sich, Julián erscheint zu gewalttätig. Dann sind da noch die verbitterte und herrische Mutter Patricia (Carmen Beato) und die besonnene Tochter Sabina (Paulina Gaitan).

Was wie ein tristes Familien- und Sozialdrama beginnt, nimmt bald einen rabenschwarzen Verlauf. Die Familie hat besondere Ernährungsgewohnheiten. Einen ersten Einblick erhält der Zuschauer, als die beiden Brüder auf die Jagd gehen – auf Menschenjagd. Sie lassen sich allerdings von einer Horde Straßenkinder in die Flucht schlagen. Bei einer Prostituierten sind Alfredo und Julián erfolgreicher. Für die allerdings hat Patricia keine Verwendung auf dem Speiseplan – aus moralischen Gründen.

Ein Film zum Runterziehen

Nein, der erste Langfilm des Mexikaners Jorge Michel Grau ist wahrlich kein Sehvergnügen. Zu freudlos und düster sind die Bilder, die der Regisseur von der mexikanischen Unterschicht im Allgemeinen und der degenerierten Familie im Besonderen zeigt. Auch der sparsam eingesetzte Score aus Cello und Violine trägt mit seinen oft dissonanten Tönen nicht zur Erleichterung bei. Wer glaubt, sich mit einem knackigen Kannibalen-Horrorfilm einen vergnüglichen Splatterabend machen zu können, liegt weit daneben. Blutig geht’s nur punktuell zu, das aber nie selbstzweckhaft. Da die Familie wenig umsichtig vorgeht, ist es unvermeidlich, dass ihr die Polizei auf die Spur kommt. Fühlt man sich als Zuschauer nach dem Finale erleichtert? Wohl kaum. „Somos lo que hay“ ist überaus sehenswert und hat Tiefenwirkung. Die ist allerdings so tief, dass ich eine zweite Sichtung wohl eher auf den Sankt-Nimmerleinstag verschiebe.

Im Interview mit der deutschen Genre-Zeitschrift Deadline bekannte Regisseur Jorge Michel Grau 2011, Kannibalismus als Metapher für die sich selbst auffressende mexikanische Gesellschaft gewählt zu haben. Wichtig sei ihm obendrein gewesen, eine durch den Verlust des Vaters dysfunktional gewordene Familie zu zeigen, weil das in seinem Land kein seltener Fall sei. Der Verfall der mexikanischen Gesellschaft stehe seiner Meinung nach in unmittelbarem Zusammenhang mit dem der Familie. Die grausame Realität holte das Filmteam kurz nach Ende der Dreharbeiten ein: Nach einem in Gewalttätigkeiten ausgearteten Streit wurde der den Julián spielende Alan Chavéz von der Polizei erschossen.

Das bittere Horrordrama ist bereits im Oktober 2011 bei uns als Blu-ray und DVD erschienen. Mit „We Are What We Are“ folgte 2013 ein Remake für den US-Markt, das nun ebenfalls in Deutschland erhältlich ist.

Veröffentlichung: 28. Oktober 2011 als Blu-ray und DVD

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 90 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Spanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Somos lo que hay
MEX 2010
Regie: Jorge Michel Grau
Drehbuch: Jorge Michel Grau
Besetzung: Francisco Barreiro, Carmen Beato, Paulina Gaitan, Daniel Giménez Cacho, Alan Chavéz
Zusatzmaterial: Making-of, Kurzfilm, Trailer, Behind the Scenes
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2014 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2011 Universum Film

 

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