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Der blinde Fleck – Täter. Attentäter. Einzeltäter? Tod beim Oktoberfest

20 Jan

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Der blinde Fleck

Kinostart: 23. Januar 2014

Von Volker Schönenberger

Politdrama // In Deutschland wird gern die Angst vor linksextremer Gewalt geschürt, gleichzeitig werden rechtsradikale Gewalttaten verharmlost oder gar ignoriert. Nach lnksautonomen Ausschreitungen einen ganzen Stadtteil unter Generalverdacht stellen und dessen Bewohner staatlicher Repression aussetzen? Kein Ding, schüttelt man aus dem Ärmel – siehe Hamburg. Eine rechtsradikale Gruppierung ermordet bundesweit Mitbürger mit vornehmlich türkischem Migrations-Hintergrund? Kein Ding, da ermittelt man eben jahrelang gegen eine angeblich existierende „Halbmondmafia“ – und in der Öffentlichkeit wird das Credo der „Dönermorde“ verbreitet. Dass Nazis Menschen ermorden, scheint manchen Deutschen nach wie vor undenkbar.

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Ulrich Chaussy recherchiert penibel

Ein Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann zündet 1980 auf dem Münchner Oktoberfest eine Rohrbombe und reißt zwölf Menschen plus sich selbst in den Tod? Kein Ding, Einzeltäter, ist doch klar – und sei es nur, diese Sicht der Dinge zu verbreiten, weil der Ministerpräsident Bayerns ein paar Tage später eine Bundestagswahl gewinnen will und ein anderer Ermittlungsansatz seinen Erfolg gefährden würde.

Der Journalist Ulrich Chaussy hat viele Jahre über das Oktoberfest-Attentat vom 26. September 1980 recherchiert und gemeinsam mit Daniel Harrich das Drehbuch zu „Der blinde Fleck“ geschrieben. Anfangs hatte Harrich einen Dokumentarfilm geplant, erst nach einem Treffen mit Chaussy reifte die Idee einer Fiktionalisierung. Und so übernahm Benno Fürmann („Nordwand“) die Rolle des Journalisten, der der offiziellen Darstellung als einer von wenigen nicht glaubt und weiter am Ball bleibt. Er findet einen mächtigen Gegenspieler in Dr. Hans Langemann (Heiner Lauterbach). Der Leiter des Staatsschutzes im bayerischen Innenministerium ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass Gundolf Köhler bis heute als Einzeltäter gilt, der den Anschlag ohne strategische Rückendeckung aus rechtsextremen Kreisen vorbereitet und durchgeführt habe. Dabei hatte Langemann lange vorher in seiner Doktorarbeit zum Thema Attentat selbst die These vom „vorgeschobenen Einzeltäter“ entwickelt.

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Hans Langemann ist ein angesehener Kriminalist

„Der blinde Fleck“ ist akribisch recherchiert, was angesichts der Einbindung Chaussys nicht verwundert. Es ist kein deutscher „JFK – Tatort Dallas“, aber der Vergleich ist angesichts von Oliver Stones meisterhaftem Politthriller um das Kennedy-Attentat auch unfair. Wir sehen die Auswirkungen aufs Privatleben und die Beziehung zu seiner Freundin und Ehefrau Lise (Nicolette Krebitz), die Chaussys großer Einsatz mit sich bringen – das ist glaubwürdig und unprätentios. Fesseln tut das Politdrama sowieso. Die Inszenierung wirkt etwas bieder, aber das mag daran liegen, dass die bundesrepublikanische Wirklichkeit der frühen 80er-Jahre nicht unbedingt vor Pep sprühte.

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Chaussy interviewt auch Angehörige der Opfer

Aufklärung liefert „Der blinde Fleck“ nicht, das wäre auch unseriös. Ebenso unseriös wäre es aber, den Film lediglich als Futter für Verschwörungstheoretiker abzukanzeln. Ihm gebührt das Verdienst, den Anschlag wieder in den Fokus der Öffentlichkeit zu bringen, was umso wichtiger ist, als das Attentat im politischen Bewusstsein der Deutschen heute kaum noch präsent ist, jedenfalls weitaus weniger als die Morde der Rote Armee Fraktion. Ob’s daran liegt, dass die RAF in weitaus höherem Maße unsere Mächtigen ins Visier ihrer Anschläge genommen hatte als es die rechten Mordgesellen der Bundesrepublik tun und getan haben? Wie auch immer, in einem in Auszügen im Presseheft zum Film abgedruckten und als Pdf vorliegenden Interview der Zeitschrift MUH deutet der echte Chaussy an, dass es womöglich weitergeht: Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann habe seine Bereitschaft erklärt, die sogenannten Spurenakten des Landeskriminalamts dem Opferanwalt Werner Dietrich (im Film gespielt von Jörg Hartmann) zur Verfügung zu stellen.

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Selbst im Bett mit Lise kann er nicht vom Thema lassen

Den Filmstart flankierend erscheint im Januar eine aktualisierte Neuauflage von Ulrich Chaussys Buch „Oktoberfest – Das Attentat“, nun mit dem Zusatz „Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann“.

Länge: 92 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
D 2013
Regie: Daniel Harrich
Drehbuch: Daniel Harrich, Ulrich Chaussy
Besetzung: Benno Fürmann, Heiner Lauterbach, Nicolette Krebitz, August Zirner, Jörg Hartmann, Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl
Verleih: Ascot Elite Filmverleih GmbH

Copyright 2014 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2013 Ascot Elite Filmverleih GmbH

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