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Im Zeichen des Bösen – Von bösartiger Brillanz

23 Jan

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Touch of Evil

Von Volker Schönenberger

Krimidrama // Der talentfreie Regisseur Ed Wood sitzt am Tresen einer schummrigen Bar und entdeckt in einer Ecke den großen Orson Welles. Man kommt ins Gespräch. Wood beklagt sich, dass ihm schon Filme umgeschnitten worden sind. Welles gibt zu, dass ihm das auch passiert sei. Als Wood fortfährt, Produzenten würden dauernd ihre Leute im Film unterbringen wollen, egal ob sie auf die jeweilige Rolle passen, erwidert Orson Welles: Ich erleb’s gerade. In meinem neuen Film ist der Held Mexikaner. Und den muss nun Charlton Heston unbedingt spielen.

Hatte Orson Welles etwas gegen Charlton Heston?

Diese wunderbare Anspielung auf „Im Zeichen des Bösen“ stammt aus Tim Burtons Film „Ed Wood“ (1994) mit Johnny Depp in der Titelrolle. Vincent D’Onofrio gibt in dieser Szene Orson Welles und sieht ihm zum Verwechseln ähnlich. Dieses Aufeinandertreffen des Trash-Regisseurs mit dem meisterhaften Filmemacher hat es nie gegeben. Unklar ist auch, ob Orson Welles als Regisseur von „Im Zeichen des Bösen“ tatsächlich so unglücklich mit Charlton Heston war. Immerhin war Welles selbst ursprünglich nur als Darsteller vorgesehen, Heston schon an Bord, bevor auch die Regie an Welles ging. Dem Vernehmen nach war es sogar Welles selbst, der aus Hestons Rolle eines weißen Staatsanwalts die eines mexikanischen Drogenfahnders gemacht hat. So oder so kann die Szene in „Ed Wood“ ins Reich der Fabel verwiesen werden, schön ist sie allemal.

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Ehrbarer Ermittler: Mike Vargas

Der Beginn von „Touch of Evil“, so der Originaltitel, ist Filmgeschichte: Ein Attentäter stellt den Zeitzünder einer Bombe auf drei Minuten ein und deponiert sie in einem Auto, in das sogleich ein Mann und eine Frau einsteigen. Das Auto fährt langsam durch die überfüllten Straßen des nächtlichen Los Robles, einer mexikanischen Grenzstadt, und passiert mehrfach ganz nah ein attraktives Paar (Charlton Heston und Janet Leigh). Aus Clubs und Bars am Straßenrand dringt Musik, eine flirrende Atmosphäre erfüllt die Luft. Während eines kurzen Gesprächs der beiden Fußgänger mit den Zöllnern erfahren die Zuschauer, dass es sich bei dem Paar um den mexikanischen Drogenfahnder Mike Vargas und seine frisch angetraute Ehefrau Susan handelt – sie ist US-Bürgerin. Sowohl das Paar im Auto als auch die Eheleute Vargas passieren die Grenze in die USA. Wenige Sekunden später detoniert die Bombe.

Diese auf der Blu-ray exakt drei Minuten und 15 Sekunden lange Szene ist in einem einzigen Take entstanden – ohne jeden Schnitt. Sie anzufertigen dauerte allerdings eine ganze Nacht. Vom Dreh überliefert ist, dass einer der Zollbeamten-Schauspieler ständig seinen Text verbockte, weshalb die gesamte Szene erneut begonnen werden musste. In den Film geschafft hat es tatsächlich der letzte Take, der in jener Nacht möglich war – die Dämmerung setzte ein. Angeblich hat Regisseur Welles den Schauspieler für diesen letzten Versuch angewiesen, nur die Lippen zu bewegen, ohne zu sprechen. Sein Text sollte später im Studio eingebaut werden.

Die Bombe im Auto – Suspense in Reinkultur

Die Szene ist ein Beispiel für perfekt aufgebaute Suspense: Während die Figuren nichts Böses ahnen, weiß der Zuschauer um das kommende Unheil. Er weiß nur nicht, wann genau und mit welcher Konsequenz es zuschlägt. Dass Kinozuschauer die Drei-Minuten-Zeiteinstellung der Bombe mitbekommen und die Zeit dann gestoppt haben, darf bezweifelt werden. Wen wird die Explosion in den Tod reißen, wen verletzen? Natürlich war damals unvorstellbar, dass zu Beginn eines Films ein Star wie Janet Leigh oder Charlton Heston stirbt. Eine derart radikale Maßnahme erlaubte sich erst zwei Jahre später – 1960 – ein gewisser Regisseur namens Alfred Hitchcock in „Psycho“ mit einer gewissen Janet Leigh. Dennoch: Man kann ja nie wissen. Orson Welles war diese Szene so wichtig, dass er die gemeinhin zu Beginn eines Films gezeigten „Opening Credits“ erst mit dem Abspann einblenden wollte, damit die Wucht dieser Eingangssequenz ihre ganz Wirkung auf die Kinogänger entfalten konnte. Das Studio machte ihm allerdings einen Strich durch die Rechnung und blendete die Credits während der laufenden Szene ein. Erst in der Rekonstruktion von Welles’ Wunschfassung des Films (siehe unten) ist die Szene von dieser Ablenkung befreit.

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Hank Quinlan hat Dreck am Stecken

Einen besonderen Reiz zieht „Im Zeichen des Bösen“ aus dem Kontrast der beiden Hauptfiguren: Da ist auf der einen Seite der integre mexikanische Drogenfahnder Vargas, hochgewachsen und gutaussehend. Sein Antagonist ist der korrupte US-Ermittler Hank Quinlan, feist und aufgedunsen. Regisseur Orson Welles hatte keine Bedenken, sich selbst in prächtiger Hässlichkeit zu präsentieren.

Die Story dreht sich um Korruption, Vertuschung, Drogenkriminalität, Bandenverbrechen und Entführung. Orson Welles hat die inhaltlichen und visuellen Stilmittel des Film noir derart perfekt in „Touch of Evil“ eingebaut, dass das Meisterwerk gemeinhin als Schlusspunkt der klassischen Ära dieses Subgenres des Kriminalfilms angesehen wird.

Für Filmfans wie Filmwissenschaftler gleichermaßen ein Genuss

Mangels filmwissenschaftlichen Hintergrunds ist es dem Verfasser dieser Zeilen kaum möglich, herauszuarbeiten, wie virtuos der Regisseur eine zynische Krimihandlung visualisierte, indem er Perspektiven, Nahaufnahmen von Gesichtern, Schwarz-Weiß-Kontraste und andere Aspekte auf kunstvolle Weise miteinander verwob. Dem geneigten Leser sei einfach ein Rat mit auf den Weg gegeben: Ansehen – am besten konzentriert! Fesselnd und unterhaltsam ist der Film sowieso, obendrein für Filmtheoretiker ein Muss.

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Susan Vargas gerät in Gefahr

Orson Welles hatte dem Universal-Studio nicht das Recht auf den Final Cut abringen können. Das hatte fatale Folgen für seine künstlerische Vision: In Abwesenheit des Regisseurs begann das Studio, nach Drehende eine andere Schnittfassung anzufertigen. Bald darauf wurde Welles gefeuert, einige seiner Szenen wurden gar nachgedreht und ersetzt. Der Verleih brachte schließlich eine 95-minütige Version ins Kino, mit der Welles logischerweise überhaupt nicht einverstanden sein konnte. Er schrieb auf 58 Seiten auf, wie er sich seine Schnittfassung vorstellte, erlebte sie allerdings nicht mehr: Erst 1998, 14 Jahre nach dem Tod des genialen Filmemachers, wurde dieser Director’s Cut von Walter Murch anhand von Welles’ Aufzeichnungen fertiggestellt. Der Filmjournalist Michael Sragow hat im selben Jahr eine lange Abhandlung über Murchs Rekonstruktionsarbeit geschrieben. Sie trägt den Titel „Retouching Evil“ und ist online verfügbar.

In der Reihe „Masterpieces of Cinema“ veröffentlicht Koch Media den Film in einer Blu-ray-Edition mit fünf Versionen des Films: Sowohl die 95-minütige Studiofassung als auch der 110 Minuten lange Director’s Cut liegen jeweils in den Bildformaten 1.85:1 und in 1.37:1 vor, wobei Welles das Format 1.85:1 bevorzugte. Hinzu kommt eine Vorpremierenfassung von ca. 109 Minuten. Angesichts dieser liebevollen Veröffentlichung mit überzeugender Bildqualität muss sich Orson Welles nun endlich nicht mehr im Grabe umdrehen, wenn er an „Im Zeichen des Bösen“ denkt.

Die Filme der Reihe „Masterpieces of Cinema“:

01. Die Nacht des Jägers (The Night of the Hunter, 1955)
02. Einsam sind die Tapferen (Lonely Are the Brave, 1962)
03. Der große Treck (The Big Trail, 1930)
04. Das grüne Zimmer (La chambre verte, 1978)
05. Leben und Sterben des Colonel Blimp (The Life and Death of Colonel Blimp, 1943)
06. Rumble Fish (Rumble Fish, 1983)
07. Fahrenheit 451 (Fahrenheit 451, 1966)
08. Ostia (Ostia, 1970)
09. Außergewöhnliche Geschichten (Histoires extraordinaires, 1968)
10. Im Zeichen des Bösen (Touch of Evil, 1958)
11. Duell in den Wolken (The Tarnished Angels, 1957)
12. Ein Engel an meiner Tafel (An Angel at My Table, 1990)
13. Die Glenn Miller Story (The Glenn Miller Story, 1954)
14. Wenn die Ketten brechen (Captain Lightfoot, 1955)
15. Wie herrlich eine Frau zu sein (La fortuna di essere donna, 1956)
16. Blackout – Anatomie einer Leidenschaft (Bad Timing, 1980)
17. Stromboli (Stromboli, terra di Dio, 1950)
18. Der Trost von Fremden (The Comfort of Strangers, 1990)
19. Wem die Stunde schlägt (For Whom the Bell Tolls, 1943)
20. Der Meister und Margarita (Il maestro e Margherita, 1972)
21. Die Stimme des Mondes (La voce della luna, 1990)

Veröffentlichung: 24. Januar 2014 als Blu-ray

Länge: 110 Min. (rekonstruierte Fassung), 95 Min. (Kinofassung), 109 Min. (Previewfassung)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Touch of Evil
USA 1958
Regie: Orson Welles
Drehbuch: Orson Welles, nach dem Roman „Badge of Evil“ von Whit Masterson
Besetzung: Orson Welles, Charlton Heston, Janet Leigh, Joseph Calleia, Akim Tamiroff, Joanna Moore, Ray Collins, Dennis Weaver
Zusatzmaterial: vier verschiedenene Audiokommentare, mit: Restaurationsproduzent Rick Schmidlin, den Darstellern Charlton Heston & Janet Leigh, Kritiker F.X. Feeney, den Welles-Gelehrten James Naremore und Jonathan Rosenbaum, alternatives Filmmaterial, Dokumentation „Bringing Evil to Life“ (ca. 21 Min.), Dokumentation „Evil Lost and Found“ (ca. 17 Min.), Originaltrailer
Vertrieb: Koch Media

Copyright 2014 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2014 Koch Media

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