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The Counselor – Höhepunkt auf der Windschutzscheibe

30 Mrz

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Gastrezension von Giovanni Belmonte

Thriller // „There is not some other world”, sagt der Drogenbaron (Rubén Blades) gegen Ende des Films zum Counselor, „there is only accepting.” Es ist, was ist, und sonst ist nichts. Akzeptiere es. Das könnte als Lehrsatz über vielen Büchern Cormac McCarthys stehen, dem Drehbuchautor von „The Counselor“. Im Film käme vielleicht noch hinzu: Schwelge in Luxus, solange du es kannst. Helfen wird es dir allerdings nichts.

In dem brutalen Hochglanzthriller „The Counselor“ kommt der Bruch etwa gegen Mitte des Films: Der Counselor (ein sich zum Ende hin steigernder Michael Fassbender, „12 Years a Slave“) bereitet sein Frühstück vor, als ihn sein Mittelsmann Westray (geschmeidig gespielt von Brad Pitt) anruft: „We’ve got a problem.“ Wie schlimm das Problem denn sei? „Let’s say pretty bad. Then multiply by ten.“ – „Fuckety fuck!“

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„Wir werden den Deal schon schaukeln“

Was ist bis dahin passiert? Die Story ist übersichtlich: Ein namenloser Anwalt, von allen bloß Counselor genannt, findet sich an der US-mexikanischen Grenze in der Gesellschaft gehobener Drogenkriminalität und verspricht sich durch einen wie auch immer organisierten Drogentransport das große Geld. Die Sache geht schief. Ein über eine Landstraße gestrafftes Drahtseil köpft einen Drogenkurier auf seinem Motorrad. Der Drogentransport verschwindet, taucht aber später wieder auf. Und natürlich schlägt das Kartell so gnadenlos zu, wie es sich schon die ganze Zeit über angedeutet hat. Irgendwann kommt auch der Bolito zum Einsatz, eine Drahtschlinge, die sich durch einen kleinen Elektromotor erbarmungslos um den Hals seines Opfers zieht und es regelrecht enthauptet.

Es gibt auch eine Liebesgeschichte, die aber nicht in die Tiefe geht: Penelope Cruz bleibt als Laura, die Verlobte des Counselors, leider etwas schwach. Malkina dagegen, die Femme fatale des Films, wird von Cameron Diaz meisterhaft verkörpert. Während ihre beiden Leoparden in der Prärie nach Hasen jagen, erklärt sie ihrem Liebhaber Reiner (Javier Bardem, besser in „No Country for Old Men“), dass sie Vergangenes nicht vermisse, da es ohnehin nicht wiederkomme. Auf Reiners Frage, ob das nicht ein bisschen unterkühlt sei, erwidert sie: „I think truth has no temperature.“ Später vögelt sie eine Ferrari-Windschutzscheibe.

Nebenbei bekommt die katholische Kirche ihr Fett weg: Etwas separat von der Haupthandlung setzt sich Malkina in einen Beichtstuhl, um einem Priester ihre Sünden zu erzählen. Dieser fragt sie, wann sie das letzte Mal gebeichtet habe, und sie antwortet, es sei das erste Mal, und es interessiere sie, welche Sünden sich der Priester von anderen Frauen bereits angehört habe. Seine Antwort: Darüber dürfe er nicht sprechen. Es ist wie mit allen Erregungen, über welche die katholische Kirche in den vergangenen Jahren lieber nicht sprechen wollte.

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Wer ist die Schöne, wer das Biest?

Der Film handelt von Habgier, von unumkehrbaren Entscheidungen und am Ende nur noch von purer Angst. Im Drehbuch sagt Reiner dem Counselor: „Greed is greatly overrated. But fear isn’t.“ („Gier wird gewaltig überschätzt. Aber die Angst nicht.“). Und wieder ist es der Drogenboss, der die Aussichtslosigkeit auf den Punkt bringt: „You are at a cross in the road and here you think to choose. But here there is no choosing.” (“Du bist an einer Kreuzung und denkst, du kannst wählen. Aber es gibt keine Wahl.“

Es ist ein guter Film, besser als „All the Pretty Horses“ (2000) nach McCarthys gleichnamigem Roman, aber längst nicht so tief wie „The Road“ (2009), für dessen Vorlage der Autor 2007 den Pulitzerpreis erhielt. Ich tendiere auch dazu, die McCarthy-Adaption „No Country for Old Men“ (2007) höher zu bewerten. Bleibt zu hoffen, dass sein neben „The Road“ herausragendster Roman „Die Abendröte im Westen“ von 1985 ebenfalls verfilmt wird (um mit seiner Brutalität jede Indizierung zu sprengen). Endzeitlich geht es überall zu.

„The Counselor“ war in den Kinos ein Flop und wurde auch in den deutschen Medien mehrheitlich negativ bis durchschnittlich bewertet. Wer aber Cormac McCarthys Bücher mag, wird durchaus seinen Gefallen finden. McCarthy hat das Skript ohne Vorlage eines bereits publizierten Romans geschrieben (siehe meine Drehbuch-Rezension vom vergangenen November auf dem Blog vnicornis). Es gibt eine gewisse Diskrepanz zwischen dem existenzialistischen Gerede der Hauptpersonen und ihrer abgehobenen Lebensführung. Etwas passt da nicht zusammen. Die Belohnung sind aber doch eine ganze Reihe cooler Sprüche und sorgfältig verteilte Action.

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„Wir haben ein Problem, Counselor“

Nach Sichtung der Kinofassung bestand die Hoffnung, dass der 20 Minuten längere, exklusiv auf Blu-ray erhältliche Extended Cut den Film runder macht und zusammenfügt, was zuvor nicht zusammenpasste. Die Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Geboten werden ein paar erweiterte Dialoge und zusätzliche Gespräche, die „The Counselor“ nicht entscheidend voranbringen. Etwas mehr Sex und Gewalt sind auch zu bemerken. Anscheinend war die Langfassung eher Teil des Marketings als Herzenswunsch Ridley Scotts, seinem Werk mehr Substanz zu verleihen. Für eine ausführliche Darstellung der Unterschiede beider Fassungen sei auf die Kollegen von Schnittberichte verwiesen.

Bruno Ganz spielt zu Beginn des Filmes eine elegante Nebenrolle als Amsterdamer Diamantenhändler. Er erklärt: „A perfect diamond would be composed simply of light.“ Die Natur von Diamanten sei es aber, fehlerhaft zu sein. Es ist ein Menetekel für den gesamten Film.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Ridley Scott sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Michael Fassbender und/oder Brad Pitt sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 31. März 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 137 Min. (Blu-ray Extended Cut), 117 Min. (Blu-ray Kinofassung), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Türkisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Englisch für Hörgeschädigte, Französisch u. a.
USA/GB 2013
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Cormac McCarthy
Besetzung: Michael Fassbender, Penélope Cruz, Cameron Diaz, Javier Bardem, Bruno Ganz, Brad Pitt, Rosie Perez, Rubén Blades
Zusatzmaterial: Virale Videos, Kinotrailer und TV-Spots, nur Blu-ray: Die Entstehung des Films, Making-of-Szenen
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

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„Hat jemand meine Laura gesehen?“

Copyright 2014 by Giovanni Belmonte
Fotos & Packshot: © 2014 Twentieth Century Fox Home Entertainment

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Eine Antwort zu “The Counselor – Höhepunkt auf der Windschutzscheibe

  1. belmonte

    2014/03/30 at 13:50

    Hat dies auf vnicornis rebloggt und kommentierte:
    Aus Anlass der Blu-ray-Veröffentlichung des Filmes „The Counselor“ ist vnicornis auf dem Filmrezensionsblog „Die Nacht der lebenden Texte“ fremdgegangen.

     

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