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Snowpiercer – Revolution auf engstem Raum

31 Mrz

Snowpiercer-Plakat

Kinostart: 3. April 2014

Gastrezension von Matthias Holm

SF-Drama // Es muss schon etwas Besonderes passiert sein, wenn eine Horde Filmkritiker mit offener Kinnlade aus einer Pressevorführung kommt. Der „Snowpiercer“ ist über sie hinweggerollt. Und er wird jeden anderen Kinogänger mitreißen.

Mit einer in die Atmosphäre gepumpten Chemikalie die globale Erwärmung aufhalten – das hat zwar geklappt, aber anders als erhofft: Die Erde ist völlig vereist, ein Großteil der Menschheit tot. Die Überlebenden sitzen seitdem in einem Zug, der unaufhörlich und ohne Halt um den Erdball fährt. Die Passagiere sind streng hierarchisch aufgeteilt: Die besser gestellten Personen leben vorn im Zug, die Arbeiterklasse in der Mitte – und der Bodensatz vegetiert am Ende vor sich hin. Dabei werden die Bewohner der hinteren Wagen malträtiert, verprügelt und für kleinste Vergehen hart bestraft. Um sich von ihren Fesseln zu befreien, zettelt diese Unterschicht unter der Führung von Curtis (Chris Evans) eine Revolution an. Ziel: den ersten Waggon zu erreichen, den Erbauer des Zuges – ein Mythos namens Wilford – gefangen zu nehmen und soziale Gleichheit herzustellen.

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Curtis (M.) führt die Revolution an

Die Kritikpunkte zuerst: Die visuellen Effekte der vereisten Welt und des rasenden Zuges sind nicht unbedingt auf dem aktuellen Stand der Technik und der Symbolismus am Ende ist ein wenig offensichtlich.

Fertig.

Alles andere an diesem Film ist eine Klasse für sich. Der Kameramann Hong Kyung-pyo fängt die großartig ausgestatteten Abteile in tollen Bildern ein. Sind die hinteren Sektionen beklemmend eng, so gibt es immer mehr Platz, je weiter die Revolution im Zug nach vorn drängt. Jeder Abschnitt ist hierbei einzigartig gestaltet und unverwechselbar.

Die Geschichte ist eine weitere große Stärke von „Snowpiercer“. Es ist verdammt lange her, dass ein Kinofilm sich getraut hat, unbequeme Themen wie etwa soziale Ungerechtigkeit anzusprechen, und dabei so perfekt unterhalten hat. Die Actionsequenzen sind so großartig inszeniert, dass Wegschauen unmöglich ist – selbst wenn Äxte mit aller Wucht in die Körper der Gegner gerammt werden. Dass die Story großartige Twists hat und Begebenheiten aufnimmt, die der Zuschauer vielleicht schon vergessen hat, ist da nur das i-Tüpfelchen.

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Es wird viele Tote geben

Was Harvey Weinstein auszusetzen hatte, bleibt völlig im Dunklen. Der US-Filmmogul wollte den Film nicht in seiner Ursprungsform in die amerikanischen Kinos bringen – er sei „zu intelligent für Menschen aus Iowa“. Ganze 20 Minuten wollte „Harvey mit den Scherenhänden“ herausschneiden – nur gut, dass der Film bei uns ungekürzt erscheint.

Die beste Optik und Geschichte sind allerdings nichts ohne einen guten Cast. Und auch hier gibt es nichts zu beanstanden. Tilda Swinton gibt ihre Propaganda-Ministerin Mason so überdreht, dass es eine wahre Freude ist. Sie liefert die wohl denkwürdigsten Zitate des gesamten Films. Die Figuren von Jamie Bell und Octavia Spencer sorgen für einige Lichtblicke in der grimmigen Welt von „Snowpiercer“, auch wenn beide tragische Figuren sind. Die größte Überraschung jedoch ist Chris „Captain America“ Evans. Gerade im letzten Drittel bekommt sein Revolutionsführer eine Tiefe, die wohl niemand vorher erahnt hätte. Dabei zeigt sein Gesicht in zwei denkwürdigen Großaufnahmen eine Breite an Emotionen, die ihm vermutlich niemand zugetraut hat.

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Unsympathin, wie sie im Buche steht: Ministerin Mason

„Snowpiercer“ vereint auf perfekte Weise Anspruch mit großem Blockbuster-Actionkino. Bong Joon-ho schafft es, neben Anspielungen auf Kubrick und seinem koreanischen Kollegen Park Chan-wook, eine eigene Vision einer dystopischen Zukunft zu entwerfen. Und ganz nebenbei ist ihm mit „Snowpiercer“ ein Anwärter auf den Titel „Film des Jahres“ gelungen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Tilda Swinton sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Ed Harris in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 125 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
KOR/CZ/USA/F 2013
Regie: Bong Joon-ho
Drehbuch: Bong Joon-ho, Kelly Masterson, nach einer Graphic Novel von Jacques Lob, Benjamin Legrand und Jean-Marc Rochette
Besetzung: Tilda Swinton, Chris Evans, John Hurt, Jamie Bell, Ocatvia Spencer, Ed Harris, Ewen Bremner, Jamie Bell
Verleih: Ascot Elite & MFA+FilmDistribution

Copyright 2014 by Matthias Holm

Fotos & Trailer: © 2014 Ascot Elite & MFA+FilmDistribution

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