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Archiv für den Monat März 2014

The Counselor – Höhepunkt auf der Windschutzscheibe

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Von Giovanni Belmonte

Thriller // „There is not some other world”, sagt der Drogenbaron (Rubén Blades) gegen Ende des Films zum Counselor, „there is only accepting.” Es ist, was ist, und sonst ist nichts. Akzeptiere es. Das könnte als Lehrsatz über vielen Büchern Cormac McCarthys stehen, dem Drehbuchautor von „The Counselor“. Im Film käme vielleicht noch hinzu: Schwelge in Luxus, solange du es kannst. Helfen wird es dir allerdings nichts.

In dem brutalen Hochglanzthriller „The Counselor“ kommt der Bruch etwa gegen Mitte des Films: Der Counselor (ein sich zum Ende hin steigernder Michael Fassbender, „12 Years a Slave“) bereitet sein Frühstück vor, als ihn sein Mittelsmann Westray (geschmeidig gespielt von Brad Pitt) anruft: „We’ve got a problem.“ Wie schlimm das Problem denn sei? „Let’s say pretty bad. Then multiply by ten.“ – „Fuckety fuck!“

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„Wir werden den Deal schon schaukeln“

Was ist bis dahin passiert? Die Story ist übersichtlich: Ein namenloser Anwalt, von allen bloß Counselor genannt, findet sich an der US-mexikanischen Grenze in der Gesellschaft gehobener Drogenkriminalität und verspricht sich durch einen wie auch immer organisierten Drogentransport das große Geld. Die Sache geht schief. Ein über eine Landstraße gestrafftes Drahtseil köpft einen Drogenkurier auf seinem Motorrad. Der Drogentransport verschwindet, taucht aber später wieder auf. Und natürlich schlägt das Kartell so gnadenlos zu, wie es sich schon die ganze Zeit über angedeutet hat. Irgendwann kommt auch der Bolito zum Einsatz, eine Drahtschlinge, die sich durch einen kleinen Elektromotor erbarmungslos um den Hals seines Opfers zieht und es regelrecht enthauptet.

Es gibt auch eine Liebesgeschichte, die aber nicht in die Tiefe geht: Penelope Cruz bleibt als Laura, die Verlobte des Counselors, leider etwas schwach. Malkina dagegen, die Femme fatale des Films, wird von Cameron Diaz meisterhaft verkörpert. Während ihre beiden Leoparden in der Prärie nach Hasen jagen, erklärt sie ihrem Liebhaber Reiner (Javier Bardem, besser in „No Country for Old Men“), dass sie Vergangenes nicht vermisse, da es ohnehin nicht wiederkomme. Auf Reiners Frage, ob das nicht ein bisschen unterkühlt sei, erwidert sie: „I think truth has no temperature.“ Später vögelt sie eine Ferrari-Windschutzscheibe.

Nebenbei bekommt die katholische Kirche ihr Fett weg: Etwas separat von der Haupthandlung setzt sich Malkina in einen Beichtstuhl, um einem Priester ihre Sünden zu erzählen. Dieser fragt sie, wann sie das letzte Mal gebeichtet habe, und sie antwortet, es sei das erste Mal, und es interessiere sie, welche Sünden sich der Priester von anderen Frauen bereits angehört habe. Seine Antwort: Darüber dürfe er nicht sprechen. Es ist wie mit allen Erregungen, über welche die katholische Kirche in den vergangenen Jahren lieber nicht sprechen wollte.

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Wer ist die Schöne, wer das Biest?

Der Film handelt von Habgier, von unumkehrbaren Entscheidungen und am Ende nur noch von purer Angst. Im Drehbuch sagt Reiner dem Counselor: „Greed is greatly overrated. But fear isn’t.“ („Gier wird gewaltig überschätzt. Aber die Angst nicht.“). Und wieder ist es der Drogenboss, der die Aussichtslosigkeit auf den Punkt bringt: „You are at a cross in the road and here you think to choose. But here there is no choosing.” (“Du bist an einer Kreuzung und denkst, du kannst wählen. Aber es gibt keine Wahl.“

Es ist ein guter Film, besser als „All the Pretty Horses“ (2000) nach McCarthys gleichnamigem Roman, aber längst nicht so tief wie „The Road“ (2009), für dessen Vorlage der Autor 2007 den Pulitzerpreis erhielt. Ich tendiere auch dazu, die McCarthy-Adaption „No Country for Old Men“ (2007) höher zu bewerten. Bleibt zu hoffen, dass sein neben „The Road“ herausragendster Roman „Die Abendröte im Westen“ von 1985 ebenfalls verfilmt wird (um mit seiner Brutalität jede Indizierung zu sprengen). Endzeitlich geht es überall zu.

„The Counselor“ war in den Kinos ein Flop und wurde auch in den deutschen Medien mehrheitlich negativ bis durchschnittlich bewertet. Wer aber Cormac McCarthys Bücher mag, wird durchaus seinen Gefallen finden. McCarthy hat das Skript ohne Vorlage eines bereits publizierten Romans geschrieben (siehe meine Drehbuch-Rezension vom vergangenen November auf dem Blog vnicornis). Es gibt eine gewisse Diskrepanz zwischen dem existenzialistischen Gerede der Hauptpersonen und ihrer abgehobenen Lebensführung. Etwas passt da nicht zusammen. Die Belohnung sind aber doch eine ganze Reihe cooler Sprüche und sorgfältig verteilte Action.

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„Wir haben ein Problem, Counselor“

Nach Sichtung der Kinofassung bestand die Hoffnung, dass der 20 Minuten längere, exklusiv auf Blu-ray erhältliche Extended Cut den Film runder macht und zusammenfügt, was zuvor nicht zusammenpasste. Die Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Geboten werden ein paar erweiterte Dialoge und zusätzliche Gespräche, die „The Counselor“ nicht entscheidend voranbringen. Etwas mehr Sex und Gewalt sind auch zu bemerken. Anscheinend war die Langfassung eher Teil des Marketings als Herzenswunsch Ridley Scotts, seinem Werk mehr Substanz zu verleihen. Für eine ausführliche Darstellung der Unterschiede beider Fassungen sei auf die Kollegen von Schnittberichte verwiesen.

Bruno Ganz spielt zu Beginn des Filmes eine elegante Nebenrolle als Amsterdamer Diamantenhändler. Er erklärt: „A perfect diamond would be composed simply of light.“ Die Natur von Diamanten sei es aber, fehlerhaft zu sein. Es ist ein Menetekel für den gesamten Film.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Ridley Scott sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Natalie Dormer in der Rubrik Schauspielerinnen, Filme mit Michael Fassbender und Brad Pitt unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 31. März 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 137 Min. (Blu-ray Extended Cut), 117 Min. (Blu-ray Kinofassung), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Türkisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Englisch für Hörgeschädigte, Französisch u. a.
USA/GB 2013
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Cormac McCarthy
Besetzung: Michael Fassbender, Penélope Cruz, Cameron Diaz, Javier Bardem, Bruno Ganz, Brad Pitt, Rosie Perez, Rubén Blades, Natalie Dormer
Zusatzmaterial: Virale Videos, Kinotrailer und TV-Spots, nur Blu-ray: Die Entstehung des Films, Making-of-Szenen
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

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„Hat jemand meine Laura gesehen?“

Copyright 2014 by Giovanni Belmonte
Fotos & Packshot: © 2014 Twentieth Century Fox Home Entertainment

 
 

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Dschungelcamp – Welcome to the Jungle: Van Damme und der Tiger

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Welcome to the Jungle

Von Volker Schönenberger

Komödie // Eine seiner größten Rollen hatte Jean-Claude Van Damme zweifellos jüngst in „The Epic Split“. Kurz, aber knackig: Cooler geht’s kaum. Da seine Karriere als ernsthafter Action- und Kampfsport-Darsteller – wohl auch altersbedingt – in den vergangenen Jahren etwas ins Stocken geraten war, hat der Belgier mittlerweile die Selbstironie bis hin zur Parodie entdeckt. Überraschenderweise funktioniert das sogar, etwa 2008 mit „JCVD“, in dem er sich als alternden Actionstar in Geldnot selbst spielte. Auch Peter Hyams’ „Enemies Closer“ (2013), gerade erst bei uns auf Blu-ray und DVD erschienen, ist gar nicht schlecht. Es ist zwar doch eher ein ernsthafter Actionfilm, Van Dammes Figur des sonderbar gelockten Schurken und Veganers ist aber bewusst überzeichnet inszeniert.

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Storm zeigt den Weicheiern den Urschrei

Auch „Dschungelcamp – Welcome to the Jungle“ haut in die Kerbe, sogar deutlicher als die beiden erwähnten Filme. Van Damme gibt den (nun ja) knallharten Teambuilding-Coach Storm Rothchild, der engagiert wird, eine Horde verweichlichter Bürohengste und -stuten einer PR-Agentur während eines Survival-Wochenendes auf einer abgelegenen Insel auf Trab zu bringen. Unter ihnen: der talentierte, aber verträumte Chris (Adam Brody), der sich vom karrieregeilen Phil (Rob Huebel) die Ideen klauen lässt. Kaum auf der Insel, wird Storm von einem Tiger angefallen und stürzt mit diesem von einer Klippe. Obwohl Chris mit seiner Pfadfinder-Erfahrung punktet, reißt Phil schnell das Kommando an sich. Nur Kumpel Jared (Eric Edelstein) und die Kolleginnen Lisa (Megan Boone) und Brenda (Kristen Schaal) halten zu Chris.

Nach „Casa de mi Padre“ mit Will Ferrell ist „Dschungelcamp – Welcome to the Jungle“ noch so eine sonderbare Komödie, die sich mir so richtig nicht erschließen will. Van Dammes Part ist aber zweifellos als Plus zu werten, zumal sein Storm Rothchild mit einigen Überraschungen aufwartet – mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Die Entwicklung der Gruppe um ihren Herrscher Phil ist schlicht bizarr – er schwingt sich zum Gottkönig auf und feiert mit Drogen und Sex ausschweifende Orgien. Die kleine Gruppe um Chris muss sich der anderen erwehren, die von Phil zur Gewalt aufgestachelt werden. „Herr der Fliegen“ trifft auf „Lost“ – zumindest in ein paar Ansätzen.

Mit Ausnahme Van Dammes hat bislang keiner der Darsteller nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht, woran dieser Film auch nichts ändern wird. Zu Beginn und am Ende ist Dennis Haysbert zu sehen, der seinerzeit in einigen Staffeln der Echtzeit-Thrillerserie „24“ als Präsidentschaftskandidat bzw. Präsident zu sehen war. Seine Darstellung des Agenturchefs, der seine Mitarbeiter auf die Insel schickt, wird in seiner Filmografie aber keinen Ehrenplatz erhalten.

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Chris (vorn l.) und Phil (r.)

Eine vermeintlich zivilisierte Bürogemeinschaft entwickelt sich unter archaischen Bedingungen zu einem wilden und schmutzigen Stammeshaufen – andere Rezensenten mögen die darin verborgenen satirischen Untertöne für gelungen halten, „Die Nacht der lebenden Texte“ erkennt darin lediglich einen Aufhänger für ein paar Albernheiten. Albern kann auch vergnüglich sein, und in einigen Passagen ist „Dschungelcamp – Welcome to the Jungle“ das sogar; für mehr als ein Achselzucken zum Abspann reicht das aber nicht. Van Damme ist einen Blick wert, sein Mörder-Spagat zwischen zwei Lkw in einem Werbespot war allerdings unterhaltsamer.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jean-Claude Van Damme sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 25. März 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 94 Min. (Blu-ray), 90 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Welcome to the Jungle
PR/USA/GB 2013
Regie: Rob Meltzer
Drehbuch: Jeff Kauffmann
Besetzung: Jean-Claude Van Damme, Adam Brody, Rob Huebel, Megan Boone, Kristen Schaal, Kristopher Van Varenberg, Dennis Haysbert
Zusatzmaterial: Deleted Scenes, Outtakes, Originaltrailer, Trailershow, Wendecover, nur Blu-ray: Behind the Scenes
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment

Copyright 2014 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2014 Ascot Elite Home Entertainment

 

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The Garden of Words – Kurz und schön

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Gastrezension von Matthias Holm

Anime-Melodram // 46 Minuten kurz ist „The Garden of Words“. Da überlegt man sich glatt zweimal, ob man sein sauer verdientes Geld dafür hergibt. Wer es tut, bekommt allerdings auch 46 wunderbare Minuten, dessen melancholische Geschichte nur von der Schönheit der animierten Bilder übertroffen wird.

Der Schüler Takao hat einen ungewöhnlichen Traum: Er möchte Schuhmacher werden. Immer, wenn es vor Beginn der Schule in Tokio regnet, schwänzt er die ersten Stunden und setzt sich in den Pavillon eines Parks, um Entwürfe zu zeichnen. Eines Tages trifft er dort auf eine Frau, die morgens bereits Bier trinkt und Schokolade isst. Die beiden nähern sich allmählich an, bald schon freuen sie sich über die starke Regenzeit. Doch der Sommer kommt immer näher.

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Takao liebt den Regen

Die Geschichte um die beiden Regenliebhaber wirkt trotz – oder wegen – der sehr kurzen Laufzeit ruhig und getragen. Die aufregendste Szene ist da wohl eine kurze Schlägerei, die allerdings recht einseitig ausfällt. Es ist zudem hilfreich, wenn man als Zuschauer ein wenig Wissen über die japanische Kultur und Haikus, eine japanische Art des Gedichtes, mitbringt.

Es ist eine schöne Story, über Menschen, die versuchen, ihre Träume zu verwirklichen oder versuchen, eben diese Träume wiederzufinden. Doch getoppt wird diese Geschichte von den Kunstwerken von Bildern, die sie erzählen. Jede Einstellung strotzt vor Details und sieht unfassbar gut aus. Besonders das Wasser und der Regen wirken äußerst realistisch. Zur Rezension lag lediglich die DVD vor; es ist davon auszugehen, dass die Blu-Ray noch eine Schippe drauf legen kann.

Als Extras gibt es außer Interviews auch den sechsminütigen Kurzfilm „Proud Future Theater“, in dem es um die Entfremdung einer Tochter von ihrem Vater geht. Ähnlich wie der Hauptfilm schafft es die Story, dem Zuschauer am Ende ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern.

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Kann man sich das als Poster drucken lassen?

Der Song „Rain“ am Ende von „The Garden of Words“ ist als Sinnbild für den Film gut gewählt. Unaufgeregt gelingt es ihm, den Zuschauer mit einem warmen und schönen Gefühl aus dem Film zu führen. Wer glaubt, dass Animes immer gleich Fantasy-Action sein müssen, bekommt hier ein wunderbares Gegenbeispiel. Wenn der Preis stimmt, sollte man sich als Anime-Freund „The Garden of Words“ auf jeden Fall anschauen.

Veröffentlichung:
28. März 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 46 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Koto no ha no niwa
JAP 2013
Regie: Makoto Shinkai
Drehbuch: Makoto Shinkai
Zusatzmaterial: Kurzfilm „Proud Future Theater“, Filmografie von Makoto Shinkai mit Previews, Interviews mit Makato Shinka und japanischen Sprechern, bewegtes Storyboard, Trailer
Vertrieb: AV Visionen GmbH

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Selbst die Zeichnungen in den Zeichnungen sehen fantastisch aus

Copyright 2014 by Matthias Holm
Fotos & Packshot: © 2014 Makoto Shinkai / Comix Wave Films / AV Visionen GmbH

 

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