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Enemy – Schwer zu entschlüsselnder Horrortrip

21 Mai

Enemy_Poster_DEKinostart: 22. Mai 2014

Enemy

Von Dirk Ottelübbert

Mysterythriller // Ach, Sie haben diesen Film auch nicht wirklich verstanden? Und möchten nach dem Kinobesuch mal eine Kritik lesen, die Sie vielleicht der Lösung des Rätsels näherbringt? Vergessen Sie’s. Aber das macht auch nichts, oder? Für ein eindringliches Kinoerlebnis sind die 90 Filmminuten auf jeden Fall gut. Und wenn die Schlusseinstellung dieses abgründigen Doppelgänger-Thrillers keine Erklärung, keine Auflösung bringt, sondern eher das Gegenteil, so ist sie eines auf jeden Fall: unvergesslich.

Ist Chaos nur eine andere Form der Ordnung?

„Chaos is order yet undeciphered“, heißt es im dem Film vorangestellten Motto. Das Chaos als eine noch nicht entschlüsselte Ordnung. Etwas großspurig, aber vielleicht insofern passend, als sich die Handlung mit der nicht kalkulierbaren Logik eines (Alb-)Traums entfaltet.

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Trostloses Glück: Adam und seine Mary

Geschichtsprofessor Adam Bell (Jake Gyllenhaal), schleppt sich durch den Alltag. Die immergleichen Uni-Vorlesungen, der Heimweg durch die drückende Sommerhitze Torontos in sein schäbiges Hochhaus-Apartment, karge Gespräche und lustloser Sex mit Freundin Mary (Mélanie Laurent). Das vage Unglücklichsein fällt von Adam ab, als er sich auf Empfehlung eines Kollegen den Film „Where There’s a Will There’s a Way“ anschaut. Denn dort sieht er – in einer winzigen Rolle – einen Mann, der ihm aufs Haar gleicht. Gleichermaßen fasziniert wie beunruhigt von diesem Ebenbild, recherchiert Adam – und stößt auf den Schauspieler Anthony St. Claire (erneut Jake Gyllenhaal), der mit seiner schwangeren Frau Helen (Sarah Gadon) ebenfalls in Toronto lebt.

Der Professor ruft Anthony an, drängt ihn, sich mit ihm zu treffen – als könne er durch diese Begegnung seine eigene existenzielle Krise lösen. Als Adam den zunächst abweisenden Künstler endlich zu dem Treffen überreden kann, stellt sich heraus, dass Anthony ein perfektes Spiegelbild seiner selbst ist: Beide Männer haben die gleiche Stimme, die gleichen Hände, sogar die gleiche Narbe auf der Brust! Diese Begegnung der Doppelgänger setzt eine Kette zunehmend unkontrollierbarer Ereignisse in Gang – in die auch Mary und Helen hineingezogen werden.

Frei nach einem Roman von José Saramago

Regisseur Denis Villeneuve orientiert sich in seinem Psychodrama um Selbstzerstörung, Betrug und Schuld lose an einem Roman von Nobelpreisträger José Saramago: „O Homem Duplicado“ („Der Doppelgänger“, 2002). Zum zweiten Mal nach „Prisoners“ arbeitet der Frankokanadier mit Jake Gyllenhaal zusammen. Und Gyllenhaal, nebenbei gesagt, ist brillant. Villeneuve tränkt seinen Film förmlich mit unheilschwangerer, unangenehmer Atmosphäre. Das in gelbstichigen Bildern eingefangene Toronto erscheint als triste, schwüle Großstadthölle, ein Kosmos voller böser Omen, in dem jederzeit das namenlose Grauen um die Ecke kriechen kann.

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Anthony verfolgt Mary heimlich durch Toronto

Ein großes Rätsel

Zudem weben er und Drehbuchautor Javier Gullón ein Netz aus Verweisen, Rätseln und Irritationen. Wie ist etwa die Eingangssequenz zu deuten? In einem schummrigen Raum führen unbekleidete Damen eine Art ritualisiertes Sex-Spiel auf (eine Szenerie, die an Kubricks „Eyes Wide Shut“ denken lässt). Eine der Frauen hebt eine Metallglocke, unter der eine große Spinne hockt. Im komplett aus Männern bestehenden Publikum sitzt auch Adam – so denken wir. Oder ist es doch Anthony? Sind Adam und Anthony vielleicht ein und dieselbe Person? Zwillinge? Oder existiert Anthony nur in Adams Einbildung? Immer, wenn wir Zuschauer uns eine Deutung zurechtgelegt haben, knallt uns Villeneuve eins vor den Bug. Das alles darf man prätentiös und aufgebläht finden. Aber genau diese Ungeduld mit dem sich so bierernst nehmenden Rätsel-Film, eine Ungeduld, die anfangs auch der Gastblogger empfand, könnte von den Machern gewollt sein. Villeneuve entwaffnet uns, um uns dann am Schluss so richtig am Schlafittchen zu kriegen.

Ach so: Die oben beschriebene Anfangsszene bleibt nicht die einzige, in der Spinnen ihre haarigen Beine ausstrecken. Falls Sie Angst vor den achtbeinigen Krabblern haben, also richtig Angst – lassen Sie den Film sausen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Denis Villeneuve sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Jake Gyllenhaal in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
KAN/SP 2013
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Javier Gullón, nach dem Roman von José Saramago
Besetzung: Jake Gyllenhaal, Mélanie Laurent, Sarah Gadon, Isabella Rossellini
Verleih: capelight pictures

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Anthony (r.) erpresst seinen Doppelgänger Adam

Copyright 2014 by Dirk Ottelübbert
Filmplakat & Fotos: © 2014 capelight pictures

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Ein Kommentar

Verfasst von - 2014/05/21 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Eine Antwort zu “Enemy – Schwer zu entschlüsselnder Horrortrip

  1. Narrationsgedanke (@MarPoetic)

    2014/12/29 at 02:37

    Hier ist eine Erklärung bzw. analytische Interpretation zu dem Film: http://narrationsgedanken.de/enemy-analyse-interpretation-und-erklaerung/

     

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