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Etwas zu sauber: Kill Your Darlings – Junge Wilde

23 Mai

Kill Your Darlings_Blu-ray

Gastrezension von Giovanni Belmonte und Franziska Äpfel

Drama // Ein Filmgespräch:

Giovanni Belmonte: Wovon handelt der Film?

Franziska Äpfel: Der Film erzählt die Geschichte des jungen Allen Ginsberg, seiner Aufnahme an der Columbia-Universität in New York City und seines Studiums. Dort lernt er die beiden Avantgardisten Lucien Carr und William Burroughs kennen, seine Gefährten. Später kommt noch Jack Kerouac dazu, der mit seinem Roman „On the Road“ weltberühmt werden wird.

An der Columbia-Universität stellt sich heraus, dass sie Dichter werden wollen. Sie stellen sich gegen den Konservatismus der Universität, der bestimmte Autoren zensiert und ihre Literatur sogar wegschließt. Sie aber bevorzugen eben diese Autoren wie zum Beispiel Henry Miller oder D. H. Lawrence, damalige Skandalautoren, und brechen sogar nachts in die Bibliothek ein, um deren Bücher in die Schaukästen zu legen.

Zusammen gründen sie die Bewegung „The New Vision“ und wollen im Namen dieser Bewegung schreiben. Und im Hintergrund oder vielleicht etwas zu sehr im Vordergrund – je nachdem – wird die Liebesgeschichte von Allen Ginsberg erzählt, der sich in Lucien Carr verliebt. Lucien Carr aber ist keine treue Seele, will sich gerade von seinem vorigen Partner David Kammerer trennen, der ihm nachstellt. Die Beziehung endet, als Lucien Carr David Kammerer tötet und im Hudson versenkt. So endet der Film.

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Hurra, ich darf an der Columbia studieren!

Giovanni: Der Film basiert auf wahren Begebenheiten.

Franziska: Ja, Allen Ginsberg und Jack Kerouac waren ja wirkliche Personen mit ihrer Geschichte. Und auch der Mord an David Kammerer ist tatsächlich passiert.

Giovanni: Es handelt sich um die letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges, 1943 bis 1945. Der Film spielt in Manhattan, sie treffen sich in Bars in Greenwich Village, Christopher Street. Wie gefällt dir die Atmosphäre des Films?

Franziska: Die Atmosphäre erinnert mich sehr an den Film „Der Club der toten Dichter“, an Robin Williams mit seinen Schülern. Es hat ein bisschen diese Atmosphäre von College-Zimmern. Und auch die Opposition gegen traditionelle Literatur wird ganz ähnlich dargestellt. Walt Whitman wird mehrmals genannt, der schon in „Der Club der toten Dichter“ Vorbild unkonventioneller Dichtung war. „Kill Your Darlings“ beginnt denn auch mit Allen Ginsbergs Frage an den in seinen Formen verharrenden Literaturprofessor, was von Walt Whitman und seinen ungereimten Versen zu halten sei.

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Wo verstecken die hier eigentlich die obszöne Literatur?

Giovanni: Mich hat „Kill Your Darlings“ etwas gelangweilt. Er kam ein bisschen zu zivilisiert herüber.

Franziska: Zu sauber.

Giovanni: Ja, zu sauber. Ich finde, es kam nicht wirklich heraus, dass da eine ganz neue Literatur- oder Lebensrichtung begonnen wurde. Es war alles noch etwas zu normal, irgendwie alles gute Jungs …

Franziska: … die ein bisschen verrückt waren. Ja, ich denke, es war etwas nebensächlich, dass sie Dichter und Autoren waren, die eine neue Richtung erfunden haben. Es kam mir alles etwas zu filmisch vor, sozusagen als Roman ihres Lebens in New York City und was sie in ihrer Freizeit gemacht haben, dass sie in die Bars gingen, die Liebesgeschichte, das war etwas zu künstlich, etwas zu sehr als Fiction angelegt.

Giovanni: Romanhaft.

Franziska: Im schlechten Sinne, weißt du, was ich meine?

Giovanni: Ja. Ich finde, es ging nicht nur um Lucien Carrs Mord an David Kammerer, sondern vor allem auch um Allen Ginsbergs Entwicklung von einem Jugendlichen aus Paterson, New Jersey, zu einem selbstbewussten, seine Homosexualität entdeckenden und lebenden jungen Mann und Dichter in New York City. Am Ende wird sein Gedicht „Howl“ erwähnt, durch das Ginsberg weltbekannt geworden ist. Aber ich finde, diese Entwicklungslinie ist nicht wirklich überzeugend herausgekommen. Was denkst du?

Franziska: Das denke ich auch. Vielleicht am Ende etwas mehr.

Giovanni: Mir scheint, die interessanteste Gestalt im Film war William Burroughs, der mit seiner beginnenden Heroinsucht am fertigsten herüberkam. Was mir aber ein bisschen fehlte, ist der Dreck von New York City. Die haben doch auch oft am Times Square herumgelungert und sowieso eine ganze Menge gelungert. Dieses ganze Lungern ist irgendwie überhaupt nicht gezeigt worden.

Franziska: Auch die Lokale, die sie im Film besucht haben, waren alle ganz geordnet und normal und sauber, vom Ambiente her fast ein bisschen unrealistisch, wie ich finde.

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Schau mir in die Augen, Kleiner!

Giovanni: Dies ist der dritte Film, den ich im Zusammenhang mit der Beat Generation gesehen habe. Hier werden Allen Ginsberg, William Burroughs und Jack Kerouac gezeigt, jene drei Personen, die die Kernzelle der Beat Generation, der Beat Literature geworden sind – Lucien Carr sozusagen als Ginsbergs Muse. Vor zwei Jahren gab es die Verfilmung des Romans „On the Road“ von Jack Kerouac. Das war auch kein herausragender Film, auch ziemlich sauber, aber er gefiel mir fast noch besser als „Kill Your Darlings“. Und dann erinnere ich mich an eine sehr gelungene Dokumentation über die Beat Generation, kein Spielfilm allerdings. Da treten Johnny Depp und John Turturro auf und tragen Beat-Gedichte vor. Und auch der echte William Burroughs, der noch gar nicht so lange tot ist, ist dort zu sehen. Diese Dokumentation fand ich wirklich sehr sehenswert. (Anm. des Bloggers: Giovanni spricht von „Die Beat Generation – Wie alles anfing“, einer Episode der TV-Serie „American Masters“.)

Wie gefiel dir übrigens die schauspielerische Leistung von Daniel Radcliffe, dem Darsteller Allen Ginsbergs?

Franziska: Ich denke, er ist irgendwie immer noch mit seiner Harry-Potter-Rolle verbunden, vielleicht war er deshalb nicht die ideale Wahl.

Giovanni: Aber denk an den Geschlechtsverkehr, da steckt ja schon schauspielerischer Mut hinter. Ich fand das nicht schlecht.

Franziska: Nein, eigentlich nicht. Daniel Radcliffe gibt mir aber trotzdem den Eindruck, dass er weiter das macht, was auch Harry Potter gemacht hat.

Giovanni: Ich habe dagegen den Vorteil, dass ich die Harry-Potter-Filme nie gesehen habe.

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Die Keimzelle der Beat Generation: William Burroughs, Allen Ginsberg, Lucien Carr und Jack Kerouac (v. l.). Im Film leider noch nicht dabei: Neal Cassady

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Daniel Radcliffe sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 22. Mai 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 103 Min. (Blu-ray), 99 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Kill Your Darlings
USA 2013
Regie: John Krokidas
Drehbuch: Austin Bunn, John Krokidas
Besetzung: Daniel Radcliffe, Dane DeHaan, Ben Foster, Jack Huston, Michael C. Hall, David Kross, Jennifer Jason Leigh, Elizabeth Olsen, John Cullum
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Daniel Radcliffe, Dane DeHaan, John Krokidas und Austin Bunn, Fragen & Antworten mit John Krokidas und Austin Bunn, Im Gespräch mit Daniel Radcliffe und Dane DeHaan, gelöschte Szenen, Original Kinotrailer, Auf dem roten Teppich beim Toronto Film Festival
Vertrieb: Koch Media

Copyright 2014 by Giovanni Belmonte & Franziska Äpfel
Fotos & Packshot: © 2014 Koch Media

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2 Antworten zu “Etwas zu sauber: Kill Your Darlings – Junge Wilde

  1. belmonte

    2014/05/23 at 20:25

    Hat dies auf vnicornis rebloggt und kommentierte:
    vnicornis is erneut auf dem befreundeten blog „Die Nacht der lebenden Texte“ fremdgegangen. Im Gespräch nähern sich Giovanni Belmonte und Franziska Äpfel dem in diesen Tagen auf Blu-ray und DVD erschienenen Film „Kill Your Darlings“ über die Beat-Literaten Allen Ginsberg, William Burroughs und Jack Kerouac.

     

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