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Die Nonne – Triste Brillanz

26 Mai

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Drama // Gegen den Willen ins Kloster – ein Schicksal, das im Jahr 1757 der jungen Suzanne (Anna Karina) widerfährt. Ihren Eltern fehlt nach den Hochzeiten der beiden älteren Schwestern die Mittel für eine dritte Mitgift, zumal Suzanne nun erfährt, dass sie Frucht eines Seitensprungs ihrer Mutter ist. Nach anfänglichem Widerstand fügt sie sich und tritt den Gang ins Kloster an, ohne sich zur Nonne berufen zu fühlen. Die schwermütige Äbtissin Madame de Moni (Micheline Presle) behandelt Suzanne mit gnädiger Milde, doch sie stirbt bald. Nun beginnt für die junge Frau eine lange Zeit des Leidens.

Die Inszenierung ist freudlos und kahl – so wie die kalten Klosterwände. Selbst die Farbsättigung der Bilder ist herabgesetzt, es dominieren kühle Farbtöne. Es ist weiß Gott kein Unterhaltungsfilm. Angesichts des tristen Lebens der Nonne wider Willen ist es nicht verwunderlich, wenn sich beim Filmgucken ebenfalls ein tristes Gefühl einstellt (beim Rezensenten war das der Fall). Später, wenn Liselotte Pulver als lebenslustige Äbtissin Madame de Chelles in Erscheinung tritt, wird Suzannes Leben zwar weniger asketisch; viel freudvoller wird der Filmgenuss dadurch jedoch nicht, aber das war auch wohl kaum die Absicht von Regisseur Jacques Rivette.

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Suzanne (l.) verzweifelt am Dasein als Nonne

Die in vielen Szenen statischen und kammerspielartigen Bilder wirken theaterhaft. Zum Ausdruck kommt das bereits in der Eingangssequenz, wenn Suzannes Eltern ohne jede Gefühlsregung beobachten, wie ihre Tochter in einem vergitterten Raum zur Nonne geweiht werden soll, dies aber mit verzweifelten Schreien verweigert. „Die Nonne“ ist ein bedrückendes Werk von formaler Strenge, das beim Konsumenten Durchhaltevermögen einfordert und bei aller unbestreitbaren Brillanz mit heutigen Sehgewohnheiten schwer zu greifen ist. Für Filmwissenschaftler ist das womöglich ein Fest, vielleicht auch für Schwermütige, die in ihrer Gefühlslage verharren wollen.

Bei den internationalen Filmfestspielen von Cannes lief „Die Nonne“ 1966 im Wettbewerb um die Goldene Palme. Nach Problemen mit der Zensur erhielt der Film aber erst ein Jahr später einen regulären Kinostart in Frankreich. Er beginnt mit einer kurzen schriftlichen Einleitung, in der betont wird, die Handlung des auf Denis Diderots kontroversem Roman basierenden Films sei frei erfunden, er stelle die kirchlichen Institutionen nicht authentisch dar. Das wirkt etwas wie zur Vorabverteidigung gedacht und ist aus heutiger Sicht bedauerlich, unter Berücksichtigung der Entstehungszeit aber erklärbar.

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Beichtvater Dom Morel begehrt die aparte Klosterfrau

Die Kritik an der Institution Nonnenkloster ist scharf, in Denis Diderots Roman ebenso wie in dieser – der besten – Verfilmung. Sie aufzugreifen und weiterzuspinnen, dazu fehlt in dieser Rezension der Raum, obgleich die Versuchung groß ist, bin ich doch aus tiefer Überzeugung Atheist und Religionskritiker. Um fundiert zu untersuchen und darzustellen, in welchem Maße Diderots Anklagen berechtigt sind und Ereignisse wie in Jacques Rivettes Film in ähnlicher Form tatsächlich stattgefunden haben, bedarf es etwas mehr als gefährlichem Halbwissen und dem Willen, die Kirche zu kritisieren. Dass Mädchen und junge Frauen über lange Zeit gegen ihren Willen in kirchliche Einrichtungen gezwungen worden sind, ist allerdings kein Geheimnis.

Studiocanal hat die 2013er-Verfilmung mit Isabelle Huppert gerade auf Blu-ray und DVD veröffentlicht, da passt es gut, dass die klassische Adaption von 1966 nun erstmals auf DVD erscheint – adäquat im Rahmen der Studiocanal-Reihe „Arthaus Retrospektive“. Etwas Bonusmaterial hätte der Edition gut zu Gesicht gestanden. „Die Nonne“ ist meisterhaft inszeniert, wenn auch nicht für ein Massenpublikum.

Die Filme der Arthaus Retrospektive von Studiocanal:

01. Goldenes Gift (Out of the Past, 1947)
02. Liebe 1962 (L’eclisse, 1962)
03. Macao (Macao, 1952)
04. Mr. und Mrs. Smith (Mr. and Mrs. Smith, 1941)
05. Der nackte Kuss (The Naked Kiss, 1964)
06. The Fallen Idol – Kleines Herz in Not (The Fallen Idol, 1948)
07. Im Geheimdienst (Cloak and Dagger, 1946)
08. Liebe in der Stadt (L’amore in città, 1953)
09. Pläsier (Le plaisir, 1952)
10. Der Tod ritt dienstags (I giorni dell’ira, 1967)
11. Der Pakt mit dem Teufel (La beauté du diable, 1950)
12. Der Rabe (Le corbeau, 1943)
13. Stunde der Wahrheit (Histoire immortelle, 1968)
14. Tagebuch einer Kammerzofe (The Diary of a Chambermaid, 1946)
15. Der Tiger (The Enforcer, 1951)
16. Das Wort (Ordet, 1955)
17. Bis zum letzten Atemzug (Only the Valiant, 1951)
18. Ich folgte einem Zombie (I Walked with a Zombie, 1943)
19. Der Leichendieb (The Body Snatcher, 1945)
20. Panik um King Kong (Mighty Joe Young, 1949)
21. Schweigen ist Gold (Le silence est d’or, 1947)
22. Goldhelm (Casque d’or, 1952)
23. Hafen im Nebel (Le quai des brumes, 1938)
24. Verbotene Spiele (Jeux interdits, 1952)
25. Der Mann im weißen Anzug (The Man in the White Suit, 1951)
26. Schrei, wenn du kannst (Les cousins, 1959)
27. Der Diener (The Servant, 1963)
28. Eva und der Priester (Léon Morin, prêtre, 1961)
29. Vincent, François, Paul und die anderen (Vincent, François, Paul… et les autres, 1974)
30. Champagne (Champagne, 1928)
31. Die Nonne (La religieuse, 1966)
32. Ossessione – Von Liebe besessen (Ossessione, 1943)
33. Seine Gefangene (La prisonnière, 1968)
34. Das Testament des Orpheus (Le testament d’Orphée, ou ne me demandez pas pourquoi! 1960)

Veröffentlichung: 22. Mai 2014 als DVD

Länge: 134 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: La religieuse
F 1966
Regie: Jacques Rivette
Drehbuch: Jean Gruault, Jacques Rivette, nach dem Roman von Denis Diderot
Besetzung: Anna Karina, Liselotte Pulver, Micheline Presle, Francine Bergé, Francisco Rabal, Christiane Lénier
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2014 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2014 Studiocanal Home Entertainment

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