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Faustrecht der Prärie – Großes klassisches Westernkino

22 Jun

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My Darling Clementine

Von Volker Schönenberger

Western // John Ford! Henry Fonda! Victor Mature! Walter Brennan! Wyatt Earp! Doc Holliday! Die Clantons! Die Schießerei am O. K. Corral!

Nie gehört? Skandal! „Faustrecht der Prärie“, im Original etwas weniger reißerisch nach einem im Film zu hörenden Song „My Darling Clementine“ betitelt, gilt bei vielen als beste Verfilmung der tödlichen Auseinandersetzung in Tombstone im Oktober 1881, auch wenn der Western sehr frei mit den Ereignissen umgeht.

Henry Fonda als Wyatt Earp

Henry Fonda verkörpert Wyatt Earp, der an sich nur mit seinen drei Brüdern und einer Rinderherde auf der Durchreise ist. Doch das Vieh wird geklaut, während sich die drei älteren Brüder zur Entspannung in Tombstone aufhalten. James, der Jüngste des Geschwisterquartetts, hatte die Aufgabe, die Herde zu bewachen – das kostet ihn das Leben, er wird ermordet. Kurzerhand übernimmt Wyatt Earp das Amt des Marshals von Tombstone. Schnell legt er sich mit dem lungenkranken Arzt und Spieler Doc Holliday (Victor Mature) an, doch seine wahren Feinde sind andere: die Clantons, vier gesetzlose Brüder und ihr herrischer Vater Newman Haynes „Old Man“ Clanton (Walter Brennan). Den Konflikt zwischen den Earps und den Clantons wird keine der beiden Familien unbeschadet überstehen.

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Wyatt Earp (l.) trifft auf die Clantons

Aufrechte Gesetzeshüter treffen auf üble Gesellen – „Faustrecht der Prärie“ wäre an sich in Bezug auf Charakterzeichnung eher eindimensional. Zwei Akteure jedoch sorgen für faszinierende Grautöne: Victor Mature brilliert in der Rolle des innerlich zerrissenen Alkoholikers Doc Holliday, der nur seine eigene Autorität anerkennt. Die gleiche Haltung – nur noch etwas weiter vom Gesetz entfernt – vertritt Old Man Clanton, der seine Söhne mit eiserner Hand führt und alles seiner Familie und ihrer Macht unterordnet. Walter Brennan ist in dieser Rolle perfekt. Der dreifache Oscar-Preisträger hat in seiner Karriere etliche Filme mit prägnanten Nebenrollen geadelt. Zweifellos trägt auch Hauptdarsteller Henry Fonda den Film mit seiner aufrechten Ausstrahlung. Erst Brennan und Mature verleihen „Faustrecht der Prärie“ jedoch die Facetten, die den Unterschied zwischen sehr gut und meisterhaft ausmachen.

Dem Vernehmen nach war Regie-Legende John Ford dem echten Wyatt Earp in seiner Jugend begegnet. Die Schießerei am O. K. Corral hat der Großmeister des Westernkinos demnach so inszeniert, wie es ihm Earp seinerzeit geschildert hatte.

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Doc Holliday weist Clementine zurück

„Faustrecht der Prärie“ ist als DVD schon lange auf dem Markt. Nun hat Twentieth Century Fox Home Entertainment den Western erstmals auf Blu-ray aufgelegt. Ihr Schwarz-Weiß-Bild ist deutlich schärfer und kontrastreicher als das der DVD. Und obwohl ich bei derartigen Uraltfilmen kein Problem damit habe, sie in angestaubter Qualität zu schauen, ist es doch schön, diesen Klassiker im sorgfältigen HD-Transfer genießen zu können. Twentieth Century Fox Home Entertainment leistet da oft vorbildliche Arbeit und ist bei Kritik sogar zu Nachbesserungen bereit, wie man an den Blu-ray-Wiederveröffentlichungen von „Fargo – Blutiger Schnee“ und „Zwei glorreiche Halunken“ sieht.

Empfehlenswert: die John Ford Collection

Zum Vergleich der Blu-ray mit der DVD lag mir die sehr schöne „John Ford Collection“ von 2007 aus Großbritannien vor, die bei den einschlägigen Online-Händlern des Vereinigten Königreichs einigermaßen preiswert zu haben ist. Sie enthält außer „My Darling Clementine“ auch die John-Steinbeck-Verfilmung „The Grapes of Wrath“ („Früchte des Zorns“, 1940) mit Henry Fonda, „How Green Was My Valley“ („So grün war mein Tal“, 1941) mit Maureen O’Hara sowie „The Horse Soldiers“ („Der letzte Befehl“, 1959) mit mit John-Ford-Stammdarsteller John Wayne.

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Marshal Earp wacht über Tombstone

Ob man sich nun die Blu-ray kauft oder die schöne englischsprachige John-Ford-DVD-Box – „Faustrecht der Prärie“ ist einer der großen Klassiker des Genres und Pflicht in jeder Westernsammlung, die sich gut sortiert nennen will.

Wyatt Earp im Film

Wyatt Earp gehört zu den großen mythologischen Figuren des Wilden Westens. Die IMDb listet aktuell 56 Schauspieler auf, die den legendären US-Marshal verkörpert haben. Die letzte spektakuläre Verfilmung datiert von 1994: In Lawrence Kasdans mit Stars gespicktem „Wyatt Earp – Das Leben einer Legende“ verkörperte immerhin Kevin Costner den Titelhelden. Er erhielt dafür die Negativ-Trophäe einer Goldenen Himbeere. Ganz so schlecht ist der Film nicht, von den großen Wyatt-Earp-Filmen aber doch etwas entfernt. In der Rolle des Doc Holliday fehlte Dennis Quaid vielleicht etwas das Charisma, diese gebrochene Figur angemessen darzustellen. Immerhin orientierte sich Kasdan mehr an den tatsächlichen Ereignissen als manch anderer Wyatt-Earp-Film.

Ein Jahr zuvor gab Kurt Russell in „Tombstone“ den Marshal, Val Kilmer den Doc. Regie führte George P. Cosmatos, zuvor eher mit den plakativen Stallone-Actionfilmen „Rambo II – Der Auftrag“ und „Die City Cobra“ aufgefallen, 1976 immerhin auch mit dem Infektions-Thriller „Cassandra Crossing“. „Tombstone“ ist gewalthaltig und wartet mit seinerzeit aktuellen Stars auf, kann aber „Faustrecht der Prärie“ auch nicht das Wasser reichen.

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Der Showdown steht kurz bevor

Einen hochinteressanten Blickwinkel lieferte 1971 „Doc“ von Frank Perry, der noch am ehesten am Mythos kratzte. Der Film konzentriert sich – wie der Titel schon andeutet – auf den von Stacy Keach bravourös verkörperten Doc Holliday. Harris Yulins Wyatt-Earp-Interpretation ist vom Ehrenmann, als den Henry Fonda den Marshal darstellte, so weit entfernt wie kaum eine andere.

Western-Spezialist John Sturges mit zwei Wyatt-Earp-Vefilmungen

Einen Blick auf die Ereignisse nach der Schießerei am O. K. Corral warf John Sturges („Das Geheimnis der 5 Gräber“) 1967 mit „Die fünf Geächteten“. James Garner als Wyatt Earp, Jason Robards als Doc Holliday, Robert Ryan als Ike Clanton – das hat Stil. Sturges hatte sich schon zehn Jahre zuvor des Mythos angenommen: In „Zwei rechnen ab“ (1957) warfen Burt Lancaster als Marshal und Kirk Douglas als Doc Holliday all ihr Charisma in die Waagschale. Heraus kam ein großer klassischer Western – vielleicht der einzige, der „Faustrecht der Prärie“ den Thron als bester Wyatt-Earp-Film streitig machen kann.

Eine bei uns nie auf DVD erschienene Wyatt-Earp-Verfilmung ist „Wichita“ von 1955 mit Joel McCrea und Vera Miles. Die interessanteste Personalie allerdings ist die auf dem Regiestuhl: Jacques Tourneur ist weniger mit Western bekannt geworden als mit reizvollen expressionistischen Gruselfilmen wie „Katzenmenschen“ (1942) und „Ich folgte einem Zombie“ (1943). „Wichita“ ist im englischen Sprachraum erhältlich und womöglich eine Sichtung wert.

Ebenfalls ohne deutsche Veröffentlichung: In „Frontier Marshal“ von 1939 ist der aufrechte Randolph Scott als Wyatt Earp zu sehen. Scott stand immer ein wenig im Schatten der großen Westerndarsteller wie John Wayne, Henry Fonda, James Stewart, hat aber eine Vielzahl solider Genrebeiträge geliefert. Auch „Frontier Marshal“ scheint die Entdeckung wert zu sein. Weitgehend unbekannt ist ein ebenfalls „Frontier Marshal“ betitelter Film von 1934. Darin heißt der Marshal nicht Wyatt Earp, sondern Michael Wyatt. Angeblich ließ Earps Witwe Josephine den Namen ihres Mannes auf dem Rechtsweg entfernen.

Erster Wyatt-Earp-Film: „Gesetz und Ordnung“ mit Walter Huston

Last not least die vielleicht erste Verfilmung des Stoffs: In „Gesetz und Ordnung“ (1932) mit John Hustons Vater Walter heißen die Figuren allerdings anders, der Western scheint wie viele seiner Nachfolger sehr frei mit dem Stoff umzugehen, was mangels Lieferbarkeit nicht zu überprüfen ist. Die New York Times hatte 1932 in ihrer damaligen Rezension den Wyatt-Earp-Hintergrund noch nicht erkannt, dem Film übermäßige Gewalthaltigkeit vorgeworfen: … one of the goriest exhibitions of shoot-em-down gunplay since the gangster and machine-gun era. (…) Before the last stain has been wiped from Tombstone’s escutcheon the main street is black with corpses. Ob das nach heutigen Maßstäben noch so zu bewerten ist, darf bezweifelt werden, die Überprüfung ist leider nicht möglich.

Diese kurze Auflistung nennt lediglich – subjektiv aus der Sicht des Rezensenten – die bedeutendsten Filme zum Mythos Wyatt Earp. Den Rahmen vollends sprengen würde der Versuch einer detaillierten Betrachtung, inwiefern welcher Film die historischen Persönlichkeiten Wyatt Earp, Doc Holliday und die Clantons sowie die Schießerei am O. K. Corral authentisch oder verklärend abbildet. Vielleicht mal ein Fall für eine filmwissenschaftliche Doktorarbeit?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Ford sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Henry Fonda und/oder Victor Mature in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 6. Juni 2014 als Blu-ray

Länge: 97 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte, Französisch, Spanisch, Italienisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Holländisch
Originaltitel: My Darling Clementine
USA 1946
Regie: John Ford
Drehbuch: Samuel G. Engel, Winston Miller, Sam Hellman (Story), nach einer Vorlage von Stuart N. Lake
Besetzung: Henry Fonda, Linda Darnell, Victor Mature, Cathy Downs, Walter Brennan, Tim Holt, Ward Bond, John Ireland, Roy Roberts
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Filmhistoriker Scott Eyman und Wyat Earp III, Original Kinotrailer
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2014 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2014 Twentieth Century Fox Home Entertainment

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