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Wie der Wind sich hebt – Ein letzter Windstoß

15 Jul

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Kaze tachinu – The Wind Rises

Kinostart: 17. Juli 2014

Von Matthias Holm

Anime-Drama // Da ist er nun. Der vermutlich letzte Film, bei dem Anime-Meister Hayao Miyazaki Regie geführt hat. Für seinen Abschiedsfilm hat er ein für Japaner äußerst brisantes Thema gewählt: Es geht um den Ingenieur Jirō Horikoshi. Das von ihm entwickelte Flugzeug Zero wurde im zweiten Weltkrieg beim Angriff der Japaner auf Pearl Habor verwendet. Doch dieser Fakt interessiert Miyazaki nur am Rande. Ihm geht es um die Geschichte eines Jungen, der seine Träume wahr macht. Leider ist ihm damit nicht das erhoffte Meisterwerk gelungen.

Bereits seit seiner Kindheit träumt Jirō vom Fliegen. Aufgrund seiner Kurzsichtigkeit kann er jedoch nie Pilot werden. Als ihm im Traum der Flugzeugbauer Gianni Caproni erscheint, steht sein Beschluss fest: Er will Ingenieur werden. Jirō reist nach Tokio, um dort an der Universität zu studieren. Während der Zugfahrt in die Hauptstadt lernt er die junge Nahoko kennen, doch aufgrund eines Erdbebens verlieren die beiden einander aus den Augen. Nach seinem Studium fängt Jirō zusammen mit einem Freund bei Mitsubishi an. Schnell gilt er als einer der klügsten Köpfe der Firma. Aber auch ein Genie bleibt nicht vor Fehlern verschont und so muss sich der junge Ingenieur in einem abgelegenen Hotel erholen. Was er nicht weiß: Im selben Hotel verweilt auch Nahoko, die an Tuberkulose leidet …

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Der junge Jirō (r.) redet im Traum mit seinem Idol Caproni

Es wird relativ schnell klar, dass Miyazaki mit „Wie der Wind sich hebt“ keine Biografie drehen wollte. Vielmehr benutzt er das Leben des realen Jirō, um eine eigene Geschichte zu erzählen. Diese Geschichte dreht sich um verwirklichte Träume, das Verkraften von Rückschlägen und die Liebe. Der Krieg, in dessen Jirōs Flugzeuge eine so bedeutende Rolle gespielt haben, ist nicht zu sehen, der Film endet mit dem erfolgreichen Testflug der Maschine. Und doch wird die Kriegs-Problematik immer wieder thematisiert, vor allem während Jirōs Traum-Gesprächen mit Caproni.

Ins Leere geht der Vorwurf, mit „Wie der Wind sich hebt“ würde Miyazaki ein Symbol des japanischen Militarismus glorifizieren. Jirō will nichts weiter als Flugzeuge entwerfen. Egal in welcher Epoche er gelebt hätte, er hätte nichts anderes gemacht. Doch seine Firma muss Aufträge des Militärs annehmen, sonst ginge sie bankrott. Auch denkt Jirō nicht über die Benutzung seiner Erfindung als Waffe nach – sein einziges Bestreben liegt darin, einfach ein schönes Flugzeug zu bauen.

Der Film selbst ist die erste Regiearbeit von Miyazaki beim Studio Ghibli, die sich komplett vom Genre des fantastischen Films entfernt. Zwar gibt es Jirōs Träume und seine Gedanken, die wundervoll visualisiert wurden, aber die Geschichte selbst ist in der Realität verankert. Das stellt an sich kein Problem da, doch hat man das Gefühl, dass der Altmeister mit dem realen Setting nicht ganz zurechtkommt. Bei der Laufzeit von knapp über zwei Stunden gibt es immer wieder Längen, die den bereits gemächlich erzählten Film äußerst anstrengend machen.

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Bei Mitsubishi wird hart gearbeitet

Manchmal sind ganze Sequenzen überflüssig, zum Beispiel Jirōs Ausflug nach Deutschland. Als ich in der Pressevorführung nach einer gefühlten Ewigkeit auf die Uhr sah, waren erst 90 Minuten vorbei. Etwa zu diesem Zeitpunkt erst beginnt auch die Liebesgeschichte sich zu entwickeln – in den Trailern ist sie recht zentral dargestellt worden.

Ein weiteres Problem ist der Protagonist. Jiro wirkt nicht unbedingt wie ein Sympathieträger. Über seine Arbeit vergisst er gern mal seine Mitmenschen und seine Familie. Dazu kommt eine zwar ruhige, aber monotone Vertonung eines gewissen Hideaki Anno, seines Zeichens Regisseur der Serie „Neon Genesis Evangelion“. Die Nebenfiguren sind zum Glück allesamt liebenswürdig, zum Beispiel Jirōs Schwester und sein Vorgesetzter. Doch sie kommen alle zu selten vor, als dass sie der narrativen Ebene des Films groß helfen könnten.

Zum Glück gibt es Optik und Akustik. Der Film hat in diesen Bereichen eine von Ghibli gewohnt hohe Qualität. Gerade das große Kantō-Erdbeben von 1923 ist hervorragend inszeniert, ähnlich die Flug- und die Traumszenen. Auf der Audio-Spur gibt es eine große Überraschung: Sämtliche Toneffekte wurden von Menschen erzeugt – nicht von Maschinen. Ursprünglich wollte Miyazaki das selbst übernehmen, doch das Studio sagte ihm, er solle sich nur aufs Zeichnen konzentrieren. Das gibt dem Film eine ganz spezielle Note, die ihn zusammen mit dem wie immer großartigen Score von Joe Hisaishi von anderen Animes abhebt.

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Nahoko wird nicht mehr lange so lächeln können

„Wie der Wind sich hebt“ ist ein schwieriger Film. Die Altersbeschränkung „ab 6“ der FSK geht in Ordnung, für Kinder ist der Film trotzdem nicht geeignet. Der Film ist eindeutig auf ein erwachsenes, reifes Publikum zugeschnitten, die idealerweise auch noch Kenntnisse von Thomas Manns „Der Zauberberg“ mitbringen. Dem interessanten Thema, der tollen Optik und dem ungewöhnlichen Sound steht eine erzählerische Langeweile gegenüber, die den Film leider ins Mittelmaß zieht. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle sagen: Danke, Hayao Miyazaki, für all die tollen Momente, die du uns bereitet hast. Hoffentlich bleibst du der Filmwelt als Drehbuchautor und Produzent noch lange erhalten.

Länge: 126 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Kaze tachinu
Internationaler Titel: The Wind Rises
JAP 2013
Regie: Hayao Miyazaki
Drehbuch: Hayao Miyazaki
Verleih: Universum Film / Wild Bunch Germany

Copyright 2014 by Matthias Holm

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2014 Universum Film / Wild Bunch Germany

 

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