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Der Flug des Phönix – Gestrandet in der Wüste

26 Jul

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The Flight of the Phoenix

Gastrezension von Sven Wedekin

Abenteuer // Der Kampf ums Überleben in einer Extremsituation war schon immer ein beliebtes Motiv im Kino. Insbesondere das Schwestergenre des Katastrophenfilms, der sogenannte „Survival Film“, bezieht seinen besonderen Reiz daraus, dass er gewöhnliche Menschen zeigt, die plötzlich in eine lebensbedrohliche Extremsituation geraten, aus der sie sich, wenn überhaupt, nur aus eigener Kraft retten können, und die dabei gezwungen sind, an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit zu gehen. Den besten dieser Filme gelingt es, den Zuschauer zum Nachdenken darüber anzuregen, wie er sich selbst in einer solchen Situation verhalten würde.

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Die Gestrandeten führen endlose Debatten

Im Jahr 1965 brachte Robert Aldrich einen Vorläufer des Katastrophenfilms der siebziger Jahre in die Kinos, der zu einem Klassiker wurde: „Der Flug des Phönix“. Zuvor war er bereits für harte Männerfilme wie „Vera Cruz“ (1954), „Rattennest“ (1955) und „Ardennen 1944“ (1956) bekannt geworden, zwei Jahre später sollte er einen der ultimativen Kerle-Filme inszenieren: „Das dreckige Dutzend“.

Notlandung in der Sahara

„Der Flug des Phönix“ zeigt eine Gruppe charakterlich höchst unterschiedlicher Männer, die auf dem Rückweg von ihrer Arbeitsstelle – einem Ölfeld in Nordafrika – mit ihrem Flugzeug in einen Sandsturm geraten. Daraufhin muss es mitten in der Sahara notlanden. Als nach Tagen keine Rettung in Sicht ist und die Wasservorräte langsam zur Neige gehen, schlägt der deutsche Ingenieur Dorfmann (Hardy Krüger) einen kühnen Plan vor, um die Gruppe aus ihrer misslichen Lage zu befreien: Aus den Trümmern ihrer Maschine will er ein improvisiertes, neues Flugzeug konstruieren, um damit aus der Wüste zu entkommen.

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Immer wieder geraten Dorfmann und Towns aneinander

Der Pilot Frank Towns (James Stewart) hält diese Idee zunächst für völlig verrückt. Er gibt sich selbst die Schuld für den Beinaheabsturz und will nicht riskieren, dass seine überlebenden Passagiere bei dem Versuch getötet werden, mit einem notdürftig zusammengeschraubten Flugzeug abzuheben. Towns‘ Freund Lew Moran (Richard Attenborough) kann ihn jedoch überreden, den Versuch zu wagen, da sie keine andere Wahl hätten, wenn sie überleben wollen.

Konflikte erschweren das Vorankommen

Während des Baus der Maschine kommt es immer wieder zu Spannungen zwischen den so verschiedenen Männern: Da ist der kühle Kopfmensch Dorfmann, der unter allen Umständen die Leitung über die Arbeiten an der von ihm entworfenen Maschine in der Hand behalten will und sich in technischen Dingen für kompetenter hält als der Pilot Towns. Der knorrige Flugveteran Towns wiederum gerät immer wieder mit Dorfmann aneinander, nicht zuletzt wegen dessen arrogant-rechthaberischer Art. Der Navigator Lew Moran versucht stets zwischen den beiden zu vermitteln und plagt sich dabei selbst mit seinen Alkoholproblemen.

Gegen den Widerstand von Towns und Moran will der Offizier Harris (Peter Finch) mit seinem Untergebenen Sergeant Watson (Ronald Fraser) zu Fuß Hilfe holen – eine Idee die dem Feigling Watson ohnehin nicht besonders gefällt. Dem Arbeiter „Ratbags“ Crow (Ian Bannen) missfällt es besonders, sich den Anordnungen des Deutschen Dorfmann zu beugen, er zeigt ihm dies gegenüber durch zynische Sprüche. Crows Kollege, der psychisch angeschlagene Tucker Cobb (Ernest Borgnine), versucht ebenfalls, sich allein durch die Wüste zu schlagen; er glaubt nicht daran, dass er und seine Kameraden jemals gerettet werden können.

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Die Hitze fordert ihr Opfer

Man sieht schon: Unter den Figuren befinden sich kaum Sympathieträger im eigentlichen Sinne. Und trotzdem ertappt sich der Zuschauer dabei, wie er in jeder Minute mit ihnen mitfiebert, wobei „fiebern“ in diesem Zusammenhang durchaus wörtlich zu verstehen ist: Beim Betrachten des Films glaubt man aufgrund der exzellenten Kameraarbeit von Joseph M. Biroc, die Hitze der Wüste buchstäblich am eigenen Leib zu spüren. Auch gelingt es Aldrich auf meisterhafte Art und Weise, die Verzweiflung seiner Protagonisten und die Ausweglosigkeit ihrer Situation zu verdeutlichen, was sich rasch auf den Zuschauer überträgt.

James Stewart und Hardy Krüger als Antagonisten

Dies ist natürlich vor allem der großartigen Leistung seines Schauspielerensembles zu verdanken. James Stewart verleiht seiner Figur den rauen Charme eines von sich überzeugten Haudegens und macht ihn damit noch am ehesten zu einer Identifikationsfigur für das Publikum, welches sich mit dem Technokraten Dorfmann ebenfalls nicht so recht anzufreunden vermag. Hardy Krüger spielt Dorfmann vordergründig betrachtet so, wie man sich in den USA zu jener Zeit den „typischen Deutschen“ vorgestellt hat: pedantisch, etwas rechthaberisch, befehlsgewohnt und absolut zielstrebig.

Die ständigen Reibereien zwischen den beiden Sturköpfen Towns und Dorfmann gehören dann auch zu den unbestrittenen Höhepunkten des Films. Das Drehbuch des deutschen (!) Autors Lukas Heller versorgt die beiden Schauspieler mit unvergesslichen Dialogen, die nicht selten in echten verbalen Schlagabtäuschen münden. Dabei wird immer klarer, dass sie einander ähnlicher sind, als es auf den ersten Blick scheint. Beide verfolgen sie dasselbe Ziel, müssen sich jedoch mühsam zusammenraufen, um ihre jeweiligen Eigenheiten für dessen Erreichen einsetzen zu können.

Gruppendynamik im Film

Die Differenzen bestimmen die Richtung des Films, treiben die Handlung voran und lenken sie in immer neue Richtungen. „Der Flug des Phönix“ ist daher ein Paradebeispiel für die Darstellung gruppendynamischer Prozesse im Film, denn Regisseur Aldrich geht es in erster Linie darum zu zeigen wie eine Gruppe von grundverschiedenen Menschen dazu gezwungen ist, sich zusammenzuraufen und ihre Konflikte zumindest vorübergehend zu vergessen.Darin ähnelt der Film Sidney Lumets acht Jahre zuvor entstandenem Gerichtsdrama „Die zwölf Geschworenen“.

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Ist das der Flug ins Leben?

Natürlich ist die Ausgangssituation des Film nicht hundertprozentig glaubwürdig – wie wahrscheinlich ist es schon, dass es zwölf Männern ohne Erfahrung im Flugzeugbau bei sengender Hitze und mit nur wenig Trinkwasser innerhalb von zehn Tagen gelingt, ein voll funktionsfähiges Flugzeug zusammenzubauen? Dank Aldrichs geschickter Regie fällt der eine oder andere Logikfehler aber kaum auf. Anders als in John Moores Remake von 2004 konzentriert er sich voll auf charaktermotivierte Dramatik und nicht auf die selbstzweckhafte Zurschaustellung spektakulärer Actionszenen.

Für jeden, der einen guten Film über die Leistungen der Schauspieler und die Qualität des Drehbuchs definiert, ist „Der Flug des Phönix“ zweifellos eine lohnende Anschaffung.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Robert Aldrich sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, solche mit Ernest Borgnine und/oder James Stewart in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 4. Oktober 2003 als DVD

Länge: 136 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte, Spanisch, Französisch, Schwedisch
Originaltitel: The Flight of the Phoenix
USA 1965
Regie: Robert Aldrich
Drehbuch: Lukas Heller, nach dem Roman von Elleston Trevor
Besetzung: James Stewart, Hardy Krüger, Richard Attenborough, Ernest Borgnine, Peter Finch, Christian Marquand, Dan Duryea, George Kennedy
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2014 by Sven Wedekin
Fotos & Packshot: © 2003 Twentieth Century Fox Home Entertainment

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2 Antworten zu “Der Flug des Phönix – Gestrandet in der Wüste

  1. Loretta Cosgrove

    2014/07/26 at 09:44

    Vielen Dank für diesen ausführlichen Text zu einem tollen Film! Damit ist das Programm für heute Abend festgelegt, die DVD hab ich schon viel zu lange nicht mehr im Player gehabt. Dazu vielleicht noch Carpenters „The Thing“, dann ist das Kerlsfilm-Double-Feature perfekt :))

     

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