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Illusion – Rätselhafte Nacktheitsträume

28 Aug

Illusion-Cover

Illusion

Von Volker Schönenberger

Drama // Also ich find‘ ihn jetzt schon schräg. Dies sagte die Freundin des Rezensenten nach knapp drei (!) Minuten. An dieser Einschätzung änderte sich in den folgenden 90 Minuten nichts mehr, und auch der Freund der Freundin des Rezensenten – mithin meine Wenigkeit – teilt sie.

Acht Personen und ihre Illusionen

Acht Menschen treffen in einer Bar aufeinander. Wer weiß schon, was sie dorthin geführt hat? Anfangs unsicher und misstrauisch, öffnen sich die Gäste nach und nach – sie fliehen aus ihrem drögen Alltag in eine surreal wirkende Gedanken- und Traumwelt. Da ist die junge Nymphe Susanne (Carolina Hoffmann), die sich ihrer Wirkung bewusst ist. Nikola (Antje Nikola Mönning) enthüllt im Lauf des Abends, dass sie Bock auf harten Gangbang hat. Theo (Wolfgang Seidenberg) ist protestantischer Pfarrer, dennoch keineswegs asexuell (muss er ja auch nicht). Claudia (Marina Anna Eich) träumt bisweilen von lesbischem Sex. Maja (Ute Meisenheimer) hat keinen Bock mehr auf Ehemann Uli, einen arbeitslosen FC-Bayern-Fan, der gern von jungen Dingern umschwärmt wäre. Dieter (Thomas Kollhoff) gibt den traurigen Clown. Christian Schluger (Christoph Baumann) schließlich redet sich selbst ein, nur Beobachter zu sein, ein Facebook-Fuzzi, der permanent für seine Social-Media-Seite Fotos knipst.

Illusion_Antje-Nikola

Nikola – einen Gangbang in Ehren …

Der Film hat drei Ebenen: die Privatebene, die mit sehr ruhiger und stiller Kamera gedreht wurde. Sie zeigt den Menschen in seiner Alltäglichkeit. Dann die Kneipe, die für mich eine metaphysische Ebene ist, sie liegt genau dazwischen. Zwischen der Wirklichkeit und der Illusion. Und dann die Illusion, die in den Köpfen der Menschen stattfindet.

Seelenstrip und David Lynch

Dieses Zitat von Drehbuchautor und Regisseur Roland Reber tut Not. Ich brauche es, um seinem Film „Illusion“ in dieser Rezension auch nur annähernd gerecht werden zu können. Ich verstehe ihn nämlich nicht. Einfachste Lösung: Ich behelfe mir mit ein paar in der Presseinformation aufgelisteten Kollegen-Meinungen: Es ist als hätten David Lynch und Helge Schneider zusammengearbeitet, schrieb im Oktober 2013 die Süddeutsche Zeitung in ihrem Kulturteil. Ein etwas konstruierter Vergleich, aber warum nicht? Kann man stehen lassen. Mal entlarvend komisch, dann sinnlich erotisch! Traumwandlerischer Seelenstriptease, so das Deadline Filmmagazin. Das Entlarvende erschließt sich mir nicht, das Sinnliche schon, auch dem Seelenstriptease stimme ich zu, obgleich er auf mich weniger traumwandlerisch wirkte.

Illusion_Carolina-Wolfgang

Pfarrer Theo nimmt Susanne ins Visier

Etwas trockener formuliert es der Filmdienst: Filmsprachlich beeindruckt die Inszenierung durch visuelle wie akustische Raffinesse. Das quittiere ich mit einem Kopfnicken. Farbwechsel bringen Abwechslung, es gibt viele statische Bilder und Kulissen, die den Reigen etwas ins Theaterhafte abdriften lassen. Dialoge und musikalische Einsprengsel wirken künstlich-gekünstelt (um das hochtrabende „artifiziell“ zu vermeiden).

Letztes Beispiel: Hier schlummert der anarchistische Independent-Geist von Helge Schneider, Christoph Schlingensief, Luis Buñuel und Lars von Trier in einer „Eyes Wide Shut“-Kulisse (Blickpunkt Film) scheint etwas altklug zusammenformuliert, ich will aber nicht leugnen, dass da was dran ist.

Trotz nackter Haut kein Fest für Spanner

An den schauspielerischen Leistungen gibt es nichts auszusetzen. Zwar wirken die kunstvollen Dialoge nicht unbedingt schwierig aufzusagen, dennoch sind alle Akteure engagiert und überzeugend bei der Sache. Ein Lob den Frauen, die Mut zur Nacktheit in bizarren Posen beweisen. Eine Warnung an Voyeure: Trotz viel Haut und blanker Brüste schöner Frauen geht „Illusion“ keineswegs ausbeuterisch mit der Weiblichkeit um. Und auch wenn es die Figurenkonstellation hergäbe, ist kein wilder Sex-Reigen draus geworden.

Illusion_Marina-Antje

Claudia (hi.) will gern mal die Seiten wechseln

Die Produktionsfirma wtp international GmbH besteht aus einem kleinen Team von sieben Filmenthusiasten, die die Arbeit unter sich aufteilen. So hat Antje Nikola Mönning nicht nur die Rolle der Nikola übernommen, sondern auch mitproduziert, dem Regisseur assistiert und die Verantwortung für die Musik übernommen. Marina Anna Eich – im Film die Claudia – ist zuständig für Verleih, Vermarktung und Pressearbeit.

Ihr merkt schon, liebe Leser – ich hab‘ mich schwergetan. Es ist nicht meine einfachste Rezension. Kann ich euch „Illusion“ ans Herz legen oder rate ich eher ab? Weder noch – da wasche ich meine Hände in Unschuld. Entscheidet selbst, ob der Fim euch reizt. Schaut euch den Trailer an, schaut auf die Website zum Film! Ein außergewöhnliches Filmereignis erwartet euch so oder so.

Veröffentlichung: 29. August 2014 als Blu-ray und Doppel-DVD

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch, Englisch
D 2013
Regie: Roland Reber
Drehbuch: Roland Reber
Besetzung: Christoph Baumann, Marina Anna Eich, Mira Gittner, Carolina Hoffmann, Thomas Kollhoff, Ute Meisenheimer, Antje Mönning, Andreas Pegler, Claire Plaut, Wolfgang Seidenberg
Zusatzmaterial: Interviews der Filmemacher und Hauptdarsteller, Fernsehbericht, Outtakes, deleted scenes, Making-of, Publikumsgespräche während der Kinoauswertung, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2014 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2014 wtp international GmbH

 

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