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Archiv für den Monat September 2014

Godzilla – Wiedergeburt eines Mythos

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Godzilla

Gastrezension von Sven Wedekin

Fantasy-Action // Nicht wenige Fans des japanischen Monsterfilms werden höchstwahrscheinlich Magenschmerzen bekommen, wenn sie die Worte „Godzilla“ und „Hollywood“ in einem Satz hören. Denn jenes undefinierbare Urvieh, welches 1998 unter der Anleitung von Roland Emmerich über New York herfiel, hatte nicht mal die geringste Ähnlichkeit mit dem weltberühmten Kultmonster, weswegen der Film bei den meisten Kaijū-Fans keinen besonders guten Ruf hat. Man sah den mit großem Brimborium angekündigten Blockbuster in jeder Minute an, dass Emmerich nicht die geringste Ahnung davon hatte, was den speziellen Charme der „Godzilla“ Filme eigentlich ausmacht. Es ging ihm einfach darum, an den Erfolg von „Independence Day“ anzuknüpfen, er versuchte gar nicht erst, den Mythos „Godzilla“ angemessen zu modernisieren und für das Publikum der 90er-Jahre interessant zu machen.

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Ford Brody gerät in Gefahr

Offenbar erkannte man auch in Hollywood, dass man den Stoff durch eine zu gefällige Anbiederung ans Massenpublikum seiner Seele beraubte – die ursprünglich angekündigten Fortsetzungen wurden gestrichen. Nun erst wagte man einen neuen Versuch, Godzilla zu amerikanisieren. Und diesmal wollten die Studios alles richtig machen. Der britische Regisseur Gareth Edwards hatte sich im Jahr 2010 durch seinen innovativen Low-Budget-Streifen „Monsters“ als Kenner des Genres empfohlen. In ihm fanden die Produzenten den idealen Mann für eine adäquate Umsetzung, die sich von der zwar visuell spektakulären, aber inhaltlich oberflächlichen Emmerich-Version im positiven Sinne unterschied. Anlässlich des Kinostarts hat der Blogger selbst hier bereits eine Rezension mit positivem Fazit veröffentlicht, zum Kinostart folgt nun eine zweite – meine – Meinung.

Jäger aus der Urzeit

Im Jahr 1999 wird bei Bergbauarbeiten auf den Philippinen unabsichtlich ein prähistorisches Monster namens Muto zum Leben erweckt, das kurz darauf ein japanisches Atomkraftwerk zerstört. Das Muto nistet sich in der Reaktor-Ruine ein und ernährt sich von der freigewordenen Radioaktivität. 15 Jahre später erwacht es wieder und bricht aus der vom Militär abgesperrten Anlage aus. Seine Paarungsrufe wecken eine in einem geheimen US-Regierungsbunker in der Wüste von Nevada gelagerte Spore, aus der sich ein zweiter, weiblicher Muto entwickelt. Die Paarung der beiden Tiere hätte eine explosionsartige Vermehrung dieser Wesen zur Folge.

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Dr. Serizawa (l.) und Admiral Stenz müssen sich zusammenraufen

Nur einer kann diese Bedrohung für die Menschheit stoppen: Godzilla! Die fleischgewordene Naturgewalt wurde im Jahr 1954 durch eine Tiefseeexpedition aus seinem Äonen dauernden Schlaf geweckt. In der Urzeit war er das einzige Raubtier, das es mit den Mutos aufnehmen konnte, die damals die Welt bevölkerten. Nun schicken sie sich an, sie abermals zu erobern, um den Menschen als dominierende Spezies hinwegzufegen …

Viel Zeit für die Entwicklung der Figuren

Schon in der ersten Hälfte von Edwards‘ Film wird offensichtlich, dass es dem Regisseur nicht nur darum ging, innerhalb kürzester Zeit so viele Monsterkämpfe wie möglich zu zeigen. Er nimmt sich fast eine ganze Stunde Zeit, um die menschlichen Charaktere und ihre Beziehungen zueinander zu etablieren, während zunächst weder von Godzilla noch von dessen Widersachern, den Mutos, etwas zu sehen ist. Vielmehr konzentriert sich dieser Teil des Films auf ein Familiendrama, welches den Anstoß für die die zweite Hälfte dominierende Monster-Action gibt. Edwards‘ Mut ist bemerkenswert: seine Titelfigur zunächst komplett außen vor zu lassen und sich stattdessen voll auf die menschlichen Akteure zu konzentrieren, auch wenn er damit die Geduld des nach Action lechzenden Publikums auf eine harte Probe stellt. Doch damit vermeidet er Emmerichs Fehler, seine Schauspieler nur als passive Zuschauer einer Zerstörungsorgie einzusetzen.

Dies wird durch die für einen Film wie diesen recht ungewöhnliche Besetzung unterstrichen: Den durch die Kultserie „Breaking Bad“ bekannt gewordene Bryan Cranston, die aus Mike Leighs preisgekröntem „Happy-Go-Lucky“ bekannte britische Schauspielerin Sally Hawkins und die sonst eher aus anspruchsvollen europäischen Filmen bekannte Juliette Binoche würde man normalerweise nicht in einer 160-Millionen-Dollar-Materialschlacht erwarten, im Gegensatz zu „Kick-Ass“ Star Aaron Taylor-Johnson, der Cranstons Filmsohn mimt. Neben ihn glänzt Japanstar Ken Watanabe.

Kritik an der Atomkraft

Das bedeutet jedoch nicht, dass das titelgebende Monster bei Gareth Edwards zu kurz kommt. Mit Godzillas Erscheinen nimmt die Geschichte ordentlich an Fahrt auf, wenn die ersten US-Großstädte von Godzi – wie er von den Liebhabern der klassischen Filme liebevoll genannt wird – während seines Kampfes gegen die Mutos in ihre Einzelteile zerlegt werden. Auffällig ist, dass die Kreaturendesigner offensichtlich Wert darauf legten, Godzilla nicht nur so aussehen zu lassen wie bei seinem ersten Auftritt anno 1954, sondern dass er sich auch so bewegt. Denn obwohl er komplett am Computer entstanden ist, wirken seine Bewegungen mitunter so, als befände sich unter seiner Haut ein Stuntman im Monsterkostüm. Diese Verbeugung vor dem Original tut jedoch der Authentizität seiner Erscheinung keinen Abbruch. Im Gegenteil: Gerade dadurch wirkt er wie eine unheimliche Mixtur aus Mensch und Tier.

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Wer hat das Viech nur aus dem Terrarium entkommen lassen?

Ebenso wie das Original spart auch der neue Film nicht mit Kritik an der Atomkraft und dem allzu sorglosen Umgang des Menschen mit den unberechenbaren Kräften der Natur. Denn trotz des Einsatzes massiver Feuerkraft schafft es die US-Armee nicht, die Mutos auf ihrem zerstörerischen Weg aufzuhalten. Als man sich am Ende entschließt, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, indem man versucht, sie durch eine gezielte Kernwaffenexplosion zu vernichten kann man dies als sarkastische Anspielung auf die typisch amerikanische Überzeugung verstehen, Probleme mit Waffengewalt zu lösen. Erwartungsgemäß geht der Versuch, die Monster auf diese Weise zu töten, nach hinten los.

Das Gleichgewicht der Natur

Wie der von Ken Watanabe dargestellte Wissenschaftler erkennt, kann sich nur die Natur selbst wieder ins Gleichgewicht bringen. Während die Mutos für den gefährlichen, destruktiven Teil der Natur stehen, repräsentiert Godzilla die Kräfte, welche sich dem entgegenstellen, um die Dinge wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
So enthält „Godzilla“ eine durchaus philosophische Note, die man von den aus heutiger Sicht doch etwas kindisch wirkenden Filmen aus den Toho-Studios beileibe nicht gewohnt ist.

Diese Toho-Studios auch in die Produktion des Films involviert, weswegen man ihn mit Fug und Recht als Bestandteil des offiziellen Godzilla-Kanons betrachten kann. Edwards hat das Ausgangsmaterial respektiert und seiner Version einen eigenen Stempel aufgedrückt. Ihm ist ein ebenso unterhaltsamer wie kluger Beitrag zum Subgenre des Monsterfilms gelungen, der sowohl die eingefleischten „Godzilla“ Fans als auch jene Kinogänger zufriedenstellt, die es begrüßen, nicht gleich von der ersten Minute an mit einem übertriebenen Effektgewitter überwältigt zu werden.

Zur Rezension anlässlich des Kinostarts geht’s auch hier.

Veröffentlichung: 25. September 2014 als Steelbook 3D Blu-ray, Blu-ray, DVD und Ultimate Collector’s Edition 3D Blu-ray (bereits vor Erscheinen vergriffen)

Länge: 123 Min. (Blu-ray), 118 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Portugiesisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Godzilla
USA/JAP 2014
Regie: Gareth Edwards
Drehbuch: Max Borenstein
Besetzung: Aaron Taylor-Johnson, Elizabeth Olsen, Bryan Cranston, Ken Watanabe, David Strathairn, Sally Hawkins, Juliette Binoche
Zusatzmaterial: k. Ang.
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2014 by Sven Wedekin

Fotos, Packshots & Trailer: © 2014 Warner Home Video / Warner Bros. Pictures Germany

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Zug in die Freiheit – Flucht als Fanal gegen das Unrecht

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Abschied aus Prag (Copyright: MDR / © AFP / Getty Images / Pascal George)

Zug in die Freiheit

TV-Ausstrahlungen:

Arte: Dienstag, 30. September 2014, 20.15 Uhr
Das Erste: Freitag, 3. Oktober 2014, 18.30 Uhr
MDR: Sonntag, 2. November 2014, 20.15 Uhr

Doku-Drama // Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise … Der Rest dieser Worte von Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher ging unter im Jubel der Menschen an jenem Abend des 30. September 1989 in der Prager Botschaft der Bundesrepublik Deutschland. Seit Februar des Jahres hatte sich das Gelände mit DDR-Bürgern gefüllt, die ihrem Land den Rücken kehren wollten.

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Triumphale Ankunft im bayerischen Hof (Copyright: MDR / © Wolfgang Eilmes)

Ich entsinne mich nicht mehr, wann genau ich die Szene damals im Fernsehen gesehen hatte. War es live? Ein Ausschnitt in der Tagesschau? Die Gänsehaut kehrt beim erneuten Sehen 25 Jahre später jedenfalls zurück, doch sie ist sicher nichts im Vergleich zu den Gefühlen, die Christian Bürger verspüren muss. Er war damals 32 Jahre alt und einer dieser DDR-Flüchtlinge in der Prager Botschaft. Christian kommt im Doku-Drama zu Wort, und als er über Genscher auf dem Balkon spricht, sieht man ihm an, wie bewegt er ist.

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Spielszene: Bahnhof Reichenbach

Die mit Spielszenen angereicherte Dokumentation „Zug in die Freiheit“ beginnt auf dem Rangierbahnhof Reichenbach im Vogtland, wo der Sonderzug 23-360 am späten Abend jenes 30. September durchkommt – und anhält. 800 Passagiere befinden sich an Bord, allesamt DDR-Flüchtlinge aus der Botschaft. Sie hatten dort Tage, Wochen oder gar Monate ausgeharrt, bis Genscher die erlösende Nachricht verkündete. Mehr als 4.000 waren es zeitweise. Dass die DDR-Führung darauf bestand, die Züge müssten auf dem Weg in die Bundesrepublik über ihr Territorium rollen, wirkt in der Rückschau absurd. Die Züge wirkten nicht wie Fluchtfahrzeuge, sondern wie Freiheitsfackeln, merkte Bundesaußenminister Genscher jüngst treffend an.

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Spielszene: Drei Freunde wollen auf den Zug …

Die Kunde dieser Freiheitsfackeln verbreitete sich schnell in der DDR – so schnell, dass einige Bürger kurzerhand den Versuch wagten, auf den Zug aufzuspringen. Drei junge Männer waren es im Bahnhof Reichenbach – ihre Flucht wird im Film nachgespielt, sie selbst kommen zu Wort. Viele Originalaufnahmen aus der überfüllten Botschaft werden gezeigt, dazu auch etliche Szenen, in denen DDR-Bürger den Zaun überwinden, verfolgt von der tschechischen Polizei.

Es ist die Mischung aus Archivmaterial und gespielten Szenen mit Schauspielern, deren Gesichter unvertraut sind, die aus „Zug in die Freiheit“ ein authentisches Zeitdokument macht; ein Zeitdokument, das die Atmosphäre, Stimmung – Aufbruchstimmung – in der Botschaft und im Zug erlebbar und nachvollziehbar macht. Und wenn mich die Bilder schon bewegen, der ich damals als 21-jähriger Bundesbürger den Hauch der Geschichte in erster Linie am Bildschirm mitbekam (bis am 10. November die Trabis in Hamburg einfuhren), was mögen erst jene fühlen, die dabei waren? 25 Jahre sind seitdem vergangen, ein Vierteljahrhundert seit der Öffnung der Mauer, dem Anfang vom Ende des Unrechtsstaats. Diese Tage wirken bis heute nach.

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Spielszene: … doch er ist abgeriegelt

Ein junger Mann, den Christian Bürger 1989 in der Prager Botschaft kennenlernte, ist Jens Hase, damals 19 Jahre alt. Auch er kommt in „Zug in die Freiheit“ zu Wort. Chris war unser Sprecher der Botschaftsflüchtlinge und hat bedeutend mehr mitmachen müssen als ich, schrieb Jens kürzlich auf seiner Facebook-Seite. Nach der Ankunft in Deutschland verloren sich die beiden aus den Augen, um sich 20 Jahre später in Darmstadt bei einer Podiumsdiskussion wiederzutreffen. Seit fünf Jahren ist eine echte Freundschaft draus geworden. Eine Freundschaft, die ich nie mehr missen möchte. Wir sehen uns nicht oft, aber wenn, dann ist die Freude umso größer. (…) Unsere Wege begegnen sich immer und immer wieder. (…) Chris, solange wir leben, werden wir gemeinsam aufklären und gemeinsam lachen. Gemeinsam bewegte Momente Revue passieren lassen – das können die beiden jedenfalls auch.

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Spielszene: Die Stasi rückt an

Es ist mir gelungen, mir von Christian Bürger und Jens Hase ein paar Fragen beantworten zu lassen:

Die Nacht der lebenden Texte: Ihr habt „Zug in die Freiheit“ gesehen. Schon mehrfach? Gibt er die Stimmung unter den Flüchtlingen eurer Ansicht nach gut wieder?

Christian: Ich persönlich habe den Film jetzt bereits auf vier Premieren gesehen. Und ja! Er gibt die Stimmung in den Zügen absolut wieder.

Jens: Ich war auf zwei Premieren zu Gast. Was die Stimmung in den Zügen angeht, hat Christian völlig recht.

Die Nacht der lebenden Texte: Kam das alles beim Schauen wieder hoch? Was haben der Film und die darin gezeigten Interviews mit euch in euch ausgelöst?

Christian: Obwohl ich durch unsere Gruppe eigendlich nie ganz loskomme von dem Thema, haben die Interwievs mit dem Regisseur des Films eine unglaublich emotionale Welle in mir ausgelöst. Ich musste durch die Erzählungen wieder ganz tief eintauchen in das Thema und habe dabei auch viele Erinnerungen wiedergefunden, die mir irgendwie im Laufe der Jahre entgangen waren …

Jens: Mich bewegen die Bilder immer wieder. Aber nicht nur die Szenen mit mir, sondern auch alle Bilder, die immer wieder um die Welt gehen.

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Spielszene: Gelingt das waghalsige Unterfangen?

Die Nacht der lebenden Texte: Welche Szenen haben euch besonders bewegt?

Christian: Eigenartigerweise haben mich Dinge besonders bewegt, die im Film zwar keinen Platz mehr hatten, aber durch mein Erzählen plötzlich wieder ganz da waren. Wie zum Beispiel unsere Bemühungen, den Kindern ein Spiel- und Schulzelt zur Verfügung zu stellen, oder als wir mit den Kindern Schulanfang gefeiert haben – und Ähnliches.

Jens: Die Abschiedsszene mit Judith Braband und Tochter berührt mich am allermeisten (Judith Braband war seinerzeit ebenfalls nach Prag gereist, jedoch nicht, um in die Botschaft zu flüchten, sondern um sich am Zaun von ihrer Tochter zu verabschieden, Anm. d. Verf.).

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Spielszene: Banges Ausharren auf dem Weg durch den ungeliebten Heimatstaat

Die Nacht der lebenden Texte: Was haltet Ihr von den Spielszenen und generell von der Idee, den Film als Mischung aus Archivbildern und gespielten Sequenzen zu inszenieren?

Christian: Die Idee, den Film als Hybrid zu produzieren, finde ich genial! Die Doku-Szenen untermauern die Erinnerungen der Zeitzeugen und die Interviews lockern die Doku-Szenen auf und unterstreichen sie.

Jens: Ganz meine Meinung.

Die Nacht der lebenden Texte: Jens, du wirst andernorts mit den Worten „Die Angst ist mitgefahren“ zitiert. Wie konkret war diese Angst? Für uns Westdeutsche ist sie schwer nachzufühlen – im Sonderzug zu sitzen, der durch die DDR in Richtung Bundesrepublik fährt, und fürchten zu müssen, von der Staatsmacht gestoppt zu werden. Die Stasi war ja auch an Bord. Hast du während der gesamten Fahrt damit gerechnet, dass noch etwas schiefgeht?

Jens: Naja, wenn man teilweise unter Einsatz seines Lebens ein Land nach der Landesordnung „illegal“ verlässt und dann genau durch dieses Gebiet 280 Kilometer fahren muss, dann hat man gewaltige Ängste, die in einem hochkommen. Wir konnten ja nicht wissen, ob es gut geht. Was wäre gewesen, wenn man die Züge gestoppt und uns rausgeholt hätte? Wäre das Schlimmste passiert? Alle verhaftet und „zugeführt“?

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Spielszene: Die Obrigkeit ist machtlos

Die Nacht der lebenden Texte: Im Film entsteht der Eindruck, Hans-Dietrich Genscher und das Botschafter-Ehepaar Hermann und Jacqueline Huber seien so etwas wie persönliche Helden von euch. Von „Mama und Papa“ ist in Bezug auf die Hubers auch die Rede. Wie denkt Ihr über die drei?

Christian: Hans-Dietrich Genscher sehe ich persönlich nicht ganz so innig, aber ich habe eine Riesen-Achtung vor ihm, dass er damals trotz seiner schweren Erkrankung nach New York geflogen ist, um uns zu helfen. Das Ehepaar Huber kenne ich auch privat sehr gut, und ich kann sagen, dass dies zwei unglaublich liebenswerte Menschen sind, die eigendlich so gar nicht in das Bild von Diplomaten passen. So warmherzig und Tag und Nacht hilfsbereit – das hat man nur sehr selten im Leben.

Jens: Genscher und Seiters (Jens meint den damaligen Kanzleramtsminister Rudolf Seiters, Anm. d. Verf.) haben uns das geschenkt, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: die Freiheit! Das macht sie zu meinen persönlichen Helden der Geschichte. Hermann und Jaqueline Huber haben uns die schweren Tage in der Botschaft versüßt. Sie waren immer für uns da und haben sich fast übermenschlich engagiert. Sie hatten keinerlei Berührungsängste. Sie sind die heimlichen Helden der Geschichte für mich. Ihnen gegenüber empfinde ich tiefste Dankbarkeit für alles.

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Spielszene: Linientreu – nur widerwillig verrichtet der Lokführer seinen Dienst

Die Nacht der lebenden Texte: Jens, du positionierst dich als scharfer Kritiker der Partei „Die Linke“, Chris, du vermutlich auch (nur kenne ich dich kaum und hab‘ das bei dir somit weniger verfolgt als bei Jens). Linkes Gedankengut führt ja nicht automatisch zu einer Verklärung der DDR. Was sagt Ihr Wählern, die mit dem Programm der Partei sympathisieren? Unabhängig von der Frage, ob Ihr das Programm der Partei für gut oder schlecht haltet: Was müsste „Die Linke“ tun, damit sie für euch als Partei wählbar wäre?

Christian: Du hast recht, ich bin da ganz bei Jens. Diese Partei wird so lange nicht eine demokratische und wählbare Partei sein, so lange sich in ihrer Führung noch immer stalinistisches Gedankengut und Spitzenleute mit Stasi-Vergangenheit tummeln (siehe jetzt wieder in Thüringen unter Bodo Ramelow: zwei ehemalige Stasi-Mitarbeiter im Vorstand). DAS geht nicht! Es ist eine Verunglimpfung aller Opfer des Systems. Die Linke hat sich bis heute nicht von den alten SED/Stasi-Kadern befreit und zeigt auch keinerlei Interesse daran, sich diesbezüglich zu distanzieren! Seine unselige Vergangenheit zu leugnen oder Kritiker gerichtlich mundtot zu machen à la Gysi – das zeigt mir, dass diese Partei nicht demokratisch ist und nicht bereit ist, zur Vergangenheit zu stehen und diese zu verantworten.

Jens: Ich kann Christians Äußerungen voll unterschreiben.

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Christian Bürger (l.) und Jens Hase (r.) mit Regisseur Sebastian Dehnhardt (Foto: privat)

Über die Partei „Die Linke“ als Rechtsnachfolgerin der SED möge sich jeder selbst ein Bild machen. Zur Zugfahrt der Botschaftsflüchtlinge aus Prag in die Bundesrepublik sei abschließend auf eine vierseitige Strecke mit Interviews verwiesen. Unter den Befragten befinden sich auch Jens und Christian. Ein kurzes, aber ebenfalls lesenswertes Interview mit Regisseur Matthias Schmidt findet sich hier, ein weiteres mit Christian Bürger hier. Last not least geht’s hier zu einem interaktiven Blog, der auf Christian Bürgers Erinnerungen basiert.

Länge: 90 Min.
D 2014
Regie: Sebastian Dehnhardt, Matthias Schmidt
Drehbuch: Sebastian Dehnhardt, Matthias Schmidt
Produktion: BROADVIEW TV GmbH & MDR in Zusammenarbeit mit Arte
Gefördert durch die Film und Medien Stiftung NRW und durch die Mitteldeutsche Medienförderung.

Copyright 2014 by Volker Schönenberger
Fotos: © 2014 BROADVIEW TV GmbH / Bernd Cramer

 

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Der Tag, an dem die Erde Feuer fing – Wenn der Weltenbrand droht

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The Day the Earth Caught Fire

SF-Endzeit-Drama // Ein Auto fährt durchs entvölkerte London. Aus einem Lautsprecher erklingt blechern eine Stimme: Es ist genau 10.41 Uhr. Noch 19 Minuten bis zum Countdown – noch 19 Minuten. Ein einsamer Mann wankt – von übergroßer Hitze geplagt – durch die Straßen der Stadt und erreicht ein Bürogebäude.

Mit diesen gespenstischen, in Rotstich gehaltenen Bildern beginnt „Der Tag an dem die Erde Feuer fing“. Es ist eine Szene kurz vor einem letzten verzweifelten Versuch, das Ende der Menschheit zu verhindern. Schnitt: 90 Tage zuvor (in Schwarz-Weiß), Alltag in der Redaktion des „Daily Express“. Ungewöhnliche und bedrohliche Wetterphänomene überall auf der Welt beunruhigen die Bevölkerung. Der Reporter Peter Stenning (Edward Judd) und sein Kollege aus dem Wissenschaftsressort Bill Maguire (Leo McKern) recherchieren die Ereignisse.

Die Angst vor dem atomaren Inferno

Beenden wir an dieser Stelle den Inhalt. Der Film gilt zwar zu Recht als Klassiker des Science-Fiction-Kinos, ist aber am Ende doch nur einer Minderheit bekannt. Wer vollständige Inhaltsangaben bevorzugt, möge sich zu Wikipedia begeben – dort hat es sich aus unerfindlichen Gründen eingebürgert, Filme komplett nachzuerzählen. Ergänzt sei an dieser Stelle nur, dass der Film die damals vorherrschende Angst vor Nukleartests und dem Kalten Krieg der Atommächte USA und Sowjetunion abbildet. Obendrein konnte man Anfang der 1960er-Jahre trefflich über die Auswirkungen von Atomexplosionen spekulieren.

Nebenbei bietet der Film auch einen kurzen Blick auf Geschlechterverhältnisse, wenn der einem guten Drink nie abgeneigte Macho Stenning die Telefonistin Jeanie Craig (Janet Munro) anflirtet. Sie arbeitet beim Meteorologischen Institut – und bald darauf nutzt Stenning Informationen, die er unter der Hand von ihr erhalten hat.

Welt am Abgrund

„Der Tag, an dem die Erde Feuer fing“ bietet trotz heute veraltet anmutender Tricktechnik faszinierende Bilder einer Welt am Rande des Untergangs. Dabei sind Dialogszenen und Actionsequenzen auf angenehme Weise austariert. Es ist trotz der spektakulären Ereignisse kein reißerischer Streifen, Spannung und Atmosphäre gewinnt der Film auch durch Beziehungen und Dialoge. Darüber hinaus allerdings sind die Bilder von den katastrophalen Folgen beklemmend und intensiv, bei aller Übertriebenheit wirken sie glaubwürdiger als in manch modernem effektgeladenen Blockbuster. Gut denkbar, dass Kinogänger Anfang der 60er-Jahre den Saal mit einem mulmigen Gefühl verließen. Bei aller Nostalgie der Bildsprache: ein bis heute faszinierendes Filmerlebnis.

Gedreht wurde zum Teil an Originalschauplätzen, etwa in Londons Fleet Street, traditionell Sitz der englischen Tageszeitungen. Als Herausgeber des „Daily Express“ ist Arthur Christiansen zu sehen, der diese Position tatsächlich lange Zeit innehatte.

Lohnenswert: die im Handel vergriffene Ostalgica-Edition

Eine Neuauflage des Films ist im vergangenen September erschienen. Die im Handel vergriffene Ostalgica-Edition ist über einschlägige Kanäle zu bekommen, wenn man etwas mehr Geld ausgeben will. Sie enthält ein informatives Booklet, dessen Lektüre man sich vorzugsweise nach Ende des Films widme.

„Der Tag, an dem die Erde Feuer fing“ endet – tja, wie endet er nur? World Saved ist eine der Schlagzeilen, die der „Daily Express“ vorbereitet hat – World Doomed die andere.

Veröffentlichung: 31. Dezember 2010 (Al!ve AG) bzw. 20. September 2013 (Dynasty Film / Intergroove) als DVD

Länge: 94 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Day the Earth Caught Fire
GB 1961
Regie: Val Guest
Drehbuch: Wolf Mankowitz, Val Guest
Besetzung: Janet Munro, Leo McKern, Edward Judd, Michael Goodliffe, Arthur Christiansen
Zusatzmaterial: Booklet
Vertrieb: Al!ve AG (Ostalgica)

Copyright 2014 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2014 Al!ve AG

 

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