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Her – Ein Liebesfilm ohne Liebe

04 Sep

Her-Cover

Her

Gastrezension von Simon Kyprianou

SF-Melodram // Viel Liebe schlug Spike Jonze mit seinem neuen Film „Her“ entgegen, vom Publikum wie von den Kritikern. Auch einen Oscar gab‘s, fürs beste Originaldrehbuch, zudem viele weitere Preise. Man muss in der Tat zugeben, dass „Her“ ein origineller Film ist, absolut am Puls der Zeit mit seiner Geschichte, voller Potenzial und großartigem Schauspiel.

Lasst euch eure Liebesbriefe doch schreiben!

Es geht um Theodore Twombly (Joaquin Phoenix), von Beruf schreibt er auf einem Computer handgeschriebene Briefe für andere Leute. Nach gescheiterter Ehe und übermannt von Einsamkeit entschließt er sich eines Tages, seinen Rechner mit einem Betriebssystem auszustatten, das ihm eine normale menschliche Existenz vorgaukelt: Samantha (im Original Scarlett Johanssons‘ Stimme), in das er sich nach und nach verliebt.

Die nicht gerade unbekannte, eigentlich sogar recht ausgelutschte Warnung vor der in medialer Isolation versinkenden Gesellschaft – Spike Jonze hämmert sie uns wirklich überdeutlich ein: Da ist der tragikomische Beruf von Theodor, sein mit Technik vollgestopftes, aber völlig unpersönliches Appartment, und das Gesicht vom technikbesessenen Theodore Twombly, in dem sich große Einsamkeit niederschlägt. Dann Theodore selbst, diese aufgesetzte Melancholie, dieses unglaubwürdige Leiden, Jonzes feste Überzeugung, ausschließlich in einer Liebesbeziehung dem Leiden entrinnen zu können.

Weitere Aspekte sind zu bemängeln: Die sterilen, unpersönlichen Sets, die einen sofort an Ikea denken lassen, werden viel zu verspielt und ästhetisch und voller Überzeugung vorgetragen, als dass sie wirklich die Entmenschlichung der Gesellschaft anprangern können. Zudem werden sie untermalt von einem austauschbar säuselnden Indie-Soundtrack, der dem Film endgültig eine Werbe-Ästhetik aufdrückt.

Samantha und Theodore – ein gewöhnliches Pärchen?

In der zweiten Filmhälfte dann wird die Liebesbeziehung zwischen Samantha und Theodore ganz gewöhnlich inszeniert, mit den üblichen Höhen und Tiefen, Romantik und Zärtlichkeit, da ist nichts mehr übrig von der angestrebten Warnung, da ist Jonze der Faszination des Technik-Irrsins selbst völlig verfallen, er inszeniert voller Überzeugung eine Liebesgeschichte, die keine ist und niemals eine sein kann. Wenn der Film gegen Ende hin den Fokus immer mehr auf den Werdegang und die Emanzipation des Programms Samantha konzentriert, ist „Her“ nicht mal mehr ein Film über menschliche Belange, und von Technizismus-Kritik ist endgültig nichts mehr übrig.

Schade, ein gescheiterter Film, der viel Potenzial verschenkt, den Puls der Zeit wirklich zu erfassen und damit umzugehen, ihn zu verhandeln. Wer einen FIlm sehen will, der ehrlich, ungeschönt und konsequent das Sterben der Liebe und Zwischenmenschlichkeit in der Moderne sehen will, dem sei Michelangelo Antonionis „Liebe 1962“ wärmstens ans Herz gelegt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Amy Adams und/oder Scarlett Johansson sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Joaquin Phoenix in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 4. September 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 126 Min. (Blu-ray), 121 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Her
USA 2013
Regie: Spike Jonze
Drehbuch: Spike Jonze
Besetzung: Joaquin Phoenix, Scarlett Johansson, Amy Adams, Rooney Mara, Olivia Wilde
Zusatzmaterial: k. Ang.
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2014 by Simon Kyprianou

Packshot & Trailer: © 2014 Warner Home Video

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