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Spetters – Großmäulige, brutale und zärtliche Chaoten

04 Sep

Spetters-Cover

Spetters

Gastrezension von Dirk Ottelübbert

Jugenddrama // Ende der 70er in den Niederlanden. Viel geht nicht ab im Nest Maassluis bei Rotterdam. Aber Rien (Hans van Tongeren), Eef (Toon Agterberg) und Hans (Maarten Spanjer) haben so ihre Träume. Wenn sie nicht gerade Mädchen klarmachen, Biere zischen oder in der Disco abhängen, schrauben die drei Jungs um die 20 an ihren Motorrädern. Vor allem Rien und Hans sind leidenschaftliche Motocross-Fahrer und hoffen auf eine Profi-Karriere, wie sie ihr Idol hingelegt hat, der Champion Gerrit Witkamp (Rutger Hauer).

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Hofberichterstattung: Gerrit Witkamp (r.) wird interviewt

Während der arrogante Witkamp sie mit dem Arsch nicht anguckt, wirft die kesse Imbissbetreiberin Fientje (Renée Soutendijk) sehr wohl einen Blick auf die drei Burschen. Schließlich hat sie nicht vor, ihr Leben lang Hot Dogs über den Tresen zu reichen, und mit den Jungs könnte was gehen. Der erste, mit dem sie sich einlässt, ist Rien. Mit seinem frisch unterschriebenen Sponsoren-Vertrag in der Tasche scheint er tatsächlich auf dem Weg zum Profi zu sein. Nach einem tragischen Unfall landet Rien allerdings im Rollstuhl. Die Beziehung zerbricht, Fientje wendet sich Eef zu, der mit ihr nach Kanada auswandern will und mit Geldscheinen wedelt – Geld, das er schwulen Freiern gewaltsam abgeknöpft hat. Schließlich wird Eef auf grausame Weise „lernen“, dass er selbst auf Männer steht. Bleibt für Fientje noch Nesthäkchen Hans.

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Eef (r.) und Hans (M.) demütigen schwule Nachtschwärmer

Regisseur Paul Verhoeven (76) hat viel einstecken müssen für seinen fünften Kinofilm. Ein Skandalwerk! „In Holland hassen sie mich noch immer für diesen Film“, sagt er nicht ohne Stolz. Bereits im Vorfeld gab es vielfältige Reibereien mit der niederländischen Filmförderung. Bei den Verhandlungen mit Produzenten, die immer nur entschärfte Skriptfassungen zu lesen bekamen, trug Verhoeven Schlips und Kragen – zur Tarnung, wie Drehbuchautor Gerard Soeteman einmal schmunzelnd anmerkte. Beim Dreh erschien er in Lederjacke. Ein Film, in Lederjacke gedreht – das passt. Nach der Premiere in Rotterdam 1980 brach eine Tsunamiwoge medialer Entrüstung über den Film herein, ein wahrhaftiger Shitstorm, hätte es das Wort damals schon gegeben. Frauenfeindlich sei er, schwulenfeindlich, pornografisch. Allen Ernstes wurde eine „NASA“ benannte Initiative ins Leben gerufen, die „Niederländische Anti-,Spetters’-Aktion“.

Tatsächlich ist „Spetters“ (das Wort bedeutet in etwa „toller Typ“, bezeichnet aber auch die Dreckspritzer auf den Motorradkarossen) eine Provokation. Schon frühere – kommerziell sehr erfolgreiche – Filme Verhoevens, darunter „Türkische Früchte“ (1973) und das Kriegsdrama „Der Soldat von Oranien“ (1977) fielen höchst freizügig aus. „Spetters“, ebenfalls alles andere als ein Kassenflop, ging noch weiter: Nackte Busen sowieso, ins Bild gerückte Schniedel, Fellatio unter Männern – und eine krasse Vergewaltigungsszene, in der Eef von vier Typen missbraucht wird. Deren Anführer, Fientjes Bruder, macht ihm klar, das sei keine Strafe für Eefs Gewalttaten gewesen, sondern habe ihm die Augen öffnen sollen. Er müsse sich zu dem bekennen, was er sei … Diese mit dem Knüppel geführte psychologische Argumentation krönt die wohl haarsträubendste Szene des Films, und man darf sie gern zum Kotzen finden. Großartig ist „Spetters“ trotzdem.

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Motocross-Champion Witkamp lässt sich feiern

Zum ersten Mal im niederländischen Kino stehen Alltagshelden im Mittelpunkt, junge Männer aus proletarischem Umfeld. Und ungeachtet aller derben, grellen Momente erzählt Verhoeven mehr über soziale Wirklichkeit der Spätsiebziger, gesellschaftliche Rituale und Restriktionen, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Mühelos wechselt er von der flotten Alltagskomödie zum Drama – inklusive ein paar schöner Abstecher in Sachen Motorrad-Action, glänzend eingefangen vom deutschen Kameramann Jost Vacano (80), der mit Verhoeven auch in Hollywood weiterdrehte, von „RoboCop“ (1987) über „Total Recall“ (1989) bis zu „Hollow Man“ (2000). Und lange vor den oben genannten US-Reißern verteilt auch dieses Verhoeven-Werk giftige Seitenhiebe auf Machenschaften der Medien – hier verkörpert in Gestalt eines schmierigen Sportjournalisten (Jeroen Krabbé).

„Spetters“ ist weder ein Meisterwerk noch die banale Exploitation, als die er gebrandmarkt wurde. Er ist großkotzig, roh, sarkastisch, berstend vor Widersprüchen. Vor allem aber präsentiert sich hier ein kompromissloses, immer noch vitales Stück Kino, das seinen Figuren gleichwohl eine Riesenportion, jawohl, Zärtlichkeit entgegenbringt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Paul Verhoeven sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Rutger Hauer in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 14. August 2014 als Mediabook (Blu-ray, DVD + Bonus-DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 122 Min. (Blu-ray), 117 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, nur Blu-ray: Englisch, nur DVD: Niederländisch
Untertitel: Deutsch
NL 1980
Regie: Paul Verhoeven
Drehbuch: Gerard Soeteman
Besetzung: Hans van Tongeren, Renée Soutendijk, Toon Agterberg, Maarten Spanjer, Rutger Hauer, Jeroen Krabbé
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Paul Verhoeven, 2 deutsche Trailer, US-Trailer, Holland-Trailer, Bildergalerie, nur Mediabook: Interview mit Paul Verhoeven, Interview mit Gerard Soeteman, Interview mit Jost Vacano, Dokumentation „Spetters – Die Entstehung eines zynischen Märchens“, Booklet
Vertrieb: Koch Media

Copyright 2014 by Dirk Ottelübbert
Fotos & Packshot: © 2014 Koch Media

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