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Archiv für den Monat Oktober 2014

John Carpenter (I): Halloween – Die Nacht des Grauens – Sein Meisterstück

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Heute beginnt – passend am Tag vor Allerheiligen – bei „Die Nacht der lebenden Texte“ eine Reihe über John Carpenter. Ohne Anspruch auf ein vollständiges Abdecken seiner Filmografie und in loser zeitlicher Abfolge werden verschiedene Autoren Carpenters Regiearbeiten einer Betrachtung unterziehen, darunter „Assault – Anschlag bei Nacht“, „Das Ding aus einer anderen Welt“, „Sie leben!“ und „Vampire“.

Halloween

Gastrezension von Simon Kyprianou

Horror // Schaut man sich „Halloween“ heute an, ist er das, was er immer war: ein unerbittlicher Terrorfilm. Mehr als 30 Jahre alt,1978 gedreht, scheint „Halloween – Die Nacht des Grauens“ keinen Tag gealtert, er überrollt das Publikum immer noch mit seinen tief sitzenden Schocks, seiner klugen Suspense und seiner bedrohlichen Ästhetik.

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Diffuses Unbehagen: Laurie

Die Geschichte ist wohl bekannt: Michael Myers brachte als kleiner Junge seine Schwester um und landete deshalb für Jahre in einer geschlossenen Einrichtung. Doch eines Tages gelingt dem mittlerweile 23-Jährigen (Tony Moran) die Flucht, kurz vor Halloween kehrt er zurück nach Haddonfield. Dort beginnt er eine Babysitter-Gruppe rund um Laurie Strode (Jamie Lee Curtis) umzubringen. Der Arzt Dr. Loomis (Donald Pleasence) versucht verzweifelt, seinen mörderischen Patienten aufzuhalten.

Das amerikanische Suburbia-Setting, die High-School-Szenen, die verbotenen Dates an Halloween, die jungfräuliche Babysitterin als unbesiegbares Final Girl – Carpenters Horror ist klassisch wie antike Statuen, er altert nicht. Die Bedrohung – also Michael Myers – ist wie so oft bei Carpenter ein modriger Hauch aus der Vergangenheit, das Vergessene und Verdrängte einer Gesellschaft, das unter den Teppich Gekehrte, worüber man nicht spricht – das Verbotene. So war es bei „The Fog“ die Jahrhunderte zuvor ermordete Leprakolonie und bei „The Thing“ das seit Ewigkeiten eingefrorene Alien.

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Nicht alle werden die kommende Nacht überleben

Wenn Michael Myers in Haddonfield auftaucht, bekommt nur Laurie ihn zu Gesicht, ihre Freundinnen glauben ihr nicht, bemerken Michael nicht. So ergeht es auch Dr. Loomis, der den Polizeichef erst in Schwerstarbeit überzeugen muss, ihm zu glauben. Ebenso ist es in „The Fog“: Niemand will glauben, dass der Nebel eine Gefahr darstellt. Die Gesellschaft wehrt sich gegen das Aufbäumen des Verdrängten durch Ablehnung und Leugnung. Vielleicht, so deutet Carpenter an, ist es die Weigerung, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, die den Horror erst erzeugt. Wes Craven („A Nightmare on Elm Street“) geht sehr ähnlich vor.

Die Bedrohungen bei John Carpenter sind stets diffus, niemals klar konturiert. Das Alien in „The Thing“ ändert ständig seine Form, könnte jeder sein, die attackierenden Jugendbanden in „Assault on Precinct 13“ bleiben bis auf wenige Ausnahmen eine gesichtslose Masse, ebenso die Piraten in „The Fog“. Michael Myers wird im Film prägnant oft als „unmenschlich“, „Monster“, „Tier“ und „das Böse“ charakterisiert und das ist er auch, er ist das Böse in Person, völlig befreit von Motiv, Charakter und Menschlichkeit. Das verleiht ihm eine außerordentliche Bedrohlichkeit und Unberechenbarkeit, zugleich verweigert er sich der Einordnung in ein bekanntes Schema.

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Michael Myers ist das Böse in Person

„Halloween“ ist ein Film über das Sehen, nur diejenigen, die die Bedrohung erkennen, wahrnehmen und auch akzeptieren, Laurie und Dr. Loomis, können überleben. Wenn Myers zu sehen ist, dann wegen seiner weißen Maske. Sie sticht aus jeder Einstellung heraus, wirkt wie ein Fremdkörper in den Bildern, wie etwas, das dort nicht hingehört, weil Myers selbst nicht nach Haddonfield gehört. Er ist der Fremdkörper in der amerikanischen Idylle, ein Fremdkörper, der die Idylle demaskiert, die Fassade einreißt.

Wie Carol J. Clover in ihrer klugen Betrachtung „Men, Women, and Chain Saws: Gender in the Modern Horror Film“ schreibt, ist Jamie Lee Curtis hier eines der Prototypen des Final Girls, jener jungfräulichen, braven, reinen Mädchen oder Frauen, die dem Bösen trotzen können. Selbstverständlich fungiert Myers‘ Messer als Phallus-Symbol, gerade in der ersten Szene wird das überdeutlich, der Stich ist nicht nur todbringend sondern auch befleckend. Diejenigen, die Sex haben oder Droge nehmen, werden im Gegensatz dann natürlich getötet.

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Keineswegs wehrlos: Final Girl Laurie

Das ergibt das brutale Bild einer konservativen Gesellschaft die jegliche Emanzipation, jegliche Freude, jeglichen Exzess, jeglichen Ausbruch im Keim erstickt, ja sogar mit dem Tod bestraft. Zeitlos boshaft, zeitlos schockierend. Virtuos langsam und bedächtig im Spannungsaufbau und schonungslos wild, wenn der Horror losbricht. Ein Meisterwerk!

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Dr. Loomis kommt zu spät

John Carpenter bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Assault – Anschlag bei Nacht (1976)
Halloween – Die Nacht des Grauens (1978)
The Fog – Nebel des Grauens (1980)
Die Klapperschlange (1981)
Halloween 2 – Das Grauen kehrt zurück (1981, nur Drehbuch)
Das Ding aus einer anderen Welt (1982)
Halloween III – Die Nacht der Entscheidung (1982, nur Drehbuch ohne Credits & Produktion)
Christine (1983)
Das Philadelphia Experiment (1984, nur Produktion)
Black Moon (1986, nur Drehbuch)
Big Trouble in Little China (1986, geplant)
Die Fürsten der Dunkelheit (1987)
Sie leben (1988)
Die Mächte des Wahnsinns (1994)
Vampire (1998, geplant)

Veröffentlichung: 16. Februar 2012 als Blu-ray und DVD

Länge: 91 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Halloween
USA 1978
Regie: John Carpenter
Drehbuch: John Carpenter, Debra Hill
Besetzung: Donald Pleasence, Jamie Lee Curtis, Tony Moran, Nancy Loomis, P. J. Soles, Charles Cyphers, Kyle Richards, Brian Andrews
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur und Drehbuchautor John
Carpenter, Jamie Lee Curtis und
Ko-Drehbuchautorin Debra Hill, Interviews, An den Original-Schauplätzen: 25 Jahre später, Die „Heiligen Stätten“ des Horrorgenres, Spots und Trailer, Programmtipps
Vertrieb: Concorde Home Entertainment

Copyright 2014 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2014 Concorde Home Entertainment

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Pride – Lesbians and Gays Support the Miners

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Pride

Kinostart: 30. Oktober 2014

Gastrezension von Matthias Holm

Komödie // Ein Film über Homosexuelle in England in den Jahren 1984 und 1985, die eine Gruppe von streikenden Minenarbeitern unterstützen. Wie einfach wäre es gewesen, aus diesem Stoff ein schwermütiges Drama zu stricken, das Toleranz predigt. Aber „Pride“ ist anders. „Pride“ ist nämlich eine wunderbare Komödie mit viel Wärme im Herzen und einem tollen Schauspieler-Ensemble.

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Mark erklärt seine Idee

Gay Pride Parade 1984. Mit seinen 20 Jahren dürfte Joe (George McKay) eigentlich noch gar nicht teilnehmen, seine Eltern ahnen auch nicht, dass er schwul ist. Und doch kommt er über Umwege an die Aktivistengruppe rund um den jungen Mark (Ben Schnetzer). Der hat eine wunderbare Idee: Zusammen mit ein paar anderen Schwulen und der sich selbst so nennenden Quotenlesbe Steph (Faye Marsay) sammeln sie unter dem Namen „LGSM“ (Lesbians and Gays Support the Miners) für die Bergarbeiter, die gegen das eiserne Regime von Margaret Thatcher protestieren. Doch nur eine Bergarbeiter-Gemeinde möchte das Geld von den „Perversen“ annehmen: eine kleine Gemeinde in Wales, angeführt von Dai (Paddy Considine). Daraufhin wird die LGSM in das verschlafene Örtchen eingeladen und muss den Bewohnern erst mal zeigen, dass sie gar nicht so verschieden sind.

Lachen und Weinen dicht beieinander

Wenn man versucht, genau zu beschreiben, was „Pride“ so schön macht, fällt es schwer, das in Worte zu fassen. Der Film hat unfassbar komische Momente, bedient sich aber nie des Holzhammer-Humors. Er bedient Klischees, gibt sie aber nicht der Lächerlichkeit preis. Es gibt natürlich tragische Szenen, die mir die eine oder andere Träne in Richtung der Augen getrieben haben, aber sie sind nie zu traurig, um den positiven Grundtenor des Films zu verfärben.

Das ideale Beispiel ist der erste Besuch der LGSM in dem kleinen Dörfchen: Nachdem der eitle Jonathan (Dominic West) hört, dass die männlichen Bewohner nie tanzen, legt er erst einmal eine heiße Sohle aufs Parkett. Nicht nur, dass wir hier eine wunderbar choreographierte Tanz-Szene bekommen, für die ich immer zu haben bin, es brodelt auch permanent im Hintergrund. Die Gesichter der Zuschauer sind verunsichert, bis zum Ende der Szene weiß man nicht, ob gleich alle vor Begeisterung jubeln oder aber die Bierkrüge tief fliegen.

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Die Presse veralbert die LGSM

So hat jede Figur ihre eigenen kleinen Szenen, in denen sie glänzen darf. Im Mittelpunkt der Erzählung steht Joe, der von außen in die bunte Truppe kommt. Sein stärkster Moment ist definitiv das Lossagen von der dominanten Mutter, die nicht nur wegen ihrer Frisur an Thatcher erinnert. Während man hier am ehesten klatschen möchte, ist der Figuren-Moment von Gethin (Andrew Scott) ein zutiefst berührender, wenn er nach langer Zeit seine Mutter wiedersieht.

Feel-Good-Movie des Jahres?

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus einem Film, der vollgestopft ist mit denkwürdigen Szenen. Leider bedient er sich gelegentlich zu offensichtlicher Dramaturgie, wie der Verrat dieser Gemeinschaft an die Presse, allerdings kenne ich die wahren Begebenheiten nicht und verzeihe dem Film deswegen in diesem Punkt nur zu gern. Auch wenn dem Film zehn Minuten weniger gutgetan hätten, ist „Pride“ immer noch ein starker Anwärter auf den Titel des „Feel-Good-Movie des Jahres“.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Bill Nighy sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 120 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Pride
GB 2014
Regie: Matthew Warchus
Drehbuch: Stephen Beresford
Besetzung: Ben Schnetzer, George McKay, Paddy Considine, Bill Nighy, Imelda Staunton,Faye Marsay, Dominic West, Andrew Scott, Freddie Fox
Verleih: Senator Film Verleih

Copyright 2014 by Matthias Holm

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2014 Senator Film Verleih

 

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Sex on the Beach 2 – Lahmer Zweitaufguss einer tollen Serie

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The Inbetweeners 2

Kinostart: 30. Oktober 2014

Teenagerkomödie // Eine Gruppe männlicher Teenager will unbedingt dazugehören und beim anderen Geschlecht landen, tritt dabei aber von einem Fettnäpfchen ins andere, das Ganze wird garniert mit Zoten und Körperflüssigkeiten-Gags – zugegeben: Aus dem Alter für diese Art Film sollte ich eigentlich vor langer Zeit rausgewachsen sein. Aber die „American Pie“-Reihe beispielsweise ist überaus gelungen und randvoll mit brüllend komischen Szenen und geht bei aller Fremdscham doch sehr liebevoll mit ihren Protagonisten um.

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Kann Will bei Katie landen?

Very british, aber ebenso unterhaltsam: die englische TV-Serie „The Inbetweeners – Unsere jungfräulichen Jahre“, die 2011 mit „Sex on the Beach“ eine Kinoumsetzung erfahren hat. Einer Adaption fürs US-Fernsehen war nur eine Lebensdauer von einer Staffel beschieden. Nun kommt „Sex on the Beach 2“ in die Kinos und ist leider nur so lala geraten.

„Inbetweeners“ bezeichnet das Mittelstück der sozialen Hierarchie an der Schule – sie sind zwar nicht die extremen Nerd-Außenseiter, aber weit davon entfernt, zu den angesagten Kids zu gehören. Die vier Hauptfiguren aus der Serie haben mittlerweile die Schule hinter sich. Jay (James Buckley) hat es nach Australien verschlagen. Seinen Freunden Will (Simon Bird), Neil (Blake Harrison) und Simon (Joe Thomas) schwärmt er vom süßen Leben und den willigen Frauen Down Under vor. Das hört man gern, die drei Freunde reisen sogleich zu ihrem vierten Kumpel. Kaum angekommen, bemerkt das Trio, dass Jay etwas geflunkert hat und immer noch derselbe Loser ist wie vorher.

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Vier Freunde unterwegs im Outback

Schon „Sex on the Beach“ reichte bei Weitem nicht an den englischen Charme der Fernsehserie heran, auch der zweite Kinoaufguss ist davon ein gutes Stück entfernt. Wer die Serie kennt und mag, hat die vier Protagonisten ins Herz geschlossen, was immerhin dazu führt, dass man mit ihnen bangt, hofft und leidet. Wer „Sex on the Beach 2“ ohne vorherige Sichtung der Serie schaut, wird wenig Identifikationspotenzial vorfinden. Auch die Story dümpelt eher vor sich hin, die Handlung wirkt episodenhaft und unzusammenhängend.

Über den einen oder anderen Gag darf geschmunzelt werden, ein paar Mal sind’s der Körperflüssigkeiten etwas zu viele. Über die komplette Länge des Films sind echte Lacher leider zu rar gesät. Das ist schade, hat doch die TV-Vorlage gezeigt, dass derlei Humor auch „Made in Britain“ funktionieren kann.

Zum Ende gibt’s einen – zu kurzen – Gastauftritt des gestrengen Lehrers Mr. Gilbert (Greg Davies). Seine Figur auszubauen, wäre vielleicht hilfreich gewesen, aber sei’s drum. Wer die Serie mag und dem ersten Kinofilm etwas abgewinnen konnte, darf bei „Sex on the Beach 2“ einen Blick riskieren. Allen anderen sei eher die Serie ans Herz gelegt – und die „American Pie“-Filme.

Länge: 96 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The Inbetweeners 2
GB 2014
Regie: Damon Beesley, Iain Morris
Drehbuch: Damon Beesley, Iain Morris
Besetzung: Simon Bird, James Buckley, Blake Harrison, Joe Thomas, Emily Berrington, Belinda Stewart-Wilson, Tamla Kari, Freddie Stroma, Greg Davies
Verleih: SquareOne Entertainment / Universum Film

Copyright 2014 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2014 SquareOne Entertainment / Universum Film

 

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