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Zwei Tage, eine Nacht – Kraftvoller Blick auf unangenehme Wahrheiten

27 Okt

Zwei_Tage_eine_Nacht-Plakat

Deux jours, une nuit

Kinostart: 30. Oktober 2014

Gastrezension von Simon Kyprianou

Drama // Die Dardenne-Brüder gehören zu den standhaften Moralisten des europäischen Kunstkinos, als Regisseure schauen sie dahin, wo normalerweise gern weggesehen wird: auf das Vergessene und Verdrängte einer Gesellschaft, die vergessenen Schichten, die verdrängten Probleme. Der Blick ist präzise und emphatisch, das Gesehene oft schmerzhaft und bitter.

Verzichten die Kollegen?

Nachdem die zweifache Mutter Sandra (Marion Cotillard) in ihrem Fabrikjob aufgrund von Depressionen zeitweise aussetzen musste, will sie nun wieder mit ihrer Arbeit beginnen. Sie muss jedoch erfahren, dass ihre Stelle abgebaut werden soll. Um nicht arbeitslos zu werden, muss sie an einem Wochenende ihre 16 Kollegen davon überzeugen, auf eine 1000-Euro-Prämie zu verzichten. Nur dann würde ihre Stelle doch nicht abgebaut werden.

Die erkaltete Arbeitswelt

Die Geschichte ist offensichtlich schematisch konstruiert und als Moral-Diskurs über die emotional erkaltete Arbeitswelt, die knallharte Leistungsgesellschaft und damit letztlich über den Kapitalismus selbst angelegt. Den Dardennes gelingt mit Leichtigkeit der Balanceakt zwischen Charakterdrama und der abstrackten Reflexion über komplexe Gesellschaftsstrukturen. Wie zärtlich und liebevoll Sandras Charakter ausgeleuchtet wird, wie großartig und feinfühlig die Dardennes die Angst um ihre Ehe und das schwierige Verhältnis zu ihren Kindern inszenieren!

Schmerzhafter Fokus auf die Hauptfigur Sandra

„Zwei Tage, eine Nacht“ ist ein schmerzhafter Film. Die Dardennes trauen sich eine radikal unangenehme Film-Erfahrung im allerbesten Sinne. Der Fokus liegt auf Sandras Figur: Der Film bindet uns absolut an sie, er erzählt ausschließlich aus ihrer Sicht, und so nehmen wir äußerst intensiv Teil an den Demütigungen, dem ständigen entwürdigenden Bittstellen und der Angst vor der Existenznot.

Dardenne-Brüder kommen ohne Zeigefinger aus

Der Film liefert keine falschen Schuldigen oder Feindbilder, erhebt nie den Zeigefinger, wird glücklicherweise niemals politisch, und verurteilt niemanden: nicht die Chefs, die sich eben dem Markt anpassen müssen, und auch nicht jene Kollegen die nicht für Sandra stimmen wollen, niemand wird angeklagt. Im Gegenteil: Die Dardennes haben Verständnis mit ihnen, sie sind auch Teil desselben Systems, haben auch Familie, Kinder, Sorgen und Nöte, müssen ebenfalls ums Überleben kämpfen.

Verzicht auf Filmmusik

Der Stil ist realistisch, dokumentarisch, wirkt niemals erzwungen, künstlich oder gar bieder, sondern immer ästhetisch und lebendig. Nach einer Ausnahme in „Der Junge mit dem Fahrrad“ gibt es auch in diesem Film wieder keinen Soundtrack, wie es für die Dardennes eigentlich ja üblich ist. Doch drei Mal wird der nüchternen Realismus hinter sich gelassen. Zwei Mal wird das Radio aufgedreht, einmal ein Chanson, einmal Rock ‘n‘ Roll und die Figuren vergessen den Schmerz und tanzen im vom Bremslichtern in knalliges Rot getauchte Auto, im Rausch des Glücks. Dann gibt es noch einen wundervollen, melodramatischen Kuss im Krankenbett. Immer da brechen die Dardennes aus dem dokumentarischen Realismus aus und inszenieren pures, wunderschönes, kraftstrotzendes Kino.

Heißer Kandidat für den Film des Jahres

„Zwei Tage, eine Nacht“ ist womöglich ein Film, den es jetzt gerade braucht, eine Frage, ein Angriff, eine Collage, so wunderbar unpolitisch und dafür elementar menschlich, gleichzeitig so sehr am Puls der Zeit, als auch die Zeit unbeschadet überdauernd, gestemmt von einer kraftvoll fragilen Marion Cotillard. Sollte nichts Unvorhergesehenes passieren kann man sagen: der beste Film des Jahres.

Länge: 95 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Deux jours, une nuit
BL/F/IT 2014
Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Drehbuch: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Besetzung: Marion Cotillard, Fabrizio Rongione, Pili Groyne
Verleih: Alamode Film / Wild Bunch Germany

Copyright 2014 by Simon Kyprianou

Filmplakat & Trailer: © 2014 Alamode Film / Wild Bunch Germany

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