RSS

Interstellar – Christopher Nolans nächster großer Wurf

04 Nov

Interstellar-Poster1 Interstellar-Poster2

Interstellar

Für C&J

Kinostart: 6. November 2014

Science-Fiction // Lasst euch drauf ein und versinkt in dieser ebenso bildgewaltigen wie emotional berührenden Vision! Und lest vorher nicht allzu viel über den Inhalt! In dieser Rezension wird die Story jedenfalls nur angedeutet. Das Szenario von „Interstellar“ und der Part der Figuren entfalten sich nämlich etwa in der ersten halben Stunde über Kleinigkeiten – hier eine kurze Szene in einer Traumsequenz, dort eine Interviewsequenz im Fernseher, offenbar zu einem späteren Zeitpunkt spielend als die Haupthandlung, in Nebensätzen geäußerte Andeutungen über das Los der Menschheit, den Zustand der Erde, die politische Gemengelage und die Ursachen dafür. All das ohne Vorwissen über die Geschichte von „Interstellar“ aufgenommen ist filmischer Hochgenuss. Da benötigt es keine Texttafel, die einleitend vorwegnimmt, was manch halbbegabter Regisseur nicht in Bilder zu fassen vermag. Und da benötigt es keine Inhaltsangabe, die man zuvor gelesen haben muss, um in „Interstellar“ einzusteigen.

Interstellar-3

Vater und Tochter

Christopher Nolans vorherige Regiearbeit „The Dark Knight Rises“ war 2012 natürlich alles andere als ein Karriereknick, sondern vielmehr ein Superhelden-Action-Abenteuer, das wohl nahezu jeder aktuelle Blockbuster-Regisseur gern in seinem Portfolio hätte. Dennoch war Nolans dritter Batman-Film nach Meinung des Rezensenten der schwächste der Trilogie und obendrein deutlich schwächer als sein 2010er-Geniestreich „Inception“. Umso gespannter durfte man auf „Interstellar“ sein. Das Raumfahrt-Epos wurde heiß erwartet – und es erfüllt diese Erwartungen. Nolan hat dem riesigen Druck standgehalten.

Mit Oscar-Preisträgern gespickt

Seinen Hauptdarsteller Matthew McConaughey fand Christopher Nolan durch Sichtung des Jugenddramas „Mud – Kein Ausweg“. Die Entscheidung des Texaners, anspruchsvolle Rollen in Independent-Filmen anzunehmen, habe ihn für den Part in „Interstellar“ interessant gemacht. McConaughey („Dallas Buyers Club“) führt eine beeindruckende Besetzung an, der weitere Oscar-Preisträger und -Nominierte angehören, darunter Nolan-Dauergast Michael Caine, Anne Hathaway („Les Misérables“), Jessica Chastain („Zero Dark Thirty“), John Lithgow („Zeit der Zärtlichkeit“), Ellen Burstyn („Alice lebt hier nicht mehr“) und einen weiteren Oscar-Preisträger in einem Überraschungsauftritt. Schön auch, mal wieder Wes Bentley zu sehen, der es nach seinem feinen Part in „American Beauty“ (1999) leider nicht in die A-Liga geschafft hat.

Interstellar-8

Unterwegs

Bei all diesen Namen verwundert es nicht, dass wir große Schauspielkunst zu sehen bekommen, die keineswegs hinter der visuellen Kraft und der visionären Story von „Interstellar“ zurücksteht. Das wird besonders in den Sequenzen deutlich, in denen ein Vater-Tochter-Konflikt in den Fokus rückt – ohnehin ein zentrales Element des Films. Wenn der Vater seine Tochter verlässt, ohne zu wissen, ob die beiden einander je wiedersehen, wenn die Tochter ihrem Vater nicht einmal Lebwohl sagen will, wenn sich die Tochter über lange Zeit überhaupt nicht bei ihrem Vater meldet, wenn der Vater sein Kind das erste Mal als Erwachsene wieder zu Gesicht bekommt, sie aufgrund seines Weltraumtrips viel schneller gealtert als er – das rührt zu Tränen und lässt den Kloß im Hals ganz dick werden. Klar, das ist die Klaviatur der Gefühle, auf der Hollywood perfekt zu spielen weiß. Aber es ist auch das grandiose Spiel der Darsteller, das die tiefen Emotionen der Figuren körperlich spürbar macht. Klasse Leistung in einem Film, der mit großen Menschheits-Themen und Fragen des Universums jongliert. „Interstellar“ darf insofern auch Familiendrama genannt werden – nicht ganz, aber nahezu gleichberechtigt zur Schublade Science-Fiction-Abenteuer.

Interstellar-5

In Lebensgefahr

Auch die Physik kommt zu ihrem Recht: Bemannte Raumfahrt über lange Distanzen, Wurmlöcher, Schwarze Löcher, die Relativität der Zeit – ob all das schlüssig verarbeitet ist, kann ein Laie wie ich nicht einmal annähernd bewerten. Das macht aber nichts – in einem Spielfilm darf ohnehin nach Herzenslust fabuliert werden, in einem Science-Fiction-Film erst recht. Die Arbeiten des US-Physikers Kip Thorne bildeten die Grundlage für diese Teile des Drehbuchs. Wenn die Figuren in „Interstellar“ physikalische Phänomene diskutieren, die bemannten Raumflug über riesige Entfernungen ermöglichen sollen, klingt das jedenfalls durchaus überzeugend, es wirkt hochintelligent konstruiert. Gegen Ende wird es etwas verschwurbelt, was sich den geneigten Zuschauer mehr als einmal am Kopf kratzen lässt, aber wer sagt, dass die Existenz unseres Universums nicht tatsächlich verschwurbelt ist?

Interstellar-4

Zur Frau geworden

Ein Wort zum Score: Wie nicht anders zu erwarten, zeichnet auch bei diesem Christopher-Nolan-Film Hans Zimmer für die Musik verantwortlich. Das führt dazu, dass kaum eine der 169 Minuten des Films ohne musikalische Untermalung auskommt. In diversen ruhigen Szenen stört das bisweilen, aber in den dramatischen Sequenzen passen Zimmers Klänge perfekt und reißen den Zuschauer mitten hinein ins Geschehen.

Von angemessener Länge

Stichwort Länge: 169 Minuten sind eine ganze Menge. Hätte Nolan kürzen können? Zweifellos wäre das möglich gewesen, allerdings benötigt die epische Geschichte Zeit. Zeit nimmt sich Nolan auch in einzelnen Abschnitten, manche Szenen sind bewusst bedächtig gehalten und entfalten auf diese Weise ihre visuelle und inhaltliche Kraft. Insofern ist die Länge nicht als Manko zu werten.

Interstellar-6

Auf einem fremden Planeten

Ganz oben in Nolans noch kurzer Regisseurs-Filmografie steht für mich „Inception“, gefolgt von „Batman Begins“, „The Dark Knight“ und „Memento“ (ohne Reihenfolge). Doch wo platziere ich „Interstellar“? Schwer zu sagen, ganz gesackt ist der Kinogang noch nicht. Erreicht der Film „Inception“? Fragt mich in ein paar Jahren noch einmal.

Große Science-Fiction

„Interstellar“ ist großes Kino – Weltraum-Science-Fiction mit klaren Aussagen zu unserer heutigen Welt und doch auch heruntergebrochen auf individuelle Emotionen und Beziehungen. Christopher Nolan erweist sich einmal mehr als visionärer Filmemacher, der sich nicht dem Hollywood-Diktat bequem-anspruchsloser Blockbuster beugt, sondern einer großen Produktion seinen ganz eigenen Stempel aufdrückt. Das ist anspruchsvoll und erfordert Durchhaltevermögen, doch wer das in den Kinosaal mitbringt, wird mit einem Filmerlebnis sondergleichen belohnt – ein Erlebnis, das womöglich dereinst mit dem zweifellos als Inspiration zu nennenden, aber weniger zugänglichen „2001 – Odysee im Weltraum“ von Stanley Kubrick in einem Atemzug genannt werden wird.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jessica Chastain, Michael Caine, Matt Damon und/oder Matthew McConaughey sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen bzw. Schauspieler aufgelistet.

Länge: 169 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Interstellar
USA/GB 2014
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Jonathan Nolan, Christopher Nolan
Besetzung: Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Jessica Chastain, Wes Bentley, Michael Caine, John Lithgow, Topher Grace, Casey Affleck, Ellen Burstyn, Matt Damon
Verleih: Warner Bros. Pictures Germany

Copyright 2014 by Volker Schönenberger

Filmplakate, Fotos & Trailer: © 2014 Warner Bros. Ent.

Advertisements
 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: