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Lauf Junge lauf – Was hält eine Kinderseele aus?

09 Nov

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Lauf Junge lauf

Historiendrama // Wie kann ein Kind ein derartiges Schicksal aushalten und später als Erwachsener ein glückliches Leben führen? Resilienz mag eine Erklärung sein, aber emotional wirklich begreifen lässt sich das kaum. Das Schicksal des polnischen Juden Yoram Fridman (auch: Friedman) rührt zu Tränen. Der Schriftsteller Uri Orlev hat daraus den Jugendroman „Lauf, Junge, lauf“ gemacht, der auch in deutscher Sprache erschienen ist. Der echte Yoram Fridman war an den Dreharbeiten beteiligt und ist im Epilog des Films zu sehen.

Pepe Danquarts hat Yoram in seinem bewegenden Drama nach Orlevs Roman den Nahmen Srulik gegeben. Gespielt wird er von den Zwillingsbrüdern Andrzej und Kamil Tkacz – eine gern genommene Methode, vermutlich unter anderem deswegen, weil man auf diese Weise für Kinder strapaziöse Dreharbeiten auf zwei Personen verteilen kann.

Run Boy Run–Lauf Junge Lauf

„Lauf, Junge, lauf!“

Nach seiner Flucht aus dem Warschauer Ghetto im Jahr 1942 nimmt Srulik den Namen Jurek Staniak an. Fortan gibt er sich als katholischer Pole aus. Er schlägt sich in den Wäldern durch, schließt sich einer Gruppe anderer jüdischer Kinder an, bis er von ihnen getrennt wird. Auf seinem weiteren Weg durchs vom Krieg gezeichnete Polen trifft der Knabe hilfreiche und weniger hilfreiche Menschen, mal muss er in der Kälte draußen schlafen, mal irgendwo im Stall. Eine Weile nimmt ihn die Bäuerin Magda (Elisabeth Duda) auf, deren Ehemann und Söhne sich polnischen Partisanen angeschlossen haben. Doch als es zu gefährlich wird, muss sie Jurek schweren Herzens fortschicken. Der Junge zieht weiter, arbeitet auf Höfen. Viele Türen, an die er klopft, werden zugeschlagen. Er wird verraten.

Run Boy Run–Lauf Junge Lauf

Überleben im Wald

„Lauf Junge lauf“ ist – der Titel deutet es an – ein Roadmovie, auch wenn die Straße, die Srulik alias Jurek zurücklegt, keine befestigte ist. Der strapaziöse Weg des verängstigten Jungen hinterlässt tiefen Eindruck, obwohl die pathetische Filmmusik dem Film etwas von der hautnahen Wirkung nimmt. Die fesselnde Inszenierung könnte das Ganze auch als Abenteuer durchgehen lassen, wäre da nicht der entsetzliche Hintergrund der Vernichtung der polnischen Juden.

Run Boy Run–Lauf Junge Lauf

SS-Mann ohne Hemmungen

Der Film ist keineswegs Abrechnung mit dem Antisemitismus der polnischen Landbevölkerung (eine Abrechnung, für die man manchen Grund hätte finden können). Dem Judenjungen feindselig gesinnte Polen finden sich ebenso wie hilfreiche Mitmenschen. Auch die deutschen Besatzer zeichnet Regisseur Pepe Danquart nicht durchweg eindimensional. Auffälligste Figur: der von Rainer Koch mit großartiger Lässigkeit gespielte SS-Offizier, der zwar ohne jede Hemmung bereit ist, den Jungen abzuknallen, der aber dennoch Respekt vor dessen Überlebenswillen zeigt.

Run Boy Run–Lauf Junge Lauf

Wer Juden hilft, hat Übles zu erwarten

Die Tkacz-Zwillinge spielen den Knaben derart überzeugend, dass man sich fragen muss, wie die beiden die Dreharbeiten ohne Schaden an der Seele überstehen konnten. Ein paar Setfotos im Bonusmaterial der DVD lassen aber aufatmen – so schlimm wird es nicht gewesen sein.

Run Boy Run–Lauf Junge Lauf

Dennoch kriegt Jurek bisweilen eine warme Mahlzeit

Die Authentizität von „Lauf Junge lauf“ wirkt tief – in der Hinsicht kommt Danquart seine Erfahrung als Dokumentarfilmer zugute. Aus dramaturgischer Perspektive ist das Ende des Films etwas zu lang geraten. Der Regisseur wollte offenbar noch einen Abschnitt unmittelbar nach Kriegsende und zudem den weiteren Lebensweg seines Protagonisten darstellen. Zwei Texttafeln wären rein filmisch womöglich die bessere Wahl gewesen, aber wenn Danquart aus Gründen der Chronistenpflicht da lieber bebildern wollte, sei ihm das zugestanden. Auch so hat er mit „Lauf Junge lauf“ ein herausragendes Historiendrama und eine ans Herz gehende Schicksalsgeschichte geschaffen.

Veröffentlichung: 25. September 2014 als DVD

Länge: 103 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: polnische und jiddische Passagen deutsch untertitelt
Originaltitel: Lauf Junge lauf
D/F 2013
Regie: Pepe Danquart
Drehbuch: Heinrich Hadding, Pepe Danquart, nach einem Roman von Uri Orlev
Besetzung: Andrzej Tkacz, Kamil Tkacz, Rainer Bock, Jeanette Hain, Golo Euler
Zusatzmaterial: Making-of, Bildergalerie, Kinotrailer, TV-Spot
Vertrieb: NFP

Copyright 2014 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2014 NFP

 

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