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Die Mannschaft – Für PR-Videos ins Kino gehen?

12 Nov

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Wir sind wieder wer – oder: Der Worldcup ist geschlandet

Kinostart: 13. November 2014

Fußball-Doku // Mal wieder ein Film über ein Sommermärchen. So – gleich im ersten Satz das böse S-Wort verhackstückt, nun kann es weitergehen. Irgendjemand hat es vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien für eine gute Idee gehalten, den Weg der deutschen Nationalmannschaft vom Trainingslager in Südtirol bis zum letzten Match des Teams filmisch festzuhalten. Dass dieses letzte Match dann das Finale in Rio de Janeiro werden würde und dass dieses Finale dann sogar gewonnen werden würde, konnte man sich vorher nur wünschen.

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PR-Termin mit Schülern

Diesmal ohne die Tragik des Scheiterns

Sönke Wortmann hat über seine 2006er-Doku „Deutschland – Ein Sommermärchen“ (Aargh – da ist wieder das S-Wort) allerdings verlauten lassen, die Tragik des Scheiterns der Klinsmann-Truppe im Halbfinale gegen Italien habe aus dramaturgischer Sicht sehr gut gepasst. Man kann aber nicht alles haben, die 2014er-Filmemacher mussten eben ohne Tragik auskommen – dafür mit dem Titelgewinn. Nichts dagegen.

So darf sich der geneigte Schland-Fan nun im Kino anschauen, wie Thomas Müller aufgrund eines verlorenen Golfspiels im Dirndl kellnert, wie Nationalspieler in Adiletten durchs Campo Bahia schlurfen, wie trainiert wird, wie Christoph Kramer als Neuling der Mannschaft ein Ständchen bringen muss und mehr. Zwischendurch gibt es nach der WM aufgenommene Interviewfetzen von Protagonisten wie Oliver Bierhoff, Trainer Joachim Löw und einzelnen Spielern. Lobend äußert sich etwa Bierhoff darüber, wie sich das Team den Einheimischen genähert habe. Ein PR-Auftritt mit Schülern unterstreicht das. Ob das viel mehr als ein paar PR-Termine waren, sei dahingestellt. Die Nationalspieler sind sicher mehrheitlich anständige Botschafter unseres Landes. Spannend oder aufschlussreich ist das aber nicht. Wir sehen Joachim Löw beim Nachdenken. Sensationell. Spieler beim Zeitvertreib, Tischtennis, Boule, Smartphones. Riesig.

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Titelgewinn (Foto: Paul Ripke)

Der Ausraster des Per Mertesacker

Mal eine Aussage eines Spielers zu den Unruhen im Land zu Beginn der WM oder zum Missverhältnis zwischen einer ultrateuren Sportveranstaltung auf der einen und bitterer Armut vieler Brasilianer auf der anderen Seite – das hätte Gesicht gehabt, entsprach aber nicht der Intention der Doku. Per Mertesackers Ausraster im Interview nach dem Algerien-Achtelfinale wird gezeigt, aber mal ehrlich: So richtig sensationell war das nun auch wieder nicht. Gegen Ende sehen wir sogar den albernen Gaucho-Tanz der sechs Nationalspieler auf der Fanmeile in Berlin, natürlich ohne den Gesang. Manch einer hatte ihn für den Untergang des Abendlandes gehalten, dabei war es nichts weiter als eine etwas chauvinistische Geste ein paar titelseliger Fußballprofis. Also zugegeben: Das muss in der Doku auch nicht thematisiert werden.

Der Film „Die Mannschaft“ beschwört – man merkt’s schon am Titel – das Bild einer Mannschaft, die geschlossen als Mannschaft auftritt und auf mannschaftliche Weise Mannschaftliches leistet. Zwischendurch geht’s auch um Teamgeist. Das ist sicher ein nobles Unterfangen und darf als Lehrvideo für – jawohl – Teamwork gern herhalten, aber muss man das im Kino schauen?

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Stimmung!

Interessante Einblicke sind Mangelware, der Zuschauer bekommt ein sauberes Produkt, das genau das zeigt, was der DFB gezeigt haben möchte. All das ist – langweilig. Sehenswert sind lediglich die Ausschnitte der Spiele inklusive der Tore. Dann kommt wenigstens etwas die Erinnerung an die fürwahr tolle WM hoch. Wer in jenen Wochen im Sommer mit der deutschen Nationalmannschaft mitgefiebert hat – der Verfasser dieser Zeilen gehört dazu –, bekommt immerhin mit diesen Szenen etwas geboten. Später wird dann wieder gesungen: „Die Nummer eins der Welt sind wir.“ Sollen sie ruhig, dürfen sie gern, aber derlei Banalitäten sind nun wirklich nichts für die große Leinwand. Dann tut’s doch eher ein Zusammenschnitt wie „FIFA WM 2014 – Alle Highlights“ oder „FIFA WM 2014 – Alle Tore“, die beide Ende November auf Blu-ray und DVD erscheinen.

Bekenntnis eines verspätungsbedingten Irrtums

Hiermit gestehe ich: Zur Pressevorführung des Films im November 2014 kam ich etwas zu spät. Daher versäumte ich die ersten Minuten und somit auch die Bilder der Tore des 7:1 über Brasilien. Dies erklärt meine folgenden Zeilen. Ich könnte sie auch entfernen, stehe aber zu meinem Lapsus.

Vollends unverständlich ist die Entscheidung der Filmemacher, ausgerechnet die Tore des historischen – jawohl! – 7:1-Halbfinalerfolgs über Brasilien nicht zu zeigen. Was soll das? Ist das eine Form höflicher Zurückhaltung, damit sich die Heerscharen von Brasilianern, die für diese Doku womöglich die deutschen Kinos stürmen, nicht noch mehr grämen müssen? Oder hat Pelé ein Machtwort gesprochen?

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Der Bundestrainer hat’s geschafft

Wer braucht diesen Film? Ich jedenfalls nicht, obwohl ich auch heuer wie alle vier Jahre im WM-Fieber war und den Titelgewinn ausgiebig bejubelt habe. WM-Komplettisten, die jeden Schnipsel aufsaugen, machen damit sicher nichts falsch. Aber wartet ruhig das Erscheinen auf Blu-ray und DVD und dann ein günstiges Angebot ab! Obendrein läuft die Doku voraussichtlich bereits am 2. Januar 2015 im Ersten.

Länge: 88 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Originaltitel: Die Mannschaft
D 2014
Regie: Martin Christ, Jens Gronheid, Ulrich Voigt
Verleih: Constantin Film Verleih GmbH

Copyright 2014 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2014 © 2014 Constantin Film Verleih GmbH / DFB

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