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Big Bad Wolves – Grotesker Folter-Bastard

02 Dez

Big_Bad_Wolves-Cover-DVD

Big Bad Wolves

Horrorthriller // „Folter-Schwachsinn“ nennt Gastautor Simon Kyprianou den Film in seiner kürzlich bei „Die Nacht der lebenden Texte“ veröffentlichten Rezension. Simon ist ausgewiesener Filmkenner und -schreiber, insofern hat sein Wort Gewicht. Dennoch: Ich hatte von dem israelischen Film Gutes gehört. Von mehr als 8.000 Usern der IMDb ist er mit 6,9 sehr gut bewertet worden (Stand Ende November 2014). Als Freund extremer filmischer Erlebnisse interessiert mich „Big Bad Wolves“ ohnehin, also auf zur Sichtung. Dabei geht es nicht um die Widerlegung von Simons Haltung, sondern darum, dass ein kontroverser Film hier gern eine zweite Meinung kriegen darf.

Religionslehrer in Verdacht

Simon mochte gleich den Anfang nicht. Schon da geht es mir anders. Die Kinder beim Versteckspiel, das Verschwinden des Mädchens im roten Kleid – das ist ein virtuoser Einstieg, effektvoll untermalt durch den dramatischen Soundtrack. Es folgt ein erstes „Verhör“ des Religionslehrers Dror (Rotem Keinan) durch brutale Polizeibeamte. Dror wird verdächtigt, der Serienkiller zu sein, der Mädchen entführt, sadistisch missbraucht und ermordet. Doch außer der vagen Aussage einer minderjährigen Zeugin gibt es keine handfesten Indizien. Das hindert die Ordnungshüter nicht daran, Dror übel zu malträtieren. Bald darauf ist er wieder frei.

Bevor Polizist Micki (Lior Ashkenazi) den Verdächtigen entführt, vergeht eine Weile. Dass Dror beschuldigt wird, hat die Runde gemacht, seine Schüler und deren Eltern wenden sich gegen ihn. Das ist mit ruhiger Hand inszeniert. Die Spannungsschraube steigt dann mit der Entführung, in die sich alsbald Gidi (Tzahi Grad) einschaltet, Vater des zuletzt ermordeten Mädchens. Gidi nimmt das Heft in die Hand und verbündet sich mit Micki. Ziel der beiden: Dror zu entlocken, wo er die Köpfe seiner Opfer verborgen hat. In einem düsteren Keller nimmt das üble Geschehen seinen Lauf.

Diese Schmerzen …

Es tut weh. Es tut sehr weh. Wenn Dror gefesselt auf dem Sessel sitzt, dauert es immer noch ein wenig, bis sein erster Finger bricht, doch man weiß: Es wird geschehen. In der Folge werden die einzelnen Folteraktionen immer wieder unterbrochen. Diese Erholungspausen – für Dror ebenso wie für uns Zuschauer – nehmen dem Geschehen jedoch keineswegs seine Eindringlichkeit. Es ist kein Vergnügen, sich das anzuschauen, kein Filmerlebnis, bei dem man anschließend sagt: „Au ja, den schau ich mir sicher mal wieder an.“

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Micki (r.) ist nicht zimperlich in der Wahl seiner Methoden

Kritisch anzumerken ist die absolute Überzeugung der beiden Folterer, es tatsächlich mit dem Täter zu tun zu haben. Die Thematisierung der Ermittlungsergebnisse vor Drors Entführung gibt diese Überzeugung nicht einmal annähernd her. Wie kommen Micki und Gidi dazu, jeden Zweifel über Bord zu werfen? Micki mag als Ermittler verstockt sein, Gidi in seiner Trauer verblendet, dennoch erschließt sich das Verhalten der beiden nicht bis ins Letzte.

Folter – kein Spaß für jedermann

Ist all das Torture Porn? Das ist es, wenn man den Begriff so interpretiert, dass die Folterung eines Menschen zentraler Bestandteil eines Films ist. Das ist es nicht, wenn man Torture Porn als ausbeuterischen Selbstzweck für ein johlendes Funsplatter-Publikum begreift – das ist „Big Bad Wolves“ wahrlich nicht. Der bei manch anderem Rezensenten gerühmte schwarze Humor erschließt sich mir erst spät, als der Film schon aufs Finale zugeht. Für mich sind es nur wenige Szenen, die zum Schmunzeln reizen – und schnell wird aus dem Schmunzeln ein schmerzverzerrter Ausdruck, wenn Ihr versteht, was ich meine. Die kuriose Begegnung eines Juden und eines Palästinensers bringt kurz eine politische Färbung ins Spiel, doch bald darauf ist der Film ohnehin vorbei.

Ist all das durch und durch sadistisch, eine hirnlose Gewaltorgie, wie Simon angemerkt hat? Manch ein Zuschauer wird ähnlich empfinden, und das ist völlig legitim. Die Inszenierung ist kontrovers, zumal sich der Film einer Haltung zum Thema Folter verweigert. Was „Big Bad Wolves“ eindeutig nicht will: eine Stellungnahme über die Verhältnismäßigkeit der Mittel abgeben. Wie weit darf ein Verhör gehen, um einem Täter oder vermeintlichen Täter ein Geständnis zu entlocken? Der Film macht gar nicht den Versuch, die Frage zu beantworten.

Vorsicht beim Schauen – es tut weh

Es fällt schwer, ein Fazit zu ziehen. Simons harsches Urteil erscheint zu hart, doch funktionieren tut der Genre-Mix auch nur bedingt. Der groteske Humor, die Rache-Thematik, die fehlende Haltung zu Folter, die Thriller-Elemente – all das vermengt sich zu einem schwer greifbaren Bastard. Die Sichtung lohnt jedenfalls, wenn man bei ein paar Szenen nicht direkt ins Auge des Grauens schaut.

Veröffentlichung: 27. November 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 110 Min. (Blu-ray), 106 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Hebräisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Big Bad Wolves
ISR 2013
Regie: Aharon Keshales, Navot Papushado
Drehbuch: Aharon Keshales, Navot Papushado
Besetzung: Lior Ashkenazi, Rotem Keinan, Tzahi Grad, Doval’e Glickman, Ami Weinberg, Menashe Noy
Zusatzmaterial: Making-of, deutscher und hebräischer Trailer, Wendecover
Vertrieb: Highlight Communications / Constantin Film

Copyright 2014 by Volker Schönenberger
Foto & Packshot: © 2014 Highlight Communications / Constantin Film

 

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