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Archiv für den Monat Januar 2015

Ausgestoßen – Nordirlandkonflikt als Film noir

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Odd Man Out

Gastrezension von Simon Kyprianou

Der Film, der mich wohl am meisten beeinflusst hat, war „Odd Man Out“ („Ausgestoßen“) von Carol Reed. […] Mein ganzes Leben lang versuche ich diesen Film zu drehen. Wenn Sie ihn sich ansehen, werden Sie vielleicht ein paar Sachen in meinen Filmen besser verstehen. Dass ich einfach nur versucht habe, jemanden zu imitieren. (lacht) Erfolglos (lacht nochmal). (Roman Polanski in der FAZ)

Krimidrama // Schaut man Carol Reeds „Ausgestoßen“ mit diesem Zitat im Hinterkopf, so wirkt er in der Tat wie eine Art Essenz aus Polanskis Filmen, ob „Ekel“, „Rosemaries Baby“, „Der Mieter“, „Frantic“ – eigentlich beinahe alle Filme in seiner Filmografie. Sie wirken stilistisch und inhaltlich wie virtuose Variationen von „Ausgestoßen“.

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Auf der Flucht: Johnny

Flucht durch eine vom Krieg gezeichnete Stadt

Zwei Jahre vor „Der dritte Mann“ gedreht, nimmt sich Carol Reed im Grunde desselben Themas an, einer vom Krieg gezeichneten, kaputten Stadt. Vom genialen Kameramann Robert Krasker mit betäubender Intensität fotografiert, wird sie – wie auch in „Der dritte Mann“ – zum surrealen, abstrakten Chaos-Fiebertraum, in dem die Menschen verzweifelt ums Überleben kämpfen müssen.

Als der IRA-Kämpfer Johnny McQueen (James Mason) bei einem Banküberfall aus Versehen einen Mann erschießt, muss er sich schwerverletzt und von der Polizei gehetzt durch das nächtliche Belfast kämpfen, auf der Suche nach seiner großen Liebe Kathleen (Kathleen Ryan). Reed degradiert McQueens Flucht dabei fast zur Nebensache, sie ist lediglich der rote Faden, der die Handlung zusammenhält.

Abbild der Verzweiflung

McQueen ist durch seine Verletzung ohnehin kaum bei Bewusstsein, stolpert der Ohnmacht nah durch das Chaos der Stadt. Der Film spaltet sich in etliche Nebenhandlungen, führt ein Sammelsurium an wunderlichen Nebenfiguren ein und wird mit zunehmender Laufzeit immer surrealer und wirrer. Durch diese vielschichtig mosaikhafte Struktur gelingt es ihm ein vollständiges und tiefgreifendes Bild der Verzweiflung der Menschen zu zeichnen und den tragischen Wahnsinn ihrer Existenz zu begreifen. Das Ende ist dann eine bittere Vorankündigung und Variation der Abschlussszene von „Der dritte Mann“. Ein Meisterwerk, ganz ohne Zweifel.

Die Film Noir Collection von Koch Media:

01. Die blaue Dahlie (The Blue Dahlia, 1946)
02. Spiel mit dem Tode (The Big Clock, 1948)
03. Schwarzer Engel (Black Angel, 1946)
04. Desert Fury – Liebe gewinnt (Desert Fury, 1947)
05. Der schwarze Spiegel (The Dark Mirror, 1946)
06. Du und ich (You and Me, 1938)
07. Der General starb im Morgengrauen (The General Died at Dawn, 1936)
08. Der Mann mit der Narbe (Hollow Triumph, 1947)
09. Ausgestoßen (Odd Man Out, 1947)
10. Briefe aus dem Jenseits (The Lost Moment, 1947)
11. Chicago Joe und das Showgirl (Chicago Joe and the Showgirl, 1990)
12. Schritte in der Nacht (He Walked by Night, 1948)
13. Detour – Umleitung (Detour, 1945)
14. Das schwarze Buch (Reign of Terror aka The Black Book, 1949)
15. Zeuge gesucht (Phantom Lady, 1944)
16. Unter Verdacht (The Suspect, 1944)
17. Der unheimliche Gast (The Uninvited, 1944)
18. Ministerium der Angst (Ministry of Fear, 1944)
19. Die Killer (The Killers, 1946)
20. Opfer der Unterwelt (D.O.A., 1950)
21. Die Nacht hat tausend Augen (Night Has a Thousand Eyes, 1948)
22. Der gläserne Schlüssel (The Glass Key, 1942)
23. Casbah – Verbotene Gassen (Casbah, 1948)
24. Die Narbenhand (This Gun for Hire, 1942)
25. Die rote Schlinge (The Big Steal, 1949)

Veröffentlichung: 14. Oktober 2012 als DVD

Länge: 111 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Odd Man Out
GB 1947
Regie: Carol Reed
Drehbuch: F. L. Green, R. C. Sherriff
Besetzung: James Mason, Robert Newton, Cyril Cusack, William Hartnell, Robert Beatty, Dan O’Herlihy
Zusatzmaterial: Booklet
Vertrieb: Koch Media

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Die Ordnungsmacht befragt Kathleen

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2015 Koch Media

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Dark Skies – Sie sind unter uns: Die außerirdischen Besucher kommen

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Dark Skies

Two possibilities exist: Either we are alone in the Universe or we are not. Both are equally terrifying. (Arthur C. Clarke)

SF-Horror // Es ist ein Irrglaube, dass der moderne Horrorfilm ausschließlich aus Torture-Porn-Exzessen, Zombiespektakeln und Splatterfestivals besteht. Diese Vertreter sind lauter und spektakulärer, sie mögen das Bild des Genres prägen. Dennoch finden sich auch immer wieder bedächtige Grusler, die das Grauen ohne Effekthascherei aus ihrer Atmosphäre ziehen. Ti West hat das mit „The Innkeepers – Hotel des Schreckens“ gezeigt, die neu erwachten Hammer-Studios mit „The Quiet Ones“ ebenfalls. Auch „The Borderlands – Eine neue Dimension des Bösen“ und „Honeymoon“ sind gute Beispiele, um zwei weitere Filme zu nennen.

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Kommt der Sandmann wieder zu Sam?

Ruhiges vom Spektakel-Spezialisten

Nun hat überraschenderweise Scott Stewart einen solch gelungenen ruhigen Horrorfilm vorgelegt. Überraschend deshalb, weil der Regisseur zuvor mit „Legion“ (2010) und „Priest“ (2011) zwei Spektakel inszeniert und ansonsten als Spezialist für visuelle Effekte gearbeitet hat – und das für actionhaltige Blockbuster wie „Pirates of the Caribbean – Fluch der Karibik 2“ (nebst Fortsetzung), „Stirb langsam 4.0“ und „Iron Man“.

Zugegeben: Originell ist „Dark Skies – Sie sind unter uns“ nicht gerade. Wer angesichts des Titels schon einen Gedanken hat, worum es gehen könnte, wird vermutlich richtig liegen: Eine Familie, die Barretts, wird in ihrem Eigenheim von unerklärlichen Phänomenen heimgesucht und hat bald den nicht unberechtigten Verdacht, zum Objekt der Begierde außerirdischer Besucher geworden zu sein.

Nicht originell, aber wirkungsvoll

Wer jetzt mit „alles schon mal dagewesen“ abwinkt, hat zwar recht, lässt sich aber einen hoch spannenden Beitrag zum Thema Bedrohung durch Aliens entgehen. Anfangs wird kurz die Familie skizziert – etwas grob: Vater Daniel (Josh Hamilton) ist auf Jobsuche, ihn plagen Geldsorgen, die er vor Ehefrau Lacey (Keri Russell, „Planet der Affen – Revolution“) verheimlicht. Sohn Jesse (Dakota Goyo) treibt sich zum Unwillen des Vaters gern mit einem älteren Jungen herum, Jesses kleiner Bruder Sam (Kadan Rockett) berichtet von nächtlichen Besuchen des Sandmanns.

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Lacey hat etwas gesehen

Die Bedrohung entfaltet sich nach und nach, peu à peu nehmen rätselhafte Ereignisse beängstigende Ausmaße an, seien es Anzeichen von Eindringlingen im Haus, Vogelschwärme, die sich selbstmörderisch gegen das Gebäude schmettern, oder sonderbare Male auf den Körpern der Jungen. Dass all das nicht gerade vor Innovation strotzt, lässt sich angesichts der virtuosen Inszenierung locker verschmerzen. Auf im Übermaß eingesetzte Jump-Scares verzichtet Scott Stewart glücklicherweise, er verlässt sich zu Recht auf seine Erfahrung im visuellen Bereich.

Eine schöne Personalie offenbart sich, wenn Daniel und Lacey den Alienforscher Edwin Pollard aufsuchen und um Rat bitten. Ihn spielt J. K. Simmons, der gerade als rabiater Musiklehrer in „Whiplash“ Furore macht, dafür Preise abräumt und als Favorit auf den Nebenrollen-Oscar gilt. Ob man ihn künftig noch in derlei kleinen Horrorstreifen zu sehen bekommt?

Veröffentlichung: 29. Januar 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 97 Min. (Blu-ray), 93 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Dark Skies
USA 2013
Regie: Scott Stewart
Drehbuch: Scott Stewart
Besetzung: Keri Russell, Jake Brennan, Josh Hamilton, J. K. Simmons, Dakota Goyo, Kadan Rockett, L. J. Benet, Myndy Crist, Annie Thurman, Jake Brennan
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Scott Stewart, den Produzenten Jason Blum und Brian Kavanaugh-Jones sowie Cutter Peter Gvozdas, alternative und geschnittene Szenen, original Kinotrailer, Wendecover
Vertrieb: Koch Media

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Das Grauen offenbart sich

Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2015 Koch Media

 

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Honeymoon – Das Grauen kommt auf leisen Sohlen

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Honeymoon

Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // Bea (Rose Leslie) und Paul (Harry Treadaway) sind jung, sehr verliebt und frisch verheiratet. Die Flitterwochen wollen die beiden in einer Hütte in der kanadischen Provinz verbringen. Der Aufenthalt beginnt harmonisch, doch in der zweiten Nacht vermisst Paul plötzlich seine Ehefrau. Er findet sie nackt im Wald, anscheinend ist sie schlafgewandelt. Doch etwas ist fortan anders. Bea verändert sich.

Bedächtiger Grusel

Langsam und leise schleicht sich das Grauen zwischen das sympathische Paar. Der bedächtig erzählte Grusler bleibt über weite Strecken mysteriös. Welcher Art die Bedrohung ist, deutet sich nur nach und nach an. Auch am Ende sind nicht alle Fragen beantwortet, das macht aber nichts. Der Horror ist unspektakulär, erst kurz vor dem Finale wird’s in einer Sequenz mal etwas eklig.

Versiertes Regiedebüt

Wer will, kann die Handlung auch als Metapher aufs Eheleben interpretieren, in das nach und nach das Unglück dringt. Das mag nur Spielerei mit Versatzstücken im Film sein, dennoch beeindruckend, wie versiert Leigh Janiak in ihrem Regiedebüt vorgeht. Auch Ton und Beleuchtung gefallen. Insgesamt ist „Honeymoon“ ein angenehm auf Effekthascherei verzichtender Genrebeitrag, der leisen Grusel und eine sich langsam, aber sicher drehende Spannungsschraube bietet – mehr als einen Blick wert.

Rose Leslies Gesicht mag dem einen oder anderen bekannt vorkommen: In der TV-Serie „Game of Thrones – Das Lied von Eis und Feuer“ spielte sie die wilde Ygritte.

Veröffentlichung: 30. Januar 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 87 Min. (Blu-ray), 83 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Honeymoon
USA 2014
Regie: Leigh Janiak
Drehbuch: Phil Graziadei, Leigh Janiak
Besetzung: Rose Leslie, Harry Treadaway, Ben Huber, Hanna Brown
Zusatzmaterial: Kinotrailer, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Mad Dimension / Al!ve AG

Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2015 Mad Dimension / Al!ve AG

 

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