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The Angriest Man in Brooklyn – Was tun in den letzten 90 Minuten deines Lebens?

01 Jan

Angriest-Cover

The Angriest Man in Brooklyn

Zur Erinnerung an Robin Williams (1951–2014)

Tragikomödie // Das Verkehrschaos in Brooklyn trägt nicht gerade dazu bei, die Laune von Henry Altmann (Robin Williams) zu heben. Ein Zusammenstoß mit einem Taxi tut sein Übriges, den Zorn des ohnehin griesgrämigen Anwalts zu steigern. Das bekommt der Taxifahrer zu hören. Beim Termin im Krankenhaus wird der Tag nicht besser – Altmann trifft auf Dr. Sharon Gill (Mila Kunis), die seinen Arzt vertritt. Auch Gill hat einen miesen Tag, und ihre Nachricht trifft Altmann unvorbereitet: Er hat ein Aneurysma im Kopf. Der Anwalt drängt, hakt nach, besteht auf einer klaren Aussage, wie lange er noch zu leben habe. Die gestresste Ärztin verliert den Kopf und schleudert ihm eine Zahl entgegen: 90 Minuten! Altmann stürmt aus dem Krankenhaus. Doch was soll er mit den vermeintlich letzten anderthalb Stunden seines Lebens anfangen?

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Im Warteraum fühlt sich Altmann sichtlich wohl

Im August 2014 hat sich Robin Williams das Leben genommen. Der Schauspieler, der zahllosen Menschen über viele Jahre lang Freude gemacht hat, konnte sich selbst offenbar keine mehr bereiten. Gern würde ich diesen zu seinen letzten Produktionen zählenden Film positiv bewerten, allein es geht nicht. Zu ziellos laviert „The Angriest Man in Brooklyn“ zwischen Komik und Tragik hin und her, zerstört bewegende Momente mit unpassendem Humor. Es mangelt leider an Fingerspitzengefühl, das dringend notwendig gewesen wäre. Die Tragik funktioniert dabei besser als die Komik. Humorige Situationen zünden nicht, auch die dazugehörigen Dialoge reizen kaum zum Schmunzeln. Manch ein Dialog will scharfzüngig sein, doch es bleibt beim Versuch.

Auch die Figuren lassen den Zuschauer kalt. Das schlechte Gewissen Dr. Gills nimmt man noch zur Kenntnis, doch ihre Versuche, ihren Patienten zu finden und über ihr Fehlverhalten aufzuklären, rufen nur Langeweile hervor. Ob ihre von Reue geprägte Suche nach Altmann von Erfolg gekrönt ist – egal. Auch Robin Williams versteht es nicht, die Zerrissenheit seines Charakters auf eine Weise herauszustellen, die auch nur ein Minimum an Identifikationspotenzial bietet. Über weite Strecken ist sein Altmann schlicht ein Unsympath, die durchaus vorhandenen bewegenden Momente kommen aus dem Nichts.

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Diagnose: Tod in 90 Minuten

Altmanns Entwicklung von einem im Prolog des Films gezeigten glücklichen Familienvater zu einem vom Leben enttäuschten und gebeutelten Miesepeter ist aufgesetzt. Sie wird letztlich auf ein tragisches Ereignis reduziert und wirkt wenig schlüssig und kaum durchdacht. Etwas mehr Augenmerk auf die Charakterzeichnung hätte gutgetan, steht und fällt die Geschichte doch mit Altmanns Figur – meist fällt sie.

Nicht einmal „Game of Thrones“-Star Peter Dinklage als Altmanns Bruder und Anwaltspartner kann da viel retten, zumal er mies synchronisiert ist. Die Beziehung der beiden Brüder wird kurz angerissen und dient als Aufhänger für ein paar Situationen, die achselzuckend zur Kenntnis genommen werden. Oscar-Preisträgerin Melissa Leo („The Fighter“) als Altmanns Ehefrau Betty? Verschenkt. Am überzeugendsten ist da noch Hamish Linklater in der Rolle von Altmanns Sohn Tommy, der seinen Vater enttäuscht hat, weil er eine Laufbahn als Tänzer dem Anwaltsdasein vorzog. Diese Konstellation hilft dem Film ein paar Mal, rettet ihn aber nicht über die Ziellinie.

Warnung vor dem Spoiler

Wenn sich am Ende alles in Wohlgefallen auflöst, kommt das ebenfalls wie aus dem Nichts. Und obwohl es nicht einmal ein Happy End für alle ist und einige Momente versöhnlich anzuschauen sind, wirkt es moralinsauer und überzogen. Schade drum.

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Aaron weiß nicht, was mit seinem Bruder los ist

Um der Chronistenpflicht Genüge zu tun, sei angeführt, dass es sich bei „The Angriest Man in Brooklyn“ um ein Remake handelt. Das Original „Mar Baum“ wurde 1997 in Israel von Assi Dayan geschrieben und gedreht, Sohn des israelischen Verteidigungsministers Moshe Dayan.

Ein Blick auf die überschaubare Filmografie von Regisseur Phil Alden Robinson offenbart Überraschendes: Da findet sich die Baseball-Fantasie „Feld der Träume“ mit Kevin Costner, für deren Drehbuch Robinson 1990 gar eine Oscar-Nominierung erhalten hat. 1992 inszenierte er den intelligenten Spionagekrimi „Sneakers – Die Lautlosen“ mit Robert Redford und Sidney Poitier, 2002 den ungleich brachialeren Actionthriller „Der Anschlag“ mit Ben Affleck und Morgan Freeman. Danach war allerdings zwölf Jahre lang Pause. Ob sich Robinson mit „The Angriest Man in Brooklyn“ als Kandidat weiterer Regieaufträge anbietet, möge Hollywood selbst entscheiden.

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Von wegen Aussöhnung mit der Ehefrau

In Robin Williams‘ Filmografie wird die Tragikomödie lediglich eine Randnotiz bleiben. Da erinnern wir uns lieber an vergangene Großtaten wie „Garp und wie er die Welt sah“, „Good Morning, Vietnam“, „Der Club der toten Dichter“, „Zeit des Erwachens“ und „König der Fischer“ – um nur meine persönlichen Favoriten zu nennen. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit ihm sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet. Williams hat uns viel gegeben. Er ruhe in Frieden.

Veröffentlichung:
12. Dezember 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 84 Min. (Blu-ray), 80 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: The Angriest Man in Brooklyn
USA 2014
Regie: Phil Alden Robinson
Drehbuch: Daniel Taplitz, nach dem Drehbuch zu „Mar Baum“ von Assi Dayan
Besetzung: Robin Williams, Mila Kunis, Peter Dinklage, Melissa Leo, Hamish Linklater, Sutton Foster, James Earl Jones
Zusatzmaterial: Outtakes, Trailer, Wendecover
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2014 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2014 Universum Film

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