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David Fincher (I): The Social Network – Von tiefgründiger Oberflächlichkeit

10 Jan

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Mit diesem Beitrag beginnt bei „Die Nacht der lebenden Texte“ eine Rezensionsreihe über David Fincher. Ohne Anspruch auf ein vollständiges Abdecken seiner Filmografie und in loser zeitlicher Abfolge werden verschiedene Autoren Finchers Regiearbeiten in Augenschein nehmen.

The Social Network

Gastrezension von Simon Kyprianou

Drama // Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg) wird von seiner Freundin Erica (Rooney Mara) verlassen und ist angepisst, also entwirft er eine Website, auf der man zwischen Bildern von Frauen abstimmen kann, wer die hübschere ist – die Idee zu Facebook ist geboren. Der steigende Ruhm bringt Neider, die ein Stück vom Kuchen abhaben wollen, Freundschaften zerbrechen und Klagen werden eingereicht. Zuckerberg zerbricht dabei immer mehr.

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Mark (r.) hat eine visionäre Idee

David Finchers „The Social Network“ verschmilzt voll und ganz mit der Materie, die er verhandelt, der „Facebook-Welt“. Es ist also ein durch und durch kalter, oberflächlicher und steriler Film – im positiven Sinne. Anfangs- und Schlussszene bilden eine kluge Einheit: Rooney Maras Figur Erica ist das Herz des Films, der einzige Charakter, der kein Hacker, Programmierer, Geschäftsmann oder Anwalt ist, die einzig wirklich menschliche Figur. Am Anfang verlässt sie Zuckerberg, der in derselben Nacht den Grundstein für Facebook legt und damit auch seine Menschlichkeit verliert. Er geht mehr und mehr in der digitalen Oberflächlichkeit auf und verliert sich. Am Ende, nach all den kaputten Freundschaften und zermürbenden Rechtsstreitereien, sehen wir ihn gebrochen vor seinem Computer sitzen und Erica eine Freundschaftsanfrage schicken. Es ist sein verzweifelter Versuch, wieder ein Mensch zu werden – ein Versuch, der natürlich zum Scheitern verurteilt ist.

Fincher erzählt diese durch und durch moderne Geschichte und Parabel als beinahe klassische Tragödie um Aufstieg und Fall mit wuchtiger Fallhöhe. Allein die Katharsis am Ende bleibt aus, an ihre Stelle treten Leere und Entmenschlichung. „The Social Network“ ist hochintelligentesKino, das ein sehr zeitgemäßes Sujet auf eine zeitlos mahnende Art und Weise verhandelt.

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Erica – Muse wider Willen

Finchers Inszenierung ist makellos, dabei gleichzeitig völlig unpersönlich und beinahe schon abweisend, passt also ideal zum Thema. Er verfällt in einer Szene aber in ganz wunderbaren Irrsinn, wenn ein Ruderturnier untermalt von einer Trent-Reznor-Version von Griegs „In der Halle des Bergkönigs“ aus „Peer Gynt Suite Nr. 1“ zum verrückten Rausch wird. The Social Network ist eine unheimlich klare und entlarvende Studie und Reflexion über ein komplexes und erschreckendes Thema, kritisches, kluges und wichtiges Kino.

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Vereinsamt

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von David Fincher sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Roone Mara unter Schauspielerinnen, Filme mit Jason Flemyng in der Rubrik Schauspieler – in „The Social Network“ hat der Londoner allerdings nur einen Gastauftritt als Zuschauer bei der Regatta.

Veröffentlichung: 10. März 2011 als Blu-ray und DVD

Länge: 120 Min. (Blu-ray), 115 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Türkisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch
Originaltitel: The Social Network
USA 2010
Regie: David Fincher
Drehbuch: Aaron Sorkin, nach einer Vorlage von Ben Mezrich
Besetzung: Jesse Eisenberg, Rooney Mara, Andrew Garfield, Justin Timberlake, Bryan Barter, Dustin Fitzsimons, Joseph Mazzello, Jason Flemyng
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit David Fincher, Audiokommentar mit Aaron Sorkin und Besetzung, „Wie ist aus Facebook bloß ein Film entstanden?“ (vierteilige Dokumentation in Spielfilmlänge), David Fincher und Jeff Cronenweth zu den Bildelementen, Angus Wall, Kirk Baxter und Ren Klyce zur Nachbearbeitung, Trent Reznor, Atticus Ross und David Fincher zur Filmmusik, Ruby Skye VIP-Raum: Szenenanalyse aus unterschiedlicher Perspektive, In the Hall of Mountain King: Musikalische Erkundungen, Swarmatron
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2014 by Simon Kyprianou

Fotos, Packshot & Trailer: © 2011 Sony Pictures Home Entertainment

 
 

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Eine Antwort zu “David Fincher (I): The Social Network – Von tiefgründiger Oberflächlichkeit

  1. zirkusmanege

    2015/01/12 at 08:43

    Was mir an dem Film besonders auffiel: Jeder der Charaktere verliert am Ende und keiner ist wirklich sympathisch. Fand ich irgendwie toll, weil es gegen den üblichen Hollywood-Strich gebürstet ist. Das Timing des Films find ich grandios: Allein die ersten 20 Minuten des Film hab ich sicher ein Dutzend Mal anschaut – unglaubliche Regiearbeit von Fincher. Sein bester Film.

     

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