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Absolute Giganten – Hamburg! Hamburg!

25 Jan

Absolute_Giganten-Cover

Absolute Giganten

Zur Erinnerung an Frank Giering (1971–2010)

Von Volker Schönenberger

Tragikomödie // Keine Widerrede: Dies ist der beste Hamburg-Film. Klaus Lemke („Rocker“), Fatih Akin („Kurz und schmerzlos“), Hark Bohm („Nordsee ist Mordsee“), Jürgen Roland („Polizeirevier Davidswache“), Rolf Olsen („Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn“) – sie und andere Regisseure haben die Hansestadt auf vortreffliche Weise als Schauplatz ihrer Geschichten genutzt, versiert bekannte Sightseeing-Ansichten ebenso wie unbekannte Ecken und heruntergekommene Viertel eingebaut. Auch „Absolute Giganten“ verwendet die großen wie die kleinen Hamburg-Motive, doch Regisseur Sebastian Schipper und Kameramann Frank Griebe gelingt das Kunststück, ihre Themen perfekt auf die Straßen und Plätze der Stadt zu projizieren. Freundschaft und Abschied verdichten sich auf dem Balkon eines Wohnsilos, auf einem Fußballacker, im Hafen (immer wieder), auf St. Pauli und den nächtlichen Straßen Hamburgs. Nach Sichtung des Films mit seiner wunderbar bittersüßen Melancholie sieht man die Stadt mit anderen Augen.

Kopfüber in die Nacht

Der viel zu früh verstorbene Frank Giering verkörpert Floyd, der an diesem Tag frei von Bewährungsauflagen ist. Er heuert auf einem Containerfrachter an, um am nächsten Tag die Stadt zu verlassen und nie wieder zurückzukehren. Seine beiden besten Kumpels Ricco (Florian Lukas) und Walter (Antoine Monot Jr.) sind sauer, doch ihr Zorn hält nicht lange an. In Walters 1974er Ford Granada GLX Coupé mit Vinyldach ziehen die Arbeiterjungs los und tauchen ein letztes Mal zu dritt kopfüber in Hamburgs Nacht ein.

„Hitler war faul.“

Humor kommt nicht zu kurz, das wird gleich zu Beginn klar. Der Zuhälter, der seinen Sportwagen aus der Werkstatt abholen will und außer sich gerät, weil er mit „schwarz“ nicht die Lackierung, sondern „ohne Rechnung an der Steuer vorbei“ gemeint hatte – das ist großes Kino. Der Mikrokosmos einer Eckkneipe mit den Weisheiten der Gescheiterten am Tresen wird in einem einzigen Satz deutlich: Hitler war faul. Das ist klug beobachtet, ohne die Figuren bloßzustellen. Geradezu sensationell ist die Tischfußball-Sequenz mit dem hektischen Dulle (Guido A. Schick) und dem coolen Vokuhila-Träger Snake, der Shake trinkt. An sich könnte man Snake als Witzfigur ansehen, doch Darsteller Jochen Nickel verleiht ihm mit zurückhaltendem Spiel eine Würde, die wahrhaftig wirkt. Die mit Profisportlern an den Stangen gedrehten Kickerszenen sind ohnehin atemraubend und visuell grandios umgesetzt.

Eine Stadt und ihre zwei Seiten

Zwar finden die drei Freunde ihre Stadt beschissen, einer von ihnen wird sie gar für immer verlassen. Dennoch bildet „Absolute Giganten“ das Widersprüchliche Hamburgs mit seinen vielen schönen und vielleicht noch mehr hässlichen Ecken perfekt ab. Wer den Film gesehen hat und danach nicht dorthin ziehen will, der möge doch bitte auch nie als Tourist vorbeikommen.

Freundschaften sind wie Sehnsüchte. Toll, groß, absolut gigantisch. Und wenn sie dich erst mal gepackt haben, dann lassen sie dich nicht mehr los. Manchmal nie mehr. Floyd, Ricco und Walter sind fürwahr „Absolute Giganten“.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Sebastian Schipper sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt.

Veröffentlichung: 22. Mai 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 80 Min. (Blu-ray), 77 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Absolute Giganten
D 1999
Regie: Sebastian Schipper
Drehbuch: Sebastian Schipper
Besetzung: Frank Giering, Florian Lukas, Antoine Monot Jr., Jochen Nickel,
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Sebastian Schipper und Kameramann Frank Griebe, Blick hinter die Kulissen (Castingszenen, Dreharbeiten), Vergleich original Storyboard/Film
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2014 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2014 Warner Home Video

 
 

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2 Antworten zu “Absolute Giganten – Hamburg! Hamburg!

  1. michaela

    2015/01/25 at 19:53

    Yep, bester Hamburg-Film!

     

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