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Archiv für den Monat Januar 2015

The Immigrant – Auch die Neue Welt ist kein Paradies

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The Immigrant

Von Simon Kyprianou

Drama // Die erste Einstellung von „The Immigrant“ zeigt die Freiheitsstatue im milchigen Morgennebel. Sie steht für die Hoffnungen und Träume, die all die Leute haben, die aus Europa kurz nach dem Ersten Weltkrieg in die Neue Welt fliehen. Dann zoomt die Kamera zurück, wir bemerken, dass wir uns auf einem Schiff befinden, die traumartige Aura der Freiheitsstatue wird gebrochen.

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Bruno gibt vor, Neuankömmling Ewa helfen zu wollen

Die eine in Quarantäne, die andere in die Prostitution

Auf dem Schiff herrschen Elend, Krankheit und Gewalt. In Ellis Island angekommen, versuchen die Schwestern Ewa (Marion Cotillard) und Magda (Angela Sarafyan) in die USA einzureisen, aber Magda muss für sechs Monate in Quarantäne, da sie sich bei der Überfahrt Tuberkulose zugezogen hat. Ewa fällt in die Hände von Bruno Weiss (Joaquin Phoenix), der ein Theaterensemble mit „leichten Mädchen“ leitet. Mit Prostitution kann, beziehungsweise muss sie sich etwas dazuverdienen, denn die Behandlungskosten für ihre Schwester sind hoch. Dazu verliebt sie sich noch in Brunos Cousin, den Magier Orlando (Jeremy Renner).

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Ewa leidet unter der Prostitution

Die Grandezza dieses Films liegt natürlich in den Schauspielern. Die für „Zwei Tage, eine Nacht“ gerade mit ihrer zweiten Oscar-Nominierung bedachte Oscar-Preisträgerin Marion Cotillard („La vie en rose“) und der schon drei Mal Oscar-nominierte Joaquin Phoenix gehören fraglos zu den Besten ihrer Zunft und spielen auch grandios. Oft arbeitet Regisseur James Gray mit langen, starren Einstellungen auf ebenso starre Blicke seiner Schauspieler, dann wirken sie wie leidende Statuen.

Vielschichtige Figuren

Auch das Drehbuch ist brillant, es schafft vielschichtige, komplexe Figuren. Es gibt in „The Immigrant“ keine klaren Feindbilder. Bruno treibt Ewa und andere Mädchen zwar in die Prostitution, aber er ist ein verzweifelter Charakter, ein zärtlicher Mensch, rettungslos in Ewa verliebt. Wie alle anderen ist auch er nur auf der Suche nach Erlösung. Auch Ewa ist eine fein geschriebene Rolle, am Anfang vielleicht etwas zu passiv, zum Ende aber dann äußerst gelungen. Die religiöse Schuld wegen der Prostitution, wegen Diebstahl – um zu überleben – rafft sie langsam dahin, lässt sie zerbrechen und innerlich erkalten.

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Verliebt: Ewa und Magier Orlando

Absolut fantastisch ist das Set-Design: herrliche Studiokulissen des alten New York, düstere Hinterhöfe, die aussehen als seien sie einer apokalyptischen Welt entsprungen, kleine, karge Apartments und eine wundervolle Kirche. Die Welt scheint lebendig, scheint authentisch.

Es mangelt etwas an starken Bildern

Ein Manko ist jedoch James Grays Regie, die zwar durchaus versiert, aber auch einfallslos und beliebig erscheint. Er bebildert diese Geschichte etwas simpel, etwas lieblos, starke für sich sprechende Bilder gibt es selten. Die Schlussszene beispielsweise ist sehr gut, ebenso die erste Szene, in der Orlando zu sehen ist. Dort gewinnt Grays Inszenierung immer wieder für kurze Momente Kraft. Man hätte sich aber einen besseren Regisseur gewünscht, Paul Thomas Anderson oder Martin Scorsese beispielsweise. „The Immigrant“ ist trotzdem ein sehr gelungener Film, der völlig in seine Zeit eintaucht – eine Charakterstudie verlorener Menschen und eine Chronik von allgegenwärtigem Leid.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von James Gray haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Marion Cotillard unter Schauspielerinnen, Filme mit Joaquin Phoenix und Jeremy Renner in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 30. Januar 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 117 Min. (Blu-ray), 113 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: The Immigrant
USA 2013
Regie: James Gray
Drehbuch: James Gray, Ric Menello
Besetzung: Marion Cotillard, Joaquin Phoenix, Jeremy Renner, Dagmara Dominczyk, Jicky Schnee, Angela Sarafyan, Maja Wampuszyc, Ilia Volok, Antoni Corone, Adam Rothenberg
Zusatzmaterial: Trailer, Wendecover
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2015 by Simon Kyprianou

Fotos, Packshot & Trailer: © 2015 Universum Film

 

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Open Windows – Das digitale Spannertum

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Open Windows

Gastrezension von Simon Kyprianou

Actionthriller // Nick (Elijah Wood) ist etwas unbedarft, ein harmloser Fan der Schauspielerin Jill (Sasha Grey), der eine erfolgreiche Fanseite von ihr betreibt und jeden ihrer Schritte verfolgt. Eines Tages greift ein Hacker auf seinen Laptop zu und gibt ihm Zugriff auf Jills Handy und PC. Nach anfänglicher Freude wird Nick von dem Hacker in einen Strudel aus Kriminalität und Tod gezogen.

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Nicks Laptop wird gehackt

„Open Windows“ ist ein Film am Puls der Zeit. Geleakte Celebrity-Nacktfotos, Überwachungsskandale, der Mensch wird gläsern, geht immer mehr auf in der Oberflächlichkeit und der Passivität des Digitalen. So ist in „Open Windows“ fast über die gesamte Laufzeit nur der Desktop eines Laptops zu sehen. Viele Fenster sind geöffnet, man weiß ob der Reizüberflutung gar nicht, wo man hinschauen soll. Am ehesten ist das vielleicht vergleichbar mit Mike Figgis’ Film „Timecode“. Der Zuschauer ist radikal daran gebunden und darin gefangen, er wird selbst digital.

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Schauspielerin Jill (l.) hat’s nicht nur Nick angetan

Das ist ein interessantes und kluges Konzept. Nacho Vigalondo hat einen Film über den Wahn des Digitalen gedreht, über dessen Gefahren und Irrwege. Es ist der Rausch der unendlichen Möglichkeiten, Voyeurismus zu befriedigen, der moralische Grenzen fallen lässt. Was bei Hitchcock noch das Fernglas war, das Einblick in einen Mikrokosmos gab, ist heute der Laptop. Dieser verstörende kleine Film lässt leider gegen Ende seine wunderbare Form fallen, löst sich vom Desktop und wird zum blöden und vor allem wirren Twist-Kino. Das macht den klugen Ansatz zunichte und hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Dennoch ist „Open Windows“ über den größten Teil der Laufzeit sehr sehenswert.

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Nick wird zum Spielball des Hackers

Veröffentlichung: 27. Januar 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 105 Min. (Blu-ray), 100 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Open Windows
SP/USA 2014
Regie: Nacho Vigalondo
Drehbuch: Nacho Vigalondo
Besetzung: Sasha Grey, Elijah Wood, Neil Maskell, Michelle Jenner, Julián Villagrán, Nacho Vigalondo
Zusatzmaterial: Trailer, Wendecover
Vertrieb: Maritim Pictures

Copyright 2015 by Simon Kyprianou

Fotos, Packshots & Trailer: © 2015 Maritim Pictures

 

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John Wick – Keanu Reeves ballert sich durch die Russenmafia

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John Wick

Kinostart: 29. Januar 2015

Von Volker Schönenberger

Actionthriller // Mit der „Matrix“-Trilogie stieg Keanu Reeves zum Superstar auf. Ein richtig tolles Händchen bewies er anschließend bei der Rollenwahl aber nicht. In Erinnerung sind das unausgegorene Horrordrama „Constantine“ von 2005 und das harmlose Science-Fiction-Remake „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ von 2008. Zwischendurch war immerhin die Philip-K.-Dick-Verfilmung „A Scanner Darkly – Der dunkle Schirm“ (2006) von „Boyhood“-Regisseur Richard Linklater ein gelungener Beitrag in Reeves’ Filmografie. Nach dem unterhaltsamen, wenn auch harmlosen Samurai-Actioner „47 Ronin“ greift Reeves nun mit „John Wick“ endlich wieder an – und actionmäßig in die Vollen.

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Iosef ist scharf auf ein Auto

John Wick (Reeves) ist Profikiller im Ruhestand. Den krankheitsbedingten Tod seiner Ehefrau kann er kaum verwinden. Ein Hündchen hat sie ihm hinterlassen, doch Gangstersprössling Iosef Tarasov (Alfie Allen, „Game of Thrones“) dringt in Johns Haus ein, einer seiner Spießgesellen tötet das Tier. Iosef klaut zudem Johns Ford Mustang. Ein Fehler, denn obwohl sich Iosef als Sohn von Russenmafioso Viggo Tarasov (Michael Nyqvist) sicher wähnt, lernt er John nun kennen. Und der ist mächtig sauer und rachsüchtig.

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Mit John Wick legt man sich besser nicht an

„John Wick“ geht zur Sache, der Body Count des Killers ist immens. Die Handlung ist gradlinig, etwas böswillig kann man auch simpel sagen. Aber wenn ein simpler Rachefeldzug so unterhaltsam inszeniert ist wie in diesem Fall, muss es keine ausgefeilten Wendungen und komplexen Nebenstränge geben. Wick bringt die Russenmafia gegen sich auf und wird zum Jäger und Gejagten gleichzeitig – das reicht schon und führt zu einigen gelungenen Konfrontationen, bei denen etliche Gangster das Zeitliche segnen.

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Killerkollege: Marcus

Als Killerkollege Marcus ist Willem Dafoe mit dabei, den wir immer wieder gern sehen. Keanu Reeves wird in diesem Leben vermutlich kein Oscar-Anwärter mehr, obwohl ich mich gern eines Besseren belehren ließe. Aber wenn er bei seinen Leisten als Actionstar bleibt, haben wir in den kommenden Jahren vielleicht noch den einen oder anderen gelungenen Beitrag mit ihm zu erwarten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Willem Dafoe und/oder Keanu Reeves sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 101 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: John Wick
USA/KAN/CHN 2014
Regie: Chad Stahelski, David Leitch
Drehbuch: Derek Kolstad
Besetzung: Keanu Reeves, Michael Nyqvist, Alfie Allen, Willem Dafoe, Bridget Moynahan, John Leguizamo, Ian McShane, Bridget Regan, Lance Reddick, Adrianne Palicki, Dean Winters, Omer Barnea
Verleih: Studiocanal

Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Filmplakat & Fotos: © 2015 Studiocanal

 

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