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David Cronenberg (I): Crash – sein bester Film?

07 Feb

Crash-Cover

Mit diesem Beitrag beginnt bei „Die Nacht der lebenden Texte“ eine Rezensionsreihe über David Cronenberg. Ohne Anspruch auf ein vollständiges Abdecken seiner Filmografie und in loser zeitlicher Abfolge werden verschiedene Autoren Cronenbergs Regiearbeiten in Augenschein nehmen.

Crash

Gastrezension von Simon Kyprianou

Psychodrama // Nach den Eskapismus-Fantasien Drogen („Naked Lunch“), Fernsehen („Videodrome“) und später auch Videospielen („eXistenZ“) widmet sich David Cronenberg in „Crash“, seinem wohl radikalsten Film, abermals dem Thema Realitätsflucht und Ausbruch aus dem Alltag. Doch in „Crash“ inszeniert er es auf weit konsequentere Art und Weise. „Crash“ ist ein abstrakter Film, weg von direkten Objekten wie Fernsehen, Videospielen oder Drogen. Er wirkt durch diese Abstraktheit wie eine Essenz aus Conenbergs Schaffen.

Sexuelle Erfüllung bei Autounfällen

Eine Gruppe von Verzweifelten und Gelangweilten (James Spader, Holly Hunter, Elias Koteas) schließt sich zusammen und erlebt durch Autounfälle, Verletzungen und Tod sexuelle Erfüllung. Mehr und mehr artet das in Selbstzerstörungs-Orgien aus.

In düsteren, künstlich wirkenden urbanen Schauplätzen untermalt von Howard Shores blechern dröhnender Musik zelebriert Cronenberg die Verbindung des fragilen menschlichen Körpers mit dem harten und kalten Metall der Autos. Immer schon sah der Filmemacher die Technik als natürliche Erweiterung des menschlichen Körpers, mal als Vorteil, mal als Nachteil, manchmal auch als Untergang.

Tödliche Verführung

Der Regisseur zeigt eine Gesellschaft, die in einen Teufelskreis geraten ist, die verzweifelt nach Auswegen aus ihrem ermüdenden Leben sucht, die der Verführung des Zerfalls, der Verführung des Sterbens erlegen ist und deren Eskapismus sie darum auch direkt und unausweichlich in den Untergang führt. Der Untergang ist verlockend, Cronenberg inszeniert ihn nicht bedrohlich, im Gegenteil: Er ist sinnlich. Man könnte ihn fast mit Erlösung verwechseln.

„Crash“ ist durchaus ein exzessiver und wilder Film; und doch sind seine menschlichen Beobachtungen präzise: die Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben, der Tunnelblick und der unbändige Wunsch nach Ausbruch. Wie immer bei David Cronenberg findet man Menschlichkeit, Tragik und Wahrhaftigkeit – wenn man denn unter die Oberfläche aus Ekel und Perversion blickt. Dabei verfällt er glücklicherweise nie dem Zynismus, er beobachtet seine Figuren zwar distanziert, aber durchaus emphatisch.

Kontrovers, aber hochgelobt

Sehr genau analysiert Cronenberg dabei auch die dem körperlichen Verfall und dem Exzess vorhergehende geistig-seelische Stagnation – eine erbarmungslose Gesellschaftsanalyse, wie es sie im Kino selten präziser und besser zu sehen gab. Mit seiner tiefen Menschlichkeit und radikalen Untergangsfantasien ist „Crash“ ein schwerer und deprimierender Film, vielleicht auch eine Art Warnung an den Zuschauer ohne dabei jedoch noch viel Hoffnung zu haben. Es ist wahrscheinlich Cronenbergs bester Film. Dafür gab es massenhaft Kontroversen und Aufregung, aber auch den Spezialpreis der Jury in Cannes. Cronenberg-Fan Martin Scorsese hat ihn als einen der besten Filme der 90er-Jahre gelistet – desgleichen die altehrwürdige „Cahiers du cinéma“.

David Cronenberg bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Parasiten-Mörder (1975, geplant)
Die Brut (1979)
Scanners – Ihre Gedanken können töten (1981)
Dead Zone (1983)
Die Fliege (1986)
Naked Lunch (1991, geplant)
Crash (1996)
eXistenZ (1999, geplant)
Spider (2002)
A History of Violence (2005, geplant)
Maps to the Stars (2014)

Veröffentlichung: 12. Dezember 2000 als DVD (MCP), 23. August 2012 als DVD (Studiocanal, vergriffen)

Länge: 95 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Crash
KAN/GB 1996
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: David Cronenberg, nach einem Roman von J. G. Ballard
Besetzung: James Spader, Holly Hunter, Elias Koteas, Deborah Kara Unger, Rosanna Arquette, Peter MacNeill
Zusatzmaterial (MCP): Preisverleihung Cannes, Filmclips, Interviews, Trailer
Vertrieb: MCP Sound & Media AG / Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2015 by Simon Kyprianou

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2 Antworten zu “David Cronenberg (I): Crash – sein bester Film?

  1. Simon Kyprianou

    2015/02/10 at 09:00

    Jup, eine solche unbehagliche Atmosphäre gibt’s nur in „Crash“. Wobei ich denke, dass „Crash“ der beste Cronenberg ist, mein Lieblings-Cronenberg ist allerdings „Dead Zone“, dessen Rezension ich in Kürze ebenfalls hier platzieren werde.

     
  2. friedlvongrimm

    2015/02/09 at 10:47

    Bisher ist „Crash“ auch mein liebster Cronenberg neben „Eastern Promises“. Einfach nur wegen dieser eigenartigen Atmosphäre. Und James Spader.

     

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